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Shisa Kanko, Point & Call, Japan

Was ist der Sinn dieser merkwürdigen Geste?  Bild: Youtube

Darum machen japanische Lokführer seltsame Zeige-Bewegungen

26.08.18, 18:47


Japanische Züge sind legendär pünktlich. Und sie sind sicher. Dafür gibt es mehrere Gründe, unter anderem hohe Investitionen in die Wartung der Anlagen und in die Ausbildung des Personals. Japanische Lokführer werden überdies langfristig auf denselben Strecken eingesetzt, damit sie diese gut kennen. 

Daneben gibt es aber noch eine japanische Besonderheit, die entscheidend zur Sicherheit im Bahnverkehr beiträgt und doch ausserhalb Japans weitgehend unbekannt ist: Shisa Kanko. Bahnfahrenden westlichen Touristen dürfte diese Sicherheitsmassnahme auffallen, denn sie wirkt recht skurril, wie dieses kurze Video zeigt: 

Das Gehirn stimulieren

Bei Shisa Kanko, auf Englisch Pointing and calling («Zeigen und nennen») genannt, handelt es sich um eine Methode, die dem Lokführer – und anderen Bahnbediensteten – dabei helfen soll, wichtige Signale und gefahrenträchtige Situationen im mentalen Fokus zu behalten. Der Lokführer zeigt dabei in übertrieben wirkender Weise auf ein Signal und nennt es zugleich mit lauter Stimme. Nähert er sich beispielsweise einem Signal, das ein Tempolimit von 75 km/h in 500 Meter Entfernung ankündigt, zeigt er darauf und sagt «Limit 75, Distanz 500». Gleichzeitig zeigt er auf das Signal und danach auf den Tacho. 

Dies soll verhindern, dass eine wichtige Information der Aufmerksamkeit entgeht. Die Wahrnehmung der eigenen Stimme und die Aktivierung der Muskeln in Arm und Mund, so die Theorie, stimulieren das Gehirn und unterstützen dadurch die Aufmerksamkeit. 

Shisa Kanko wirkt

Tatsächlich scheint das Verfahren zu wirken. Eine Studie des japanischen Railway Technical Research Institute aus dem Jahr 1994 zeigte, dass Versuchspersonen, die eine einfache Aufgabe zu erledigen hatten, im Schnitt 2,38 Fehler pro 100 Aktionen machten. Dieser Wert sank bereits deutlich, wenn die Personen bei der Lösung der Aufgabe zusätzlich darauf zeigten oder sie nannten.

Am stärksten verringerte sich die Fehlerquote, wenn beide Verfahren – zeigen und nennen – kombiniert wurden: Sie lag dann nur noch bei 0,38 Fehlern pro 100 Aktionen, was einer Reduktion von knapp 85 Prozent entspricht. 

Eine spätere Studie der Universität von Osaka bestätigte diesen Befund im Jahr 2011. Hier mussten die Testpersonen ebenfalls eine Reihe von simplen Aufgaben lösen, wobei die Fehlerquote ohne Shisa Kanko bei 2,5 Prozent lag. Mit Shisa Kanko sank die Quote auf beinahe null – was auch erwartet wurde.

Unerwartet war dagegen, dass sogar die Reaktionszeit sich verbesserte, wenn Shisa Kanko zur Anwendung kam. Sie verringerte sich zwar auch ohne diese Methode, wenn die Versuchspersonen mehrere Aufgaben hintereinander lösen mussten, doch der Effekt war bei Shisa Kanko stärker. 

Point and Call standard of a conductor at the Tokyu Corporation, Tokyo, Japan. 
By Christoph Roser at AllAboutLean.com under the free CC-BY-SA 4.0 license.
https://www.allaboutlean.com/
https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.en

Nicht nur die Lokführer, sondern auch Kondukteure wenden Shisa Kanto an.  Bild: AllAboutLean.com/Christoph Roser/CC-BY-SA 4.0

Seit über 100 Jahren

Die japanische Bahn wendet das Verfahren seit den 80er Jahren in der Ausbildung des Bahnpersonals an, um Betriebsunfälle zu reduzieren. Doch Shisa Kanko gibt es schon viel länger. Angeblich soll es ein Dampflokführer Anfang des 20. Jahrhunderts erfunden haben: Da er immer schlechter sah, befürchtete er, deswegen ein Signal zu verpassen. Deshalb begann er, die Signale auszurufen, worauf der Heizer sie ebenfalls laut bestätigte.

