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Ein rätselhafter Patient: Der Knochenmann

Ein 33-Jähriger hat nach einer Blinddarm-OP Komplikationen und muss mehrmals operiert werden. Schliesslich entdecken die Ärzte ein riesiges Knochengebilde in seinem Bauch. Woher kommt das? 

09.05.15, 12:09 10.05.15, 08:49

Heike Le Ker



Ein Artikel von

Nach einer Blinddarm-Operation entdeckt ein 33-Jähriger, dass er einen Narbenbruch hat. Im Krankenhaus raten Ärzte ihm, die Schwachstelle verschliessen zu lassen, damit die Bauchorgane nicht durch die Bruchpforte treten (siehe Infokasten). Der Mann willigt ein und lässt sich erneut operieren. Normalerweise erholen sich Patienten nach so einem Eingriff schnell wieder, aber bei dem Mann gibt es Komplikationen. Seine Entzündungswerte steigen an, er entwickelt Fieber und heftige Schmerzen im Bauch.

Was ist ein Narbenbruch?

Nach einer OP im Bauchraum kann es im Bereich der Narbe zu einer Schwachstelle in der Bauchdecke kommen: Es bilden sich Bruchlücken. Durch diese können Darmschlingen nach aussen gedrückt werden, das zeigt sich dann als kleine Beule. Man spricht von einem Narbenbruch. Dieser muss zwar keine Beschwerden mit sich bringen. Es können jedoch Teile des Darms absterben, weil sie nicht mehr ausreichend durchblutet werden. Nach grossen Bauchoperationen entwickelt etwa jeder fünfte Patient einen Narbenbruch. Dieser wird meist umgehend mit einer weiteren Operation korrigiert. 

Ursache für die Beschwerden ist – wie sich herausstellt – ein Loch im Darm. Durch das Leck gelangt Darminhalt in den eigentlich sterilen Bauchraum, eine schmerzhafte und gefährliche Entzündung des Bauchfells ist die Folge. Zu diesem Zeitpunkt wird der Mann an die Ludwig-Maximilians-Universität in München überwiesen. In einer Notoperation müssen die Chirurgen Teile des Dünn- und des Dickdarms entfernen und einen künstlichen Darmausgang am Ende des Dünndarms legen. Den verbleibenden Teil des Dickdarms nähen die Operateure zu, er kann nicht mehr für die Verdauung genutzt werden.

Es folgen mehrere Operationen, in denen der Bauchraum gespült werden muss. Hiervon erholt sich der Patient nur langsam, er wird mehrere Wochen auf der Intensivstation versorgt und kann erst nach langer Zeit entlassen werden. Etwa ein halbes Jahr später stellt sich der Patient erneut vor, damit die Chirurgen den künstlichen Darmausgang zurückverlegen und die Verbindung zwischen dem Dünn- und dem Dickdarm wiederherstellen.

Gefährliche Erkrankung, risikoreiche Operation

Vor der Operation lassen die Mediziner Computertomografiebilder vom Bauch ihres Patienten machen, wie sie in der Fachzeitschrift «Journal of Gastrointestinal Surgery» berichten. Die Aufnahmen zeigen den Ärzten, was sie noch nie zuvor gesehen haben: ein gigantisches, weit verzweigtes Knochengebilde im Bauchraum, das sich an das Bindegewebe und um die Gefässe gelagert hat.

Solche Verknöcherungen wurden bislang lediglich vereinzelt in der Fachliteratur beschrieben. Für die Entstehung gibt es zwei Theorien: Die eine besagt, dass Knochengewebe etwa von der Schambeinfuge oder vom unteren Brustbein durch eine Verletzung oder bei einer Operation abgesprengt und in den Bauchraum verschleppt werden. Die andere geht davon aus, dass etwa durch eine Entzündung verschiedene Signalproteine freigesetzt werden, die bestimmte Stammzellen so stimulieren, dass aus ihnen Knochenzellen werden. Als Therapie wird mitunter das entzündungshemmende Medikament Indomethacin eingesetzt. Ob es tatsächlich hilft, ist wegen der geringen Fallzahl nicht abschliessend geklärt.

Eine operative Entfernung der Knochenneubildungen ist indes mit grossen Risiken verbunden, weil das Knochengewebe mitunter fest mit den Gefässen des Bauchraums verwächst. Dadurch besteht die Gefahr, dass es zu Blutungen kommt und Darmabschnitte absterben. «Bei den wenigen Fällen, die beschrieben sind, zeigte sich eine sehr hohe Rate an Komplikationen nach dem operativen Eingriff und eine nicht unerhebliche Rate an Sterbefällen», sagt der Arzt Tobias Schiergens, der den Münchner Patienten gemeinsam mit seinem Kollegen Markus Rentsch operiert hat.

«Verzweigt wie ein Fuchsbau»

Dass sich die Chirurgen trotz der Risiken für den Eingriff entscheiden, liegt auch an den Gefahren, denen der junge Mann ohne OP ausgesetzt ist: Die scharfkantigen Knochen können theoretisch in die Bauchgefässe stossen und kaum kontrollierbare Blutungen verursachen. Ausserdem leidet der Patient unter Schmerzen.

Bei dem Eingriff müssen die Operateure extrem vorsichtig sein. Schrittweise und langsam lösen sie die Verwachsungen des Knochengewebes mit den Faszien, dem Darm, den Venen und Arterien. «Das Ganze war weit verzweigt und sah aus wie ein Fuchsbau», sagt Schiergens. «Aber es waren auch ganz spitze Knochen dabei, wie beim Barbecue.» Insgesamt entnahmen die Ärzte dem Mann fast drei Kilogramm Knochengewebe.

Heute geht es dem Mann gut, auch wenn er noch immer unter den Folgen der schweren Bauchfellentzündung leidet. Ein Kontroll-CT vom Bauch hat zuletzt keine weiteren Knochenneubildungen gezeigt. Vorbeugend verordneten ihm die Ärzte Indomethacin. «Wir wissen aber nicht, ob nur deswegen kein neuer Knochen entstanden ist», so Schiergens.

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