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«Lord Koks» und die altehrwürdige Tradition des grossen britischen Polit-Sex-Skandals



Ist das wieder einmal grossartig: Ein ranghoher Politiker – in diesem Fall gar ein Lord – sitzt in einem BH und einer Lederjacke und gönnt sich eine Zigi. 

epa04862741 The Sun newspaper runs a story on its from page of Lord Sewel in London, Britain, 27 July 2015. Lord Sewel is facing calls to quit the House of Lords after being secretly filmed taking cocaine and partying with prostitutes.  EPA/ANDY RAIN

Bild: ANDY RAIN/EPA/KEYSTONE

Und dies ist eher eines der harmloseren Bilder eines heimlich aufgenommenen Videos, das den stellvertretenden Präsident des britischen Oberhauses, Lord John Sewel, zeigt. Im Filmchen sieht man den 69-jährigen Familienvater, wie er mit einem Geldschein weisses Pulver von den Brüsten zweier Prostituierten schnupft. «As one does», wie es die Engländer sagen – wie man's halt so macht. 

lord sewel sexkandal grossbritannien kokain prostituierte andy rain/epa/keystone

Bild: andy rain/epa/keystone

Sewell hat nun auf die Veröffentlichung des Videos durch die Boulevardzeitung «The Sun» reagiert und sein Mandat niedergelegt. Er bitte «um Entschuldigung für den Schmerz und das Unbehagen, das ich verursacht habe».  

Dies alles trägt die typischen Züge des klassischen Grossen britischen Polit-Sex-Skandals, wie er auf der Insel schon diverse Male und mit diversesten Akteuren über die Bühne gegangen ist. Der Ablauf ist meistens ziemlich uniform:

Ungefähr so:

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«Sir Norman Fry, MP» aus «Little Britain». DailyMotion/SA

Der Neuste im Bunde ist also John Sewel, Tony-Blair-Intimus, Lord auf Lebenszeit und damit Mitglied des Oberhauses. Nein, nicht einfach ein Affärchen ausser Haus, sondern gleich so 'ne richtige Popp-Party mit zwei Girls und mit Koks von Brüsten schniefen und etwas Cross-Dressing und überhaupt.  

Bravo.

Aber: Lord Sewel steht damit in einer langen Tradition unterhaltsamer Sex-Skandale des englischen Establishments, zum Beispiel: 

1. Die Profumo-Affäre

Quasi die Mutter aller Polit-Sex-Skandale: Das Techtelmechtel von Kriegsminister John Profumo mit dem 19-jährigem Model Christine Keeler kostete ihn 1963 das Amt – und Premierminister Harold Macmillan fast die Regierung. Weil: Keeler hatte gleichzeitig eine Affäre mit dem sowjetischen Marineattaché Jewgenij Iwanow, was prompt den Verdacht nahelegte, der mächtige Profumo sei einer Spionin aufgesessen. 

In Wahrheit war Keeler bloss eine lebenslustige junge Dame und wurde alsbald von Spionagevorwürfen freigesprochen.  

2. «Eins-zwei-drei! She needs more of ze punishment!»

Max Mosley ist kein Politiker, aber als Präsident des Welt-Automobilverbands FIA war er hinter Bernie Ecclestone der zweitmächtigste Mann der Formel 1. Zudem war er als Sohn des unrühmlichen Oswald Mosley mit der Rechtsaussen-Szene der britischen Politlandschaft verbandelt. Umso peinlicher, als man ihn 2008 bei einer Sado-Maso-Session erwischte, in der die Damen (fünf an der Zahl) Uniformen eines gewissen zentraleuropäischen Landes aus dem zweiten Weltkrieg trugen. 

news of the world max mosley sexskandal

Bild: NotW

Vor Gericht erreichte Mosley, dass die britische Presse nicht mehr behaupten durfte, die Sex-Session habe eine «Nazi-Thematik» gehabt. Nein, das waren keine SS-Uniformen. Und der komödienhafte deutsche Akzent («ze punishment») war rein zufällig. Muss so gewesen sein.

