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Gaëtan Dugas, «Patient Null»

«Patient Null»: Der frankokanadische Flugbegleiter Gaëtan Dugas, der 1984 an Aids starb, wurde lange Zeit als «Seuchenverbreiter» dämonisiert.  Bild: RAND GAYNOR

Freispruch für «Patient Null»: Wie Aids die USA wirklich eroberte

Der Steward Gaëtan Dugas galt jahrelang als der Mann, der als Erster das HI-Virus in den USA verbreitet hat. Jetzt haben Wissenschaftler nachgeforscht – und ein tragisches Missverständnis aufgedeckt.



Ein Artikel von

Spiegel Online

Gaëtan Dugas wurde lange dämonisiert. Der Steward bei Air Canada ging als «Patient Null» in die Geschichte der Immunschwächekrankheit Aids ein – er soll der Erste gewesen sein, der das Virus in den USA verbreitet hat. Doch Dugas, der 1984 an dem Virus starb, erlangte seinen Status zu Unrecht und auf tragische Weise aufgrund eines Missverständnisses.

Das zeigt nun einmal mehr eine Studie von Forschern um Michael Worobey von der University of Arizona in Tucson. Darin haben die Forscher die Verbreitungsgeschichte des HI-Virus in den USA rekonstruiert. Demnach ist das Virus um 1970 nach New York gekommen, schreiben sie im Magazin «Nature».

Für die Krankheitsgeschichte war der Eintritt in die USA ein Wendepunkt. Denn von dort konnte sich die Epidemie, die bereits ein halbes Jahrhundert früher in Afrika begonnen hatte, rapide weiterverbreiten.

«In New York City traf das Virus auf eine Population, die wie trockener Zunder wirkte.»

Michael Worobey, University of Arizona

Aus Afrika über Haiti in die USA

Die Forscher untersuchten mehr als 2000 Blutproben, die Ende der Siebzigerjahre im Rahmen von Hepatitis-B-Studien in New York und San Francisco gesammelt wurden. Spender waren Männer, die Sexualkontakte mit Männern hatten.

Die Analysen ergaben, dass schon damals – also 1978 bis 1979 – in New York 6,6 Prozent und in San Francisco 3,7 Prozent der Proben Antikörper gegen die HIV-Variante enthielten, die heute weit verbreitet ist. Aus insgesamt acht dieser Proben rekonstruierten die Forscher das Erbgut der damaligen HIV-Erreger.

Demnach stammten diese wahrscheinlich von Virusvarianten in der Karibik ab. Schon vorher war vermutet worden, dass das Virus von Afrika aus über Haiti in die USA gelangte. Die neue Studie erhärtet diesen Verdacht.

Verdopplung alle zehn Monate

Anhand der Mutationsraten berechnen die Forscher, dass ein Vorläufer des Virustyps um 1967 (1963 bis 1970) in der Karibik zirkulierte. Demnach erreichte HIV die USA etwa 1971 (1969 bis 1973). Dort verdoppelte sich die Zahl der Infizierten den Berechnungen zufolge anfangs etwa alle zehn Monate.

«Gaëtan Dugas ist einer der am meisten dämonisierten Patienten der Geschichte.»

Richard McKay, University of Cambridge

Etwa 1976 erreichte das Virus demnach San Francisco. Um 1977 hatte die Zahl der Infizierten in den USA die in der Karibik, wo HIV deutlich früher ankam, bereits überholt. Erstmals beschrieben wurde die Immunschwächekrankheit Aids 1981 in den USA, zwei Jahre später wurde HIV als Ursache identifiziert.

Gaëtan Dugas war nicht «Patient Null»

«In New York City traf das Virus auf eine Population, die wie trockener Zunder wirkte», erklärt Forscher Worobey. «Das sorgte dafür, dass sich so viele Menschen infizierten, dass die Welt zum ersten Mal darauf aufmerksam wurde.»

Zudem rehabilitiert die Studie den angeblichen «Patienten Null», Gaëtan Dugas. Die Rekonstruktion des bei ihm gefundenen HIV-Genoms zeigt, dass er nicht zu den ersten Infizierten gehörte.

«Gaëtan Dugas ist einer der am meisten dämonisierten Patienten der Geschichte», sagt Co-Autor Richard McKay von der University of Cambridge. Dugas sei einer von mehreren Menschen und Gruppen gewesen, die aus dem Glauben heraus verleumdet wurden, dass sie die Epidemie in böser Absicht befeuert hätten.

