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Anekdoteles

bild: watson

Und plötzlich kam da ein Kind aus Päpstin Johanna raus



Was ist «Anekdoteles»?

Abgesehen davon, dass es sich hier um einen ungemein gelungenen Wortwitz handelt, ist Anekdoteles unser Kurzformat für schmissige historische Anekdoten.

Im April des Jahres 858 stockte die Prozession plötzlich. In der schmalen Gasse, die vom Lateran zum Vatikan führte, blieben die Leute stehen. «Warum ging der Papst nicht weiter?», fragten sie sich und die Forschen unter ihnen stiessen die Männer vor ihnen zur Seite, um eine bessere Sicht zu haben.

Johannes VIII. schien von Schmerzen überwältigt worden zu sein, sein sonst so liebes Gesicht war ganz verzerrt. Er hielt sich den Bauch, und aus seiner Kehle drang ein spitzer Schrei.

Dann war alles still. Wie aus einem riesigen, ungläubigen Auge starrte die Menge auf den Pontifex. Und auf das, was zwischen seinen blutigen Gewändern am Boden lag. 

Image

Päpstin Johannas Niederkunft in Giovanni Boccaccios «De mulieribus claris», ca. 1450. bild: wikisource

Oder wie es Leopold von Wien ausdrückte:

«Do si in ainer processen gen solt, do vieng si weibleich chranchait und geperte ain chind.»

Aus der Österreichischen Chronik von den 95 Herrschaften, ca. 1385

Neun Monate lang war es ihr gelungen, diese schändliche Leibesfrucht unter den vielen Schichten der päpstlichen Kluft zu verbergen. Jetzt ist es aufgeflogen, das durchtriebene Weibsbild, das sich unerlaubterweise auf den Stuhl Petri geschlichen hatte. Die Wahrheit ist aus ihm herausgefallen wie ein schwer verdaulicher Klumpen. 

Kaum hatte der Mob begriffen, dass er gerade einer päpstlichen Niederkunft beigewohnt hatte, stürmte er auf die am Boden liegende Päpstin zu. Mit seinen vielen Fäusten prügelte er die Seele aus ihr heraus und trat ihr Kind so lange, bis da kein Gesichtlein mehr zu erkennen war.

Für zwei Jahre und sieben Monate war sie Päpstin gewesen. Wie war ihr das bloss gelungen?

«Johannes erlanget mit bösen künsten das babstthumb. dann wie wol sie ein weipliche person was so wanndert sie doch in gestalt vnnd geperde eins mannßpilds.»

Aus der Schedelschen Weltchronik, 1493

Sie nannte sich Johannes Anglicus, als ihr Vater sie als jungen Mann verkleidet von Mainz nach Athen schickte, um ihr eine klerikale Ausbildung angedeihen zu lassen. Sie sog das ganze Wissen auf, und bald vermochte sie damit alle anderen zu überflügeln. Sie kam, noch immer in der Gewandung eines Mannes, nach Rom und gelangte auch in der Kurie schnell nach oben – so hoch gar, dass sie 855 als Nachfolger Papst Leos IV. auf dem Papstthron Platz nahm.

Und als hätte sie damit die göttliche Ordnung nicht schon genug geschändet, liess sie sich auf dem heiligen Stuhl auch noch von zahllosen Liebhabern begatten. So lange – bis ihr aus diesem sündigen Treiben ein Kind erwuchs. 

päpstin johanna

Und nochmal eine Darstellung von Johannas Sturzgeburt auf einem Holzschnitt von Jacob Kallenberg, ca. 1450.

Erklärt werden konnte eine solche Ungeheuerlichkeit einzig mit dem Teufel, der bei der Niederkunft ihres Kindes in der Luft schwebte und höhnisch lachend rief: «Papa, pater patrum, peretit papissa papellum!»

Zu Deutsch meinte er damit: «Der Papst, Vater der Väter, gebar als Päpstin ein Päpstlein!»

