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Mittelfinger des Anstosses: Das Video mit Finanzminister Varoufakis.  Bild: screenshot/youtube

Varoufakis und seine Vorgänger: Diese Medienbeiträge veränderten den Lauf der Geschichte

Der Varoufakis-Mittelfinger hat die deutsch-griechischen Beziehungen auf einen neuen Tiefpunkt gebracht. Natürlich wird die Bundeswehr deswegen nicht gleich in Griechenland einmarschieren – doch die Geschichte kennt Fälle, da führte eine Provokation in den Medien zu einem realen Krieg.



Der satirische Mittelfinger-Fake-Fake von Jan Böhmermann hat in der deutschsprachigen Medienlandschaft gewaltig Staub aufgewirbelt. Da denkt man unwillkürlich an frühere Medienereignisse, die ungeahnte Folgen hatten und tatsächlich den Lauf der Geschichte veränderten. Vier Beispiele. 

Die Emser Depesche führt zum Deutsch-Französischen Krieg

Wir schreiben das Jahr 1870. Die aufstrebende Grossmacht Preussen ist dabei, die deutschen Länder unter ihrer Führung zu einem Reich zusammenzufassen. Bereits ist Norddeutschland faktisch geeint. Zwei hauptsächliche Hindernisse stehen der Gründung eines umfassenden deutschen Nationalstaats im Weg: Das Widerstreben der süddeutschen Staaten, ihre Souveränität aufzugeben, und der Widerstand Frankreichs gegen die Bildung eines gesamtdeutschen Kolosses. 

bismarck

Den «gallischen Stier» gereizt: Otto von Bismarck Bild: wiki

Ausgerechnet jetzt beschliesst das Parlament in Madrid, den vakanten spanischen Thron einem Hohenzollern zu übertragen – der Dynastie also, die Preussen regiert. Die «spanische Bombe» führt in Frankreich zu derart geharnischten Reaktionen, dass sich der Hohenzollern-Kandidat zurückzieht. Das reicht Paris nicht: In Bad Ems verlangt der französische Botschafter vom preussischen König Wilhelm I. eine Zusicherung, dass die Hohenzollern auf alle Zeiten auf den spanischen Thron verzichten. 

Die Gelegenheit für Bismarck

Wilhelm, der den Franzosen bereits entgegengekommen ist, weist das Begehren ab und informiert seinen Regierungschef, Otto von Bismarck, per Depesche über den Vorfall. Das ist die Gelegenheit, auf die der durchtriebene Bismarck gewartet hat: Er veröffentlicht die Emser Depesche des Königs in stark gekürzter und damit provokativer Form als «rotes Tuch» für «den gallischen Stier». 

Die öffentliche Empörung in Frankreich ist enorm. Unter dem Druck der Strasse macht Napoléon III. mobil, am 19. Juli 1870 erklärt Paris Preussen den Krieg. Damit ist der Bündnisfall gegeben – die süddeutschen Staaten müssen, wie von Bismarck geplant, Berlin beistehen. 

Mit der Niederlage im Deutsch-Französischen Krieg geht das zweite französische Kaiserreich unter. Damit ist auch das zweite Hindernis beseitigt, das der Bildung eines deutschen Reiches entgegensteht. 

Ein Schmähartikel löst die Revolution im Iran aus

Am 7. Januar 1978 erscheint in der iranischen Tageszeitung «Ettela'at» ein Artikel, der einen im Exil lebenden Gegner des Schah-Regimes namens Ruhollah Chomeini schwer beleidigt und verunglimpft. Unter dem Titel «Der Iran und der schwarze und rote Kolonialismus» klagt der Autor unter dem Pseudonym Ahmad Rashidi Motlagh den Ajatollah unter anderem an, er sei ein «Mann mit undurchsichtiger Vergangenheit», der «den reaktionärsten und fundamentalistischsten Schichten» angehöre. 

Die Schmähschrift löst zunächst einen Sturm der Entrüstung unter Studenten, Theologen und Einwohnern der Stadt Qom aus, die eine der wichtigsten heiligen Stätten der Schiiten ist. Zwei Tage nach Erscheinen des Artikels feuert die Armee in die Menge, um die Demonstration aufzulösen. Mindestens sieben, möglicherweise aber bis zu 80 Menschen sterben. 

