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ARCHIVE --- VOR 100 JAHREN AM 11. NOVEMBER 1918 BEENDETE DER VEREINBARTE WAFFENSTILLSTAND VON COMPIEGNE DIE KAMPFHANDLUNGEN IM ERSTEN WELTKRIEG --- American soldiers join in the excitement on the Grand Boulevard in Paris as citizens celebrate the armistice on Nov. 11, 1918. The soldiers are shown riding on each others shoulders. (KEYSTONE/AP/Anonymous)

Bild: AP

Wie der Erste Weltkrieg bis heute in Europa nachwirkt

Heute vor 100 Jahren wurde der Erste Weltkrieg beendet. Die Folgen des Grossen Krieges sind in Europa noch bis heute zu spüren. Die zurückhaltende Weltpolitik der Deutschen, der belgische Nationalitätenstreit oder der schwedische Wohlfahrtsstaat: Sie alle wurzeln in der damaligen Zeit.



Die Zeitzeugen sind schon lange tot, doch mit seinen Folgen ist der Erste Weltkrieg immer noch quicklebendig. Er veränderte nicht nur die politische Landkarte Europas, sondern prägt seine äusseren und inneren Beziehungen bis heute.

Mit der Kapitulation des Deutschen Reiches am 11. November 1918 wurde der Erste Weltkrieg beendet, was den Weg frei machte für eine komplette Neuordnung der Welt. Das nur mit massiver US-Hilfe gerettete Britische Empire wurde als führende Weltmacht abgelöst, Nationalstaaten traten an die Stelle monarchisch regierter Vielvölkerstaaten wie Russland, Österreich-Ungarn oder das Osmanische Reich.

ARCHIVE --- VOR 100 JAHREN AM 11. NOVEMBER 1918 BEENDETE DER VEREINBARTE WAFFENSTILLSTAND VON COMPIEGNE DIE KAMPFHANDLUNGEN IM ERSTEN WELTKRIEG --- U.S. President Woodrow Wilson reads the terms of the German Armistice to Congress in Joint session, and announces the end of World War I, in Washington, D.C., on Nov. 11, 1918. The peace plans proposals are outlined in the 'fourteen points.' (AP Photo)

US-Präsident Woodrow Wilson verliest die Bedingungen des Waffenstillstands und erklärt das Ende des Ersten Weltkriegs, 11. November 1918. Bild: AP U.S. OFFICE

Die grosse Erschütterung des Kriegsendes lebt fort in jenen tektonischen Platten, auf denen sich Europas Staaten seither anordnen. «Die Feindbilder und gegensätzlichen Positionen, die damals entstanden sind und vorher so nicht da waren, existieren in gewisser Weise bis heute», unterstreicht der österreichische Historiker Arnold Suppan im Gespräch mit der Nachrichtenagentur APA. Als Beispiel nennt er, dass Österreich etwa den Ungarn immer noch «mehr durchgehen» lasse als etwa den Tschechen.

Die vordergründig grösste aktuelle Bedeutung hat der Erste Weltkrieg in Frankreich, das diesen als eine Art nationale Wiedergeburt feiert. Im damaligen Konflikt bewies die chronisch zerstrittene Nation nämlich, dass sie zusammenstehen und unglaubliche Opfer bringen kann.

ARCHIVE --- VOR 100 JAHREN AM 11. NOVEMBER 1918 BEENDETE DER VEREINBARTE WAFFENSTILLSTAND VON COMPIEGNE DIE KAMPFHANDLUNGEN IM ERSTEN WELTKRIEG --- Americans in the midst of the celebration on the Grand Boulevard on Armistice Day for World War I in Paris, France, on November 11, 1918. (AP Photo/U.S. Army Signal Corps)

Amerikanische Soldaten feiern mit Franzosen in Paris das Ende des Ersten Weltkriegs, 11. November 1918.  Bild: AP

Folgen für heutige Kriegseinsätze

Die Anrufung des Ersten Weltkrieges dient dazu, die jeweiligen tagespolitischen Gräben zuzuschütten. In Grossbritannien steht vor allem das Gedenken an die Toten des Krieges im Zentrum. Dieses ist im vergangenen Jahrzehnt wegen der neuerlichen Kriegsbeteiligungen des Landes wieder markanter geworden, erläutert der Historiker William Philpott.

