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20 Jahre nach dem Massaker von Srebrenica bleiben das Misstrauen, der Hass und der Schrecken

Der Völkermord auf dem Balkan ist nicht vergessen: Auch 20 Jahre nach dem Massaker in Srebrenica prägen Misstrauen und Hass das Verhältnis zwischen Bosniern, Kroaten und Serben.

Walter Mayr / spiegel online



Ein Artikel von

Spiegel Online

Der Augenzeuge ist zaunlattendürr. Zehn Tage lang war er unterwegs. Zu Fuss, auf der Flucht vor den Mördern im Osten Bosniens. Nun steht er da, vor dem Flüchtlingslager am Flughafen Tuzla: Mevludin Oric, Muslim aus Srebrenica.

Es ist Freitag, der 21. Juli 1995, morgens um sieben. Ein heisser Hochsommertag kündigt sich an, und Oric erzählt von jenem schrecklichen Tag anderthalb Wochen zuvor: wie er mit rund 15'000 anderen Männern und Burschen aus der UNO-Schutzzone Srebrenica floh, nachdem sich die niederländischen Blauhelme dort den Einheiten der bosnischen Serben unter General Ratko Mladic ergeben hatten. Und wie er zwei Tage später, inmitten eines Bergs von Leichen, die Massenerschiessungen überlebte.

A woman weeps as she visits the grave of a family member at the Potocari memorial complex near Srebrenica, 150 kilometers (94 miles) northeast of Sarajevo, Bosnia and Herzegovina, Saturday, July 11, 2015. Twenty years ago, on July 11, 1995, Serb troops overran the eastern Bosnian Muslim enclave of Srebrenica and executed some 8,000 Muslim men and boys, which International courts have labeled as an act of genocide, and newly identified victims of the genocide are still being re-interred at Srebrenica. (AP Photo/Marko Drobnjakovic)

Das Leid von Srebrenica: Eine Bosnierin weint am Grab eines Verwandten.  Bild: Marko Drobnjakovic/AP/KEYSTONE

Was Oric dem «Spiegel» an diesem Morgen zu Protokoll gibt, wird in der Folge zum zentralen Glied einer Kette von Beweisen, die Aufschluss über das schlimmste Verbrechen der europäischen Nachkriegsgeschichte geben: den Mord an mutmasslich mehr als 8000 männlichen Muslimen. Als Kronzeuge vor dem UNO-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag wird Oric seine Aussagen später noch mehrfach wiederholen.

Es war Völkermord

Bis heute, 20 Jahre nach dem Massaker, ist strittig, ob es 8372 Ermordete waren, wie in der fortlaufenden Srebrenica-Statistik vermerkt – oder mehr. Noch immer werden Knochen aus der ostbosnischen Erde gegraben, werden DNA-Proben gezogen und Vermissten-Akten geschlossen. Unstrittig ist immerhin, dass damals im Herzen Europas ein Völkermord begangen wurde. Das UNO-Kriegsverbrechertribunal und der Internationale Gerichtshof haben daran keinen Zweifel gelassen. Nur eine entsprechende UNO-Resolution fehlt.

Dafür gibt es Gründe: Das ex-jugoslawische Bosnien-Herzegowina, ein von muslimischen Bosniaken, orthodoxen Serben und katholischen Kroaten bewohnter Vielvölkerstaat, ist seit eh und je Zankapfel der Gross- und Regionalmächte. In der seit 1995 bestehenden, zerstrittenen Föderation gilt der serbischen Teilrepublik die besondere Fürsorge Moskaus. Russlands Aussenminister sperrt sich gegen jede Resolution, die das slawische Brudervolk der Serben des Völkermords bezichtigen würde.

Vergiftetes Terrain wird neu vermessen

Der Kampf um die Deutungshoheit tobt noch immer über das, was damals in und um Srebrenica geschah – gerade jetzt zum 20. Jahrestag. Mevludin Oric' Cousin hat das zu spüren bekommen: Naser Oric war früher Kommandant der bosnischen Truppen im drei Jahre lang eingekesselten Srebrenica und wird von überlebenden Muslimen als Held gefeiert. Am 17. Juni 2015 ist er, von Serbien mit internationalem Haftbefehl gesucht, festgenommen worden – unter dem Verdacht der Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

ZUM AUSLIEFERUNGSGESUCH VON SERBIEN AN DIE SCHWEIZ STELLEN WIR IHNEN AM MONTAG, 22. JUNI 0215, FOLGENDES ARCHIVBILD ZUR VERFUEGUNG - Naser Oric awaits his verdict at the courtroom of the Yugoslav war crimes tribunal in The Hague, Netherlands, Thursday July 3, 2008.  (AP Photo/Zoran Lesic, Pool)

Der Augenzeuge des Massakers: Naser Oric im Juli 2008 als Kronzeuge vor dem Kriegsverbrecher-Tribunal in Den Haag. Bild: AP POOL REUTERS

Die Geschichte von Mevludin und seinem Vetter Naser erzählt einiges über dieses zerrissene, leidgeprüfte Land Bosnien-Herzegowina – und über die schwierige Suche nach Antworten. Kommandant Naser steht nicht nur im Verdacht, 1992 schuld am Mord von neun serbischen Zivilisten gewesen zu sein. Zuvor, noch zu jugoslawischer Zeit, soll er als Angehöriger einer Polizei-Sondereinheit an der Unterdrückung der albanischen Bevölkerung im Kosovo beteiligt gewesen sein.

