Wissen
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Anekdoteles

bild: watson

Anekdoteles

Als Beethoven Napoleon ausradierte



Was ist «Anekdoteles»?

Abgesehen davon, dass es sich hier um einen ungemein gelungenen Wortwitz handelt, ist Anekdoteles unser Kurzformat für schmissige historische Anekdoten. 

«Nicht sehen trennt von den Dingen, nicht hören trennt von den Menschen», schrieb der deutsche Philosoph Kant. Eben so erging es dem armen Beethoven, der schon mit 28 Jahren schwerhörig wurde. «Ich bringe mein Leben elend zu», schrieb er einem Freund. Die kranken Ohren machten den Komponisten einsam. Er begann die Leute zu meiden, er verstand sie nicht mehr. 

Vogel, H.: Beethovens Heldensymphonie - Holzstich nach Zeichnung von Vogel, um 1890

«Beethovens Heldensymphonie» – Holzstich um 1890. bild: beethoven-haus bonn

Doch Beethoven holte sich dieses Stück Menschsein, das ihm unaufhaltsam genommen wurde, mit aller Gewalt zurück. Unaufhörlich von geisselndem Getöse, vom Sausen und Brausen eines unbarmherzigen Pfeifens umtobt, haschte er nach den vom Sturme umhergewirbelten Noten. Bekam er sie zu fassen, schrieb er sie fest auf seinem Papier, nur um dort noch einmal mit ihnen zu ringen. Hin- und her warf er sie und würgte an ihren Hälsen, bis sie endlich für die Ewigkeit darniedersanken. 

Die 3. Symphonie war vollendet! Und in ihr wogte die Kraft eines revolutionären Kampfes. Doch wem sollte er sie bloss widmen?

«Napoleon Bonaparte!», dachte Beethoven sogleich, denn für den Ersten Konsul der Französischen Republik hegte er die allergrösste Bewunderung. Eilends schrieb er dessen Namen zuoberst aufs Titelblatt und fügte ganz unten «Louis van Beethoven» hinzu. Dazwischen klaffte eine bedeutungsvolle Lücke, von der niemand wusste, wie sie der Komponist auszufüllen gedachte.

Bild

Nur 15 Jahre nach der Revolution feiert Frankreich seinen neuen Herrscher von Gottes Gnaden: Die Krönung Napoleons in der Notre Dame in Paris im Dezember 1804. Napoleon (mit Lorbeerkranz) ist dabei, seine Frau Joséphine zu krönen, während Papst Pius VII. (sitzend), aus dessen Händen Napoleon kurz zuvor die Krone riss, die Zeremonie segnet. Die Mutter, im Bild in der Mitte der untersten Zuschauerloge zu sehen, scheint der Zeremonie vorzusitzen. In Wirklichkeit war sie gar nicht anwesend. Auch sie wollte keine Krönung. Gemälde von Jacques-Louis David.
bild: wikimedia

Es dauerte nicht lange, bis ihm sein Schüler Ferdinand Ries die Nachricht brachte, dass sich Bonaparte zum Kaiser habe ausrufen lassen. Beethoven geriet daraufhin in eine solche Wut, dass er ausrief:

«Ist der auch nichts anderes wie ein gewöhnlicher Mensch! Nun wird er auch alle Menschenrechte mit Füssen treten, nur seinem Ehrgeize frönen; er wird sich nun höher wie alle Anderen stellen, ein Tyrann werden!»

Im Zorn radierte er den Namen seines Helden vom Papier, wobei seine Finger einen so grossen Druck ausübten, dass das Blatt riss und Napoleon unversehens in einem Loch verschwand.

Fortan sollte die Symphonie den Titel «Eroica» führen. Sie hatte ihren Helden verloren. 

Bild

Titelblatt der Eroica aus dem Jahr 1804 mit dem von Beethoven ausgekratzten «intitolata Bonaparte». bild: wikimedia

Anstatt auf der Deckseite von Beethovens Partitur zu prangen, zog der verstossene Held nun aus und brachte ganz Europa den Krieg. Fünf Jahre später stand er auch schon vor den Toren Wiens, wo inzwischen auch der Komponist sein Dasein fristete.

