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Evolution

Europäer sind Neandertaler mit Haut und Haaren 

Bild: Shutterstock

Wie viel Neandertaler steckt im modernen Europäer? Zwei Forscherteams haben auf unterschiedlichen Wegen Antworten gefunden. Neandertaler-Gene sind demnach weit verbreitet – und haben vor allem mit Haut und Haaren zu tun.

Ein Artikel von

Spiegel Online

Johann Grolle, spiegel online, Boston

Der erste moderne Homo sapiens, der vor rund 50.000 Jahren nach Europa kam, war vermutlich schwarz. Doch welche Hautfarbe hatten die Neandertaler, auf die er bei seiner Ankunft traf? Könnte es sein, dass es Weisse waren, und dass sich die Haut der Neuankömmlinge erst aufhellte, als sie sich mit den Einheimischen vermischten? Mit anderen Worten: Ist die weisse Haut der Europäer ein Erbe des Neandertalers?

Zwei Gen-Analysen, die an diesem Donnerstag gleichzeitig in den Zeitschriften «Science» und «Nature» erscheinen, lassen das Szenario eines urgeschichtlichen Aufeinandertreffens von Schwarz und Weiss zumindest plausibel erscheinen.

Beide Forschergruppen greifen zurück auf den enormen Datenberg des «1000 Genome Project», in dessen Verlauf das Erbgut von 1000 Menschen aus aller Welt entziffert und online gestellt wurde.

Beide Teams suchten darin nach genetischen Spuren des Neandertalers. Und wenngleich sie sehr unterschiedliche statistische Methoden verwendeten, kommen beide zum gleichen Schluss: Viele der Eigenschaften von Haut und Haaren heutiger Europäer und Asiaten stammen von dem Menschenvettern mit den wulstigen Augenbrauen ab.

Gene zeugen vom Sex zwischen Homo sapiens und Neandertaler

Schon seit einigen Jahren ist bekannt, dass es vor etwa 50.000 Jahren vereinzelt zur Vermischung beider Menschentypen gekommen sein muss. Die Spuren davon finden sich bis heute: Gut ein Prozent des Erbguts eines Durchschnittseuropäers geht auf den Neandertaler zurück.

Reproduction of a neanderthal in the Hall of Hominids  of the Museum of Human Evolution (MEH),  Burgos, Castile and León, Spain. (Photo by Cristina Arias/Cover/Getty Images)

Bild: Getty Images 

Ein Team um Svante Pääbo vom Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie hat nun gemeinsam mit Kollegen der Harvard University menschliche Genome systematisch nach dieser Hinterlassenschaft aus der Altsteinzeit durchforstet.

Ende 2013 hatten die Leipziger bereits die vollständige Erbsequenz einer Neandertalerin veröffentlicht, deren Knochen in Sibirien gefunden wurden. Diese verglichen die Forscher für ihren Beitrag in «Nature» nun mit den Daten des «1000 Genome Project».

Verstreut über alle Chromosomen fanden sie dabei genetische Einsprengsel, die vom Sex zwischen beiden Menschentypen zeugen. Allerdings trägt jeder heutige Europäer eine andere Erbschaft des Neandertalers mit sich herum, die einzelnen Genschnipsel sind deshalb eher selten.

«Nur in einem Bereich ist das anders», sagt Kay Prüfer, einer der beteiligten Max-Planck-Forscher. Und zwar betreffe das solche Gene, die etwas mit Haut und Haaren zu tun haben.

Neandertaler-Gene unter Europäern weit verbreitet

Einige dieser Erbanlagen finden sich heute im Erbgut jedes zweiten Europäers. Diese extreme Häufigkeit, so argumentieren die Forscher, spreche dafür, dass diese Gene einen Überlebensvorteil für ihre Träger bedeutet haben. Doch welchen? War es eine dichtere Behaarung, die sich als nützlich erwies? Fettdrüsen, die einen Kälteschutz boten? Irgendein in der Haut sitzender Schutz vor Keimen? Oder doch die hellere Hautfarbe, die im sonnenarmen Norden die Produktion von Vitamin D erleichterte?

