Wissen
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Hermann Goering, left, and Rudolf Hess listen to the verdict of the War Crimes Tribunal at Nuernberg, Germany on Sept. 30, 1946. At right rear is Admiral Karl Doentiz (with dark glasses). (AP Photo)

Hermann Göring und Rudolf Hess lauschen der Urteilsverkündung in Nürnberg. Bild: AP

Göring krächzt nicht mehr: Die Tondokumente der Nürnberger Prozesse sind digitalisiert

In der Banlieue von Paris wurde eine der wichtigen Erinnerung der Menschheit konserviert und für die Ewigkeit haltbar gemacht.

Stefan Brändle / schweiz am wochenende



An dem unscheinbaren Fabrikgebäude aus rotem Backstein in Montreuil hängt nicht einmal ein Firmenschild. Das Innere ist vollgestopft mit alten Tonspur- und neuen Aufnahmegeräten, mit Bildschirmen, Schallwänden und Lautsprechern. Im Studio C legt Tonmeister Emiliano Flores vorsichtig die Nadel auf eine 75 Jahre alte Lackplatte. Knistern, Rauschen. Ein Zeitsprung. Eine Stimme krächzt, der Reichsmarschall sei ehrlich empört gewesen über die Erschiessungen. NS-Aussenminister Joachim von Ribbentrop will mit der lächerlichen Behauptung glauben machen, der Mitangeklagte Hermann Göring habe nichts zu tun mit dem Tod der gefangenen britischen Luftwaffenoffiziere, die aus dem Stalag 3 fliehen wollten.

Emiliano Flores hebt die Nadel von der schwarz glänzenden Scheibe. Dann spielt der französische Tonmeister die gleiche Sequenz nochmals ab, diesmal auf dem Computer. Die Knackgeräusche sind verschwunden, die spitzen Hochtöne geglättet. Die ganze Tonkulisse hört sich runder an, angenehmer.

In den Ohren tut es nicht mehr weg – nur noch im Herz«Das ist nicht ganz belanglos, wenn Sie tausend Stunden Prozess hören müssen», sagt Flores. Er weiss, wovon er spricht. Der Toningenieur des Pariser Kleinunternehmens Gecko hat die 986 Stunden Dauer des Hauptprozesses der Nürnberger Serie von Anfang bis Ende abgehört, Minute für Minute. Das war nötig, um die Tonspuren – unter anderem von Sandkörnern – zu reinigen. Dann wurden sie digitalisiert, schliesslich restauriert.

Anderthalb Jahre brauchte er für zehn Monate Prozessdauer. Das spezialisierte Tonunternehmen hatte den Auftrag vom Internationalen Gerichtshof der UNO in Den Haag erhalten. Diese Institution – nicht mit dem Internationalen Strafgericht zu verwechseln – hatte die Tonaufnahmen des Nürnberger Prozesses jahrzehntelang archiviert.

2016 erhielt das französische Unternehmen Gecko den Zuschlag für die Digitalisierung, die vom Holocaust-Memorial und –Museum in Washington (USHMM) und dem Mémorial der Shoah in Paris finanziert worden ist. Damit begann die Ameisenarbeit für den 20-Mann-Betrieb. «Angesichts der historischen Bedeutung war höchste Sorgfalt geboten», meint Flores. «Wir hörten die ganze Aufnahme durch, wie wir es immer tun. Das hat neben der eigentlichen Digitalisierung den Vorteil, dass wir den ganzen Inhalt beglaubigen können. Das hilft, in Zukunft Manipulationen und ’gefakte’ Versionen zu verhindern.»

Was ebenfalls half: Flores spricht Englisch, Französisch und Deutsch. Nur die vierte Prozesssprache, Russisch, beherrscht er nicht. Abgesehen davon hörte er die ganzen Gerichtsverhandlungen mit – vielleicht als erster Mensch überhaupt. Detailliert führt er aus, wie fehlerhaft und lückenanfällig die bisherigen Dokumente über den Nürnberger Hauptprozess (November 1945 bis Oktober 1946) waren. Die Filmaufnahmen decken nur einen kleinen Teil des Verfahrens ab. Tonspuren der BBC sind womöglich unvollständig, jedenfalls nicht öffentlich zugänglich.

Bild

Tonmeister Emiliano Flores speichert den Nürnberger Prozess digital. bild: ch media

Und das Schriftprotokoll war nicht immer «verbatim», also wortwörtlich, wie Flores festgestellt hat: «Die Mehrfach- und Simultanübersetzung war ein Novum. Die Dolmetscher leisteten eine gewaltige Arbeit, aber sie waren nicht alle Profis und bald einmal erschöpft.» Das übertrug sich auf die Arbeit der Stenografisten, die sich für ihre Notizen überdies teils mit Liveübersetzungen behelfen mussten. Häufig fassten sie Aussagen zusammen, statt sie wörtlich zu notieren.

Bei Stichproben fiel Flores auf, dass einzelne Passagen im Protokoll verkürzt wurden oder ganz fehlten, wenn man mit dem Tondokument vergleicht. Mit Rücksicht auf die Anstandsnormen jener Zeit fielen Flüche, Bordellbesuche oder Folterungen meist durch. Der Herausgeber des Hetzblattes «Der Stürmer», Julius Streicher, beklagte sich vor Gericht, er sei in amerikanischer Haft malträtiert worden und habe «die Füsse von Negern küssen» müssen. In der Niederschrift des Prozesses fehlt der Passus. Das wird zwar in einer Fussnote eingestanden; Neonazis basteln aber daraus leicht eine Komplotttheorie gegen die angebliche «Siegerjustiz».

