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«Und dann hat der gedacht, er könne einfach kommen und Chef werden, hahaha» – auch bei Schimpansen wird keinesfalls immer der Stärkste der Boss.  
Bild: shutterstock

Wenn Affen einen Bundesrat wählen würden: So geht Politik in der Tierwelt

Warum kommt uns immer gleich die Schimpansenhorde in den Sinn, wenn wir «Politik» hören? Und sind Schimpansen gar die besseren Politiker? Ein Blick über den Tellerrand. 
10.12.2015, 08:0010.12.2015, 08:14
Christoph Bopp / Aargauer Zeitung

Politik ist auffällig. Wenigstens liefert dieser Satz eine vernünftige Erklärung, warum wir vor allem dann auf den Vergleich mit dem Tierreich kommen, wenn es um Politik geht. Denn dort gibt es Alpha-Männchen, Imponiergehabe, Revierkämpfe und all das (vom ganzen Spektrum des Brunstverhaltens, das auch interessant ist, sei für einmal abgesehen). Und diese Dinge sind es ja, die uns auch in der Tierwelt auffallen. Und der nächste Schritt wäre dann der, dass sich im Politikerverhalten noch ein Anachronismus zeigt, ein Verhalten, das der Mensch doch schon eigentlich hinter sich gelassen habe.

Oder es ist umgekehrt. Und wir schauen dann unsern Vettern, den Schimpansen, zu, die sich offensichtlich gleich benehmen wie unsere Volksvertreter im Bundeshaus. Glauben wir dem Primatologen Frans de Waal, finden wir bei den Schimpansen bereits alles, was eine Bundesratswahl ausmacht: Intrige, Kollaboration, Verrat, Kooperation, Koalition, Mobbing, Täuschung, Heuchelei – und der Titel des Buches hiess denn auch auf Deutsch «Wilde Diplomaten». Der englische Titel erklärt das Erstaunen besser, das es auslöste: «Peacemaking among Primates» – Wie Primaten untereinander Frieden schliessen.

Affen im Bundeshaus oder Politiker im Affenhaus?

Die Gemütslagen auszuloten, die jeweils zu der einen oder anderen Perspektive führen, ist schwer. «Es geht zu wie im Affenhaus», ist als Einschätzung der Situation wohl treffend, aber gleichzeitig ist höchst fraglich, ob es denn auch berechtigt ist, durch sein Politikerabschätzen unseren Verwandten derart zu diffamieren. Und ob den Schimpansen unser Rühmen, die seien «doch eigentlich klüger, als wir dachten», nicht in den falschen Hals gerät, wissen wir auch nicht.

Verstehen sich auf Politik bestens: Schimpansen kennen sich mit Intrigen, Mobbing und Koalitionen aus.&nbsp;<br data-editable="remove">
Verstehen sich auf Politik bestens: Schimpansen kennen sich mit Intrigen, Mobbing und Koalitionen aus. 
Bild: AP dapd

Beide Perspektiven sind falsch. Die Wahrheit ist, dass die Kräfte, die unser soziales Verhalten antreiben, stammesgeschichtlich weit zurückliegen, wahrscheinlich schon bei unseren gemeinsamen Vorfahren vorhanden waren. Machiavelli trug dann nicht nur ein Fellkleid, sondern spürte auch noch den Hauch des Raubtiers in seinem Nacken. Was sogar einen Geist wie ihn dazu brachte, den Schutz, den die Gruppe brachte, höher einzuschätzen als die Kooperation, die sie forderte.

«Politik ist», sagte der amerikanische Politologe Harold Laswell einmal, «ein sozialer Prozess», mit dem ausgemacht werde, «wer kriegt was, wann und wie». Man darf getrost annehmen, dass der Satz auch im Tierreich gilt. Und dann finden sich solche Prozesse eben in allen Fällen, wo Individuen sich zu Gruppen zusammenschliessen. Oder anders: Aristoteles’ berühmte Definition des Menschen als des «politischen Tiers» stimmt nicht.

Vom Staat über Herde und Rudel zur Gruppe

Fassen wir zusammen. Soziale Hierarchien bieten evolutionär in vielen Fällen einen Selektionsvorteil. Staatenbildende Insekten, Ameisen, Bienen, Termiten und dergleichen sind perfekt organisiert mit Arbeitsteilung bis in die Nachwuchsproduktion hinein.