Fortan musste jeder neu gewählte Pontifex auf dem sella stercorata Platz nehmen, einem Kotstuhl mit Loch in der Sitzfläche, und sich von einem darunter kriechender Priester am päpstlichen Gemächt befingern lassen. Erspürte dieser die untrüglichen Zeichen der Männlichkeit, rief er «Habet!» («er hat es!») – und das frische Kirchenoberhaupt war legitimiert.

«Darzu gelöcherten stul gesetzt werdt so pflege der letst dyacon zu vermeyden der gleichen künftiger irrung dem babst seine manliche gepurt glyder durch denselben gelöcherten stul zeberüren.»

Aus der Schedelschen Weltchronik, 1493

Die Vicus papessa, die Päpstinnengasse, in der Johannas Schande offenbar wurde, wurde künftig gemieden wie die Pest. Nie wieder sollten die heiligen Füsse einer Prozession auf diesem ehrlosen Boden wandeln. 

päpstin johanna

Und, ihr ahnt es schon: Päpstin Johanna gebärt ein Kind! Es handelt sich allerdings immer um dasselbe. Holzschnitt von Heinrich Steinhöwel, ca. 1474.

Wahrheitsbox

Auf Wunsch mehrerer User werden wir euch in Zukunft darüber aufklären, wie es um den Wahrheitsgehalt der erzählten Anekdote steht.

Überlieferung der Legende
Die Figur Päpstin Johannas wird von der heutigen Geschichtswissenschaft als Legende angesehen. Es gebe kein reales historisches Vorbild für sie.
Überliefert ist die Legende seit dem 13. Jahrhundert, erst erscheint sie als namenlose Päpstin, die im 11. Jahrhundert gelebt haben soll (zu finden in der Chronica universalis Mettensis des Jean de Mailly und im Tractatus de diversis materiis predicabilibus des Stephan von Bourbon).
Der Dominkanermönch Martin von Troppau verlegte die Legende in seiner Chronik der Päpste und Kaiser ins 9. Jahrhundert und dichtete Johanna die Niederkunft während einer Prozession an. Alle späteren Erzählungen der Päpstin beziehen sich auf seinen Bericht.

Entstehungshypothesen
1. Die Legende der Päpstin Johanna könnte eine Satire sein auf den echten Papst Johannes VIII. (regierte von 872–882), der angeblich weibische Eigenschaften besass. Diese kamen angeblich besonders zur Geltung, als er sich im Streit mit dem byzantinischen Patriarchen weich und allzu kompromissbereit zeigte.
2. Die Legende der Päpstin Johanna könnte ihren Ursprung in der starken Frauengestalt der Marozia haben, der Mutter von Papst Johannes XI., der die eigentliche Macht hinter dem Papstthron nachgesagt wurde. 
3. Die Gasse, in der Johanna ihre angebliche Sturzgeburt erlitt, heisst tatsächlich vicus Papessa, doch wurde sie nicht nach der Päpstin, sondern nach der dort residierenden Adelsfamilie Papes benannt. Ausserdem wurde sie nicht gemieden wegen Johannas Niederkunft, sondern weil sie für Prozessionen schlicht zu eng war. Die Inschrift P.P.P.P.P.P bezog sich auf das sich dort einst befindliche Heiligtum des Mithraskultes und bedeute demzufolge nicht Papa, pater patrum, peretit papissa papellum, sondern Petre, Pater Patrum, proprie pecunia prosuit. Also Petrus (geläufiger Name), Vater der Väter (Pater Patrum ist ein Titel eines Hohepriesters), stellte die notwendigen Mittel zur Verfügung (proprie pecunia prosuit). Die Inschrift enthüllte folglich nicht die Niederkunft einer Päpstin, sondern erinnerte bloss an die Weihung eines Mithraspriesters namens Petrus.
4. Die sella stercorata (Kotstuhl) gab es zwar, aber sie wurde nicht fürs Ertasten der pästlichen Hoden genutzt. Möglich, dass es sich dabei um ein missverstandenes Aufstiegsritual bei der Papstkrönung handelte: Dabei musste ein neugewählter Papst der Reihe nach auf verschiedenen Stühlen Platz nehmen, angefangen beim Kotstuhl. 

