Wissen
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Signs protesting the process of hydraulic fracturing, also known as fracking, are seen near the town of Calicoon Center, New York January 7, 2012.  Shale gas production has skyrocketed in recent years thanks to advances in fracking, which involves injecting a cocktail of water, sand and chemicals into the ground to extract natural gas and oil.  Picture taken January 7, 2012.   REUTERS/Les Stone   (UNITED STATES - Tags: ENVIRONMENT ENERGY) - RTR30DVW

Protest gegen Fracking im US-Bundesstaat New York.
Bild: © Stringer . / Reuters/REUTERS

Gefahr durch Fracking: Das Dreckwasser von Wyoming

Das umstrittene Fracking kann das Trinkwasser belasten. Ein beharrlicher US-Forscher hat das jetzt für ein Dorf exemplarisch nachgewiesen – gegen viele Widerstände.

Christoph Seidler



Ein Artikel von

Spiegel Online

Schule, Post, Baptistenkirche, ein paar niedrige Häuser und laut der letzten Statistik genau 231 Einwohner: Für Pavillion im US-Bundesstaat Wyoming würde sich eigentlich niemand interessieren, der von ausserhalb kommt. Doch weil hier Gas durch Fracking gewonnen wird – und weil es in der Folge Klagen über verschmutztes Trinkwasser gab –, ist das Örtchen zu einem Symbol geworden: Es geht um die Frage, wie sehr die umstrittene Fördermethode Umwelt und Menschen belastet. Und welche Rolle US-Behörden dabei spielen.

Um an im Gestein gebundenes Öl und Gas zu kommen, werden beim Fracking Chemikalien unter hohem Druck in den Boden gepresst. Gegner warnen vor möglichen Umweltgefahren. Nun ist im Fachmagazin «Environmental Science and Technology» eine Forschungsarbeit zum Thema erschienen – und zwar eine Fallstudie zu Pavillion. Sie legt nahe, dass das Grundwasser dort tatsächlich mit Fracking-Schadstoffen belastet ist. Und dass diese im Boden nach oben wandern. In Tiefen, die auch von Trinkwasserbrunnen erreicht werden.

abspielen

Animation: So funktioniert Fracking.
YouTube/Vlad Kozachenko

Dieses Ergebnis ist an sich schon interessant – aber noch interessanter ist die Art und Weise, wie es zustande gekommen ist. Denn zwischenzeitlich sah es so aus, als würde es die Forschungsarbeit nie geben. Nur ein frustrierter Wissenschaftler und seine Hartnäckigkeit haben dafür gesorgt, dass es anders gekommen ist.

Dieser Mann ist Dominic DiGiulio. Der Ingenieur hatte für die US-Umweltbehörde EPA (Environmental Protection Agency) gearbeitet. In Pavillion war er der führende Wissenschaftler bei der Untersuchung der angeblichen Trinkwasserverschmutzungen.

Im Jahr 2008 hatte es die ersten Beschwerden gegeben: Ihr Wasser rieche und schmecke schlecht, klagten Bewohner. Also hatte DiGiulio im Auftrag seiner Behörde Probebohrungen in den Grund treiben lassen, hatte zwischen 2009 und 2011 mehrere Messkampagnen durchgeführt und ausgewertet – und einen Bericht entworfen. Mehr als 120 Seiten waren es, voll mit Grafiken und Tabellen.

Das vorläufige Fazit: Bei den Messbohrungen hätten sich im Grundwasser von Pavillion unter anderem eine Reihe organischer Substanzen gefunden, die dort nicht hingehörten. Es spreche vieles dafür, dass die Chemikalien durch das Fracking ins Grundwasser gelangt seien und sich dort auch verteilten. Allerdings waren diese Schlussfolgerungen damals nicht von unabhängigen Forschern begutachtet worden.

Druck vom Senator, der den Klimawandel leugnet

Doch dann gab es Ärger: Der betroffene Gasproduzent Encana beklagte sich, andere Unternehmen der Branche ebenso. Und der Bundesstaat Wyoming gleich mit. DiGiulios Messbohrungen seien nicht in Ordnung gewesen.

