Wissen
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

bild: wikipedia/watson

Der Widerstand einer todgeweihten Ballerina im KZ Auschwitz

13.07.18, 16:01 14.07.18, 13:08


Was ist «Anekdoteles»?

Abgesehen davon, dass es sich hier um einen ungemein gelungenen Wortwitz handelt, ist Anekdoteles unser Kurzformat für historische Anekdoten.

Am 23. Oktober 1943 traf ein Zug mit 1700 polnischen Juden im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau ein. Es war ein Sonnabend. Auch die schöne Franciszka Mann sass darin. Zuhause in Warschau war sie eine kleine Berühmtheit, sie hatte Tanz studiert und trat dort in Theater und Nachtklubs auf. Mit ihren 26 Jahren war sie eine der verheissungsvollsten Ballerinen ihrer Generation.

bild: vintag.es

Nun begrüsste sie Josef Schillinger an der Rampe, ein kleiner, untersetzter Mann mit feistem Gesicht, das flachsblonde Haar glatt an den Schädel gekämmt. Alles an ihm schien unter Druck zu stehen, seine dünnen Lippen presste er fest aufeinander, die blauen Augen hielt er zusammengekniffen und seine Wangenknochen mahlten wie zwei eifrige Mühlen unaufhörlich seinen fädigen Speichel. 

«Der Hieb seiner Hand war wuchtig wie ein Knüppel, spielend zerschlug er einen Kiefer, und wo er hinschlug, floss Blut.»

Tadeusz Borowski, «Bei uns in Auschwitz»

Die Ankömmlinge merkten schnell, dass das hier mehr als nur ein harmloser Zwischenstopp war. Denn schon bald begannen die Lager-Aufseher damit, die Männer mit Stöcken und Gewehrkolben von den Frauen und Kindern zu trennen. 

Franciszka stieg mit den anderen auf den Lastwagen, der sie zum Krematorium III brachte. SS-Obersturmführer Franz Hössler erwartete sie schon, er war der Schutzhaftlagerführer des Frauenlagers. Sie müssten vor dem Grenzübertritt in die Schweiz noch kurz desinfiziert werden, sagte er. Wieder so eine Lüge.

bild: vintag.es

Franciszka wusste, dass sie nicht mehr weiterreisen würden. Dass sie nicht wie versprochen gegen deutsche Kriegsgefangene eingetauscht werden würden. Und ihr Visum, von dem sie sich die Freiheit versprach, war nichts weiter als ihr Ticket in den Tod. 

Man brachte die Frauen in den Umkleideraum und befahl ihnen, sich auszuziehen. Diejenigen, die gehorchten, wurden danach sofort in die Gaskammer getrieben – sie befand sich gleich nebenan. Die anderen wehrten sich, bis die Aufseher mit Knüppeln und Peitschen auch sie davon überzeugten, sich ihrer Kleider zu entledigen.

bild: vintag.es

Nun sah auch SS-Oberscharführer Walter Quakernack Franciszka – und näherte sich ihr. Unter seinem begierigen Blick zog sie einen ihrer Schuhe aus. Dann ging alles blitzschnell. Plötzlich stand sie vor dem Oberscharführer und schlug den Absatz ihres Schuhs mit voller Wucht in sein Gesicht. 

Dieser versuchte noch, sein Gesicht mit den Händen zu schützen, als Franciszka ihm schon den Revolver entriss, schoss und ihn nur knapp verfehlte. Die Kugel zerfetzte dafür Schillingers Bauch, er stand direkt neben Quakernack. Der nächste Schuss drang ins Bein des SS-Unterscharführers Wilhelm Emmerich. 

Dann stürzten sich die Frauen mit blossen Händen auf den Rest der Wachleute. Überwältigt von dieser unaufhaltsamen Kraft rannten die SS-Männer aus dem Raum. 

bild: wikimedia

Aufgescheucht durch den Lärm kam Lagerkommandant Rudolf Höss dazu und liess draussen zwei Maschinengewehre aufstellen. Als die Gefangenen herauskamen, wurde auf sie geschossen. Franciszka überlebte den Kugelhagel nicht. Und wer es tat, starb dafür im Gas.

SS-Oberscharführer Josef Schillinger verblutete auf dem Weg ins Krankenhaus. SS-Unterscharführer Wilhelm Emmerich konnte mit seinem halbsteifen Bein nie wieder richtig gehen. Er starb am 22. Mai 1945 in einem Lazarett an Typhus. Schutzhaftlagerführer Franz Hössler wurde am 13. Dezember 1945 im Zuchthaus Hameln für seine Kriegsverbrechen gehängt. SS-Oberscharführer Walter Quakernack folgte ihm ein knappes Jahr später nach. SS-Obersturmbannführer Rudolf Höss wurde am 16. April 1947 am Ort des ehemaligen Stammlagers hingerichtet, in dem unter seinem Kommando laut seinen eigenen Aussagen 1,5 Millionen Menschen vergast worden waren.

bild: vintag.es

Wahrheitsbox

Auf Wunsch mehrerer User werden wir euch darüber aufklären, wie es um den Wahrheitsgehalt der erzählten Anekdote steht.