In this Sunday, Jan. 14, 1979 picture, a demonstrator is helped up from the ground by a soldier after being clubbed with a stick-weilding army officer, left, during a skirmish between demonstrators and the army in downtown in Tehran. Soldiers had orders to use clubs instead of their guns when dealing with the demonstrators. The popular revolt against the shah raised alarm bells in the West, which saw the shah as a trusted ally and counterweight to hard-line Arab regimes and Palestinian radicals. The face of the revolution was Ayatollah Ruhollah Khomeini, whose demeanor, vehemently anti-American rhetoric and stern interpretation of Islam challenged not only Western interests but also Western values. (AP Photo/Aristotle Saris)

Kein Ende der Proteste: Demonstration in Teheran, Januar 1979. Bild: AP

Kriegsrecht und Massendemos

Statt die Proteste zu ersticken, befeuert dieses Blutbad den Aufstand. 40 Tage danach – als nach schiitischer Tradition das Totengedenken stattfindet – kommt es erneut zu Ausschreitungen, und nicht nur in Qom. Die Proteste hören nicht mehr auf. Anfang September verhängt der Schah das Kriegsrecht, dennoch kommt es regelmässig zu Massendemonstrationen. Im Januar 1979, ein Jahr nach dem Artikel in «Ettela'at», lassen die USA den Schah fallen. 

Khomeini Rückkehr 1979

Triumphale Rückkehr: Khomeini am Flughafen von Teheran.  Bild: Wikipedia

Am 1. Februar kehrt Ajatollah Chomeini triumphal in sein Heimatland zurück und pflückt die Macht wie eine überreife Frucht. Nach letzten Strassenkämpfen ist das alte Regime Mitte Februar vollständig zusammengebrochen. Kurz darauf proklamieren die neuen Herren die Islamische Republik. 

«Geschenk des Himmels» für Chomeini

Der Schmähartikel war, wie der iranisch-deutsche Autor Bahman Nirumand schreibt, ein «Geschenk des Himmels» für Chomeini. Zuvor hatte man den Ajatollah in seinem Pariser Exil jahrelang totgeschwiegen – jetzt weckte die plötzliche Verleumdungskampagne das Interesse von Leuten, die ihn tatsächlich fast vergessen hatten. Dieser Schuss, das kann man getrost sagen, ging hinten heraus. 

Mohammed-Karikaturen erzürnen die islamische Welt

Es ist nur eine Serie von zwölf Karikaturen, die am 30. September 2005 in der dänischen Zeitung «Jyllands-Posten» erscheinen. Doch die satirischen Zeichnungen entwickeln eine ungeahnte Sprengkraft. 

Der Sprengstoff ist das Sujet: der islamische Prophet Mohammed. Für viele Muslime ist es eine Sünde, den Religionsstifter bildlich darzustellen – geschweige denn, ihn zum Objekt von Hohn und Spott zu machen. Doch der Skandal, den die dänische Zeitung wohl kalkuliert provozieren will, bleibt zunächst aus. 

Jyllands Posten

Die wohl bekannteste Karikatur aus der Serie. Zeichner Westergaard lebt seither unter Polizeischutz.  Bild: Kurt Westergaard

Erst als Anfang 2006 zwei dänische Imame ein Dossier mit den Karikaturen – angereichert um einige entwürdigend-obszöne Darstellungen des Propheten – erstellen und im Nahen Osten damit hausieren gehen, entzündet sich ein Flächenbrand der Empörung in der islamischen Welt. 

Boykotte und Brandbomben

Dänische Waren werden boykottiert, dänische Botschaften abgefackelt. Es gibt Tote, hunderte. Der geistliche Führer der Islamischen Republik Iran, Ajatollah Chamenei, behauptet im Fernsehen, die Karikaturisten seien von Juden bezahlt worden. Hamas-Führer Khaled Mashal fordert Europa auf, sich zu entschuldigen: «Morgen schon werden wir auf dem Weltenthron sitzen … entschuldigt Euch heute, bevor es zu spät ist.» 

