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Was, wenn die Antibiotika nicht mehr wirken? Der Überlebenskampf gegen die Superkeime

In Europa sterben jedes Jahr tausende Menschen, weil kein Antibiotikum mehr wirkt. Die Fälle von Resistenzen gegen Superkeime nehmen auch in der Schweiz zu. Die Politik bewegt sich nur langsam.

Anna Wanner / Nordwestschweiz



Es ist eine Bedrohung für unsere Gesundheit, eine mit Ansage: Der häufige und unsachgemässe Gebrauch von Antibiotika fördert die Resistenzbildung. Bakterien haben sich zu Superkeimen entwickelt, die gegen immer mehr Antibiotika resistent sind. In Südostasien stirbt alle fünf Minuten ein Kind an einer Infektion, weil kein Antibiotikum mehr anschlägt. In Europa sind es geschätzte 25'000 Todesfälle pro Jahr.

Für die Schweiz gibt es dazu keine Zahlen. Von mehreren hundert Todesfällen geht die Eidgenössische Fachkommission für biologische Sicherheit (EFBS) aus.

Belegt ist das nicht. Denn das Zentrum für Antibiotikaresistenzen (Anresis) misst lediglich das Auftreten multiresistenter Keime. Zwar fällt auf, dass die Zahl der Personen mit Keimen, bei denen auch die neueste Generation Antibiotika (Carbapeneme) keine Wirkung mehr zeigt, sich von 2013 bis 2016 auf fast 150 Fälle mehr als verdoppelt hat.

Ein Todesurteil sei dies nicht, sagt Markus Hilty von Anresis. Er spricht von «schlechteren Karten» für eine erfolgreiche Behandlung. Es gebe immer noch zwei bis drei Reserve-Antibiotika.

Un ingenieur biomedical effectue les derniers reglages dans une salle d'operation lors de la visite du nouveau bloc operatoire du Centre Hospitalier Universitaire Vaudois, CHUV, ce jeudi 9 fevrier 2017 a Lausanne. (KEYSTONE/Laurent Gillieron)

Weil Bauchoperationen häufig zu Infektionen führen, wird Antibiotika präventiv verabreicht. Nicht in jedem Fall ist das sinnvoll. Bild: KEYSTONE

Resistenzen entstehen überall

Trotzdem bezeichnet die EFBS Antibiotikaresistenzen als «grösste Bedrohung für die Gesundheit in der Schweiz». Nur ist es schwierig, die Resistenzen zu verringern, weil sie ganz unterschiedlich entstehen.

Da wären der übermässige Einsatz in der Tiermast, die antibiotika-haltigen Abwässer in den Kläranlagen sowie der unsachgemässe Verbrauch durch Patienten: Bis heute verschreiben viele Ärzte Antibiotika, wenn der Patient erkältet ist. Dies, obwohl Erkältungen fast immer virale Ursachen haben – und ein Antibiotikum also schlicht nichts nützt.

Schliesslich fördern auch Reisen (vor allem nach Asien) das Risiko, multiresistente Keime einzuschleppen, weil diese dort stärker verbreitet sind. Das bedeutet: Die Gefahr zunehmender Resistenzen ist global und kann nicht in der Schweiz alleine bekämpft werden.

Nachdem die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bereits zur Jahrtausendwende auf die Risiken aufmerksam gemacht hatte, begann sich auch die hiesige Politik langsam zu bewegen. Zehn Jahre später entwarf der Bundesrat eine Strategie, seit 2016 wird sie umgesetzt. Aufbauend auf der komplexen Ausgangslage hat er acht Handlungsfelder definiert, die nicht nur bei Ärzten und Patienten ansetzen, sondern auch bei Bauern und Tierärzten.

Ende Woche zieht der Bund eine erste Bilanz, am nächsten Montag startet die Antibiotika-Awareness-Woche, um die Gesellschaft zu sensibilisieren.

Und ja, Fortschritte werden sichtbar. Etwa in der Diagnostik: Nicht jedes Antibiotikum bekämpft jeden Käfer gleich effizient. Ziel ist, die stärkeren Mittel möglichst selten einzusetzen. Denn je mehr sie verwendet werden, umso eher bilden sich Resistenzen.

Um zu wissen, welches Antibiotikum wann angewendet wird, dienen nicht nur theoretische Vorgaben und die Erfahrung des Arztes. Neu können innert relativ kurzer Zeit die Resistenzen eines Bakteriums in einem Labor getestet und das richtige Antibiotikum gefunden werden. Das erfordert vom Arzt einen Mehraufwand und vom Patienten, der rasch geheilt werden will, Geduld. Um die Wirksamkeit der Antibiotika zu erhalten, ist es aber wichtig.

Offene Baustellen

Obwohl der Antibiotika-Verbrauch in der Tiermast zurückgeht, ist die Situation laut SP-Nationalrätin Bea Heim (SO) unbefriedigend. Sie will über einen Vorstoss erreichen, dass Bauern den Einsatz weiter minimieren. Entweder indem die Tiere mit besserer Haltung oder mit Impfungen vor Infektionen geschützt werden. Das Problem: Antibiotika ist meist günstiger. Sie schlägt deshalb vor, beim Preis anzusetzen.