Einer der ersten Schüsse, so heisst es, habe die im Hof auf einer steinernen Säule stehende Maria in den Rücken getroffen. Granaten fielen auf die nicht geräumten Dachböden und brannten sie nieder. Häuser stürzten unter dem gewaltigen Donner der Kanonen ein. Auf dem Kellerboden seines Bruders kauernd presste sich Beethoven dicke Kissen auf die Ohren, um sie vor dem todbringenden Lärm zu schützen. Und selbst wenn Napoleon in dieser Nacht das Gehör des Komponisten nicht gänzlich hinwegbomben liess, so schwand es danach doch zusehends dahin.

1816 meinte Beethovens Verleger, dieser verstehe, von seiner rechten Seite angesprochen, nichts mehr. 1819 schrieb der schwedische Dichter Atterbom, Beethoven sei, was man «stocktaub» nenne. Irgendwann schlug er die Tasten seines Pianos nicht mehr an. Und dann, am 26. März 1827, erlosch das Leben auch im Rest seines kranken, müde gewordenen Körpers. 

Und nun hört sie euch an, die dritte Symphonie, zu Beethovens Ehren!

abspielen

Mein Bruder sagt: «Auch wenn Thielemann allzu preussisch daherkommt, ist er der beste Beethoven-Interpret unserer Zeit.»  Video: YouTube/El Jardín de Epicuro

Wahrheitsbox

Oben wurde mehrheitlich der Version von Beethovens Schüler Ferdinand Ries gefolgt. Dieser beschrieb die Enttäuschung seines Lehrers und die darauffolgende Tilgung von Bonapartes Namen auf dem Titelblatt in seinen biographischen Notizen (1838). 
Aus dem Kassenbuch des Fürsten Lobkowitz geht hervor, dass die 3. Symphonie in dessen Wiener Stadtpalais im Frühsommer 1804 erstmals aufgeführt wurde. Er war der Käufer von Beethovens Stück, das dieser wohl schon deshalb nicht Napoleon gewidmet hatte. Dass es aber nach Napoleon benannt wurde, ist belegt in einem Brief Beethovens an den Verlag Breitkopf & Härtel vom August 1804, wo er schreibt: «Die Simphonie ist eigentlich betitelt Ponaparte». 
Das Autograph ist nicht erhalten, dafür eine vom Komponisten überprüfte Abschrift vom August 1804 (siehe Bild im Artikel), die sich heute im Besitz der Gesellschaft der Musikfreunde befindet. Man sieht darauf, dass der Titel «intitolata Bonaparte» ausgekratzt wurde, jedoch mit Bleistift «Geschrieben auf Bonaparte» hinzugefügt wurde. Dieses Hin und Her kann dann auch als Hinweis für Beethovens ambivalente Gefühle bezüglich Napoleon gelten.
In der Überschrift der ersten Londoner Partiturausgabe 1809 heisst es: «Sinfonia Eroica composta per celebrare la morte d'un Eroe» und später dann «per festeggiare il sovvenire di un grand'uomo». Welcher Held damit gemeint ist, bleibt offen. 

History Porn Teil 38: Geschichte in 22 Wahnsinns-Bildern

Bisher in Anekdoteles:

Wie das Geschwür am Hintern des Sonnenkönigs zum Trend wurde

Link zum Artikel

Der schwule König, der auf brutale Art sterben musste

Link zum Artikel

Der Mann, der mit Langbogen, Breitschwert und Dudelsack in den 2. Weltkrieg zog

Link zum Artikel

Zerbeisst den Leib Christi mit euren Zähnen!