Noch kennen die Forscher die Antwort nicht. Doch gehen sie davon aus, dass die Neandertaler, die schon seit mehr als 100.000 Jahren in der eiszeitlichen Steppe Europas hausten, gut an das frostige Wetter angepasst waren. Die grazilen Immigranten dagegen, die aus den subtropischen Gefilden Afrikas stammten, taten sich vermutlich schwer mit der Klimaumstellung. Etwas Beimischung aus dem Genpool der witterungserprobten Neandertaler dürfte ihnen geholfen haben. Und gerade die Haut, meint Max-Planck-Genetiker Prüfer, könnte als erste Barriere des Körpers gegen eine widrige Umwelt eine wichtige Rolle gespielt haben.

Filer of October 1996 shows a replica of a Neanderthal man made by the Parisian workshop of  Elisabeth Dayner displayed at the Neanderthals museum in Mettmann, western Germany. A sample from an original Neanderthal man bone produced DNA that has led scientis ts from the Zoological Institute at the University of Munich to say that Neanderthals are a different species than the early humans who swept them aside in Europe and western Asia. (AP Photo/Heinz Ducklau)

Bild: AP

Zu ganz ähnlichen Schlüssen gelangt, wenngleich auf ganz anderem Weg, eine zweite Forschergruppe, die nun in «Science» ihre Ergebnisse verkündet. Joshua Akey ist ein Populationsgenetiker der University of Washington in Seattle; mit dem Neandertaler befasst er sich zum ersten Mal. Deshalb stachelte es ihn gehörig an, als er erfuhr, dass mit Svante Pääbo die unumstrittene Koryphäe der Neandertaler-Genetik am selben Problem arbeitete wie er. Verbissen wetteiferten beide Gruppen darin, den Beitrag der Neandertaler zum Erbgut der heutigen Menschheit zu erfassen. Mit ihren Veröffentlichungen an diesem Donnerstag gehen sie nun gleichzeitig ins Ziel.



«Es war wie ein gigantisches Puzzle»

Anders als ihre Konkurrenten hatte sich Akeys Team vorgenommen, die fremden Einsprengsel aus dem gewaltigen Datenwust des «1000 Genome Project» herauszufischen, ohne dabei direkt auf die Neandertaler-Sequenz zurückzugreifen.

«Es war wie ein gigantisches Puzzle, das es zu verstehen galt», sagt Akey. Erst nach vollbrachter Puzzle-Arbeit verglichen die Forscher aus Seattle ihr Ergebnis mit den Erbgutdaten aus Sibirien – und stellten fest, dass sie tatsächlich etwa ein Fünftel der Neandertaler-Gene korrekt rekonstruiert hatten.

Wie den Leipzigern fiel auch Akey die erstaunliche Häufung von Genen auf, die etwas mit der Bildung von Haut zu tun haben. Wichtiger aber erscheint dem Genetiker aus Seattle der methodische Fortschritt, der ihm gelungen sei:

«Wir haben gezeigt, dass wir auch aus dem Erbgut der heutigen Menschheit Genmerkmale längst ausgestorbener Homininen herausfiltern können.»

Joshua Akey; Populationsgenetiker University of Washington

Wer etwas über die Eigenschaften früher Menschentypen erfahren wolle, müsse dafür also fortan gar nicht unbedingt nach Fossilien suchen.

Urmensch-Ausgrabungen in den Gen-Datenbanken – das ist eine Aussicht, die Akey begeistert:

 «Ist es nicht faszinierend, dass versteckt in unserem Genom Geschichten über unsere Vettern stecken, die schon vor Zehntausenden von Jahren von der Erde verschwunden sind?»

Joshua Akey; Populationsgenetiker Univeristy of Washington

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    Alle Leser-Kommentare
  • papparazzi 01.02.2014 20:32
    Highlight Highlight Ist der Urmensch der Neandertaler gewesen?

    Wie fügt man nun die Erkenntnis der Genome mit dem kürzlichen Fund durch die Uni Zürich zusammen?
    (Bericht darüber kam auf SFR)

    Laut ihrem ältesten entdeckten Fund, ist es anscheinend klar, dass wir nur einen Vorfahren haben und nicht etliche Zwischenglieder, wie die Evolutionstheorie bisher immer wieder behauptete. ut (dp)

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