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Mit dabei: die junge Meryl Streep. bild: wikimedia

Als die US-Serie «Holocaust» Deutschland veränderte 

Vor 40 Jahren ging eine Serie um die Welt – «Holocaust». Nur in Deutschland gab es erbitterten Widerstand gegen die Ausstrahlung. Am Ende lief sie im Dritten Programm. Eine Dokumentation zeigt, was dann geschah.



Man kann es sich heute nicht mehr vorstellen, aber das Wort «Holocaust» war bis vor 40 Jahren in der deutschen Bevölkerung unbekannt. Erst mit der US-Serie dieses Namens, die ab 22. Januar 1979 erstmals ausgestrahlt wurde, etablierte sich der Begriff. Und erst mit «Holocaust» wurde der Völkermord an den Juden für Millionen Deutsche konkret. Viele Ältere, die noch selbst die Nazizeit miterlebt hatten, vergossen damals Tränen - nicht über reale Menschen, sondern über die fiktive Familie Weiss.

Der Ankauf der US-Serie war überaus umstritten – das dokumentiert jetzt der Film «Wie ‹Holocaust› ins Fernsehen kam», der am Montag, 14. Januar, im WDR und am Mittwoch, 16. Januar, im NDR und SWR gezeigt wird. Auch die Serie selbst wird derzeit wiederholt.

Bei einem Reaktionen-Interview gerieten sich zwei alte Männer in die Haare

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Video: YouTube/AP Archive

Serie ging an DDR-Bürgern vorbei

«Diese Sendung ‹Holocaus› war nach meiner Erinnerung die umstrittenste Sendung, die der WDR je hatte», sagt Petra Witting-Nöthen, die das historische Archiv des Senders leitet. Der damalige WDR-Fernsehspielchef Günter Rohrbach bekam Morddrohungen, auf zwei Sendemasten wurden Sprengstoffanschläge verübt.

Die Rechten ereiferten sich über die «Hetzserie», die Linken lehnten das «kommerzielle Hollywood-Melodrama» aus Amerika ab.

In der Politik, in der Presse und in der Bevölkerung - überall gab es Bedenken: Die Rechten ereiferten sich über die «Hetzserie», die Linken lehnten das «kommerzielle Hollywood-Melodrama» aus Amerika ab. Viele Intellektuelle waren der Meinung, dass man die Massenvernichtung überhaupt nicht in Unterhaltungsfilmen aufbereiten dürfe. Und deutsche Filmemacher äusserten sich abfällig über manche Kameraeinstellung.

«Stellen Sie sich mal vor: Die ganze Welt sendet es – aber die Deutschen haben ästhetische Bedenken», sagt der heute 90 Jahre alte Rohrbach. Eine Ausstrahlung in der ARD konnte aber auch er nicht durchsetzen – als Kompromiss landete die Serie in den Dritten Programmen, die sich dafür immerhin auf gemeinsame Sendetermine einigten. An den meisten DDR-Bürgern ging die Serie dadurch vorbei: Sie konnten nur ARD und ZDF empfangen.

Treffen der Schreibtischmörder: Die Teilnehmer an der Wannsee-Konferenz 1942

Die Geschichte aus der Opferperspektive

Als der Vierteiler erst einmal lief, entfaltete er sofort eine enorme Wirkung. Nach WDR-Angaben hat damals fast die Hälfte der Bundesdeutschen über 14 Jahren wenigstens einen Teil der Serie gesehen. «Es war ein gewaltiger Erfolg», erinnert sich Rohrbach, «und der Erfolg bestand aber in einem Entsetzen».

Deutsche Filmemacher und Schriftsteller fragten sich, warum ihnen keine vergleichbare Erschütterung gelungen war. Zumal «Holocaust» noch nicht einmal für das deutsche Publikum konzipiert war, sondern eben für amerikanische Zuschauer.

Die Antwort ist wohl: «Holocaust» erzählte das Geschehen einerseits aus der Opferperspektive. Das Leid von Millionen wurde in einem Einzelschicksal verdichtet – ähnlich wie dies auf andere Weise das «Tagebuch der Anne Frank» tut. Mit den Hauptfiguren der Serie konnte man sich identifizieren, es waren richtige deutsche Bildungsbürger mit Flügel und Goethe-Gesamtausgabe.

Auch in der Schweiz berührte «Holocaust» die Zuschauer

Dadurch dass jedoch gleichzeitig in einem zweiten Handlungsstrang die Karriere des Nazis Erik Dorf nachgezeichnet wurde, war es den Zuschauern, die selbst noch die Nazizeit erlebt hatten, nicht möglich, sich auch zum Opfer zu stilisieren.

«Wie erklären wir unseren Kindern, dass wir das nicht verhindert haben?»

Die Frage, wo man selbst gestanden hatte, war unausweichlich. Und so wollten denn auch viele Zuschauerinnen und Zuschauer in den anschliessenden Diskussionsrunden wissen: «Wie erklären wir unseren Kindern, dass wir das nicht verhindert haben?» Die Antwort darauf konnte ihnen kein Studioexperte geben.

