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Bild: Shutterstock

Unser Gehirn nervt!

Unser Gehirn macht uns zu etwas Speziellem. Wir sind ein bisschen anders als alles, was um uns herum lebt. Nicht besser, nur anders. Denn unser Gehirn hat auch viele Schwächen. Und das ist gut so. 

24.03.17, 08:11 24.03.17, 15:29

Christoph Bopp / Nordwestschweiz



Wir sollten uns nicht dauernd für die Krone der Schöpfung halten. Sind wir nämlich nicht. Tun wir halt doch und immer wieder. Ein solches Verhalten ist höchst widersprüchlich. Und die einzige Entschuldigung, die es dafür gibt, klingt zwar gut, aber ist auch ein bisschen hinterhältig.

Die Entschuldigung ist unser Gehirn. Experten nennen es «das komplexeste Ding» im Universum. Und ganz gute Experten nennen noch eine Zahl dazu: soundsoviele Neuronen oder Nervenverbindungen oder Synapsen – die Zahl ist so gross, dass sie uns erstens nichts sagt und wir sie zweitens sofort wieder vergessen.

Und das hat auch mit dem Gehirn zu tun. Denn dieses Gehirn macht uns – als Angehörige der Gattung Homo sapiens – wirklich zu etwas Speziellem. Wir sind ein bisschen anders, als das, was alles um uns herum so lebt. Nicht besser, wohlverstanden, nur anders. Andererseits zeigt uns dieses Ding – je besser wir es verstehen, desto deutlicher –, dass es zu einem bestimmten biologischen Zweck erfunden oder entwickelt worden ist. Wie alles andere um uns herum auch.

Das Gehirn nervt

Einverstanden, dieses dauernde Einer- und Andererseits nervt. Das Gehirn ist doch das Gehirn. Und dass es in der Tat «nervt», nämlich den ganzen Tag – und auch die Nacht hindurch – mit Reizen und Impulsen herumspielt, die durch diese Nervenbahnen geleitet werden, ist auch wahr.

Zeit, um auf einen ersten Punkt zu kommen. Das Gehirn «nervt» nicht nur, sondern es denkt. Es ist eine grosse Frage, ob diese Unterscheidung nur eine der Worte oder vielleicht doch eine der Sache ist. Ist «Denken» etwas anderes als «Impulsverarbeitung»?

Die Gehirnforscher sagen uns heute klar: Nein. Sie «schauen» mit raffinierten Methoden dem Gehirn «beim Denken» zu. Das ergibt dann diese berühmten Bilder mit den schönen, leuchtenden, farbigen Flächen. Dort finde «Gehirnaktivität» statt, sagen sie – und halten damit die Frage für erledigt.

Das Gehirn muss vergessen. Weil es sonst nicht mehr funktionieren könnte.  Bild: Shutterstock

Der Widerstand gegen solche Entscheide war schon heftiger. Mittlerweile sind sich auch die hartnäckigsten Philosophen einig, dass «Denken» irgendeine «Art von Gehirnarbeit» ist. Ihren Widerstand aufgegeben haben sie, weil ihre Begriffe ein bisschen morsch geworden sind.

Früher liessen sie nämlich «die Seele» denken. Das Gehirn hielt Aristoteles für eine Art Kühlgerät fürs Blut. Descartes, ein anderer Meisterdenker, schloss messerscharf, das Zentrum des Denkens könne nur etwas Einheitliches sein. Also sicher nicht das Gehirn mit seinen zwei Hälften. Die müssten sich ja dauernd widersprechen – der Gedanke führte ihn zur Zirbeldrüse. Die gibt es nur einmal.

Man mag das für Spinntastereien abtun. Die Seele hat sich irgendwohin verflüchtigt. Vielleicht wirklich ins Immaterielle. Der «Geist», ein anderer Wunderbegriff, hat ebenfalls stark an Attraktivität verloren. Längst verstaubt, längst überlebt – fort in die Entsorgung.

Leider liegt die Sache nicht so einfach. Darin sind sich die Autoren Henning Beck und Matthias Eckoldt einig. Eckoldt schrieb ein spannendes Buch, wie der denkende Mensch das Gehirn «entdeckte». Wie man sich dieses Denkzentrum vorstellte, lehnte sich meist an die technischen Möglichkeiten ihrer Zeit an. Da galt es einmal Säfte umzuleiten, später mussten Räder gedreht und Kräfte umgeleitet werden – die Geschichte führt dann schliesslich zur Rechenmaschine, zum Computer.