Quellen für die Anekdote
Es gibt mehrere Berichte, in dem Franciszka Manns Name auftaucht. Einer davon ist Filip Müller, als KZ-Gefangener ein direkter Augenzeuge ihres mutigen Aufstandes. Er beschreibt die Szene in seinem Buch «Sonderbehandlung. Drei Jahre in den Gaskammern und Krematorien von Auschwitz».
Die Kurzgeschichte «Bitte, die Herrschaften zum Gas» des KZ-Gefangenen Tadeusz Borowski basiert allerdings auf Hörensagen.
Jerzy Tabeau, ein polnischer Arzt, dem die Flucht aus Auschwitz gelang, berichtet von Franciszka Mann in seinem «Polish Major's Report», einem der ersten bekannten Berichte über den in Auschwitz stattfindenden Genozid. 
Zuletzt taucht ihr Name im Zusammenhang mit der Hotel-Polski-Affäre auf. In besagtem Hotel in Warschau internierten die Nazis wohlhabende polnische Juden, die sich ausländische Reisepässe gekauft hatten. Ein Grossteil dieser Juden wurde ermordet. Wie Franciszka Mann wurde ihnen eine Ausreise in ein neutrales Land versprochen, im Gegenzug sollten die Alliierten deutsche Kriegsgefangene nach Hause zurückkehren lassen.

Nur kleine Unterschiede in der Beschreibung
Laut Müller habe sich Franciszka Mann betont langsam entkleidet, gemäss Tabeau wurde sie von Josef Schillinger gezwungen, sich ganz auszuziehen. Ansonsten stimmen die Berichte weitgehend überein. 

Bisher in Anekdoteles:

Und plötzlich kam da ein Kind aus Päpstin Johanna raus

Der schwule König, der auf brutale Art sterben musste

Die geschändete Papstleiche, die 3 Mal ausgegraben und 2 Mal im Tiber versenkt wurde

Als Thomas Edison einen Elefanten mit Wechselstrom hinrichten liess

Die Frau, die ihren Gatten mit einer Hand in die Luft stemmte

Der Mann, der mit Langbogen, Breitschwert und Dudelsack in den 2. Weltkrieg zog

Wenn abgetrennte Froschschenkel und geköpfte Menschen plötzlich zucken

Wie es einem Haufen Dilettanten doch noch gelang, Franz Ferdinand zu töten

Zerbeisst den Leib Christi mit euren Zähnen!

Auch ein königlicher Bauch riecht schlecht, wenn er platzt

Nimm diese Peitschenhiebe, du Wasser der Bitternis! 

Alle Artikel anzeigen

Das wurde aus der Führungsriege des «Dritten Reiches»

Hol dir die App!

Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.

Abonniere unseren Daily Newsletter

16
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
16Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Pafeld 14.07.2018 14:42
    Highlight Ich stand grad vor einer Stunde neben dem Krematorium III. Dank des starken Windes war der Geruch von Asche unverkennbar. Diesen Ort zu besuchen sollte obligatorisch für jeden sein, der sich als mündig genug für politische Entscheidungen betrachtet.
    11 0 Melden
  • lily.mcbean 14.07.2018 07:38
    Highlight Anna du musst ein Roman schreiben! Hauptsache ein Buch. Mit diesen kleinen Häppchen jede Woche stillst du unseren Hunger herade mal so eben aber wir wollen meehr! Das beste wäre ja noch das ein Buch aus Annas Feder ganz sicher an die 1000 Seiten hätte und ich liiiiebe dicke Wälzer!
    13 2 Melden
  • Restseele 13.07.2018 21:22
    Highlight Und sie tanzt und tanzt auf den Bildern, es macht mich ganz traurig. So eine schöne Tänzerin, die andere Menschen glücklich macht, wird umgebracht von dummen, emphathielosen Menschen. Und solche Menschen lassen sich leider immer finden, auch heute noch. Es beginnt schon mit abschätzigen Bemerkungen über das Äussere und kann in solchen abscheulichen Vernichtungslagern enden. Und bestimmt findet dich hier bald ein Kommentar, der das alles als normal bezeichnet. Traurig....
    55 5 Melden
  • lilie 13.07.2018 16:37
    Highlight Eine wahnsinnig mutige Tat! Irgendwie hoffte ich bis zum Schluss, dass die Frauen die Nazis überrennen, umbringen und am Ende flüchten konnten... Und wer weiss, ob es ihnen nicht sogar gelungen wäre, wenn sie alle gewusst hätten, was ihnen bevorsteht...
    86 7 Melden
  • supi 13.07.2018 16:34
    Highlight Ich weiss dass solche Dinge passiert sind, dennoch wurde mir schlecht beim Lesen.