Link zum Artikel

Die Frau, die ihren Gatten mit einer Hand in die Luft stemmte

Link zum Artikel

Und plötzlich kam da ein Kind aus Päpstin Johanna raus

Link zum Artikel

Kaiserin Sisis Tätowierungen

Link zum Artikel

Wie es einem Haufen Dilettanten doch noch gelang, Franz Ferdinand zu töten

Link zum Artikel

Auch ein königlicher Bauch riecht schlecht, wenn er platzt

Link zum Artikel

Als Beethoven Napoleon ausradierte

Link zum Artikel

Als im Wilden Westen aus der Haut eines Banditen Schuhe wurden

Link zum Artikel

Als die Weisse Frau auf den Schlössern der Hohenzollern herumspukte

Link zum Artikel

Nimm diese Peitschenhiebe, du Wasser der Bitternis! 

Link zum Artikel

Der Widerstand einer todgeweihten Ballerina im KZ Auschwitz

Link zum Artikel

Inzest und die grosse Liebe zu einem Pferd: Kaiser Caligulas Sündenregister

Link zum Artikel

Warum ein portugiesischer König Rache schwor, ein Herz ass und eine Tote krönte

Link zum Artikel

Als Thomas Edison einen Elefanten mit Wechselstrom hinrichten liess

Link zum Artikel

Wenn abgetrennte Froschschenkel und geköpfte Menschen plötzlich zucken

Link zum Artikel

Warum niemand Dschingis Khans Beerdigung überleben durfte

Link zum Artikel

Wie der Elefant Hanno durch päpstliche Dummheit umkam

Link zum Artikel

Die geschändete Papstleiche, die 3 Mal ausgegraben und 2 Mal im Tiber versenkt wurde

Link zum Artikel

Wie Bush senior sich den Broccoli vom Halse hielt

Link zum Artikel

Das peinliche Versagen des helvetischen Möchtegern-James-Bond

Link zum Artikel

Als sich hunderte Strassburger 1518 plötzlich zu Tode tanzten 

Link zum Artikel

Warum die Konstantinische Schenkung die grösste Lüge des Mittelalters war

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen

Das könnte dich auch interessieren:

Diese 9 Food Trucks aus New York wünschen wir uns in der Schweiz (weil absolut 🤤)

Link zum Artikel

Federer/Nadal necken sich wie ein altes Ehepaar und McEnroe will «ihre Karrieren beenden»

Link zum Artikel

«Kein Brexit ohne Parlament!» John Bercow sagt Johnson in Zürich den Kampf an

Link zum Artikel

St. Galler Polizist schiesst sich aus Versehen in den Oberschenkel

Link zum Artikel

Die lange Reise der Schiedsrichter-Pfeife an die Rugby-WM nach Japan

Link zum Artikel

Eins vor Tod will ich Sex und (eventuell) eine Ohrfeige

Link zum Artikel

CVP fährt grosse Negativ-Kampagne gegen andere Parteien – die Reaktionen sind heftig

Link zum Artikel

Wo du in dieser Saison Champions League und Europa League sehen kannst

Link zum Artikel

Migros Aare baut rund 300 Arbeitsplätze ab

Link zum Artikel

Eine Untergrund-Industrie plündert Banking-Apps wie Revolut – so gehen die Betrüger vor

Link zum Artikel

YB droht Bickel mit Gericht, nachdem er als Sportchef 40 Mio. verlochte

Link zum Artikel

Warum wir bald wieder über den Schweizer Pass reden werden

Link zum Artikel

«Ich hatte Sex mit dem Ex meiner besten Freundin…»

Link zum Artikel

Die amerikanische Agentin, die Frankreichs Résistance aufbaute

Link zum Artikel

Matheproblem um die Zahl 42 geknackt

Link zum Artikel

Wie gut kennst du dich in der Schweiz aus? Diese 11 Rätsel zeigen es dir

Link zum Artikel

«In der Schweiz gibt es zu viel Old Money und zu wenig Smart Money»

Link zum Artikel

So schneiden die Politiker im Franz-Test ab – wärst du besser?