UND JETZT SCHAUT DEN FILM!
Er heisst «Pope Joan» (2009), ist von Sönke Wortmann und basiert auf dem gleichnamigen historischen Roman der US-amerikanischen Schriftstellerin Donna Woolfolk Cross. 

Bisher in Anekdoteles:

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    Alle Leser-Kommentare
  • Pasch 07.07.2018 14:56
    Highlight Highlight Diese Geschichte könnte auch den Titel: Die Erfindung des Glory Hole! tragen 😂😂😂 super
    17 5 Melden
  • suchwow 07.07.2018 10:03
    Highlight Highlight Richtig gutes Format und gute Artikel!
    17 0 Melden
  • Spooky 07.07.2018 09:02
    Highlight Highlight Die sogenannte Geschichte wir immer von den Siegern geschrieben.

    In der Geschichte gibt es keine Wahrheit.

    Aber wenn eine Geschichte so gut geschrieben wird wie die von Johanna, von Anna, dann ist sie wahr. Fertig!

    Merkt euch das, ihr Dummerchen!
    9 43 Melden
  • Gawayn 07.07.2018 08:15
    Highlight Highlight Die katholische Kirche war schon immer gut darin, Informationen und Fakten so zu manipulieren, das es für sie passt.

    Es glauben womöglich noch Heute Leute, das Jesus Geburt in der Nacht vom 24 auf den 25 Dezember war.

    Die Macht des Klerus, hätte durchaus gereicht, eine Päpstin komplet aus der Chronik zu tilgen.

    Am Ende bliebe eine Legende.
    Ohne beweisbaren Wahrheitsgehalt....
    16 9 Melden
    • Gähn 07.07.2018 08:46
      Highlight Highlight Gut geschrieben.
      Wenn man sich besonders die ganzen "christlichen" Feiertage ansieht, sollten einem schon mal Zweifel kommen.
      Beschäftigt man sich stärker damit, wird einem klar, dass es alle zusammen ursprünglich heidnische Feste waren. Die kirche hat sie nur übernommen, um den Heiden den Übertritt zu erleichtern.
      Ausser den 1.4., das ehemalige heidnische Neujahrsfest. Da machten sich die Christen über die Heiden lustig.
      26 1 Melden
  • Electric Elefant 06.07.2018 22:04
    Highlight Highlight Interessant wie immer... Aber vielen dank für die Wahrheit box. Finde ich super so!
    45 0 Melden
  • Fish'n'chips 06.07.2018 21:26
    Highlight Highlight Danke, sehr spannend!
    Auch die Wahrheitsbox ist super, unbedingt beibehalten😊
    121 1 Melden
  • Piwi 06.07.2018 21:23
    Highlight Highlight Wher der doidtchen Sbrach mächdig yst, där dthaugh warhlych nichd shum Chrohnysthen.
    78 2 Melden
    • Randy Orton 07.07.2018 00:16
      Highlight Highlight Lhegasdheny! jedsd ohder nyy!
      39 0 Melden
    • pamayer 07.07.2018 11:55
      Highlight Highlight Dem sey nid soh. Dr Rothenfluhs Klüghsty Koontz ahuk.
      Khan seyn tas ir warlychd nikt lese khont.
      15 0 Melden
  • Rabbi Jussuf 06.07.2018 21:13
    Highlight Highlight Interessant auch:
    Das Buch war ja ein Bestseller und viele Leute dachten nach dem Lesen, dass diese Geschichte wirklich stimmen würde. Schon höchst interessant, wie "erfundene" Geschichten Wirkung entfalten, wenn sie geschichtlich eingebunden werden, wie die "Päpstin", die "Geisha", die Evangelien oder Sam Browns Stories.
    39 8 Melden
    • Spooky 07.07.2018 01:46
      Highlight Highlight @Jussuf

      Du weisst ja gar nicht, ob diese Geschichte stimmt oder nicht. Also halte dich zurück mit deiner überheblichen Haltung!