Später diente er dann auch noch als Leibwächter des serbischen Präsidenten Slobodan Milosevic – ausgerechnet. Erst mit Ausbruch des Bosnien-Kriegs im April 1992 schlug er sich auf die Seite seiner muslimischen Glaubensbrüder.

Der Balkan leidet unter den Folgen des Krieges

Unablässig wird bis heute im Land zwischen Adriaküste und Drina-Fluss Schuld mit Schuld verrechnet und vergiftetes Terrain neu vermessen. Während die in den Niederlanden inhaftierten mutmasslichen Drahtzieher des Massakers von Srebrenica, der ehemalige bosnische Serbenführer Radovan Karadzic und General Ratko Mladic, weiter auf ihren Schuldspruch warten, leidet der Balkan immer noch unter den Folgen des Krieges.

Bosnian Serb wartime leader Radovan Karadzic (R) and his general Ratko Mladic are seen on Mountain Vlasic in Banja Luka in Bosnia and Herzegovina, in this April 1995 file photo. Prosecutors at a U.N. court in The Hague have called for Karadzic to be sentenced to life in prison for his alleged crimes, including the massacre of over 7,000 men and boys in Srebrenica and the shelling of Sarajevo. Mladic, the Bosnian Serbs' military leader is also currently on trial at the International Criminal Tribunal for the former Yugoslavia, where he faces charges of genocide and crimes against humanity.    REUTERS/Ranko Cukovic/Files  

FROM THE FILES PACKAGE “SREBRENICA MASSACRE - 20TH ANNIVERSARY”
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Radovan Karadzic (r.) und Ratko Mladic: Der bosnische Serbenführer und sein General warten noch immer auf ihre Verurteilung. bild: Reuters

Karadzics einstiger Propaganda-Experte Aleksandar Vucic etwa ist inzwischen serbischer Regierungschef. Eine Woche nach dem Srebrenica-Massenmord rief er noch aus: «Für jeden getöteten Serben bringen wir 100 Muslime um». Amtierender Staatspräsident des EU-Anwärterlandes ist der ehemalige Tschetnik-Führer Tomislav Nikolic. Er liess noch 2007 verlauten: «Solange ich lebe, soll mir bloss keiner erzählen, dass Radovan Karadzic und Ratko Mladic Verbrecher sind.»

epa04838904 Serbian Prime Minister Aleksandar Vucic (L) is welcomed by European Commission President Jean-Claude Juncker at the European Commission in Brussels, Belgium, 09 July 2015. Aleksandar Vucic is on a one-day visit to Brussels.  EPA/OLIVIER HOSLET

Serbiens Premierminister Aleksandar Vucic: «Für jeden getöteten Serben bringen wir 100 Muslime um», rief der frühere Propaganda-Experte von Karadzic noch eine Woche nach dem Genozid von Srebrenica aus. Bild: OLIVIER HOSLET/EPA/KEYSTONE

Und in Sarajewo? Sitzt als muslimischer Vertreter im dreiköpfigen Staatspräsidium der skandalumwitterte Bakir Izetbegovic, Sohn des in den Kriegsjahren amtierenden Präsidenten Alija Izetbegovic.

In stetem Belagerungszustand

In unwesentlich veränderter Besetzung werden so die alten, interethnischen Grabenkämpfe aus Kriegszeiten fortgeführt. Das unter Federführung der USA ausgehandelte Dayton-Abkommen von 1995, so sehen es Kritiker, habe die Rivalität zwischen den Volksgruppen auf unselige Weise festgeschrieben.

«Solange ich lebe, soll mir bloss keiner erzählen, dass Radovan Karadzic und Ratko Mladic Verbrecher sind.»

Tschetnik-Führer Tomislav Nikolic

Bosnien-Herzegowina ist 20 Jahre nach dem Völkermord von Srebrenica ein Staatswesen im permanenten Belagerungszustand. Darüber kann das am 1. Juni in einem Verzweiflungsakt von der EU bewilligte Stabilitäts- und Assoziierungsabkommen nicht hinwegtäuschen. Der von Sarajewo aus verwaltete schwache Gesamtstaat, bestehend aus zwei zerstrittenen Teilrepubliken, weist eine Arbeitslosenquote von über 40 Prozent aus und einen Durchschnittslohn von 423 Euro. Was gedeiht, sind Schattenwirtschaft und Bürokratie.