Während Grossbritannien und Frankreich aktuelle Militäreinsätze auch unter Verweis auf den damaligen «gerechten Krieg» rechtfertigen, herrscht in Deutschland immer noch der gegenteilige Impuls vor. Nach zwei verursachten Weltkriegen hat sich in Deutschland eine «Ohne-Mich-Mentalität» etabliert, wenn es um internationale Militäreinsätze geht, sagt der Berliner Politologe Herfried Münkler. «Da sind wir vielleicht nicht so ganz unähnlich zur Alpenrepublik, die dann neutral wurde.»

Nicht alle Staaten sind mit ihrer Kriegsvergangenheit im Reinen, selbst wenn sie damals zu den Siegermächten zählten. In Serbien etwa glaubt man immer noch, die Schuld am Attentat von Sarajevo abstreiten zu müssen. Obwohl das Land einen unglaublichen Blutzoll leistete und 28 Prozent seiner Bevölkerung verlor, wird des Sieges nur verschämt gedacht. Serbien habe den Krieg nämlich nicht gewollt, erläutert der Historiker Danilo Sarenac.

Erster Weltkrieg Französischer Giftgas- und Flammenwerfereinsatz gegen deutsche Grabenstellungen in Flandern 1916

Der Krieg forderte insgesamt ungefähr 9,5 Millionen tote Soldaten und 13 Millionen zivile Opfer. Bild: Wikipedia

Bröckelnde Mythen

Besonders schwer tun sich Bulgarien und Ungarn. Der bulgarische Historiker Andrej Pantew beklagt, dass sein Land durch die unglückliche Kriegsbeteiligung auf der Seite der Mittelmächte «für immer ein Invalide» geblieben sei.

Ungarn wiederum hat zwei Drittel seines Territoriums wegen eines Konflikts verloren, in den es nur als Teil der Donaumonarchie «hineingeschlittert» sei, wie der Historiker Krisztian Ungvary erläutert. Heute versucht Budapest dieses historische Unrecht zum Missfallen seiner Nachbarn durch die Erteilung von Doppelstaatsbürgerschaften zu tilgen.

Das Trauma von Trianon hält so auch die Nationalmythen in den Nachbarländern am Leben, etwa in Rumänien, wo jegliche Autonomie Siebenbürgens abgelehnt wird.

In den Staaten, die auf dem Trümmerfeld der Donaumonarchie entstanden, bröckeln indes die Gründungsmythen der sich gegen die Unterdrückung durch die Habsburger erhebenden Nationen. So sagt etwa die slowenische Historikerin Petra Svoljsak, dass die Loyalität der Slowenen zur Monarchie «bis kurz vor dem Zusammenbruch stark gewesen» sei.

ARCHIVE --- DIE SCHLACHT UM VERDUN IST EINE DER BEDEUTENDSTEN SCHLACHTEN DES ERSTEN WELTKRIEGES AN DER WESTFRONT ZWISCHEN DEUTSCHLAND UND FRANKREICH. SIE BEGANN VOR 100 JAHREN AM 21. FEBRUAR 1916 MIT DEM ANGRIFF DEUTSCHER DIVISIONEN AUF DIE FRANZOESISCHE STADT VERDUN UND IHRE BEFESTIGUNGEN. ZU DIESEM ANLASS STELLEN WIR IHNEN DIESES BILD ZUR VERFUEGUNG --- Truppenrueckzug beim Fort von Vaux um 1916. Vom 21. Februar bis 9. September 1916 dauert einer der laengste und grausamsten Schlachten des 1. Weltkrieges. Der Angriffskrieg in der Marne-Ebene wird zum moerderischen Stellungskrieg, der fast 800'000 Verletzte und Tode fordert. (KEYSTONE/Photopress-Archiv/Anonymous)

