Wirtschaft
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Mit der SBB Zugbegleiterin Priska Portmann im ICN von Zuerich nach Genf. (KEYSTONE/Christian Beutler)

Gratis durch ganz Europa, freie Mehrfahrtenkarten im Alter: Die ÖV-Fälscher sind kreativ.   Bild: KEYSTONE

Falsches Billett

«Génève» statt «Genève», «Zurrich» statt «Zürich»: SBB wollen den Fälschern an den Kragen

Ob bandenmässiger Betrug oder mit einem fremden GA unterwegs – ÖV-Gauner jeder Sorte haben es bald schwieriger.



thomas schlittler, nordwestschweiz

Wer regelmässig Zug fährt, kennt die Situation: Wenn der Kondukteur ins Abteil läuft und ruft «Billette vorweisen, bitte!», gibt es immer Passagiere, die mit einem mürrischen Gesichtsausdruck oder gar einem genervten Seufzer reagieren. 

Damit die gereizte Stimmung nicht in einer bissigen Bemerkung mündet, geben sich viele Zugbegleiter sichtlich Mühe, die Billettkontrolle möglichst schnell und unkompliziert über die Bühne zu bringen. 

Abo-Inhaber tricksen am einfachsten

Vor allem bei Abo-Inhabern begnügen sie sich meist mit einem flüchtigen Blick auf die Plastikkarte. Oft geben sich die Kontrolleure gar damit zufrieden, wenn sie das GA, Halbtax oder Gleis 7 durch ein Portemonnaie-Sichtfenster gezeigt bekommen. 

SBB-Zugbegleiterin Priska Portmann bei der Billetkontrolle im ICN von Zuerich nach Genf, aufgenommen am 29. Mai 2013. Ein Fahrgast zeigt sein GA (Generalabonnement). (KEYSTONE/Christian Beutler)

Mit einem fremden Abo unterwegs: Auf die Schnelle schwer zu erkennen.  Bild: KEYSTONE

Solche Praktiken sind Daniel Fankhauser ein Dorn im Auge. Denn der Leiter der SBB-Fachstelle für Fälschung und Betrug weiss: Je oberflächlicher kontrolliert wird, desto einfacher ist es für Betrüger, zum Nulltarif Zug zu fahren. Sei es nun mit einem gefälschten Billett oder mit einem Abo, das auf einen falschen Namen lautet. 

Fankhauser weist das Zugpersonal deshalb immer wieder an, sich bei der Kontrolle Zeit zu nehmen. Im Idealfall sollen jeweils pro Zug einige Plastikabos ganz gezielt in die Hand genommen werden. Dass einige Passagiere solche Kontrollen als Misstrauensvotum verstehen und genervt reagieren, kann Fankhauser nicht nachvollziehen: «Es ist doch im Interesse jedes ehrlichen Kunden, dass auch alle anderen ihr Ticket korrekt bezahlen.» 

Die lustigsten Fälscher-Rechtschreibfehler 

Trotz Kontrollen im Schnelldurchlauf entdecken die Zugbegleiter pro Jahr 400 bis 500 gefälschte Billette und Abonnements. Jeder Fall landet auf dem Tisch von Fankhauser. In den acht Jahren, seit es die Fachstelle für Fälschung und Betrug gibt, hat er schon vieles gesehen: «Die Bandbreite reicht vom 80-Jährigen, der seine Mehrfahrtenkarte manipuliert, bis hin zu professionellen Fälschungen im grossen Stil, hinter denen Banden mit mafiösen Strukturen stecken.» 

An sich talentierte Fälscher scheitern oft an einer kleinen Unaufmerksamkeit – man kann es auch Dummheit nennen: Einer versuchte, sein Bahnticket ein zweites Mal zu nutzen, um vom oberbayrischen Freilassing nach Genf zu kommen. Dabei schrieb er aber «Génève» statt «Genève», was der Zugbegleiterin mit Westschweizer Wurzeln sofort auffiel. Der Nächste scheiterte beim Versuch, von Bukarest nach «Zurrich» zu gelangen. Und nochmals ein anderer kam mit dem gefälschten Netzpass des «Züricher Verkehrsbundes» nicht weit (siehe Beispiele oben). 

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Irgendetwas stimmt da nicht: Von Freilassing bis Génève-Aéroport. Bild: zvg

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Bucuresti-Zurrich: Dieser Fälscher hat schlecht recherchiert.  Bild: zvg

Mit gefälschtem Interrail-Ticket durch ganz Europa

Natürlich machen es den Kontrolleuren nicht alle Betrüger so leicht. Da gibt es zum Beispiel die Geschichte eines tschechischen Studenten, der mit seinem gefälschten Interrail-Abo während mehrerer Wochen durch ganz Europa tourte: Österreich, Ungarn, Serbien, Bulgarien, Griechenland, Rumänien, Slowakei, Polen, Deutschland, Holland, Belgien, England, Schottland, Frankreich – alles kein Problem, bis er in Genf bei der Einreise in die Schweiz entlarvt wurde. Einer Kontrolleurin war aufgefallen, dass ein Schriftzug auf dem Ticket leicht abwich vom Originalbillett. 