Serbian President Tomislav Nikolic gestures before the arrival of the Chancellor Angela Merkel, not seen, in Belgrade, Serbia, Thursday, July 9, 2015. Merkel is on a Balkan trip to Albania, Serbia and Bosnia, which are all looking forward to becoming European Union members one day. (AP Photo/Darko Vojinovic)

Serbiens Staatschef Tomislav Nikolic (r.). Noch 2007 sagte der einstige Tschetnik-Führer: «Solange ich lebe, soll mir keiner erzählen, dass Karadzic und Mladirc Verbrecher sind.» Bild: Darko Vojinovic/AP/KEYSTONE

Mevludin Oric, der die Massenerschiessung seiner Leidensgenossen unweit des Drina-Flusses überlebte, hat sich längst im bosniakisch-kroatischen Teil des Landes niedergelassen. Auf der aus seiner Sicht sicheren Seite. Dort, wo er herkommt, in Srebrenica, haben hingegen zwei Jahrzehnte nach dem Massaker wieder die ethnischen Serben das Sagen.

Vucic verurteilt «monströses Verbrechen» in Srebrenica 

Vor den Gedenkfeiern zum 20. Jahrestag des Massakers von Srebrenica hat der serbische Ministerpräsident Aleksandar Vucic die Tat als ein «monströses Verbrechen» verurteilt. Den Begriff «Völkermord» verwendete er aber nicht. «Serbien verurteilt dieses furchtbare Verbrechen klar und unzweideutig und ist angewidert von allen, die sich daran beteiligten, und wird sie weiter vor Gericht bringen», schrieb Vucic in einem offenen Brief kurz vor seiner Teilnahme an den Gedenkfeiern in der bosnischen Stadt am Samstag. «Es gibt keine Worte, um die Trauer und das Bedauern für die Opfer auszudrücken, noch für die Wut gegenüber jenen, die dieses monströse Verbrechen begangen haben», so der Ministerpräsident. Es sei seine «Pflicht, sich vor den Opfern zu verneigen». Die serbische Regierung wünsche sich, mit den Bosniern gemeinsam zu leben und das Vertrauen wiederherzustellen. «Meine Hand ist ausgestreckt», schrieb Vucic. Dies sei seine Pflicht gegenüber denjenigen, die starben, und gegenüber den künftigen Generationen. Vucic ist ein früherer serbischer Nationalist, der sich zum überzeugten Europäer gewandelt hat. (sda/afp)

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    Alle Leser-Kommentare
  • sägsali 11.07.2015 20:47
    Highlight Highlight ruckfash, mein Freund, brauchst mich nicht aufzuklären... bin weder Serbe noch Muslime... meine Gedanken sind bei "ALLEN" Opfern in Srebrenica (Serben und Muslimen)... Den Haag muss nichts bestätigen, die Holländer (UN-Soldaten) welche bei diesem Massaker weggeschaut haben, konnten es sehr wohl verhindern! Die Welt hat weggeschaut...
  • sägsali 11.07.2015 13:25
    Highlight Highlight 3000 serben und mehr sind in srebrenica getötet worden... dies erwähnt niemand... das sind alles menschenleben... traurige welt
    • dr_b 11.07.2015 13:41
      Highlight Highlight Würden Sie den Vergleich auch bringen, wenn an den Holocaust gedacht wird?

      Überlegen Sie sich bitte vorher, was Sie schreiben.
      Das eine hat mit dem anderen rein garnichts zu tun!
    • Rukfash 11.07.2015 13:46
      Highlight Highlight sägsali, dies hast du wohl aus den Kommentaren von 20 Min. gelesen, doch ich kläre dich schnell auf, diese 3000 Serben waren zwischen 92-95 meistens Soldaten die im "Kampf" gefallen sind und dies bestätigte auch Den Haag sowie viele serbische Zeitzeugen, kannst gerne mal recherchieren gehen :)..
    • Amanaparts 11.07.2015 17:22
      Highlight Highlight Noch nie gehört. Quelle? Oder einfach mal was behaupten!
  • Kenner 11.07.2015 11:53
    Highlight Highlight «Für jeden getöteten Serben bringen wir 100 Muslime um». Kapier ich jetzt nicht....
    Da entschuldigt sich Herr Vucic für seinen erfolgreich umgesetzten Plan?
    Und so einer ist jetzt Ministerpräsident? Heuchler
    • Amanaparts 11.07.2015 12:41
      Highlight Highlight So ist das halt in Serbien. Wenn du kein ehemaliger Kriegsverbrecher in einem von 4 Konflikten warst, fehlt dir die nötige Zustimmung im Volk um in ein politisches Amt gewählt zu werden.

      Srebrenica war Völkermord!!

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