Das Gehirn – im Normalbetrieb – arbeitet keineswegs «rational» oder «logisch», sondern eben so, dass es den Zweck erfüllt, für den es evolutioniert wurde: Dafür zu sorgen, dass die Maschine möglichst überlebt. Bild: ReUTERS

Und jetzt müssen wir uns Sorgen machen, dass diese Maschinen uns irgendwann kontrollieren. Überholt in den meisten Disziplinen intellektueller Betätigung haben sie uns schon längst. Dass sie schneller rechnen, haben wir ohne Mühe akzeptiert, beim Schach- und Go-Spielen tun wir uns schwerer.

Zum Glück keine Computer

Da eilt uns Henning Beck zu Hilfe. Er wird nicht müde, in seinem Buch den Unterschied zwischen Computern und Gehirnen herauszustreichen. Computer sind Input-Output-Geräte, sie kriegen was rein, basteln daran herum und geben was raus – alles erwartbar, weil programmiert.

Das Schöne seines Arguments liegt darin, dass er dem Gehirn zuerst einen Nimbus raubt und daraus seine Kernkompetenz macht. Gehirne sind schlampig, sie funktionieren längst nicht perfekt. Das wussten wir schon. Wir vergessen dauernd Dinge, wir verrechnen uns, wir gaukeln uns Erinnerungen vor, die viel mehr konstruiert als erlebt sind – die Fehlleistungen des Gehirns sind Legion.

«We are such stuff / As dreams are made on, and our little life / Is rounded with a sleep.»

Shakespeare

Beck sagt: Das muss so sein. Im Prinzip «entschuldigt» er dauernd das Gehirn und lässt ihm jede Schlampigkeit durchgehen. Zum Beispiel: Das Gehirn muss vergessen, weil es nicht mehr funktionieren könnte, wenn es nicht die Informationen sortieren und sachgerecht entsorgen würde. Overkill by overload – dem beugt das Gehirn wirkungsvoll vor.

Beck macht das übrigens ebenso gekonnt wie humorvoll, sodass wir ihm und dem Gehirn – vor allem dem eigenen – alles auch gerne verzeihen. Übrigens ist auch Eckoldts Buch sehr gut geschrieben – keineswegs nur für verkopfte Philosophen.

Irgendwie ist dieses Wunderding namens Gehirn ja immer noch Materie, existiert nicht ohne Leib, bleibt immer irgendwie erdbehaftet.

Geist aus der Rumpelkammer

Langsam müssen wir die Frage stellen, wie es denn überhaupt möglich ist, dass wir unserem Gehirn Fehler nachweisen können. Wir haben ja nichts anderes dafür als unser Gehirn. Spätestens jetzt ist es auch wieder Zeit, den guten alten «Geist» aus der Rumpelkammer zu holen. Denn er liefert perfekte Arbeit ab. Oder gibt sich wenigstens Mühe.

Das Gehirn – im Normalbetrieb – arbeitet keineswegs «rational» oder «logisch», sondern eben so, dass es den Zweck erfüllt, für den es evolutioniert wurde: Dafür zu sorgen, dass die Maschine möglichst überlebt. Zahlen zum Beispiel findet es gut. Denn zählen muss man immer wieder mal. Aber allzu gross dürfen diese Zahlen nicht werden. Ein bisschen vorstellbar sollten sie schon sein. Rechnen ist auch noch o.k., wenigstens à la Grundrechenoperationen.

Mathematik? Eher Fehlanzeige. Und dennoch haben wir – wer mag es bestreiten? – da schon allerhand zustande gebracht. Mathematik, sagt Beck, ist «Zweckentfremdung». In den Arealen des Gehirns, wo vier und drei zusammengezählt werden, kann es auch abstrakter zugehen. Man muss sich aber darum bemühen. (Den meisten dürfte das einleuchten.) Dann jongliert das Gehirn halt auch mit Nicht-Abelschen Tensoren oder noch Schlimmerem.

Henning Beck, Matthias Eckoldt

Henning Beck Irren ist nützlich! Warum die Schwächen des Gehirns unsere Stärken sind. Hanser, München 2017. 316 S., Fr. 28.90.