SBB-Zugbegleiterin Priska Portmann bei der Billetkontrolle im ICN von Zuerich nach Genf, aufgenommen am 29. Mai 2013. (KEYSTONE/Christian Beutler)

Schnell und diskret: Kontrolleure wollen die Passagiere nicht reizen.  Bild: KEYSTONE

Fankhauser sagt dazu nicht ohne Stolz: «Unser Personal ist im internationalen Vergleich sehr gut geschult.» Hinter gefälschten Interrail-Abos stehen oft professionelle Banden, die ihre Billette zu Spottpreisen an Studenten verkaufen. Am Schwarzen Brett von Universitäten wird die Tour d’Europe dann für 100 statt für 700 Euro angeboten. 

Vor einigen Wochen fand die Polizei bei einer Hausdurchsuchung grosse Mengen von noch nicht bedrucktem Billettpapier aus verschiedenen europäischen Ländern. Aus dem Material hätten Mehrfahrtenkarten, Monats-GAs sowie Interrail-Abos werden sollen. Potenzieller Wert: 650'000 Franken. 

Der Test-Schwarzfahrer: Noch nie aufgeflogen

Um organisierte Kriminalität wie diese zu unterbinden, arbeitet Fankhauser eng mit Fahndern aus anderen Ländern zusammen. Erst gestern fuhr er wieder zu einer internationalen Konferenz nach Berlin – wie immer mit gefälschtem Billett. «Wenn ich beruflich im Ausland unterwegs bin, teste ich die Kontrolleure stets mit einem selbst hergestellten Ticket», so der 57-Jährige. Um den Betrügern auf die Schliche zu kommen, sei es wichtig, sich auch selbst regelmässig als Fälscher zu betätigen.

Fankhauser: «Bis jetzt bin ich noch nie aufgeflogen.» Falls ihn doch einmal ein Zugbegleiter erwischen sollte, wäre er bestens vorbereitet: Er würde ihm als Belohnung ein SBB-Sackmesser schenken und sein echtes Billett zeigen – ein solches hat er nämlich immer auch dabei. Zudem kündigt er seine Testfahrten bei der Zentrale des jeweiligen Bahnunternehmens an. 

Chipkarte geht Tricksern an den Kragen

Fälschungen sind spektakulär, betreffend Schaden sind jedoch Missbräuche von Abonnements das grössere Problem für die SBB. Pro Jahr erwischen die Bundesbahnen rund 900 Personen, die einen Fahrschein benutzen, der ihnen nicht zusteht. Über die Dunkelziffer kann nur spekuliert werden. Die Vermutung liegt aber nahe, dass viele, die mit dem GA oder Halbtax eines Kollegen oder mit einer gefundenen Plastikkarte herumreisen, nie entdeckt werden. Auch wenn sich jemand ein neues GA ausstellen lässt, weil er sein altes verloren habe, ist es für die SBB schwierig, festzustellen, ob das Original-GA in Wirklichkeit einem Kollegen überlassen wurde. 

A railroad policemen makes a phone call during a top priority check of the Zurich Public Transport Group's (ZVV) transport network in the S3 train on the way between Dietikon and Lenzburg, Switzerland, pictured on February 2, 2009. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Ein Mitarbeiter der Bahnpolizei telefoniert am 2. Februar 2009 waehrend einer Schwerpunktkontrolle auf dem Netz des Zuercher Verkehrsverbunds ZVV in der S3 zwischen Dietikon und Lenzburg. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Unaustauschbare Chip-Karten machen Tricksern bald das Leben schwer. Bild: KEYSTONE

Wenn das Bild auf dem Abo nicht gerade eine Person des anderen Geschlechts oder mit einer anderen Haarfarbe zeigt, ist die Chance, entdeckt zu werden, gering. Und selbst wenn der Schwindel auffliegt, muss sich die betroffene Person lediglich wegen «Erschleichen einer Leistung» verantworten. Das wird meist mit einer Busse von einigen hundert Franken bestraft. 

Fälscher sind schlimmer dran: Es handelt sich um eine Urkundenfälschung und hat einen Eintrag im Strafregister zur Folge. Ab Mitte 2015 wird es für Betrüger jeglicher Art schwieriger. Dann kommt die Chip-Karte «Swiss Pass». Neben dem GA oder dem Halbtax sollen darauf auch Streckenabos sowie Abos anderer Verkehrsverbünde geladen werden. 

Äusserlich sehen alle Karten gleich aus, nur mit dem Scanner des Zugbegleiters kann erkannt werden, welche Leistung auf die Karte geladen wurde. Geht ein «Swiss Pass» verloren, wird der entsprechende Chip deaktiviert – und die Karte wird wertlos. Doppelnutzungen werden dadurch unmöglich. Zudem ist der Chip schwieriger zu fälschen als ein herkömmliches Abo.

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