Doch statt die Arbeit ihres Forschers zu verteidigen ruderte die EPA zurück. Sie kündigte an, ihren Bericht nicht fertigzustellen – und auch die Zwischenergebnisse nicht weiterzuverwenden. Unter anderem der republikanische Senator James Inhofe aus Oklahoma, ein notorischer Leugner des Klimawandels, habe massiv Druck auf die Behörde ausgeübt, war später zu hören.

Bild

Schiefergasförderung in den USA.
Spiegel.de

DiGiulios Arbeit war diskreditiert und sollte in der Schublade verschwinden. Die EPA übergab die Angelegenheit an den Bundesstaat Wyoming. Der liess sich die Arbeit seiner Forscher vom beschuldigten Gasproduzenten Encana mit 1,5 Millionen Dollar fördern.

Ausserdem nahmen sich die Behörden von Wyoming viel Zeit, legten bis heute nur Zwischenberichte vor, ohne ernst zu nehmende Ergebnisse. Einen Abschlussbericht soll es nicht geben.

«Es war mir wichtig, die Arbeit fertigzustellen»

Forscher DiGiulio war genervt, liess sich mit 57 bei der EPA in den Ruhestand versetzen, nach 31 Dienstjahren. Inzwischen arbeitet er als Gastforscher an der Stanford University. Dort brachte er die Sache nun zu Ende. «Es war mir wichtig, die Arbeit fertigzustellen und einen von anderen Wissenschaftlern begutachteten Fachartikel zu haben», sagt er im Gespräch mit Spiegel Online. Denn einige Fragen, um die es hier gehe, seien weit über die Gemeindegrenzen von Pavillion aus relevant.

Was den Forscher zusätzlich empört, ist einfach erklärt: Die US-Gesetzgebung erlaubt es, dass zur Öl- und Gasförderung Chemikalien notfalls auch in Grundwasserreservoire eingeleitet werden. «Ich kenne keine westliche Demokratie, wo so etwas möglich ist», klagt DiGiulio. Man könne doch nicht ernsthaft annehmen, das so etwas ohne Folgen für das Trinkwasser bleibe.

Aus diesem Grund lag es ihm am Herzen, den Fall Pavillion wissenschaftlich korrekt aufzuarbeiten – und dafür brauchte es Daten. Die besorgte sich DiGiulio von seinem alten Arbeitgeber. Mithilfe des US-Informationsfreiheitsgesetzes brachte er die gesammelten Messwerte aus den EPA-Archiven ans Licht.

This May 22, 2009 picture shows John Fenton, a farmer who lives near the rural community of Pavillion in central Wyoming, outside his log home near a tank used in natural gas extraction. Fenton and some of his neighbors blame hydraulic fracturing, or

Farmer in der Nähe von Pavillion, US-Bundesstaat Wyoming.

Mit Kollegen der Stanford University hat DiGiulio dann die aktuelle Arbeit verfasst. Diese belegt aus seiner Sicht, dass die Chemikalien aus Fracking-Bohrungen im Grundwasser tatsächlich durch den Sandstein im Untergrund in Bereiche gewandert sind, die zur Trinkwasserförderung genutzt werden können.

Dass die Menschen in Pavillion dieses Wasser bereits trinken, sagen DiGiulio und seine Kollegen ausdrücklich nicht. Für diese Aussage bräuchte man mehr Wasserproben aus den lokalen Trinkwasserbrunnen, erklären sie. Und die fehlten noch. Aber allein, dass ein konkretes Risiko für Verunreinigungen bestehe, sei Grund zur Sorge.

Auch der geologische Dienst USGS hat bereits Messdaten zu Grundwasserverschmutzungen in Pavillion veröffentlicht, wollte sich aber nicht zur Quelle des Drecks äussern. Das blieb Umweltschützern vorbehalten, die – wenig überraschend – die Gasförderung verantwortlich machten. Jetzt gibt ihnen DiGiulio Recht.