An Iranian student throws a 'Molotov cocktail' at the Danish Embassy on Tuesday, 10 October 2006 in Tehran as some 200 Iranians attempted to set fire to the Danish embassy building in Tehran, where they had gathered to protest what they described as renewed insults to Islam‘s Prophet Mohammad in a video aired on Danish television.  EPA/ABEDIN TAHERKENAREH

Ein Demonstrant wirft einen Molotow-Cocktail auf die dänische Botschaft in Teheran. Bild: EPA

Auch im Westen gibt es Kritik an der Aktion: Der deutsche Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass bezeichnet sie als «bewusste und geplante Provokation eines rechten dänischen Blattes». Andere verteidigen den Abdruck der Karikaturen mit dem Hinweis auf die Meinungsfreiheit.  

Die Medien im Westen reagieren unterschiedlich auf die Situation. Die meisten drucken die Karikaturen nicht nach, andere schon. Darunter befindet sich ein französisches Satiremagazin, das die Zeichnungen in einer Sonderausgabe veröffentlicht. Sein Name: «Charlie Hebdo». 

Orson Welles versetzt New York in Panik

Es ist ein packendes Hörspiel, das der amerikanische Radiosender CBS 1938 am Abend vor Halloween ausstrahlt. Grundlage der Sendung ist das Buch «Krieg der Welten», das der britische Autor H. G. Wells vierzig Jahre zuvor veröffentlicht hat. 

Das erst 23-jährige Multitalent Orson Welles, ebenfalls ein Brite, hat die Science-Fiction-Story von den Marsianern, die Tod und Verderben säend England überfallen, zusammen mit dem Drehbuchautor Howard Koch als fiktive Reportage inszeniert und den Schauplatz kurzerhand in die USA verlegt. 

Hitzekanonen im Central Park

Zwar macht CBS zu Beginn der Sendung klar, dass es sich um Fiktion handelt. Doch viele Zuschauer schalten an diesem 30. Oktober 1938 erst später zu; manche von ihnen halten das Hörspiel für einen Live-Bericht: Aliens pulverisieren harmlose US-Bürger mit Hitzekanonen und erobern den Central Park! 

Die neuartige Inszenierung, bei der das Musikprogramm durch stets dramatischere Eilmeldungen unterbrochen wird, wirkt täuschend echt. Manche Radiohörer geraten in Panik. Von den verängstigten Zuhörern rufen viele den Radiosender an, das Telefonnetz im Grossraum New York ist überlastet. 

FILE - This undated file photo provided by Heritage Auctions shows Orson Welles' personal copy of a souvenir program from his classic 1941 film,

Orson Welles wurde vor allem als Regisseur bekannt. Sein «Citizen Kane» wird oft als bester Film aller Zeiten genannt. Bild: AP/Heritage Auctions

Heute heisst es oft, die Sendung habe zu einer beispiellosen Massenpanik geführt; tausende seien hysterisch geflohen, einige Verzweifelte hätten sich gar das Leben genommen. Diese Berichte dürften massiv übertrieben sein – vermutlich wollte die Tagespresse danach mit Sensationsberichten Leser gewinnen und das junge Konkurrenzmedium Radio in Verruf bringen. 

Hörspiel als Karriereturbo

Für Welles und Koch wird die Sendung zum Karriereturbo: Sie werden weltberühmt. Die fiktive Reportage schreibt Mediengeschichte. 1939 nimmt sogar Adolf Hitler in einer Rede darauf Bezug: 

«Der Grund für diese Furcht [vor Kriegen] liegt ausschliesslich in einer ungezügelten, ebenso verlogenen wie niederträchtigen Pressehetze, in der Verbreitung übelster Pamphlete über fremde Staatsoberhäupter, in der künstlichen Panikmache, die am Ende so weit führt, dass selbst Interventionen von Planeten für möglich gehalten werden und zu heillosen Schreckensszenen führen.»

Die Furcht vor Kriegen war 1939 freilich nicht ohne Grund – «niederträchtige Pressehetze» hin oder her. 

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Die berühmte Radiosendung: «The War of the Worlds», 1938. Video: Youtube/Newseum

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