Bild: PHOTOPRESS-ARCHIV

Nichts mit Schwejk gemein

Ähnliches wissen Historiker aus Kroatien und der Slowakei zu berichten. Polen absolvierte erst nach dem Krieg einen «Schnellkurs in Sachen nationaler Identität», sagt der Krakauer Historiker Andrzej Chwalba. «Kaiser Franz Joseph erfreute sich auch bei polnischen Familien grosser Achtung.» Auch in Siebenbürgen gab es durchaus den Wunsch, Teil der Habsburger-Monarchie zu bleiben. «Wien war nicht das Problem, sondern Budapest», meint der rumänische Historiker Lucian Boia.

Selbst in Böhmen konnte von einer revolutionären Auflehnung gegen die Habsburger nicht die Rede sein. «Die Tschechen haben sich nicht wie Schwejk verhalten», rückt der Prager Militärhistoriker Zdenek Polcak das Bild vom unmotivierten tschechischen Soldaten zurecht.

Beim Gedenken an den Ersten Weltkrieg wird freilich weiterhin die nationsbildende «Legion 100» jener Soldaten, die an der Seite der Entente-Mächte kämpften, in den Vordergrund gerückt. Doch immer noch wird in Tschechien mit dem 28. Oktober 1918 jener Tag als Nationalfeiertag hochgehalten, an dem die Habsburger aus Prag vertrieben wurden.

ARCHIVE --- VOR 100 JAHREN AM 11. NOVEMBER 1918 BEENDETE DER VEREINBARTE WAFFENSTILLSTAND VON COMPIEGNE DIE KAMPFHANDLUNGEN IM ERSTEN WELTKRIEG --- Soldiers in a field wave their hats and cheer on Armistice Day, Nov. 11, 1918, location unknown.  (AP Photo)

Soldaten feiern den Waffenstillstand vom 11. November, unbekannter Ort.  Bild: AP

Krieg als Spaltpilz

Während die junge Nation Italien durch den gemeinsamen Kampf von Soldaten aus allen Landesteilen zusammenwuchs, war der Erste Weltkrieg für Belgien ein Spaltpilz. Die deutschen Besatzer schürten nämlich gezielt den Konflikt zwischen den damals dominierenden Frankophonen und den Flamen, indem sie letzteren mehr Rechte gaben. So stellte die deutsche «Flamenpolitik» die Weichen für die heutige politische Übermacht der flämischen Bevölkerung.

Selbst für die neutralen Staaten war der Erste Weltkrieg von eminenter Bedeutung. In der Schweiz wurde etwa der Zusammenhalt zwischen deutsch- und französischsprachigen Bürgern auf eine harte Probe gestellt. Integrierend wirkten dabei die nach 1917 «akut aufkommenden Überfremdungsängste», berichtet der Zürcher Historiker Jakob Tanner.

ZUR AUSSTELLUNG

Ein Schweizer Zug. Blick gegen Finsteraar- und Schreckhorn, von der Furka aus, um 1914.  Bild: FOTOSTIFTUNG SCHWEIZ

Schweden geriet durch die wirtschaftliche Not an den Rand einer Revolution, doch führten die Unruhen auch zur Bildung einer gemässigten Linken. Die spätere jahrzehntelange Hegemonie der Sozialdemokraten hat somit «einen Teil ihrer Wurzeln in der Krise von 1917», sagt der Historiker Peter Englund.

Die ungewöhnlichste Wende löste der Erste Weltkrieg freilich im Baltikum aus. Dort führte ausgerechnet die über das Kriegsende im Jahr 1918 fortgesetzte und von den Einheimischen abgelehnte deutsche Besatzung dazu, dass Estland, Lettland und Litauen die Unabhängigkeit von Russland erhielten.

