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Der Fluch des Ötzi – wie die Mumie das Leben ihrer Finder veränderte

Beim Alpwandern entdecken Helmut und Erika Simon 1991 eine ledrige Leiche, es ist die älteste Mumie der Welt. Der Ötzi macht das Ehepaar weltberühmt. Dann verschwindet Helmut Simon plötzlich in den Bergen.

Christoph Gunkel



Ein Artikel von

Spiegel Online

Kann das wahr sein? Manchmal wachten Erika und Helmut Simon auf und mussten sich erst vergewissern, dass sie nicht träumten. Dann fragten sie sich: «Sag mal, das stimmt jetzt schon, dass wir den Ötzi gefunden haben, oder?»

Ja, es stimmte. Ein bis dahin unbekanntes Nürnberger Ehepaar, passionierte Bergwanderer wie Tausende andere, hatte am Tisenjoch in den Ötztaler Alpen auf 3210 Metern zufällig die älteste Mumie der Menschheit entdeckt: Ötzi, wie der Fund bald hiess, 5300 Jahre alt, womöglich hinterrücks ermordet. Ein ungewöhnlich milder Herbsttag vor 25 Jahren hatte die Mumie teilweise dem Gletschereis entrissen. Die Simons fanden sie, weil sie sich vom markierten Weg entfernt hatten.

Damals dachten sie: bestimmt ein verunglückter Bergsteiger. Erika Simon glaubte: wahrscheinlich eine Frau, «so schmal war der Körper». Die Simons meldeten den Fund der nächsten Berghütte. Sie stiegen ab, es war Donnerstag, der 19. September 1991. Dann begannen Ötzis Leiden.

«Wir fühlten uns überrollt und machtlos. Alle wollten plötzlich was von uns.»

Erika Simon, Ötzi-Finderin

Ein erster Bergungsversuch am Freitag mit Presslufthammer und Pickel beschädigte die Hüfte des Eismannes aus der Jungsteinzeit. Das Wetter schlug um. Daher konnte die Leiche erst am Montag geborgen werden, ihre Bedeutung war trotz seltsamer Funde wie einem Kupferbeil nicht allen klar. Der Bestatter brach Ötzi den linken Arm, als er ihn in einen Sarg presste. Erst danach untersuchte ein Prähistoriker die Leiche.

«Hier ist die Hölle los!»

Da waren die Finder schon zurück in Nürnberg. Am Dienstag rief Helmut Simon seine Frau auf der Arbeit an: «Hier ist die Hölle los!» Überall Reporter, plötzlich stand ein Sat.1-Team im Wohnzimmer, aus Simons Sicht eher ungefragt. Der Hausmeister und die kaufmännische Angestellte waren plötzlich berühmt. «Wir fühlten uns überrollt und machtlos», erinnert sich Erika Simon im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. «Alle wollten plötzlich was von uns.»

«Mein Gott, 5300 Jahre, mehr als 3000 vor Christus, und er war die ganze Zeit da oben. Warum haben ausgerechnet wir ihn gefunden?»

Erika Simon

Trotz aller Interviews, das Alter des Sensationsfundes verschlägt ihr immer noch die Sprache. «Das ist doch Wahnsinn!», sagt die 76-Jährige und sucht nach Worten: «Mein Gott, 5300 Jahre, mehr als 3000 vor Christus, und er war die ganze Zeit da oben. Warum haben ausgerechnet wir ihn gefunden?» Das Bild, «wie er da halbnackt im Eis lag, den Oberkörper nach vorn gebeugt», habe sich in ihr Gedächtnis gebrannt. Ihr Mann zückte die Kamera. Das Foto ging um die Welt.

Der 1,59 Meter kleine Mann hat nicht nur das Leben der Simons auf den Kopf gestellt, die sich Visitenkarten mit dem Zusatz «Ötzi-Finder» drucken liessen. Er hat eine ganze Region dramatisch verändert.

ZUM 25. JAHRESTAG DES FUNDS VON OETZI AM MONTAG, 19. SEPTEMBER 2016, STELLEN WIR IHNEN FOLGENDES BILDMATERIAL ZUR VERFUEGUNG –  Oetzi, the mummy of a man trapped on a glacier in the Alps 5,000 years ago, presented in the Archeological Museum of Alto Adige, Bolzano, Italy, Friday, 11 August 2006.   EPA/MUSEO ARCHEOLOGICO ALTO ADIGE/HO

Erstaunlich gut erhalten: Gletschermumie Ötzi. Bild: EPA

Sofort nach dem Fund stritten das österreichische Bundesland Tirol und Italiens autonome Provinz Südtirol erbittert um die Frage, auf welchem Staatsgebiet die wertvolle Mumie liege. Am Ende musste nachgemessen werden. Italien gewann knapp mit 92 Metern und 56 Zentimetern – dem Abstand nach Tirol. Damit war klar: Ötzi ist Italiener.