Serie löste viel aus

Einer Umfrage zufolge zeigten sich nach der Ausstrahlung 64 Prozent der Zuschauer erschüttert, 22 Prozent gaben an, fast geweint zu haben. Das war für die damalige Zeit aussergewöhnlich, denn das Deutschland des Jahres 1979 war den Verbrechen noch sehr nahe.

Wenn man von dort noch einmal 40 Jahre zurückrechnet, befindet man sich im Jahr 1939. Wie die Filmemacherin Alice Agneskirchner recherchiert hat, schickten sogar viele ehemalige Wehrmachtssoldaten Fotos ein, die die Massenmorde während des Russlandfeldzugs dokumentierten.

«Erst durch diesen Film ist so etwas wie Erinnerungskultur in Deutschland entstanden», sagt der Direktor des NS-Dokumentationszentrums Köln, Werner Jung. Wenige Monate später entschied der Bundestag in einer Abstimmung, dass die Massenmorde aus der Zeit des Nationalsozialismus nicht verjähren sollten. Die Mehrheit dafür war nur knapp: 255 zu 222. Man kann sich fragen, wie sie ohne die «Holocaust»-Serie ausgefallen wäre. (sda/dpa)

Auf Youtube kannst du die gesamte Serie anschauen:

Teil 1

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Video: YouTube/Bechhower BUB

Teil 2

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Video: YouTube/Bechhower BUB

Teil 3 und 4

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Video: YouTube/Bechhower BUB

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Video: srf

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    Alle Leser-Kommentare
  • Falko Giesner 13.01.2019 08:46
    Highlight Highlight Danke für den Artikel. Dass die Serie damals in der ehemaligen DDR kaum gesehen werden konnte erklärt so einiges. Dafür, dass sie endlich zur besten Sendezeit in die Hauptprogramme kommt, mache ich mich gerade stark: https://www.change.org/p/serie-holocaust-in-die-hauptsendezeit-ardde-zdf
  • Makatitom 12.01.2019 21:53
    Highlight Highlight Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Filme Holocaust und Shoa sowie die Bücher 1984, Farm der Tieren und schöne neue Welt Pflichtstoff an den Schulen sein sollten
    • Roterriese #DefendEurope 13.01.2019 11:14
      Highlight Highlight Dazu noch das Schwarzbuch des Kommunismus und dann bin ich mit der Liste einverstanden.
  • Dömzger 12.01.2019 17:48
    Highlight Highlight Ich sah die Serie als Halbwüchsiger und sie hat mich bis heute geprägt. Klar, filmtechnisch ist sie verstaubt, aber die Intensität und Eindringlichkeit der Geschichte ist nach wie vor erstaunlich. Und: ich bin Fan von Meryl Streep. Die Serie sucht nach Gründen, wie eine Kulturnation wie Deutschland in die totale Barbarei geraten konnte. Mir ist es bis heute unverständlich.
  • sikki_nix 12.01.2019 10:54
    Highlight Highlight "Wie erklären wir unseren Kindern, dass wir das nicht verhindert haben?" - Eine starke Frage, derem Antwort eine schmerzhafte Auseinandersetzung mit den eigenen Prinzipien Bedingt. Vielleicht war es eine Mischung aus Gehorsamkeit, Hoffnung auf eine grosse Zukunft und eine gehörige Portion Wohlstandslindheit? Es ist schwierig zu sagen und ich hoffe ich muss mir in 10 - 20 Jahren nicht dieselbe Frage stellen
  • stookie 12.01.2019 08:53
    Highlight Highlight Kannte die Serie bereits als Kind und sehe sie gerade wieder an. Heute mit eine beklemmenden Gefühl und einem Kloß im Hals.
    Absolut sehenswert und ich bin auf die “making of” gespannt.
  • Palpatine 12.01.2019 07:05
    Highlight Highlight Ja, die Wirkung der Sendung war enorm. Ich hab die Sendung wohl so vor 25 Jahren gesehen, als ich ein Teenager war. Gewisse "Bilder" habe ich immer noch in Kopf (um nur eines zu nennen: Wie gewisse Protagonisten kurz vor der Massenerschiessung von Babbi Jar noch fliehen können und dann von einem Versteck in der Nähe alles mirkriegen).