3. Selfies und die falsche Sophie

Erst letztes Jahr musste das Cameron-Kabinettsmitglied Brooks Newmark zurücktreten, weil er wiederholt Nackt-Selfies an die blonde Schönheit Sophie Wittans schickte. 

http://twadl.com/United_Kingdom/Brooks_Newmark/  brooks newmark sexskandal grossbritannien

Bild: Twadl

Leider stellte sich das «Twentysomething Tory PR Girl» (Eigenbeschrieb auf Twitter) als Fake-Account aus, hinter der ein gewiefter Journalist der «Sunday Mirror» stand.

4. Schwule Gangster

Dass Bob Boothby, Mitglied des Oberhauses des britischen Parlaments, bisexuell war, war ein offenes Geheimnis. Das Problem: Homosexualität war in den 60er-Jahren in Grossbritannien noch verboten. Als 1964 die «Sunday Mirror» das Gerücht in Umlauf brachte, es bestehe eine homosexuelle Beziehung zwischen Boothby und dem berüchtigten Gangster Ronnie Kray (im Bild links mit seinem Zwillingsbruder Reggie), drohte Boothby mit einer Klage. Zudem bedrohten die Kray-Zwillinge die beteiligten Journalisten. Daraufhin zog die Zeitung die Geschichte zurück und druckte eine Entschuldigung, der Chefredakteur wurde entlassen, und Boothby erhielt 40'000 Pfund Entschädigung im Rahmen eines aussergerichtlichen Vergleiches. 

Undated file photo of notorious1950's and '60's London gangsters Ronnie, left, and Reggie Kray during their amateur boxing days. Reggie, now 66, is currently in the Norfolk and Norwich Hospital with terminal bladder cancer where he was granted compassionate parole from his prison sentence so he could die in freedom. The convicted murderer who served more than 30 years in prison, has received so many calls from well-wishers that a seperate phone line has been set up in the hospital to handle them. (KEYSTONE/AP Photo/PA/Str)  === , UNITED KINGDOM OUT. NO MAGAZINES.  ===

Bild: PA

Aber siehe da: 2009 wurden Briefe zwischen Ronnie Kray und Lord Boothby auf einer Auktion verkauft, die beweisen, dass zwischen den beiden Männern entgegen der Behauptung Boothbys tatsächlich eine Liebesbeziehung bestand.

5. «Jetzt rede ich!»

Mit der Veröffentlichung 2002 ihrer «Diaries 1987–92» liess die ehemalige konservative Parlamentsabgeordnete Edwina Currie die Bombe platzen: Von 1984 bis 1988 hatte sie eine Affäre mit dem späteren Premierminister John Major

private eye john major edwina currie sexskandal grossbritannien http://www.private-eye.co.uk/covers/cover-1064

Bild: Private Eye

Major zeigte sich bestürzt über die Enthüllung und sagte, er habe seiner Frau im Privaten die Affäre längst gestanden. Die Replique kam postwendend: Major sei «einer der schwächeren Premierminister» gewesen, so Currie.

6. Paddy Pantsdown

Als der damalige Parteiführer der Liberals, Paddy Ashdown, Wind davon bekam, dass die Liebschaft mit seiner Sekretärin durch die «Daily Mail» publik gemacht werden würde, wollte er zunächst per einstweiliger Verfügung die Story stoppen. Doch er beschloss, «die Initiative zu ergreifen, und die Story als Erster zu bringen». 

Gesagt, getan: Er ging zwar als «Paddy Pantsdown» in die Geschichte ein, seine politische Karriere blieb aber intakt.

7. Der Dachsbeobachter

Tja, was genau ging dort ab, als Ron Davies, Parteiführer der walisischen Labour-Partei, mit einem unbekannten Herrn in einer als Schwulentreffpunkt bekannten Autobahnraststätte abmachte? 

europäischer dachs tier https://en.wikipedia.org/wiki/Badger#/media/File:Badger-badger.jpg

Bild: WikiCommons

Für «The Sun» war es ganz klar «ein sexueller Akt». Davies dementierte zunächst, je dort gewesen zu sein. Doch später revidierte er seine Aussage und erklärte, er habe sich vor Ort befunden, um «frühmorgens die örtlichen Dachse zu beobachten». 