In den folgenden Jahren schossen Museen und Archäologieparks in Tirol und Südtirol aus dem Boden. Es gibt bis heute Ötzi-Gletscher-Touren. Prähistorische Bogenschiess-Wettkämpfe. Ein Ötzi-Dorf mit dem in Fell gekleideten «Ötzi-Franz», Fotomotiv Nummer eins. Und natürlich ein Ötzi-Museum, in dem Zartbesaitete schon ohnmächtig wurden, besonders beim Anblick eines Videos über die endoskopische Untersuchung von Ötzis Lunge.

Über wohl keine Mumie ist so viel publiziert worden. Fast alle Geheimnisse wurden Ötzi mit der Zeit entrissen. Dass ihn Peitschenwürmer quälten. Dass er unter Fusspilz, Borreliose, Laktoseintoleranz und erhöhtem Cholesterin litt. Dass er Fleisch und Zwetschgen ass, bevor er starb, womöglich weil eine Pfeilspitze tief in seine linke Schulter eindrang. 2017 kommt der Steinzeitmensch sogar ins Kino, mit Jürgen Vogel in der Hauptrolle, die gemacht ist für Darsteller mit markanten Zahnlücken.

Im Bann des Eismanns

Die Mumie fasziniert die Menschen noch immer. «Ohne Ötzi», sagt auch Angelika Fleckinger, «wäre mein Leben völlig anders verlaufen.» Langweiliger.

Fleckinger war 21 und studierte in Innsbruck bei Prähistoriker Konrad Spindler, als die Mumie entdeckt wurde. Spindler untersuchte sie und verkündete die Sensation. «Unser Vorlesungsraum ähnelte wochenlang einem Campingplatz für Journalisten», erzählt Fleckinger. Sie liess sich von der Begeisterung anstecken. «Es war ja ein absolut aussergewöhnlicher Fund. Eine Mumie samt Ausrüstung, so etwas gab es in Europa noch nicht. Das war ein einmaliges Fenster in die Vergangenheit.»

Ötzi liess Fleckinger nicht mehr los. Nach dem Studium wurde sie mit dem Aufbau des Südtiroler Archäologiemuseums in Bozen beauftragt, wo die Mumie ausgestellt werden sollte. An den 16. Januar 1998 erinnert sie sich ganz genau: «Das Tor zum Museum ging auf, die Mumie wurde hereingetragen. Ein feierlicher Moment, in dem ich Herzklopfen bekam.» Zum ersten Mal sah sie Ötzi. Starrte in sein braunes Gesicht und fragte sich, wie sein Leben verlaufen war. Millionen Besucher fragten sich seitdem dasselbe.

ZUM 25. JAHRESTAG DES FUNDS VON OETZI AM MONTAG, 19. SEPTEMBER 2016, STELLEN WIR IHNEN FOLGENDES BILDMATERIAL ZUR VERFUEGUNG –  The 5,300-year-old mummy known as

Ötzi-Ankunft im Bozener Museum, 1998. Bild: AP

Auch die Simons kamen zur Eröffnung. Ötzi war für sie inzwischen fast so etwas «wie ein eigener Sohn», den sie aus dem Eis gerettet hatten – der ihnen aber auch viel Kummer bereiten sollte.

Da war der Ansturm der Medien, der Erika Simon bald zu viel wurde, trotz der Ehre, bei Günther Jauch auf der Couch zu sitzen. Ihr Mann kam besser damit zurecht. Er sammelte alle Zeitungsberichte, zehn Ordner voll. Hielt Vorträge an Schulen und im Alpenverein, zeigte die Dias, die er vor dem Fund gemacht hatte: seine Frau auf der Berghütte, die Beine hochgelegt, Schorle trinkend. Klick. Nächstes Dia. Ein ausgetrockneter Körper im Eis.

«Die wollten uns nur um unser Geld prellen.»

Erika Simon

Langes Gezerre um Finderlohn

Der grösste Ärger aber begann, als bei der Eröffnung Anwälte die Simons ansprachen und fragten: Warum habt ihr noch keinen Finderlohn? Und das Ehepaar fragte sich: Ja, warum eigentlich nicht?

Es war der Beginn eines zähen und bizarren Rechtsstreits. Etwa acht Millionen Euro hatte Südtirol in den Bau seines Museums investiert, in der berechtigten Hoffnung auf einen Touristenstrom. Der Südtiroler Landeshauptmann Luis Durnwalder aber wollte den Simons «nicht einen einzigen Cent gewähren».