Link zum Artikel

Röstigraben im Bundeshaus: «Sobald ich auf Deutsch wechsle, sinkt der Lärm um 10 Dezibel»

Link zum Artikel

So erklärt das OK der Hockey-WM in der Schweiz die Ähnlichkeit zum Tim-Hortons-Spot

Link zum Artikel

Die Geschichte von «Ausbrecherkönig» Walter Stürm und seinem traurigen Ende

Link zum Artikel

«Informiert euch!»: Greta liest den Amerikanern bei Trevor Noah die Leviten

Link zum Artikel

Keine Angst vor Freitag, dem 13.! Diese 13 Menschen haben bereits alles Pech aufgebraucht

Link zum Artikel

Der Kampf einer indonesischen Insel gegen den Plastik

Link zum Artikel

«Ich bin … wie soll ich es sagen … so ein bisschen ein Arschloch-Spieler»

Link zum Artikel

Alles, was du über die neuen iPhones und den «Netflix-Killer» von Apple wissen musst

Link zum Artikel

15 Bilder, die zeigen, wie wunderschön und gleichzeitig brutal die Natur ist

Link zum Artikel

Shaqiri? Xhaka? Von wegen! Zwei Torhüter sind die besten Schweizer bei «FIFA 20»

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen

Abonniere unseren Newsletter

3
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
3Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Sherlock_Holmes 08.12.2018 13:10
    Highlight Highlight «Doch Beethoven holte sich dieses Stück Menschsein, das ihm unaufhaltsam genommen wurde, mit aller Gewalt zurück. Unaufhörlich von geisselndem Getöse, vom Sausen und Brausen eines unbarmherzigen Pfeifens umtobt, haschte er nach den vom Sturme umhergewirbelten Noten. Bekam er sie zu fassen, schrieb er sie fest auf seinem Papier, nur um dort noch einmal mit ihnen zu ringen. Hin- und her warf er sie und würgte an ihren Hälsen, bis sie endlich für die Ewigkeit darniedersanken.»

    Grosses Drama, sprachlich perfekt, mit einem schelmischen Augenzwinkern.

    Danke, Anna Rothenfluh
  • thzw 08.12.2018 05:14
    Highlight Highlight Ach Gottchen, der Thielemann. Dirigiert Beethoven, wie wenn es keine historische Erkenntnis gegeben hätte in den letzten 50 Jahren. Was zum Orchester passt, in dem genau eine (1) Frau spielt.
    Mein Beethoven Go-To ist Paavo Järvi mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen, manchmal zu schnell, aber immerhin ohne diesen "möchtegern-Pathos".
    Play Icon

    Beethoven hatte es ja schon nicht leicht, aber deswegen muss seine Musik noch lange nicht ständig nach Weltschmerz klingen.
  • golden toad 07.12.2018 20:40
    Highlight Highlight Bei der Geburt meines Sohnes habe ich Beethoven’s 5te gehört. Das war ein seltsam epischer Moment.

In Deutschland waren die Flüchtlinge nicht mal willkommen, als es Deutsche waren

Wer glaubt, für Fremdenfeindlichkeit brauche es Menschen aus fremden Ländern, irrt. Nach dem verlorenen Krieg drängten sich Millionen Flüchtlinge und Vertriebene aus den deutschen Ostgebieten in Rest-Deutschland. Heute gilt ihre Aufnahme als vorbildlich – doch in Wahrheit schlugen ihnen damals Hass und Verachtung entgegen und der offen ausgesprochene Gedanke, nicht nach Westdeutschland, sondern nach Auschwitz zu gehören.

Der Volkszorn kocht, und der Redner weiss genau, was die Leute hören wollen: «Die Flücht­lin­ge müs­sen hin­aus­ge­wor­fen wer­den, und die Bau­ern müs­sen da­bei tat­kräf­tig mit­hel­fen», ruft Josef Fischbacher. Der Kreisdirektor des bayerischen Bauernverbandes giesst kräftig Öl ins Feuer und nimmt sogar das Nazi-Wort «Blutschande» in den Mund.

Was hier nach Sachsen im Jahr 2016 klingt, ist Bayern im Jahr 1947. Und die Flüchtlinge, die Fischbacher hinauswerfen will, kommen nicht aus …

Artikel lesen
Link zum Artikel