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«Gaëtan Dugas and the American AIDS Epidemic – NHD Documentary». Video: YouTube/Dayna Siegel

«Zentrale in einem sexuellen Netzwerk»

Stattdessen beruht die frühere Darstellung auf einem Missverständnis: Nach Bekanntwerden von Aids untersuchten Mitarbeiter der US-Behörde CDC auf der Suche nach der Herkunft eine Gruppe homosexueller Männer. Im Zentrum dieses Netzwerks stand der Flugbegleiter – auch weil er den Behörden half und Auskunft über seine vielen Sexualkontakte gab.

«Die Tatsache, dass Dugas die meisten Namen beisteuerte und selbst einen einprägsamen Namen hatte, trug vermutlich dazu bei, dass er als zentral in diesem sexuellen Netzwerk galt», erläutert der Historiker McKay.

Die Behörde listete ihn als Nummer 057, aber auch als «Patient O», wobei der Grossbuchstabe für das Wort «Outside» stand, weil Dugas nicht aus Kalifornien kam. Später wurde aus dem Buchstaben O versehentlich die Ziffer 0. Verbreitet wurde diese Darstellung dann durch ein 1987 veröffentlichtes Buch des Journalisten Randy Shilts, das in etliche Sprachen übersetzt und sogar verfilmt wurde («AIDS. And the band played on. Die Geschichte eines grossen Versagens»).

Stammbaum und Ausbreitung des HI-Virus in den USA. «Patient Null» steht klar sichtbar nicht am Anfang.

«Patient Null» war nicht der erste: Stammbaum und Ausbreitung des HI-Virus in den USA.  Grafik: Worobey et al./Nature

Ursprung im Affen

«Das ist die bislang detaillierteste Studie zur frühen Ausbreitung von HIV in Nordamerika», sagt Frank Kirchhoff von der Universitätsklinik Ulm, der nicht an der Arbeit beteiligt war. Die Analyse zeige, wie schnell sich das Virus in den USA verbreitet habe, sagt der Molekularvirologe. Letztlich gebe es aber noch viele Lücken und Unsicherheiten bezüglich des genauen Ursprungs von HIV und der Dynamik der anfänglichen Ausbreitung.

Die Geschichte des HI-Virus vor seiner Ankunft in Nordamerika hatten Forscher schon früher rekonstruiert: Demnach wurden Varianten des SI-Virus (Simian Immunodeficiency Virus), der bei Affen vorkommenden Form, vermutlich im frühen 20. Jahrhundert mehrmals auf Menschen übertragen.

Die weltweit verbreitetste Variante des Virus – HIV-1 M – entstand wahrscheinlich um das Jahr 1920 in Kinshasa und breitete sich in den ersten Jahrzehnten nur langsam im Kongobecken aus. Erst ab den Sechzigerjahren gelangte der Erreger vom westlichen Zentralafrika in die Karibik und von dort nach Nordamerika.

Von Walter Willems, dpa/joe

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    Alle Leser-Kommentare
  • murphyslaw 27.10.2016 17:32
    Highlight Highlight Die Pharmaindustrien wissen schon welche Länder die besten Nährböden für eine Verbreitung bieten...
    • Fabio74 30.10.2016 20:26
      Highlight Highlight Und was willst sagen?
  • Wilhelm Dingo 27.10.2016 13:54
    Highlight Highlight Warum haben so viele Krankheitserreger ihren Ursprung im gleichen Gebiet (Zentralafrika)?
    • Plöder 27.10.2016 14:54
      Highlight Highlight Welche sind es denn sonst noch?
    • Caturix 27.10.2016 15:22
      Highlight Highlight "Ursprung im Affen" steht ja da vögelt irgend einer Affen. Oder sie essen diese Affen die Krankheiten haben , verletzen sich bei der Zubereitung, mangelde Hygiene.. Krankheiten die für den Affen vielleicht weniger gefährlich sind als für Menschen. Ist ja beim Fuchsbandwurm das selbe wenn man es hat und nicht weiss ist es sehr gefährlich.
    • Asmodeus 27.10.2016 15:32
      Highlight Highlight Viele Menschen = Schnellere Übertragung und Mutationsmöglichkeit.
      Viele Tiere = Grössere Auswahl an potentiellen Krankheitserregern.
      Viel Interaktion zwischen Tieren und Menschen = Grössere Chance eines Übergriffs und Mutation der Erreger.
      Mangelnde Hygiene
      Weniger starke Verbreitung von Impfstoffen etc.
      Tropisches Klima fördert Moskitos etc. = Stärkere Verbreitung.

      Deswegen sind Zentralafrika, China und Südamerika prädestiniert für solche Krankheiten.
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