Irgendwann fiel dies einem Vorgesetzten auf und 1913 wurde das Verfahren unter der Bezeichnung kanko oto («Ruf und Antwort») in eine Dienstvorschrift übernommen. Das Zeigen kam vermutlich erst in den 20er Jahren dazu. In Japan hat sich Shisa Kanko mittlerweile auch ausserhalb des Bahnverkehrs etabliert; vor allem in Arbeitsbereichen, in denen mangelnde Aufmerksamkeit fatale Folgen haben kann.  

Ausserhalb Japans ist das Interesse na Shisa Kanko dagegen kaum vorhanden. Eine Ausnahme stellt die New Yorker U-Bahn dar. Das liegt vermutlich daran, dass es den meisten Menschen peinlich ist, bei der Arbeit derart seltsame Gesten auszuführen – erst recht, wenn sich das Spektakel dazu noch in der Öffentlichkeit abspielt. Auch in Japan fällt es dem Personal zu Beginn der Ausbildung oft schwer, sich an die skurrile Prozedur zu gewöhnen. 

(dhr)

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26Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Madison Pierce 27.08.2018 09:03
    Highlight Ein befreundeter Lokführer macht das auch so.

    Bezüglich Einsatzplanung macht es die SBB aus Sicherheitsgründen gegensätzlich wie die Japaner: Lokführer werden auf möglichst unterschiedlichen Strecken eingesetzt. Damit sie die Strecken eben genau nicht gut kennen lernen. Routine ist gefährlich: "das nächste Signal war immer grün, wird auch heute grün sein". Merkt man auch als Autofahrer: Bei einer gewohnten Strecke kann man hinterher nicht sagen, ob man einen Bus überholt hat. Fährt man unbekannte Wege, weiss man danach noch viel mehr.
    12 0 Melden
  • Ton 27.08.2018 05:58
    Highlight Ich mache das auch beim Fliegen. Ein weiterer Effekt ist, dass man schneller merkt, falls etwas vergessen geht, weil man seine üblichen Callouts und Handbeweggungen nicht gemacht hat.
    12 0 Melden
    • 7immi 27.08.2018 10:10
      Highlight mach ich auch so. wenn man zu zweit fliegt weiss der andere ausserdem, was man macht und kann korrigieren. auch passagiere schätzen die ständige beschreibung, da sie ihnen unbekannte abläufe besser verstehen. für leute mit flugangst ist das auch sehr praktisch, da für sie das flugzeug dann kein teufelszeug mehr ist sondern die abläufe transparent und sicher wirken. ist eine gute sache.
      6 0 Melden
  • HylianHomeowner 27.08.2018 05:20
    Highlight Die Subway conductors in NYC machen was ähnliches. Wenn der Zug anhält, zeigen sie mit dem Finger aus dem Fensterchen auf ein Schild, das angibt, dass der Zug an der richtigen Stelle steht, bevor die Türen geöffnet werden.
    5 0 Melden
  • Maya Eldorado 27.08.2018 02:46
    Highlight Forts:
    Da kam mir eine Idee. Bevor ich wegging schaute ich, ob alles in Ordnung war, wie vorher auch. Aber bei allem sagte ich laut, was ich kontrolliere und berührte es auch.
    Von Stund an war ich von meinen Zweifeln befreit.

    Das ist doch das gleiche System, wie bei den japanischen Lokführern.
    9 0 Melden
    • Meet The Mets 27.08.2018 19:06
      Highlight Ich mache das beim Kochherd auch, ich zeige auf jede Platte und den Schalter und sage laut, ob sie aus ist oder nicht. Ich erinnere mich immer daran, wenn ich fort bin.
      0 0 Melden
  • Maya Eldorado 27.08.2018 02:43
    Highlight Das hat bei mir mal so eingerissen.
    Bin ich von zuhause weggegangen machte ich mir Sorgen. Habe ich die Fenster geschlossen (Parterrewohnung). Ist beim Kochherd alles ausgeschaltet. Ist der Laptop ausgeschlatet. Habe ich die Wohnungstüre wirklich abgeschlossen. usw.
    Ich musste immer öfter umkehren, um zu schauen, ob ich nichts vergessen habe.