Gefahr bei Fracking in geringen Tiefen

Auch in Deutschland wird Fracking kontrovers diskutiert. Ein Gesetzentwurf der Regierung will oberhalb von 3000 Metern bestenfalls einige wissenschaftliche Probebohrungen zulassen. Einige der 44 Encana-Bohrlöcher in Pavillion sind dagegen noch nicht einmal 400 Meter tief. Dadurch seien die Gefahren für das Grundwasser besonders gross, sagt DiGiulio.

Im vergangenen Jahr hatte sein Co-Autor Rob Jackson nachgezählt: An 2600 Bohrlöchern in den USA habe das Fracking bisher oberhalb von 900 Metern stattgefunden – vor allem in Texas, Kalifornien, Arkansas. Und eben in Wyoming, wo Pavillion liegt. Für all diese Orte könnten die aktuellen Ergebnisse interessant sein.

Ein Encana-Sprecher erklärte «BuzzFeed News», es gebe «keinen Beweis», dass sich die Wasserqualität in den Brunnen von Pavillion geändert habe. Die Standards seien bei allen bisher gesammelten Wasserproben eingehalten worden.

Von der EPA heisst es, man werde sich die Arbeit von DiGiulio und seinen Kollegen genauso ansehen, wie man sich andere wissenschaftliche Literatur zum Thema ansehe.

Die Behörde hat übrigens im vergangenen Jahr den Entwurf für einen fast 1000-seitigen Bericht zu den Folgen von Fracking für das Grundwasser in den USA veröffentlicht. Die Schlussfolgerung des Mammutwerks: «Weitreichende, systemische Belastungen» des Trinkwassers in den USA gebe es nicht.

Eine Gruppe von Wissenschaftlern, die die Arbeit der Behörde überwachen, sah das Anfang dieses Jahres allerdings deutlich anders: Die Schlussfolgerungen seien «inkonsistent» mit den zugrunde liegenden Beobachtungen und Daten.

Ob die Aufseher die Behörde deswegen zum Nacharbeiten auffordern – erzwingen können sie eine Korrektur nicht –, entscheidet sich im Laufe dieses Jahres. Falls ja, dürfte der Artikel von Dominic DiGiulio und seinen Kollegen besondere Beachtung finden.

Das könnte dich auch interessieren:

Ueli, der Trump-Knecht: Die Schweiz als Spielball in Amerikas Iran-Politik

Link zum Artikel

Die wohl berühmteste Katze der Welt ist nicht mehr: Grumpy Cat ist tot

Link zum Artikel

Marco Streller: «Die ganz schlimmen Sachen sind 2018 passiert, nicht 2019»

Link zum Artikel

LUCA HÄNNI IST ESC-GOTT! So kam es dazu

Link zum Artikel

Der grosse Drogenreport: So dröhnt sich die Welt zu

Link zum Artikel

WhatsApp-Chat aufgetaucht! So kam es WIRKLICH zum Treffen zwischen Trump und Ueli Maurer

Link zum Artikel

Ein Computer-Programm lockte diesen Schweizer auf Kiribati – heute baut er dort Gemüse an

Link zum Artikel

Donald Trump empfängt Viktor Orban im Oval Office – nicht ohne Grund

Link zum Artikel

Ich habe meine Leistenprobleme an der Esoterikmesse heilen wollen – das kam dabei heraus

Link zum Artikel

8 Dinge, die an der zweitletzten Folge «Game of Thrones» genervt haben

Link zum Artikel

WhatsApp wurde gehackt – darum sollten Nutzer jetzt das Notfall-Update installieren

Link zum Artikel

Ja zur STAF, Ja zum Waffengesetz

Link zum Artikel

Soll man das Handy über Nacht aufladen? Hier sind die wichtigsten Akku-Fakten

Link zum Artikel

Darum ist die Polizei nicht gegen die GC-Chaoten vorgegangen

Link zum Artikel

Warum ich vegan lebe – und trotzdem von Veganern genervt bin

Link zum Artikel

«Ich liebe meinen Freund, betrüge ihn aber ständig»

Link zum Artikel

15 Rezepte, die du als Erwachsener beherrschen solltest

Link zum Artikel

Das Huber-Ersatzquiz für jedermann. Erkennst du diese Städte von oben?