      Wenn du das Gefühl hast, nur jene Sachen stimmen, die dir passen, dann tust du mir Leid.

      Aber selbstverständlich kannst du glauben, was du willst.

      Ich bin Hindu. Jeder Mensch hat seine eigene Wahrheit.

      Du auch.
      4 30 Melden
    • Rabbi Jussuf 07.07.2018 08:52
      Highlight Highlight Spooky
      anscheinend den Artikel nicht gelesen und dazu noch die Anführungszeichen in meinem Text überlesen.

      Es ist aber genau die Reaktion, die zu erwarten ist, wenn man jemandem beibringen will, dass die geglaubte Geschichte eine Erfindung/Sage/Märchen ist.
      Hab ich schon mehrfach erlebt.
      23 1 Melden
  • lilie 06.07.2018 19:50
    Highlight Highlight Ein neues faszinierendes Anektoteles! Ich hab mich bestens amüsiert! 😊

    Die neue "Wahrheitsbox" finde ich übrigens sehr gelungen! Die Geschichte hinter der Geschichte war für mich gerade so spannend und aufschlussreich zu lesen wie die Legende! 😀

    Danke für dieses tolle Format! Ich freue mich schon aufs nächste Anektoteles! 🤗
    249 2 Melden
    • EmMa42 06.07.2018 21:10
      Highlight Highlight Die neu eingeführte Wahrheitsbox ist super! Vielen Dank!
      (Der Artikel natürlich auch ;) )
      46 0 Melden
  • Painless 06.07.2018 19:34
    Highlight Highlight Ich habe das Buch gelesen und sogar den Film im Kino geguckt..."Die Päpstin" und fand ihn super. Tja, in der Kirche ist einiges los...
    23 7 Melden
    • Jazzdaughter 06.07.2018 23:15
      Highlight Highlight Ich würde empfehlen, das nächste Mal die Wahrheitsbox auch noch zu lesen, ist gleich unter dem Artikel 😉
      23 6 Melden
  • Spooky 06.07.2018 19:32
    Highlight Highlight Diese Geschichte ist zu schön, um nicht wahr zu sein 😇
    26 5 Melden
  • rauchzeichen 06.07.2018 19:28
    Highlight Highlight echt jetz? 😂

    und der chef hats auch nicht gemerkt? wie konnte ihm das denn entgehen...

    danke für diese anekdotole!
    31 5 Melden
    • Gähn 07.07.2018 08:49
      Highlight Highlight Oh war der jetzt aber fies. 🤣
      Na gut, auf der anderen Seite, der Chef dort ist eine vielbeschäftigte Person. Der kann ja nicht permanent ein Auge auf alles Bodenpersonal haben. 😉
      7 1 Melden

Die geschändete Papstleiche, die 3 Mal ausgegraben und 2 Mal im Tiber versenkt wurde

Papst Stephan VI. hatte ein Problem. Nun haben das alle Menschen zu allen Zeiten, doch im Jahr 896 – also vor 1122 Jahren – zweifelte man die Rechtmässigkeit seiner Wahl zum Kirchenoberhaupt an. Und wenn ein Mann, der es schon so weit gebracht hat, in seiner Stellung bedroht wird, dann empfindet er die Gefahr natürlich als höchst existentiell. Was sie im Übrigen auch tatsächlich war in einer Welt, wo Päpste, Könige und Kaiser einander ständig bekriegten und nach dem Leben trachteten. 

Nun …

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