wechselnd bewölkt
DE | FR
21
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Wissen
Kommentar

Empörung über Zürcher Penisstudie – warum wir uns nicht darüber ärgern sollten

Nacktbaden in der Sonne richtig gemacht.
Nacktbaden in der Sonne richtig gemacht.bild: pd
Kommentar

Empörung über Zürcher Penisstudie – warum wir uns nicht darüber ärgern sollten

Wissenschaftler am Kinderspital Zürich haben 105 Frauen gefragt, wie ein schöner Penis aussieht. Das tönt idiotisch – und ist es wahrscheinlich auch. Doch die Empörung darüber ebenso.
23.07.2015, 11:0609.11.2015, 13:55

Männer verfallen gelegentlich in den Wahn, Frauen würden ihr Geschlechtsteil attraktiv finden. Das endet meist schlecht. 2011 musste der US-Abgeordnete Anthony Weiner zurücktreten, weil er ungefragt jungen Frauen Fotos seines vermeintlich besten Stückes gemailt hatte. Im vergangenen Jahr geriet Geri Müller, Stadtpräsident von Baden, wegen verschickter Penis-Bilder ebenfalls in gröbere Schwierigkeiten.

Hat schlechte Erfahrungen mit Penis-Bildern gemacht: Geri Müller.
Hat schlechte Erfahrungen mit Penis-Bildern gemacht: Geri Müller.Bild: KEYSTONE

Nun berichtet der «Blick» von einer Penisstudie des Kinderspitals Zürich. 105 Frauen mussten das beste Stück von 20 Männern begutachten. Für ein Boulevardblatt eine gefundene Schlagzeile im Sommerloch, doch auch eine Bereicherung für die Wissenschaft? Wohl kaum.

Die Empörung über vermeintlich dumme Studien ist meist noch dümmer

In nachrichtenarmen Zeiten hilft man sich in der Boulevardpresse immer wieder mal gerne mit Empörung über solche Studien über die Runden, zumal in der Regel Rechtspopulisten begeistert in den Protestchor einstimmen. Müssen wir Steuergelder dafür ausgeben, damit das Paarungsverhalten von homosexuellen Mäusen untersucht wird? Oder um zu erforschen, dass High Heels Frauen zu einem schnelleren Orgasmus verhelfen? 

Die Empörung ist jedoch meist noch dümmer als die Studien, denen sie gewidmet ist. Die SVP musste beispielsweise vor ein paar Monaten eine peinliche Niederlage einstecken, als sie eine Einschränkung der Studenten für Sozialwissenschaften forderte. Weniger Soziologen, Ethnologen, Psychologen und Historiker brauche das Land, dafür mehr Ingenieure, Mathematiker und Physiker. Dumm bloss, dass die Jobstatistik deutlich mehr arbeitslose Natur- als Sozialwissenschaftler ausweist. 

Galileo Galilei hat bewiesen, dass die Erde um die Sonne kreist.
Galileo Galilei hat bewiesen, dass die Erde um die Sonne kreist.bild: shutterstock

Dass die Wissenschaft frei forschen darf und soll, ist eine grosse Errungenschaft der Aufklärung. Galileo hat bewiesen, dass die Erde rund ist, obwohl das der katholischen Kirche damals überhaupt nicht in den Kram passte; und Darwin hat aufgezeigt, dass der Mensch vom Affen abstammt, obwohl dies vielen Fundamentalisten bis heute nicht behagt. 

Immer mehr Bereiche der Wissenschaft sind nicht mehr frei

Die Freiheit, zu forschen, beinhaltet auch die Freiheit, Unsinn zu produzieren. Damit müssen wir leben, genauso wie mit der Tatsache, dass ein gewisser Prozentsatz der Menschen faul ist. 

Die Gefahr droht nicht von fragwürdigen Studien, sondern vom Umstand, dass immer grössere Bereiche der wissenschaftlichen Forschung eben nicht mehr frei sind. Ob Pharma oder Ernährung, es gibt auf diesem Gebiet kaum mehr eine Studie, die nicht von einem multinationalen Konzern gesponsert wäre. Neuerdings drängen auch die Banken an die Universitäten und finanzieren ganze Institute – selbstverständlich einzig im Dienste der Wissenschaft. 

Lassen wir «Blick» den Spass

Soll also das Kinderspital weiterhin die Schönheit der Penisse erforschen. «Blick» wird seine Freude daran haben – und vielleicht können ja auch ein paar verunstaltete Geschlechtsteile so verschönert werden.  

No Components found for watson.appWerbebox.
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

21 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Ani_A
23.07.2015 12:09registriert März 2014
Es ging ja darum herauszufinden - sofern ich den Blick-Artikel richtig gelesen habe - ob die Penisse nach einer bestimmten Operation nicht mehr "schön" wären. Ich denke, sehr viele der Empörten haben den Sinn der Studie völlig ignoriert! Denn für die Betroffenen waren die Erkenntnisse aus der Studie wahrscheinlich sehr wichtig. Ich bin ja auch froh, dass mein Arzt bei der Knieoperation darauf Wert gelegt hat, dass die Narbe schön vernäht wurde und verheilte.
350
Melden
Zum Kommentar
avatar
Cardea
23.07.2015 11:50registriert Mai 2014
Nicht zu vergessen wieviele wichtige Erkenntnisse in der Vergangenheit zufällig durch Fehler oder eben aus auf den ersten Blick unsinnigen Studien gewonnen wurden.
290
Melden
Zum Kommentar
avatar
Lezzelentius
23.07.2015 11:25registriert Mai 2014
"Darwin hat aufgezeigt, dass der Mensch vom Affen abstammt" -
Das wird immer wieder falsch beschrieben. Wir stammen nicht vom Affen ab, wir haben dieselben Vorfahren wie die Affen.
250
Melden
Zum Kommentar
21
Wie ein finnischer Soldat im Zweiten Weltkrieg Wochen auf Crystal Meth überlebte
Russische Soldaten sollen im Krieg gegen die Ukraine unter Drogen stehen. Neu ist das nicht – wie die Geschichte vom Finnen Aimo Koivunen zeigt.

Sie laufen stur weiter in den Kugelhagel, achten nicht auf Kameraden, die neben ihnen zu Boden gehen. Wie Zombies sollen sich viele russische Soldaten im Kampf um die Stadt Bachmut verhalten, berichten ukrainische Streitkräfte. Inzwischen wird vermutet: Die russischen Soldaten stehen unter Drogen, die ihnen das Gefühl verleihen, unverwundbar zu sein.

Zur Story