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collage: watson

Kreativer Überfluss oder Mangel-Gulag: So könnte unsere Zukunft aussehen

Was geschieht mit den Menschen, wenn Roboter die Arbeit verrichten? Dieser Frage geht der britische Soziologe Peter Frase in vier Szenarien nach.



Vor dem Ersten Weltkrieg sprach Rosa Luxembourg davon, dass sich die bürgerliche Gesellschaft an einer Wegkreuzung befinde. «Entweder Sozialismus oder Rückfall in die Barbarei», prophezeite die charismatische Kommunistin.

Auch heute befinden wir uns wieder in einer Wendezeit: Die Ungleichheit hat feudalistische Ausmasse angenommen, der Klimawandel macht sich immer stärker bemerkbar, Nationalismus und Intoleranz sind auf breiter Front im Vormarsch.

Die Vorstellung, dass die Zukunft einfach eine Fortschreibung der Nachkriegsvergangenheit sein wird, erscheint unwirklich. Was erwartet uns? Der britische Soziologe Peter Frase zeigt in seinem Buch «Four Futures» mögliche Szenarien auf.

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bild: unsplash/WATSON

Ray Kurzweil und andere Vordenker des Silicon Valley bekommen Recht: Maschinen nehmen den Menschen die mühsame Arbeit ab. Dank intelligenter Software und ausgeklügeltem Expertensystem gelingt es, die Klimaerwärmung zu stoppen und eine Ökokatastrophe zu vermeiden.

In der bürgerlichen Moral gibt die Arbeit den Menschen einen Sinn im Leben. Geraten wir demnach in eine kollektive Sinnkrise, wenn in der neuen Überflussgesellschaft der Zwang zur Arbeit entfällt? Keineswegs. «Freiheit beginnt dort, wo die Arbeit aufhört», stellt Frase fest. 

«Das Reich der Freiheit ist die Freizeit, das Wochenende, die Ferien und nicht die Arbeit, ganz gleich, ob du in einer Genossenschaft oder in einem kapitalistischen Betrieb arbeitest.»

Peter Frase

Karl Marx sah das genauso. Sein kommunistischer Traum war die Befreiung vom bürgerlichen Arbeitszwang und hin zu einer Gesellschaft, in der gilt: «Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!»

In dieser Gesellschaft werden wir daher nicht mehr arbeiten, weil wir unseren Lebensunterhalt verdienen müssen. Weil genug für alle da ist, können wir uns den Projekten widmen, die uns etwas bedeuten. Damit verliert auch die Arbeitslosigkeit ihr Stigma.

Das Geld verliert derweil seine überragende Bedeutung, die es im herrschenden Kapitalismus hat. Dank einem Grundeinkommen sind unsere Bedürfnisse gedeckt. Ein gleichgeschalteter Kommunismus à la Mao ist jedoch nicht zu erwarten.

Das herkömmliche Geld wird durch Tokens ersetzt, die man reibungslos austauschen kann. Unser Leben wird dadurch nicht eintönig. Es entstehen neue, gleichberechtige Lebensformen. «Es ist nicht eine Welt ohne Hierarchien», so Frase. «Es ist eine Welt mit vielen Hierarchien, aber keine dominiert die anderen.»

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Auch in diesem Szenario gelingt es, mit technischen Mitteln eine Klimakatastrophe zu verhindern und die Menschen weitgehend von der Arbeit zu befreien. Doch diesmal steht die Technik nicht im Dienst eines breiten Mittelstandes, sie wird von einer schmalen Elite beherrscht.

Einige wenige Grosskonzerne beherrschen die Wirtschaft. Jobs werden rar, vor allem gut bezahlte Jobs. «Menschliche Arbeit wird nicht mehr gebraucht, vor allem physische Arbeit», so Frase. Doch auch viel gelobte kreative Arbeit führt unter hierarchischen Bedingungen ins Prekariat. 

«So viele Menschen werden diese Arbeit verrichten wollen, dass sie ihr Einkommen aufs Subsistenz-Niveau drücken werden. Und viele werden ihr eigenes Ding machen, ohne dass sie dafür bezahlt werden.»

Peter Frase

Die neue Elite braucht Dienstpersonal – und viele Juristen, denn die Techno-Oligarchen verteidigen ihr geistiges Eigentum mit Zähnen und Klauen. Streit um Patentrechte mehren sich. Eigentum im klassischen Sinn hingegen verliert an Bedeutung. Wir kaufen Produkte und Dienstleistungen nicht mehr. Wir erwerben Lizenzen, die es uns erlauben, sie zu nutzen, allerdings nach streng vorgegebenen und kontrollierten Bedingungen.

Das drängendste Problem der hierarchischen Überflussgesellschaft wird lauten: Wie schaffen wir es, genügend Nachfrage zu kreieren? Um dieses Problem zu lösen, wird auch diese Gesellschaft nicht darum herumkommen, ein bescheidenes Grundeinkommen einzuführen. Fraglich bleibt, ob sich die Menschen langfristig damit abspeisen lassen.