    Gedanken steigen auf, dass man diese Schergen nach dem Krieg hätte gleich behandeln sollen ..

    Unglaublich was Menschen .. Menschen antun können .. und wofür ..?
    75 3 Melden
  • Kater Murr 13.07.2018 16:29
    Highlight Nazis sind, waren und bleiben unmenschliche grausame Schlächter ohne Sinn und Zweck, gefangen in ihrer totalen Unterwürfigkeit für den Führer Vollpfosten. Bei aller Tragik für die aussergewöhnlich mutige Frau, schade hat sie nicht weitaus mehr der hirnlosen Lakaien ins Jenseits geschickt.
    52 4 Melden
  • Snowy 13.07.2018 16:23
    Highlight Stand vor einiger Zeit vor den Ruinen dieser Gaskammer. Kriege grad Gänsehaut...

    Was für eine grossartige Frau!

    Ich habe riesigen Respekt vor Leuten, welche in solchen Augenblicken das Richtige tun - obwohl sie wissen, dass es ihren sicheren Tot bedeuten wird.

    Jeder, der nun einwendet: "Gestorben wäre sie ja sowieso" hat gar nichts begriffen. Viele glaubten oder besser hofften bis zum Schluss, dass es sich wirklich nur um eine Dusche handelte...

    Was für eine Heldin!
    177 7 Melden
    • lily.mcbean 14.07.2018 07:35
      Highlight Da kann ich dir nur zustimmen. Mit solchen Aussichten noch die Eier zu haben sich dagegen aufzulehnen erfüllt mich jedesmal mit Ehrfurcht. Was für eine Frau!
      20 1 Melden
    • Snowy 14.07.2018 13:58
      Highlight *Tod
      2 0 Melden
    • Thom Mulder 16.07.2018 13:22
      Highlight Genau! Das war der fiese Trick der Nazis: eine Hoffnung lassen bis zuletzt. Denn wer weiss dass er dem Tod geweiht ist wehrt sich, so wie sie es tat.
      1 0 Melden
  • Fabio74 13.07.2018 16:21
    Highlight Null Mitleid mit diesem SS-abschaum. Auch wenn sie es nicht überlebte, wenigstens ein paar Nazis weniger
    187 6 Melden
    • Laborchef Dr. Klenk 13.07.2018 18:12
      Highlight Ich bin überhaupt kein Freund der Todesstrafe aber bei solchen Geschichten scheint es wie ein zu leichtes Schicksal für diese Unmenschen.

      Und sagt nicht, sie wären nur der Masse gefolgt und hätten ja nicht anders gekonnt. In solchen Taten verdeutlicht sich der Hass, den diese Typen gegen Unschuldige hegten, nur weil sie anders waren.

      Das Schlimmste daran: Das gibt es heute noch.
      49 7 Melden
    • bebby 13.07.2018 18:53
      Highlight Wichtig ist, dass wir solche Leute nie mehr an die Macht wählen, denn momentan hat dieses Gedankengut wieder Konjunktur. Was ich damit sagen will, ohne die Unterstützung grosser Teile der Bevölkerung hätten die Nazis nie so viel anrichten können.
      65 8 Melden
    • Fabio74 13.07.2018 20:16
      Highlight @laborchef ich auch nicht. Sie Todesstrafe ist unwürdig, archaisch und gehört abgeschafft.
      Hier hat eine Frau im Angesicht der eigenen Ermordung noch wenigstens einen Mörder mitgenommen
      Und ja klar NIE wieder Faschismus
      25 6 Melden
    • Jemima761 13.07.2018 23:13
      Highlight Und wir fangen wieder an Lager zu bauen...
      8 4 Melden
  • 3klang 13.07.2018 16:18
    Highlight Daumen hoch für die Wahrheitsbox! Darf gern auch bei 'normalen' Artikeln eingeführt werden.
    156 7 Melden

Der Mann, der mit Langbogen, Breitschwert und Dudelsack in den 2. Weltkrieg zog

Die Deutschen glaubten, Jack Churchill sei mit dem britischen Premierminister Winston Churchill verwandt. Dem war nicht so. Aber er mochte Geschichte ebenso wie sein Namensvetter. Und er liebte Tiere. Selbst Insekten fanden Platz in Jacks grossräumigem Herzen.

Mit zwanzig schloss er sich dem Manchester Regiment an, er lernte Dudelsack spielen und wurde richtig gut darin. Doch der Friede zwang ihn in ein Leben in der Kaserne – ein zu langweiliges Leben für den Mann, den alle bald nur noch «Mad …

Artikel lesen