Matthias Eckoldt Gehirn und Geist. Woher wir wissen, wie wir fühlen und denken. Pantheon, München 2016. 251 S., Fr. 22.90.

Wir können also diese grauen Zellen «missbrauchen». Wir können sie zur Abstraktion prügeln, wenn wir können und wenn wir wollen. Wir können sie dazu zwingen, das ganze Impulsgeblinzel nach «logischen Regeln» abzuhalten. Und wir können sogar darüber nachdenken, was das Gehirn tut, wenn es etwas tut. Wir können eben auch dem Geblinzel einen «Sinn» geben. Eine Geschichte draus machen oder ein Bild. Darauf ist übrigens das Gehirn ganz wild. Es tut sich äusserst schwer mit Informations-Input, auch dem wohlsortiertesten. Es hantiert lieber mit Mustern oder eben Geschichten, wenn noch Zeit dabei ist.

Zum Schluss! Wenn man sagt, dass dieses Abstraktionsvermögen des Gehirns, dieser Missbrauch seiner Biologie, uns von den anderen Lebewesen unterscheidet, muss man auch sagen, dass uns diese Fähigkeit «herausführt». Wir betreten – «geistig» – Regionen, die nicht «für uns» sind. Ob sie «an sich» so sind, wie sie uns dann vorkommen, bleibt immer noch offen. Irgendwie ist dieses Wunderding namens Gehirn ja immer noch Materie, existiert nicht ohne Leib, bleibt immer irgendwie erdbehaftet.

«We are such stuff / As dreams are made on, and our little life / Is rounded with a sleep.» Das lässt Shakespeare Prospero im «Sturm» sagen. Damit liegt er wahrscheinlich richtig. Deshalb fügt er auch hinzu: «Sir, I am vex’d.»

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Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!

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    Alle Leser-Kommentare
  • Waldorf 24.03.2017 10:46
    Highlight Meins nervt auch oft gewaltig...Aber es hat grosses vor ;-)
    5 1 Melden
  • Saraina 24.03.2017 09:36
    Highlight Ich beneide Kit Armstrong um sein Gehirn! Es muss Spass machen, mit links ein Studium in Komposition und Piano und eines in reiner Mathematik vor der Volljährigkeit zu beenden, und nebenbei akzentfrei so gutes Französisch und Deutsch zu lernen, wie es heute kaum mehr gesprochen wird. Abgesehen davon, dass er wohl mindestens 5 Stunden am Tag Klavier übt, Konzerte gibt, komponiert und Musikgeschichte recherchiert.
    6 1 Melden
  • Konstruktöhr 24.03.2017 09:22
    Highlight Sehr interessanter Artikel, regt zum denken an.
    Mich persönlich hat jedoch die Aussage "Wir sind ein bisschen anders als alles, was um uns herum lebt. Nicht besser, nur anders" am meisten beschäftigt. Wieso sind wir nicht besser? Sind wir nicht momentan das Lebewesen auf der "jüngsten Evolutionsstufe"? Gab es nicht schon alle Tiere vor uns? Wir sind auf eine Art das neuste Produkt der Natur.
    (Vielleicht mache ich einen Denkfehler und/oder weiss nicht welche Tiere es erst seit 1mio Jahren auf der Erde gibt)
    1 8 Melden
    • chr_bopp 24.03.2017 14:52
      Highlight Wir mögen eine der jüngeren Arten sein, aber ähnliche Versuche mit aufrecht gehenden Primaten sind auch schon schief gegangen. Homo erectus zB ist bereits wieder ausgestorben. Und warum soll "jung" besser sein? Sind nicht die unsterblichen Einzeller die Besten? Die gab es praktisch schon immer.
      1 0 Melden
  • Randy Orton 24.03.2017 09:20
    Highlight Nein, der "Text" wird überhaupt nicht "mühsam" zum "lesen", wenn man jedes zweite "Wort" in "Anführungszeichen" schreibt.
    8 1 Melden
    • Konstruktöhr 24.03.2017 12:36
      Highlight Ok, ich werde deinen Input in meinem nächsten Kommentar beachten.
      1 0 Melden
    • Randy Orton 24.03.2017 19:41
      Highlight "Danke"
      3 0 Melden

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