Die Besatzung habe nämlich das Vordringen der Roten Armee im Baltikum verhindert, berichtet der estnische Politologe Andres Kasekamp. Und, was heute fast unglaublich scheint: Viele Letten kämpften damals aufseiten der russischen Bolschewiken gegen die Deutschen. (sda/apa)

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Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
9Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • LittleGreenBuddha 12.11.2018 06:00
    Highlight Highlight Ich thematisiere den ersten Weltkrieg mit meiner Schulklasse und werde nun überflutet mit spannenden Artikeln. Ich schaue, dass sich etwas in den Unterricht einbauen lässt.
    Danke für die Aufarbeitung und Aufklärung.
  • Grave 11.11.2018 22:23
    Highlight Highlight Habe die tage, für mich, viel neues über den 1. Weltkrieg erfahren und finde es irgendwie gerade intressanter als der 2. , gerne mehr davon !
    (Also artikel, nicht weltkriege)
  • MacB 11.11.2018 21:58
    Highlight Highlight Guter Kurzabriss. Gerne aber mehr davon zum ersten Weltkrieg!
  • Grohenloh 11.11.2018 20:56
    Highlight Highlight Und zur Unabhängigkeit von Estland, Lettland und Littauen führte der deutsche Diktatfrieden mit den soeben an die Macht geputschten Konmunisten unter Lenin, die den Krieg unter allen Umständen beenden wollten und die erwähnte Unabhängigkeit (und meines Wissens auch der Ukraine) akzeptierten. Die Deutschen wolkten die Russen mögl. weit von ihrer Grenze wehaben und schwächen
  • Grohenloh 11.11.2018 20:51
    Highlight Highlight Werter Herr Professor Münkler. Die Schweiz wurde sicher nicht nach dem ersten Weltkrieg neutral. Meines Wissens war das am Wiener Kongress 1815 bestimmt worden.
    • najaundso 12.11.2018 00:43
      Highlight Highlight Mit Alpenrepublik ist Österreich gemeint ;-)
    • mob barley 12.11.2018 08:31
      Highlight Highlight Ich denke, er redet von Österreich.
  • Murky 11.11.2018 20:28
    Highlight Highlight Hier ein spannendes Tondokument, die letzte Minute des Krieges, und die darauffolgende Stille nachdem der Kanonendonner verhallt. Ein historisches Dokument dass einem das Blut gefrieren lässt...
    https://metro.co.uk/2018/11/07/eerie-recording-reveals-moment-the-guns-fell-silent-at-the-end-of-ww1-8114109/?ito=social

In Deutschland waren die Flüchtlinge nicht mal willkommen, als es Deutsche waren

Wer glaubt, für Fremdenfeindlichkeit brauche es Menschen aus fremden Ländern, irrt. Nach dem verlorenen Krieg drängten sich Millionen Flüchtlinge und Vertriebene aus den deutschen Ostgebieten in Rest-Deutschland. Heute gilt ihre Aufnahme als vorbildlich – doch in Wahrheit schlugen ihnen damals Hass und Verachtung entgegen und der offen ausgesprochene Gedanke, nicht nach Westdeutschland, sondern nach Auschwitz zu gehören.

Der Volkszorn kocht, und der Redner weiss genau, was die Leute hören wollen: «Die Flücht­lin­ge müs­sen hin­aus­ge­wor­fen wer­den, und die Bau­ern müs­sen da­bei tat­kräf­tig mit­hel­fen», ruft Josef Fischbacher. Der Kreisdirektor des bayerischen Bauernverbandes giesst kräftig Öl ins Feuer und nimmt sogar das Nazi-Wort «Blutschande» in den Mund.

Was hier nach Sachsen im Jahr 2016 klingt, ist Bayern im Jahr 1947. Und die Flüchtlinge, die Fischbacher hinauswerfen will, kommen nicht aus …

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