    Das nervte mich immer mehr und oft kam ich in der Folge zu spät am Ziel an. Und etwas vergessen hatte ich eigentlich nie.

    Fortsetzung:

    6 0 Melden
  • axantas 26.08.2018 21:52
    Highlight Mag blöd klingen, aber ich mach das so mit Schlüsseln, bevor ich z.B. das Garagentor zuschlage.

    Ich schwatz dabei nicht mit mir, aber gucke konsequent darauf, WAS ich in der Hand habe. Erst dann geht das Tor zu.

    Als Konsequenz von einmal "Mist, alle Schlüssel im Auto und Garage zu" - das klappt seither hervorragend.
    31 1 Melden
  • Gähn 26.08.2018 21:35
    Highlight So abwegig oder schräg ist dieses System echt nicht.
    Als ich noch als CNC-Mechaniker gearbeitet habe, habe ich ein ähnliches System verwendet, wenn ich ungeprüfte Programme einfahren musste. Hat mich mehr als einmal vor großem Schaden bewahrt.
    27 0 Melden
    • wild cowboy 27.08.2018 08:02
      Highlight Mach ich sogar bei meinen eigenen Programmen...!😅
      5 0 Melden
    • Gähn 27.08.2018 08:07
      Highlight Logo.
      Als ich noch selbst programmiert habe, war das Standard.
      Ich muss zwar sagen, ich bin nicht der beste Programmierer, aber in die eigenen Programme hat man ein gewisses Vertrauen. Ohne die entsprechende vorsichtige Prüfung hätte meine alte Dame, meine Drehbank, ziemlich leiden müssen.
      2 0 Melden
  • A7-903 26.08.2018 21:19
    Highlight Ob das auch gegen zweimaliges hin und herlaufen hilft wenn man in die küche gehen will um was zu holen? Ich versuchs in der nächsten zeit mal 😂
    35 0 Melden
  • MSpeaker 26.08.2018 21:06
    Highlight Habe es heute beim Autofahren mit den Tempolimits getestet. Funktioniert wirklich etwas besser :D Aber da ich doch öfters Mitfahrer habe und es doof aussieht werd ich es mir nicht antrainieren.
    18 0 Melden
  • lilie 26.08.2018 20:04
    Highlight Eigentlich clever. Klar kommt man sich am Anfang vielleicht etwas blöd vor, aber wenn man bedenkt, wieviel Unfälle im Schienenverkehr auf menschliches Versagen zurückzuführen sind, ist es ja wirklich sinnvoll!
    105 2 Melden
    • R4ZKO 26.08.2018 21:46
      Highlight Wurde mir sogar vom Fahrlehrer damals beigebracht 😎💪🏻 Aber ist schon sehr gewöhnungsbedürftig!
      20 0 Melden
    • danmaster333 27.08.2018 02:09
      Highlight Das gibt es in der Schweiz übrigens auch, aber eigentlich nur wenn das ZUB (Bremsberechnung) ausgefallen ist und somit evtl. ein zweiter Lokführer im Führerstand ist oder bei Ausbildungsfahrten. Auf dem Foto mit den japanischen Bähnlern sind ja auch zwei zu sehen. Um alle Züge so zu besetzen fehlt, zumindest der SBB, das Personal dazu (ist ja jetzt schon knapp).
      4 0 Melden
    • lilie 27.08.2018 08:20
      Highlight @danmaster: Ich glaub nicht, dass es in Japan nur in Begleitung praktiziert wird, deshalb ist es ja etwas gewöhnungsbedürftig. Der Lokführer sitzt da ganz allein, zeigt in der Weltgeschichte rum und sagt Signale an.

      Und erst noch mit weissen Händschli. 😆

      Aber die müssen das ja auch zuerst lernen. Gefilmt wurde wahrscheinlich während einer Ausbildungsfahrt.