Link zum Artikel

Wir haben das erste 5G-Handy der Schweiz ausprobiert – und so schnell ist 5G wirklich

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen

Abonniere unseren Newsletter

10
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
10Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • dracului 01.04.2016 06:42
    Highlight Highlight Eigentlich müsste mittlerweile jeder wissen, dass sich in einem geschlossenen Ökosystem alles Auswirkungen hat, obwohl die Forscher teilweise etwas Zeit brauchen bis die Kausalzusammenhänge nachgewiesen sind. Aber der Nutzen der Unabhängigkeit von den OPEC-Ländern dürfte die Toleranz der Amerikaner erhöhen. Und sehen wir es positiv: Nestlé verkauft in Zukunft sicher gerne gutes Trinkwasser den Amerikanern!
  • Anker 01.04.2016 02:01
    Highlight Highlight Ich dachte die Terroristen im Osten sind Schuld? ;-)
  • ramonke 01.04.2016 01:15
    Highlight Highlight "Einen Abschlussbericht soll es nicht geben"

    soll man da lachen oder weinen?
  • Der Tom 01.04.2016 00:16
    Highlight Highlight
    Play Icon
  • Thomas Bollinger (1) 31.03.2016 23:17
    Highlight Highlight Bei den Öl- und Gaspreisen ist Fracking so gut wie tot. Und heute Nacht stellt Tesla die Zukunft vor. Ich hoffe, dieser Albtraum erledigt sich von selbst.
  • Mehmed 31.03.2016 23:01
    Highlight Highlight erinnert ein bisschen an die tabakindustrie: leugnen, leugnen, bis irgendwann das leugnen nicht mehr möglich ist. bedenklicher, dass der staat hier mitdrin steckt. wer bezahlt am ende die mia-entschädigungen für das fracking? der steuerzahler?
    • Töfflifahrer 01.04.2016 00:13
      Highlight Highlight Ja wer bezahlt den die Politiker, deren Wahlkampf und Verwaltungsratsposten? JA, genau die Industrie welche mit der Zerstörung riesige Gewinne macht. Dabei ist die Bevölkerung wohl nur ein Kollateralschaden.
      Ist eigentlich verblüffend was alles getan und von den Regierungen unterstützt wird um Geld zu machen.
    • Homes8 01.04.2016 11:24
      Highlight Highlight Solche Schäden kann man nicht alles mit Geld bezahlen. Diese bezahlen wir mit der Gesundheit und dem Karma.
    • winglet55 02.04.2016 04:28
      Highlight Highlight @ Homes8, die Politiker die zahlen es nicht mit der Gesundheit, nur die "dummen" Bewohner der Gegenden wo Fracking betrieben wird.
    Weitere Antworten anzeigen

Ein Paar in Brasilien pflanzte 20 Jahre lang Bäume – und lebt jetzt in einem Wald

Es ist eines der grössten Aufforstungsprojekte der Welt: Das Ehepaar Salgado pflanzte in 20 Jahren einen 68 Millionen Quadratmeter grossen Wald. Sie haben bewiesen, dass der Klimawandel nicht nur gestoppt, sondern auch rückgängig gemacht werden kann.

Anfang der 90er-Jahre wurde der brasilianische Fotografjournalist Sebastiao Ribeiro Salgado nach Ruanda geschickt, um über den schrecklichen Völkermord zu berichten. Das vor Ort Erlebte traumatisierte ihn schwer. 1994 kehrte Salgado in seine Heimat zurück. Er hoffte zu Hause in Minas Gerais, wo er von einem üppigen Wald umgeben aufgewachsen war, Ruhe und Erholung zu finden.

Statt des Waldes aber fand er kilometerweit staubiges und karges Land vor. In wenigen Jahren fand in seiner Heimatstadt …

Artikel lesen
Link zum Artikel