Im Gerichtssaal standen vier PlattenspielerIm digitalisierten Tonprotokoll ist der Streicherpassus nun enthalten. Es enthält alles, was am Prozess akustisch registrierbar war. Das ist auch den damaligen Toningenieuren zu verdanken. Ein Schwarzweissfoto an der Wand des Tonstudios Gecko zeigt, dass sie im Gerichtsgebäude von Nürnberg gleich vier Plattenspieler gleichzeitig unterhielten. Sie setzten die Plattenspieler paarweise ein, sodass während des Wechsels der Lackscheiben jede Viertelstunde keine Lücken entstanden. Um weitere Aussetzer zu vermeiden, nahmen sie den Prozess zudem doppelt auf. Kurz, das Tonprotokoll ist einiges genauer als das Schriftprotokoll. Das ist wichtig für Historiker und Juristen, die den «Prozess der Prozesse» aufarbeiten wollen.

Gecko hat die vier Terabytes diese Woche dem Uno-Gerichtshof in Den Haag in aller Diskretion ausgehändigt. Die Hunderten von Schallplatten, derzeit in massgefertigten Kühlkisten gelagert, werden ebenfalls in die Niederlande zurückgebracht. Das Uno-Gericht äussert sich vorerst nicht zur Frage, wann die Tonversion allgemein zugänglich wird.

Die Nürnberger Prozesse

Der erste Nürnberger Kriegsverbrecherprozess gegen die Spitzen des Naziregimes fand von November 1945 bis Oktober 1946 statt. Von den 24 Hauptangeklagten wurden 12 zum Tode verurteilt. Hermann Göring nahm sich kurz zuvor das Leben, Martin Bormann war unauffindbar. Über die Ahndung der Kriegsverbrechen hinaus gelten die Prozesse als Modell für internationale Strafgerichtsverfahren. Neu war dabei auch das Verfahren der Simultanübersetzung. Das Prozessarchiv aus Tonbändern, Schallplatten und Verhörprotokollen befindet sich zum Teil in den Niederlanden, teils in den USA. Die nun erfolgte Digitalisierung des Prozesses betrifft 1951 Lackplatten. (brä.)

Der Tontechniker musste sich die Gräueltaten anhörenFür Emiliano Flores, geht eine lange Zeit intensivster Beschäftigung mit dem Thema zu Ende. Hart war die Soloarbeit zu Beginn. «Ich muss sagen, wenn man per Kopfhörer die genauen Schilderungen eines norwegischen Gestapo-Opfers hört, dass immer wieder bis zur Bewusstlosigkeit gefoltert wurde, oder wenn die Erschiessung polnischer Kinder am Rande von Massengräbern geschildert wird – dann würde man schon gern mit jemandem darüber sprechen.»

Es war eine mühselige Arbeit, aber eine «für die Ewigkeit», sagt Flores. «Unsere Version wird womöglich über Jahrhunderte als Grundlage dienen.» Auch wenn digitale Versionen viele Vorteile aufweisen: Sind sie anfällig für Manipulationen und die Herstellung von Fake News. «Wir liefern eine gesicherte Grundlage. Sie ist bis in jeden gesprochenen Satz authentifiziert und dank dem Prüfsummenverfahren fälschungssicher», sagt Flores. «Doch was damit gemacht wird, können wir nicht mehr kontrollieren. Deep fake ist heute überall denkbar.»

DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

Nürnberger Prozesse: Ein Weltgericht tagt

Der berühmteste Wachmann der Welt entschuldigt sich

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Themen
5
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
5Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Zingarro96 15.09.2019 21:47
    Highlight Highlight Könnt ihr dazu ein Update machen wenn die Aufnahmen verfügbar gemacht werden?
  • Hallwilerseecruiser 15.09.2019 16:36
    Highlight Highlight Ein Beispiel mit einem Vorher-Nachher-Vergleich wäre noch ganz nützlich, um den Arbeitsaufwand einschätzen zu können.
  • DruggaMate 15.09.2019 16:06
    Highlight Highlight Und wo/wie sind diese Daten nun zugänglich?
    • Hinkypunk #wirsindimmernochmehr 15.09.2019 16:30
      Highlight Highlight Steht doch im Artikel:

      "Das Uno-Gericht äussert sich vorerst nicht zur Frage, wann die Tonversion allgemein zugänglich wird."
    • DruggaMate 15.09.2019 17:42
      Highlight Highlight Na gut. Entweder habe ich es überlesen, oder es wurde nachträglich hinzufügt. Trotzdem danke für die Info.

In Deutschland waren die Flüchtlinge nicht mal willkommen, als es Deutsche waren

Wer glaubt, für Fremdenfeindlichkeit brauche es Menschen aus fremden Ländern, irrt. Nach dem verlorenen Krieg drängten sich Millionen Flüchtlinge und Vertriebene aus den deutschen Ostgebieten in Rest-Deutschland. Heute gilt ihre Aufnahme als vorbildlich – doch in Wahrheit schlugen ihnen damals Hass und Verachtung entgegen und der offen ausgesprochene Gedanke, nicht nach Westdeutschland, sondern nach Auschwitz zu gehören.

Der Volkszorn kocht, und der Redner weiss genau, was die Leute hören wollen: «Die Flücht­lin­ge müs­sen hin­aus­ge­wor­fen wer­den, und die Bau­ern müs­sen da­bei tat­kräf­tig mit­hel­fen», ruft Jakob Fischbacher*. Der Kreisdirektor des bayerischen Bauernverbandes giesst kräftig Öl ins Feuer und nimmt sogar das Nazi-Wort «Blutschande» in den Mund.

Was hier nach Sachsen im Jahr 2016 klingt, ist Bayern im Jahr 1947. Und die Flüchtlinge, die Fischbacher hinauswerfen will, kommen nicht aus Syrien …

Artikel lesen
Link zum Artikel