      Und ist vermutlich noch effizienter, wenn man es immer macht, nicht nur in Ausnahmesituationen.
      6 0 Melden
  • Maschinist460 26.08.2018 19:37
    Highlight Aus rein psychologischer Sicht ist dies eine der besten Methoden, um Routine und Ablenkung zu verhindern. Denn es werden dabei die Stimme (Akustik), die Augen (Optik) und die Hände (Motorik) gebraucht.
    Bei der SBB ist es ebenfalls während der Ausbildung (und eigentlich auch danach, ist jedoch individuell) Pflicht, die Signale und Tätigkeiten laut zu melden. Hat man dies mal intus, ist es nicht mehr weit zu Shisha Kanko.
    194 2 Melden
    • Astrogator 26.08.2018 21:04
      Highlight Ich wollte das auch schreiben. Persönlich habe ich es beibehalten mir Gèstes Métier und Signale selbst laut zu melden. Hilft besonders wenn die Konzentration droht nachzulassen, hilft das Situationsbewusstsein zu behalten und wenn mir mal wieder ein Signal vor der Nase zufällt bleibt der Puls tief weil ich weiss ich habe keine Warnung verpasst.
      31 0 Melden
    • iisebahnerin 26.08.2018 21:34
      Highlight @MaschinistRE460: Finde ich gut, dass das die Lokführer machen. Beim Zugpersonal wirds teilweise, allerdings auf freiwilliger Basis, auch gemacht. Ich mache das so bei Bremsproben, Zuguntersuchungen, aber auch bei Störungen..... Mag etwas schräg wirken, aber hilft tatsächlich enorm beim Fokkussieren!
      30 0 Melden
    • zettie94 26.08.2018 23:04
      Highlight Gerade die Routine wäre in Japan ohne diese Massnahme wohl ein grosses Problem, weil die Lokführer immer auf der gleichen Linie eingesetzt werden.
      Das ist in der Schweiz ja glücklicherweise (meistens) nicht der Fall.
      3 0 Melden
    • Rhabarber 26.08.2018 23:07
      Highlight Seit ich irgendwo Ende 80er davon erfahren habe, mach ich das auch in einigen Dingen. Es ist wirklich sehr hilfreich.

      Es zeugt ja auch nicht direkt von hohem Intellekt oder Verantwortungsbewusstsein, etwas, was Leben retten könnte, nicht zu tun, weil weil man sich genieren könnte. Aber hey, wir reden hier von Menschen ;-)
      5 0 Melden
    • wurstundbier 27.08.2018 07:18
      Highlight Ich kann alle diese Thesen nur unterstützen. Bin seit 2015 Lokführer bei den SBB, melde quasi alle Signale laut und fahre mit sehr wenigen Unregelmässigkeiten. Dass man das Signal nicht nur optisch, sondern auch ‚akustisch‘ wahrnimmt erhöht das Bewusstsein auf die aktuelle Situation enorm.

      Mag für Aussenstehende blöd aussehen, ist aber ein grosser Segen für den Arbeitsalltag.
      15 0 Melden
  • Siebenstein 26.08.2018 19:03
    Highlight Ähnlich wie man etwas schneller lernt wenn man es aufschreibt, scheint mir.🤔
    107 1 Melden
    • DemonCore 26.08.2018 20:10
      Highlight Das gemeinsame Abarbeiten von Checklisten bei Piloten hat vermutlich einen ähnlichen Effekt. Bei der Waffenhandhabung wird auch empfohlen Kontrollen motorisch mitzuverfolgen, z.B. wenn der Ladezustand (entladen) überprüft wird, empfiehlt es sich den Finger an oder in den geöffneten und leeren(!) Verschluss zu legen. Es wäre super wenn diese Sicherheitskultur sich allgemein durchsetzen würde.
      49 2 Melden
    • Alnothur 26.08.2018 23:07
      Highlight "an oder in" Bitte nicht in den Verschluss... Eigentlich schon nicht an. Es mag Ausnahmen geben, aber bei Waffen wie dem Stgw holt man sich bestenfalls einen blutigen Finger, schlimmstenfalls eine Fahrt mit der Ambulanz...
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