Etwas chaotischer soll es bei den Wespen zugehen. Ihnen steht der soziale Status «ins Gesicht geschrieben», sie unterscheiden sich durch die Flecken an der Vorderseite des Kopfes. Dominante Tiere geniessen Privilegien: Weniger arbeiten, mehr eigene Eier, die Möglichkeit intensiverer Brutpflege. Experimente mit «maskierten Wespen» zeigten, dass ziemlich brutal verfolgt wird, wer sich einen zu hohen Status anmasst. Leider ist auch beim Nacktmull, einem mausähnlichen Nagetier von ungefähr zehn Zentimeter Körperlänge, das Kinderkriegen «Königinnen» vorbehalten. Das stört ein bisschen die Ordnung.

Tiere haben Empathie gegenüber Dritten

Das «soziale Verhalten» ist aber auf jeden Fall weitgehend genetisch, fixiert. Freiwilliger scheint es bei den Huftieren, Fischen oder Vögeln zuzugehen. Hier nennt man das Zusammenleben dann Herde oder Schwarm. Die einzelnen Tiere leben zwar zusammen, kennen sich aber nicht. Dass sie Herden bilden und bei Gefahr nicht fortlaufen, hat einigen Spezies den zweifelhaften Vorteil eingetragen, dass der Mensch sie «domestizieren» konnte. Das lässt sich mit flüchtenden Herdentieren, wie Hirsche», weniger gut machen.

Die nächste (nächsthöhere?) Organisationsform ist das Rudel. Während viele moderne Hominiden ein Problem damit haben, für «Herdentiere» gehalten zu werden – obwohl sie es in vielen Fällen sind – ist die Abneigung gegenüber dem Rudel weniger gross. Hier kennen sich die Individuen und die soziale Ordnung wird ziemlich öffentlich ausgespielt. Dass die Ethologen vom Begriff «Hackordnung» auf «Rangordnung» downgegraded haben, spricht für sich. Schön ist, dass bei Wölfen, auch bei anderen Jägern, das Rudel eine Art Grossfamilie ist, in der das Alpha-Paar herrscht, die jeweils zweite Generation muss bei der Aufzucht der Jüngsten helfen, dann aber das Revier verlassen. Beissen dürfen sich die Jungwölfe, aber Sex mit der Mutter geht nicht.

In einer Gruppe, in einem Clan, zu leben, ist – die meisten modernen Hominiden wissen das, – anspruchsvoll. Bedingung ist nicht nur Empathie, also gegenseitige Gefühle, sondern besonders die Fähigkeit, die Perspektive des anderen einzunehmen. Das ist mehr als Sympathie. Und auch menschliche Babys müssen es lernen. Schreien im Chor, das ist Nachahmung, aber einen Kollegen zu trösten, der schreit, das ist es. «Triadic awareness», Bewusstsein auch bezüglich Dritter: Wir müssen auch sehen und einschätzen, wer mit wem welche Allianzen unterhält. Die Forschung sagt uns, dass es dazu besondere geistige Kapazitäten braucht. Nenne es «Intelligenz», wer will.

Die weisen Mütter der Elefantengruppe

Jetzt auf

Denn auf den Menschen ist das Gruppenleben nicht beschränkt. Nicht nur Primaten, auch Elefanten und Delfine leben so. Bei den Elefanten imponieren uns nicht nur die Bullen mit ihren Stosszähnen, sondern dass die Gruppe meist durch eine erfahrene «Leitkuh» geführt wird, welche Gegend und Futtersituation kennt. Das erinnert uns nicht nur an den mysteriösen Kult der «Grossen Göttin», sondern auch an die Aussagen mancher Ethnologen, dass Indianerstämme in der Regel von «Matronen» geführt wurden. Die «Kriegshäuptlinge» gab es nur in Notlagen und auf Zeit – wie «unseren General» auch.

Im Verhalten «sozialer Tiere», gibt es Kontinuitäten weit über die Primaten hinaus. Nicht nur genetisch sind uns die Schimpansen aber offenbar am nächsten: Sie können sehr brutal sein, kämpfen ums Revier, um Frauen und um Futter, sind aber handkehrum auch fähig, freundlich zu sein. Nicht immer ist der Stärkste der Boss. Sehr oft gibt es die «kleinen Hinterlistigen» oder den Mafia-Capo, der sich durch ein raffiniertes System von Bestechungen Macht zu verschaffen und zu erhalten weiss. Und es gibt auch die «alten Strippenzieher» in den Hinterzimmern, die sich (zu) lange halten. (aargauerzeitung.ch)

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