Wissen
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Katastrophenabwehr-Übung: Nasa plant, Asteroid «Didymoon» abzuschiessen

Was tun, wenn ein Asteroid auf die Erde zusteuert? Zur Entwicklung eines Abwehr-Systems wollen Nasa und Esa ein Labor auf einem der Gesteinsbrocken absetzen – und ihn anschliessend mit einer Sonde beschiessen.



Ein Artikel von

Spiegel Online

Der Asteroid «Didymoon» bekommt einen ganz besonderen Auftritt: Die europäische Weltraumorganisation Esa und das US-amerikanische Gegenstück Nasa haben zumindest grosse Pläne mit ihm. Sie wollen den Gesteinsbrocken aus seiner Bahn bringen. Der Test gehört zu einer Reihe von Projekten mit einem Ziel: der Abwehr von Asteroiden auf Kollisionskurs mit der Erde.

Die Esa fasst die Bedrohung in Zahlen: Mehr als 600'000 Asteroiden sind in unserem Sonnensystem bekannt, gut 12'000 davon gelten als erdnahe Objekte, sogenannte Neos (Near Earth Objects). Auf der Risiko-Liste der Nasa stehen 494 solcher Neos. Der Pariser Esa-Experte Ian Carnelli schätzt rund 30 bis 40 Asteroiden als «gefährlich» für die Erde ein. Auf einer Konferenz der internationalen Akademie für Astronautik am Esa-Standort Esrin in Frascati bei Rom beraten Experten in den kommenden fünf Tagen über die Gefahren aus dem All.

Landung auf «Didymoon»

Derweil haben Esa und Nasa mit den Vorbereitungen einer Sondenattacke auf «Didymoon» begonnen. Sie wollen mit der Mission wichtige Daten sammeln, wie Asteroiden auf Einschläge reagieren und inwiefern mit einem Zusammenstoss eine Abwehr möglich wäre. Die Esa schickt dazu mit der 200 Millionen Euro teuren Asteroid Impact Mission (AIM) im Oktober 2020 eine Sonde auf den Weg zu den Didymos-Zwillings-Asteroiden. Der grössere Zwilling durchmisst 800 Meter, umkreist wird er von einen Asteroiden mit 170 Meter Durchmesser – dem «Didymoon».

«Der Flug dauert rund eineinhalb Jahre, die Sonde muss im Oktober 2022 vor Ort sein», sagt AIM-Projektmanager Carnelli. Dann sind die Asteroiden mit elf Millionen Kilometer laut Esa «vergleichsweise nahe» an die Erde. Die Sonde beobachtet, sendet Satelliten aus, sammelt Daten und schickt ein Landemodul auf «Didymoon» – erstmals wieder, seit die Landeeinheit «Philae» auf dem Kometen «Tschuri» landete.

Sonde auf Crashkurs

Ebenfalls Ende 2022 soll eine Sonde der Nasa bei den Himmelskörpern ankommen und mit sechs Kilometern pro Sekunde direkt auf «Didymoon» aufprallen. «Der Einschlag wird den Asteroiden um etwa einen halben Millimeter pro Sekunde verlangsamen», sagt Carnelli. So könnten sich Umlaufbahn und Rotation von «Didymoon» verändern.

Die Esa-Sonde beobachtet die Asteroiden. Vorher-Nachher-Vergleiche sollen wichtige Erkenntnisse über die Reaktionen von Asteroiden auf einen solchen Einschlag bringen. Auf die theoretischen Berechnungen soll somit praktisches Wissen folgen, das nach Einschätzung Carnellis künftig zur Abwehr von Asteroiden genutzt werden kann.

Play Icon

AIDA: Asteroid Impact and Deflection Assessment study Video: Youtube/JHU Applied Physics Laboratory

40 Millionen Dollar für Asteroiden-Überwachung

«Asteroiden sind gerade ein ganz heisses Thema», sagt Nasa-Wissenschaftler Jim Green. Vor allem das Frühwarnsystem will die Nasa verbessern. Dafür stellte die Behörde im Sommer 2013 das Programm «Great Challenge» (Grosse Herausforderung) vor, mit dem künftig alle potenziell für die Menschheit gefährlichen Asteroiden rechtzeitig entdeckt werden sollen.

Während in den Neunzigerjahren nur rund vier Millionen Dollar (3.7 Millionen Euro) pro Jahr für die Asteroiden-Überwachung ausgegeben wurden, hat die Nasa diesen Posten inzwischen auf mehr als 40 Millionen Dollar erhöht und plant zukünftig noch mehr Geld ein. Zudem reaktivierte die Nasa im Rahmen von «Great Challenge» das eigentlich schon eingemottete Weltraumteleskop «Wise». Unter dem Namen «Neowise» sucht es seit mehr als einem Jahr nach Himmelskörpern, die der Erde gefährlich werden könnten.

Stolz verkündete die Behörde vor kurzem, 2014 mit 1472 fast doppelt so viele Neos entdeckt zu haben wie noch 2012 vor Beginn des Programms. Darunter seien keine, die einen Durchmesser von mehr als einem Kilometer hätten und der Erde in den kommenden 100 Jahren gefährlich werden könnten.

Asteroid in Mondumlaufbahn

Zusätzlich zu dem Frühwarnsystem hat die Nasa weitere spektakuläre Pläne: Im Rahmen der rund eine Milliarde Dollar teuren «Osiris Rex»-Mission soll im Herbst 2016 ein Raumschiff starten und 2018 auf den Asteroiden «Bennu» treffen. 2023 soll das Raumschiff zur Erde zurückkehren – mit mindestens 60 Gramm Asteroiden-Proben an Bord.

«Bennu» könnte im Jahr 2182 der Erde gefährlich werden, auch wenn die Chance eines Zusammenstosses nur bei 1 zu 1800 liegt. Damit ist er nach Nasa-Angaben aber trotzdem der derzeit für die Erde gefährlichste bekannte Asteroid.

Der kosmische Gesteinsbrocken ist auch einer der Kandidaten für «Asteroid Redirect Mission» (ARM). Mit diesem Projekt will die Nasa einen Asteroiden einfangen und in eine Umlaufbahn des Mondes ziehen. Dann sollen Astronauten darauf landen – allerdings wohl erst Mitte der 2020er Jahre. «Diese Mission bedeutet eine noch nie dagewesene technische Leistung, die zu neuen wissenschaftlichen Entdeckungen und technischen Möglichkeiten führen und dabei helfen wird, unseren Heimatplaneten zu beschützen», ist sich Nasa-Chef Charles Bolden sicher. (jme/dpa)

Mehr zum Thema: Asteroid Ceres

Abonniere unseren Newsletter

0
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0Alle Kommentare anzeigen

Wenn wir zu den Sternen reisen, brauchen wir ein Raumschiff, das es jetzt noch nicht gibt

«Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen», sagte einst Helmut Schmidt. Wenn der ehemalige deutsche Bundeskanzler recht hat, müsste Angelo Vermeulen dringend zum Arzt.  Der Doktorand und sein Team an der Technischen Universität Delft in den Niederlanden beschäftigen sich nämlich mit einem visionären Thema: interstellare Reisen. 

Reisen über die Grenzen unseres eigenen Sonnensystems hinaus zu anderen Sternen sind nicht einfach ein etwas länger dauernder Mondflug. Die Distanzen im …

Artikel lesen
Link to Article