Helmut and Erika Simon proudly display a science book about the 5,300 year old stone age iceman known as Oetzi in Nuremberg, Germany, 30 January 1998. Helmut Simon, who along with his wife discovered the frozen corpse of Oetzi in a glacier in the Italian Alps in 1991 has reportedly gone missing. He set out on a mountain tour in the Alps on 15 October 2004 but has not yet returned.  (KEYSTONE/EPA/Claus Felix)

Die Ötzi-Finder, Erika und Helmut Simon, präsentieren 1998 stolz eine wissenschaftliche Publikation über die Gletschermumie. Bild: EPA

Erst bezweifelten die italienischen Behörden, dass die Simons die Finder waren. Dann unterstellten sie, das Paar habe «gezielt» eine Mumie gesucht. Ein juristischer Trick: Nach italienischem Recht steht ein Finderlohn nur dem zu, der zufällig eine «Sache von archäologischem und historischem Wert» entdeckt. Zudem hätten die Simons es versäumt, die Fundstelle fachgerecht abzusichern und das Bozener Denkmalamt zu benachrichtigen – dabei wussten anfangs selbst die Behörden nicht, auf welchem Gebiet die Mumie lag.

«Die wollten uns nur um unser Geld prellen», empört sich Erika Simon noch heute. Am meisten zermürbte sie, dass Boulevardzeitungen sie als raffgierig darstellten. «Die ‹Bild› hat damals getitelt: ‹Die Simons sind bald Millionäre!› Da habe ich in der Redaktion angerufen und gesagt: Was soll der Quatsch?» In solchen Momenten wünschte sie sich, sie hätten die Mumie nie gefunden.

Der Rechtsstreit lief noch, als die selben Zeitungen die Simons plötzlich zu Opfern erkoren. Ötzi, so hiess es nun, habe sich gerächt.

Ein «Fluch der Mumie»?

Am 15. Oktober 2004 brach Helmut Simon allein von Bad Hofgastein, etwa 150 Kilometer von der Ötzi-Fundstelle, zu einer Wanderung auf – und kehrte nicht zurück. «Es war ein einfacher Weg, und an dem Tag war wahnsinnig schönes Wetter», erinnert sich seine Frau, die am Unglückstag in den Hofgasteiner Heilstollen ihre Gelenke kurierte.

Am Abend drehte das Wetter, wie 13 Jahre zuvor nach dem Mumienfund. Heftiger Schneefall behinderte die Suche nach dem Vermissten. Erst nach neun Tagen wurde Helmut Simons Leiche gefunden. Er hatte sich, wie beim Fund des Eismanns, vom Weg entfernt. Dann war er 150 Meter abgestürzt.

Selbst das Wissenschaftsmagazin «Science» fabulierte nun von einer «grausamen Ironie» des Schicksals. Plötzlich wurde wieder an den Gerichtsmediziner Rainer Henn erinnert, der Ötzi einst untersucht hatte und ein Jahr später bei einem Autounfall gestorben war. Nach ihm war noch ein Bergführer, der bei der Mumien-Bergung dabei gewesen war, in den Bergen tödlich verunglückt. Der ORF-Reporter, der Ötzi gefilmt hatte, starb an Krebs, und kurz nach Simons Tod erlag Ötzi-Erforscher Spindler der Nervenkrankheit ALS.

Erika Simon glaubt nicht an einen Fluch. Für sie ist ihr Mann tragisch verunglückt.

Immerhin endete 2009 der Rechtstreit um den Finderlohn. Simon bekam 175'000 Euro, davon gingen 55'000 an ihre Anwälte. Den Rest teilte sie sich mit ihren Kindern.

Die grösste Freude bereitet ihr der Eismann aber, wenn ihre Enkeltochter stolz erzählt: «Oma, wir haben heute in der Schule den Ötzi durchgenommen!» Dann weiss Erika Simon, dass es vor 25 Jahren kein Fehler war, den markierten Wanderweg zu verlassen.

Ötzi, die Gletschermumie

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    Alle Leser-Kommentare
  • Karl Müller 15.09.2016 19:20
    Highlight Highlight Von all den Leuten, die nur prominent sind weil sie prominent sind, ist mir Ötzi noch einer der sympathischten. Und wenn er diesen Status nutzen und nächstes Jahr beim Dschungelcamp mitmachen täte, würde er bestimmt nicht als geistlosester Kandidat in die Geschichte der Sendung eingehen!
  • Thrasher 15.09.2016 19:03
    Highlight Highlight «Oma, wir haben heute in der Schule den Ötzi durchgenommen!»

    Sorry aber das hört sich einfach unglaublich falsch an. *lachmichschlapp*
    • trio 15.09.2016 22:37
      Highlight Highlight Jemanden durchgenommen zu haben, kann auch als bumsen verstanden werden ;)
    • trio 16.09.2016 08:05
      Highlight Highlight Gerngeschehen :)

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