Beide oben erwähnten Szenarien gehen davon aus, dass die Technik einen Ökokollaps verhindert und einen Überfluss schafft. Was aber, wenn sich diese optimistischen Annahmen zerschlagen?

Damit befassen sich die folgenden zwei Szenarien.

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Seit Thomas Malthus im 19. Jahrhundert die These aufgestellt hat, dass die Produktion von Nahrungsmitteln nicht mit dem Wachstum der Bevölkerung Schritt halten kann, sind viele Ökonomen und Ökologen von der gleichen Annahme beseelt: Die Ressourcen des Planeten Erde sind endlich. Ohne Einschränkungen wird es daher zu einer Katastrophe kommen.

Diese These liegt auch diesem Szenario zugrunde: Die Technik hilft uns diesmal nicht aus der Patsche. Der Klimawandel wird zur Klimakatastrophe, die uns einen neuen Lebenswandel aufzwingt.

Die Vertreter diese These fordern in Anlehnung an den New Deal – einem amerikanischen Wirtschaftsprogramm zur Bekämpfung der Depression in den Dreissigerjahren –, einen neuen «grünen» New Deal.

Das bedeutet konkret, dass die Gesellschaft einen Grossteil ihrer Ressourcen für den Kampf gegen die Klimaerwärmung und zur Erhaltung der Biodiversität zur Verfügung stellen muss. Paul Gilding, ein ehemaliger Greenpeace-Chef, ruft gar zu einem eigentlichen Krieg gegen den Klimawandel auf.

Der Technik-Gläubigkeit wird eine Absage erteilt, denn der technische Fortschritt führt zu einem Paradox namens Rebound-Effekt: Mehr Energieeffizienz führt nicht zu einem tieferen, sondern zu einem höheren Verbrauch von Energie, weil Energie dadurch billiger wird.

Letztlich führt daher kein Weg daran vorbei, dass wir den verschwenderischen Lebensstil ändern müssen. Um den Mangel gerecht zur verteilen, braucht es ein gewisses Mass an Planwirtschaft. Frase spricht von einem «Kapitalismus von gleich berechtigten Erwachsenen».

Sofern es gelingt, die Bildung von Monopolen zu verhindern, hat auch der Markt in diesem Modell seinen Platz. Er hat jedoch eine andere Funktion als im klassischen Kapitalismus:

«Es geht nicht darum, die raren Ressourcen an den Meistbietenden zu verhökern, es geht darum, mit dem Preismechanismus eine übermässige Bewirtschaftung zu verhindern.»

Peter Frase

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Es handelt sich hier um die schlimmst mögliche Zukunfts-Variante, um eine Dystopie, wie sie Hollywood in Filmen wie «Mad Max», «Hunger Games» oder «Elysium» vorweg genommen hat. Leider ist sie nicht auszuschliessen. «Die grosse Gefahr der Automation besteht darin, dass sie in einer hierarchischen Welt mit begrenzten Ressourcen den Menschen überflüssig macht», stellt Frase fest.

In der Sklavengesellschaft wurden die Menschen grausam zur Arbeit gezwungen, im Frühkapitalismus wurden sie schamlos ausgebeutet. In einer hierarchischen Mangelgesellschaft werden sie überflüssig und zu einer Bedrohung der herrschenden Elite. «Was geschieht jedoch, wenn die Massen gefährlich, aber nicht mehr nützlich sind?», fragt sich Frase. «Irgendwann kommt jemand auf die Idee, dass man sie am besten los wird.»

Anzeichen für dieses Loswerden von überflüssigen Menschen lassen sich bereits erkennen, etwa in der Behandlung der Palästinenser im Gaza-Streifen oder der Schwarzen in den amerikanischen Gefängnissen. 

Die Elite bunkert sich derweil ein, oder sichert sich sichere Zweitsitze. So gehört etwa eine Farm in Neuseeland zur Grundausrüstung eines Silicon-Valley-Milliardärs.

«Bewachte Villen, private Inseln, Ghettos, Gefängnisse, Terrorismus-Paranoia und biologische Quarantänen – die Welt verwandelt sich in einen globalen Gulag, in dem die Reichen auf kleinen Reichtumsinseln leben, umgeben von einem Ozean des Elends», so Frase.

Welches Szenario wird sich durchsetzen? Diese Frage lässt sich nicht beantworten. Sicher ist jedoch, dass wir weder in die Vergangenheit zurückkehren noch an der Gegenwart festhalten können. «Etwas Neues ist am Entstehen», so Frase. 

«In gewisser Weise sind alle vier Szenarien bereits da. Es liegt an uns, für die Zukunft zu kämpfen, die wir uns wünschen.»

Peter Frase

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