    Noch viel mehr erschüttert hat mich als Teenager der (ich glaub weissrussische) Film "Come and See", der darum geht, wie eine SS-Einheit ein Dorf an der Ostfront vernichtet.
  • Thomas Bollinger (1) 12.01.2019 02:10
    Highlight Highlight Ich war damals 14 - ich kann mich gut erinnern. Das erzählte Entsetzen wurde plötzlich zum unauslöschbaren Bild. Damals hatten wir vielleicht 4 oder 5 Fernsehsender, kein Internet, kaum farbig gedruckte Medien. Die Wirkung war enorm, jeder hats geschaut. Kann man sich heute fast nicht vorstellen, dass die Hälfte der Leute gleichzeitig das selbe zu Hause ansehen - und am nächsten Tag war es natürlich Tagesgespräch.
    • propi 12.01.2019 04:17
      Highlight Highlight Und am übernächsten Tag war's 'Geschichte'
    • Phrosch 12.01.2019 10:51
      Highlight Highlight Nein, propi, so schnell ging das nicht. Die Serie hat auch in der Schweiz dazu geführt, dass der Schrecken spürbar wurde. Ich war im Gymi, meine Eltern hatten den Krieg erlebt und von all den Dingen gewusst. Aber von etwas wissen und es als Schicksal realer Menschen vor Augen geführt bekommen ist ein grosser Unterschied. In der Familie oder Schule haben wir wochenlang diskutiert, zumal ja jede Woche nur eine Folge gezeigt wurde und man gespannt wartete, wie es weitergeht.
  • karl_e 12.01.2019 00:18
    Highlight Highlight Wir konnten damals auch nur ARD und ZDF empfangen, aber keine Dritten. Warum habe ich dann diese Serie trotzdem sehen können?
    • Palpatine 12.01.2019 08:20
      Highlight Highlight Vermutlich in einer späteren Wiederholung. Ich war ein Teenager, als ich es im TV geguckt habe, muss also zweite Hälfte der 80er oder früheste 90er gewesen sein.
  • elias776 12.01.2019 00:13
    Highlight Highlight Und genau darum ist es so wichtig das Nationen ihre dunklen Jahre aufarbeiten, wo noch viele Länder nachholbedarf haben wie zbsp. Brasilien,Spanien...
    • Palpatine 12.01.2019 08:22
      Highlight Highlight Oder Frankreich - sei es in Algerien oder bei der Kollaboration mit Hitler-Deutschland. Wird beides totgeschwiegen.
  • Rabbi Jussuf 11.01.2019 22:31
    Highlight Highlight 1/2
    Schön und gut. Damals war das wohl das Richtige.
    Aber ich habe den Eindruck, die Deutschen (und nicht nur die) sind so sehr mit dieser "Erinnerungskultur" geimpft worden, dass sie nicht mehr sehen, was in der Gegenwart los ist. Der Antisemitismus blüht an allen Fronten wieder auf - nur nicht dort, wo ihn die meisten verorten: bei irgendwelchen imaginären Nazis. (Die gibt es fraglos immer noch, aber das sind Randfiguren.)
    Der aktive Antisemitismus blüht grade in den Reihen auf, die sich um diese ominöse "Erinnerungskultur" bemühen, die immer noch meinen, sie hätten eine Schuld abzutragen.
    • Rabbi Jussuf 12.01.2019 11:14
      Highlight Highlight 2/2
      Aber jetzt haben sie das Los der „zu spät Gekommenen“. Man kann den Holocaust von damals nicht mehr verhindern. Darum wird Ersatz gesucht. Einerseits sieht man die Muslime als die neuen Juden, die es zu beschützen gälte, andererseits lanciert man einen Kampf gegen Rechts und meint damit die alten Schulden und das schlechte Gewissen zu tilgen.
      Das funktioniert nicht! Es führt nur in die nächste Katastrophe! Es laufen, wie damals wieder Massen hinter totalitären Ideologien her. Die nennen sich nicht mehr Faschisten, sondern Antifaschisten.
  • broccolino 11.01.2019 22:21
    Highlight Highlight Spannender Artikel! Ich hatte noch nie etwas von dieser Serie gehört und auch nicht gewusst, dass das Wort sich erst damit etablierte. Danke für diesen Text!
    • Palpatine 12.01.2019 08:23
      Highlight Highlight Nicht nur von jüdischer Seite. Wir Historiker sprechen auch nicht von Holocaust, sondern eben von Shoah.
    • Shelley 12.01.2019 12:47
      Highlight Highlight @Klugmann. Ihr Kommentar zeigt ein gravierendes Problem. Anstatt sich auf die wichtigen Inhalte und Wirkungen der Serie zu fokussieren, wird nörgelnd auf die vielleicht nicht vollständig korrekte Begrifflichkeit resp. mangelnde Ästhetik hingewiesen. Mehr als nur peinlich. Problem nicht erkannt, ungenügend kommentiert.
  • Graviton 11.01.2019 22:18
    Highlight Highlight Leute... Ich hab‘ zu tun. Ihr könnt mir doch nicht einfach so mal über 6 Stunden Filmmaterial mit Kultstatus vor die Nase setzen. Echt ey.
  • geronimo4ever 11.01.2019 22:17
    Highlight Highlight Als das ausgestrahlt wurde war ich noch so jung und musste noch das ok einholen. Was mich verwundert ist, dass die USA und GB die Erinnerungen sehr früh aufgenommen haben und den Zugang zu diesem Teil der deutschen Geschichte erschlossen haben. Beim Spiegel werden die Gräben und Schützengräben bis heute noch gepflegt. Aktuell ist man sogar der Meinung, dass man afrikanische Raubkunst nicht den Afrikanern überlassen bzw. zurückgeben kann/darf und diese Kunstwerke und kulturelle Erben nur in europäischen Händen gehören. Hat sich also nichts geändert?

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