8. Die Gefahren der Auto-Erotik

Der konservative Unterhaus-Abgeordnete Stephen Milligan wurde im Februar 1994 von seiner Putzfrau tot auf dem Küchentisch seiner Londoner Wohnung gefunden. 

Der 45-Jährige trug lediglich Damenstrümpfe; um seinen Hals hatte er ein Elektrokabel gelegt, den Kopf in eine Plastiktüte gesteckt und — dieses Detail war Anlass für manches Rätselraten — in seinem Mund steckte ein Stück geschälte Orange.

Es gibt noch mehr

Weiter gehören erwähnt: Labour-Politiker David Blunkett, der seine Liaison zu Kimberly Quinn, der verheirateten Herausgeberin des «Spectator», zugab und damit deren Sohn zum Kukuckskind machte (Blunkett war der leibliche Vater), Jeremy Thorpe, Parteiführer der Liberals, den ein ehemaliger schwuler Lover outete und in der Folge angeklagt wurde, eben diesen Ex-Lover mit einem Killer bedroht zu haben (Thorpe wurde freigesprochen), Tory-MP Jeffrey Archer, der ein Alibi fabrizierte, um der Story zu entgehen, er habe mit einer Prostituierten Sex gehabt, Labour-MP John Stonehouse, der in Miami seinen eigenen Tod vortäuschte, um mit seiner Mätresse in Australien unter falschem Namen ein neues Leben zu beginnen, «Minister of Fun» David Mellor, der angeblich so gerne die Zehen von Schauspielerin Antonia de Sancha lutschte und Tory-MP Piers Merchant, der erwischt wurde, als er mit einer 17-jährigen Hostess auf einer Parkbank intimen Kontakt hatte — während seine Frau Helen unterwegs war, um für ihn Wahlkampf zu betreiben.

Bonus: Weitere «Sir Norman Fry»-Episoden aus «Little Britain».

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5Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Philboe 30.07.2015 07:50
    Highlight Highlight er sollte im Herbst sich zum Nationalrat aufstellen lassen. meine Stimme hat er. Sein Wahlprogramm: Koks und Nutten :-D
  • MaskedGaijin 29.07.2015 06:56
    Highlight Highlight Grossartig! Am morgen die lokalen Dachse beobachten...
  • cbaumgartner 29.07.2015 00:47
    Highlight Highlight Die von der Boulevardpresse sind doch bloss neidisch weil sie sichs nicht leisten können Koks von Brüsten zu schnupfen...
  • niklausb 28.07.2015 23:06
    Highlight Highlight Wir Schweizer stehen dem ja in nichts nach.... Ich sage nur Gery Müller und Selfie.......
  • Angelo C. 28.07.2015 21:41
    Highlight Highlight Echt amüsant, die Angelsachsen diesseits und jenseits des Atlantiks scheinen ein besonderes Talent für sexuell inspirierte Komik zu aufzuweisen 😜!

In Deutschland waren die Flüchtlinge nicht mal willkommen, als es Deutsche waren

Wer glaubt, für Fremdenfeindlichkeit brauche es Menschen aus fremden Ländern, irrt. Nach dem verlorenen Krieg drängten sich Millionen Flüchtlinge und Vertriebene aus den deutschen Ostgebieten in Rest-Deutschland. Heute gilt ihre Aufnahme als vorbildlich – doch in Wahrheit schlugen ihnen damals Hass und Verachtung entgegen und der offen ausgesprochene Gedanke, nicht nach Westdeutschland, sondern nach Auschwitz zu gehören.

Der Volkszorn kocht, und der Redner weiss genau, was die Leute hören wollen: «Die Flücht­lin­ge müs­sen hin­aus­ge­wor­fen wer­den, und die Bau­ern müs­sen da­bei tat­kräf­tig mit­hel­fen», ruft Josef Fischbacher. Der Kreisdirektor des bayerischen Bauernverbandes giesst kräftig Öl ins Feuer und nimmt sogar das Nazi-Wort «Blutschande» in den Mund.

Was hier nach Sachsen im Jahr 2016 klingt, ist Bayern im Jahr 1947. Und die Flüchtlinge, die Fischbacher hinauswerfen will, kommen nicht aus …

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