Parteikollegin Martina Munz (SH) fordert hingegen, dass der Bundesrat international intervenieren soll, weil die billige und lasch kontrollierte Antibiotika-Produktion im Ausland (etwa in Indien) die Bildung neuer Supererreger fördert. In Europa werden kaum mehr Antibiotika hergestellt, weil der Verkauf den Aufwand für die Produktion nicht deckt.

Auch die Erforschung eines neuen Antibiotikums lohnt sich nicht: Das neue Mittel wäre ein Lebensretter, würde aber nur äusserst sparsam eingesetzt, um Resistenzen zu verhindern. Denn: Wenn sich ein Medikament kaum verkaufen lässt, lässt sich der Aufwand für die Forschung nicht finanzieren. 

Auch eine Art vom Desinfizieren: watson mixt Cocktails ... und trgrrm%&

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Video: watson/Oliver Baroni, Emily Engkent

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    Alle Leser-Kommentare
  • Booker 06.11.2017 18:12
    Highlight Highlight Das sind die Regeln der Natur. Die Dezimierung des Bestandes sichert das überleben der Speziell. Und wenn wir es selbst nicht schaffen so regelt es eben die natur.
  • Weberin 06.11.2017 14:14
    Highlight Highlight Ich hatte im Februar 16 eine Lungenentzündung beidseits. Zuerst wurde ich mit einem Antibiotika durch den Hausarzt behandelt. Und doch fühlte ich mich immer schlechter. Als chronischkranke Patientin kenne ich meinen Körper sehr gut. Dies hat mir nach Ansicht meiner Ärzte das Leben gerettet. Ich wies mich selber ein und wurde im Spital bewusstlos und musste tracheotomiert werden. Vier Tage kämpfte man um mein Leben bis ein Antibiotika gefunden wurde auf das ich ansprach (Tamiflu). Witz der ganzen Sache... ich nehme praktisch nie Antibiotika. Nun, jetzt lebe ich wieder und dies sehr bewusst.
    • Gulasch 06.11.2017 16:25
      Highlight Highlight Tamiflu ist kein Antibiotika, der Wirkstoff Oseltamivir wird gegen Influenzaviren (Grippe) eingesetzt. Nur Wirkstoffe die gegen Bakterien wirken werden als Antibiotika bezeichnet!
    • Weberin 07.11.2017 05:16
      Highlight Highlight Danke für die erhellende Antwort. Stimmt...wurde ja gegen die Vogel(Schweine?)grippe eingesetzt. Nun, ohne Tamiflu keine Weberin. DAS wurde mir deutlich erklärt. 😏
  • Goon 06.11.2017 09:50
    Highlight Highlight Das ist eine Entwicklung die mir ein schon noch Angst macht. Da muss man nur Pech haben und solch einen Bakterienstamm einfangen und schon hat man Pech gehabt. Unter Umständen sogar obwohl man selber nie Antibiotika brauchte.

    Aber sehe es bei mir im Geschäft selber. Da kriegen einige Antibiotika zur Vorsicht verschrieben obwohl gar nicht klar ist ob der Übeltäter viral oder bakteriel ist.
  • Domimar 06.11.2017 06:45
    Highlight Highlight Versteht mich jetzt bitte nicht als gefühlloser Mensch, aber wenn die Antibiotika nicht mehr wirken, entsteht eine "Bereinigung" durch die Natur. Das mag hart und kalt sein, aber es ist nun mal die Natur, die sich immer irgendwie durchsetzen kann. Vor Allem wenn man aus Kosten- und Zeitgründen eine völlig sinnfreie Anwendung von Antibiotika betreibt.
    • Knut Knallmann 06.11.2017 07:41
      Highlight Highlight Doch das sind Sie: Die Personen die "bereinigt" werden, haben in den wenigsten Fällen Schuld an der Antibiotikaresistenz – Sie sind schlicht und ergreifend Opfer von Profitgier, Unwissenheit oder Faulheit. Es ist eine besorgniserregende Entwicklung, die man relativ einfach bekämpfen könnte. Die Menscheit hat schlussendlich nicht über hunderttausende Jahre eine Zivilisation aufgebaut, damit nachher wieder die Naturgesetze gelten.
    • öpfeli 06.11.2017 08:29
      Highlight Highlight es ist einfach dumm und schade, dass der Mensch dies blind vorantreibt.
    • Schne 06.11.2017 08:32
      Highlight Highlight Die Herzler könnten ja bei sich selbst schon ma anfangen mit der Bereinigung. Oder soll diese nur die anderen betreffen? Diejenigen die Unmengen Antibiotika verschwenden? Da wird die Natur wohl keinen Unterschied machen. Wer das Problem ernsthaft lösen will, setzt in diesem Fall auf die Politik und weder auf die Natur, noch auf den Markt.

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