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«Le Réveil du Suisse», Laurent Louis Midart (1733–1800), Radierung.

«Le Réveil du Suisse», Laurent Louis Midart (1733–1800), Radierung (Ausschnitt) Bild: Wikimedia / Zentralbibliothek Solothurn

1798 – wo bleibt die Eidgenossenschaft?

Basel feiert. In Luzern dankt das Patriziat ab. Bern leistet Widerstand. Die Nidwaldner stürzen sich in einen Verzweiflungskampf. Aus dem losen Staatenverband der Eidgenossenschaft wird ein extremer Zentralstaat.

Kurt Messmer / Schweizerisches Nationalmuseum



Ein Meer neuer Republiken brandete den Monarchien Europas entgegen. Auf einer französischen Karikatur von 1799 ist die Mutterrepublik Frankreich umgeben von zahlreichen Tochterrepubliken, der batavischen, ligurischen, cisalpinischen. Dazu gehört auch die helvetische.

«Champignons républicains», hinten die Türme von St. Petersbourg, Berlin, Vienne. Karikatur aus Frankreich, um 1799.

«Champignons républicains», hinten die Türme von St. Petersbourg, Berlin, Vienne. Karikatur aus Frankreich, um 1799. Bild: Wikimedia

Der russische Zar, ein Kanonenrohr unter dem Arm, freut sich mit Gabel und Messer auf eine feine Mahlzeit, doch der österreichische Kaiser warnt: «Nicht anfassen, Gevatter, das ist giftig!» Für den König von Preussen sind die «Champignons républicains» unheimlich, schrecklich, «effrayant». 

Hier bloggt das Schweizerische Nationalmuseum

Drei Museen – das Landesmuseum Zürich, das Château de Prangins und das Forum Schweizer Geschichte Schwyz – sowie das Sammlungszentrum in Affoltern am Albis sind unter dem Dach des Schweizerischen Nationalmuseums vereint.
Im Blog veröffentlichen Mitarbeiter des Nationalmuseums und renommierte Gastautoren Beiträge zu aktuellen Themen. watson übernimmt in loser Folge ausgesuchte Perlen daraus. Der Beitrag «1798 – wo bleibt die Eidgenossenschaft?» erschien am 5. September 2018. 
blog.nationalmuseum.ch/2018/09/1798-wo-bleibt-die-eidgenossenschaft/

Bereits der erste Export der Französischen Revolution erfolgte in Gebiete, die später zur Schweiz gehörten: 1792 wurde die Raurachische Republik gegründet. Territorial entsprach sie ungefähr dem heutigen Kanton Jura, reichte aber über das Laufental und Birseck bis vor Basel. Symptomatisch, dass die Tochterrepublik bereits nach drei Monaten von Frankreich annektiert wurde. 

«Das Erwachen des Schweizers»

Nach seinen Siegen habe sich der Schweizer so lange auf seinen Lorbeeren ausgeruht, dass er darauf eingeschlafen sei, schrieb der Maler Laurent Louis Midart (1733–1800) zu seiner 1798 geschaffenen Radierung «Le Réveil du Suisse». Während seines Schlafs seien seine Waffen verdorben, seine Kräfte erstarrt. Midart malte eine Ratte, die eben daran war, die Sehne seiner Armbrust zu zernagen und notierte: «Der Gesang des [gallischen] Hahns weckt den Schweizer auf. Eine neue Sonne erleuchtet ihn, die Freiheit [Genius] gibt ihm neue Waffen, mit denen er der ganzen Welt bald zeigen wird, dass er noch über die Tugenden und die Geltung seiner Vorfahren verfügt.»

«Le Réveil du Suisse», Das Erwachen des Schweizers, Laurent Louis Midart (1733–1800), kolorierte Radierung von 1798.

«Le Réveil du Suisse», Das Erwachen des Schweizers, Laurent Louis Midart (1733–1800), kolorierte Radierung von 1798. Bild: Wikimedia / Zentralbibliothek Solothurn

Der Genius verkörpert die Verbindung zwischen Frankreich und der Helvetischen Republik: Sein Rocksaum zeigt die Farben der französischen Trikolore, blau, weiss, rot, während die Federn seines Huts – grün, rot, gelb – die Farben der helvetischen Trikolore markieren.

Frühjahr 1798: Schlag auf Schlag – Zusammenbruch

Seit Ende 1797 arbeitete der Basler Oberzunftmeister Peter Ochs im Auftrag des französischen Direktoriums an einer Einheitsverfassung, bekannt als «Ochsenbüchlein». Am 20. Januar erfolgte der friedliche Umsturz in Basel, am 24. Januar der Durchbruch der Revolution in der Waadt. Am 31. Januar beschloss die Luzerner Obrigkeit «von selbst unaufgefordert und einmütig» die Abschaffung der aristokratischen Regierungsform, ferner sollten frei gewählte Ausschüsse oder Volksvertreter aus der Stadt und von der Landschaft eine neue Regierungsform festsetzen.

Vormarsch der französischen Truppen aus dem Raum Basel/Jura und Genf im Februar und März 1798.

Vormarsch der französischen Truppen aus dem Raum Basel/Jura und Genf im Februar und März 1798.  Karte: Peter Ziegler, Wädenswil

Anfang Februar war es in Zürich und Schaffhausen so weit: Eine neue Verfassung brach mit der alten Ordnung. In Freiburg und Solothurn erhob sich Widerstand, doch die französischen Truppen zogen schliesslich kampflos ein. Einzig Bern widersetzte sich den Franzosen, im Grauholz und in Neuenegg. Doch die Kräfte waren zu ungleich verteilt. Frankreich verfügte über 35‘000 Soldaten, Bern nur über 20‘000. Die 4000 Mann der eidgenössischen Hilfstruppe verhielten sich passiv. Rund 700 Berner verloren ihr Leben. Zahlen über französische Opfer liegen nicht vor. Mit der Kapitulation Berns am 4. März 1798 fiel das Bollwerk. Innert sechs Wochen war die Alte Eidgenossenschaft zusammengebrochen. 

«Neue Cantons und Districts Eintheilung»

Es ist kaum möglich, sich den Wechsel der politischen Grundstruktur von der Alten Eidgenossenschaft zur Helvetischen Republik extremer vorzustellen: Frankreich ersetzte den losen Verband von 13 eidgenössischen Herrschaften, die argwöhnisch über ihre Souveränität und Grenzen wachten, mit einem Zentralstaat, dessen Binnengrenzen bloss noch der Verwaltung dienten und je nach Bedarf verändert werden konnten. Das geht auch aus der «Anmerkung» der Kantons- und Distriktseinteilung vom August 1798 hervor. Die Grenzen seien «nur als provisorisch decretirt worden», heisst es dort, könnten noch wesentliche Abänderungen erleiden, denn die Erfindung des «Landcharten-Druckes mit beweglichen Typen» mache es leicht möglich, «jede beträchtliche Abänderung sogleich in einer neuen Auflage dem Publikum mittheilen zu können».

Der Basler Drucker wusste, wovon er sprach. Am 12. April 1798 hatte es noch 22 Kantone gegeben, drei Wochen später nur noch deren 18. Grenzen, die sich in der Eidgenossenschaft während Jahrhunderten verdichtet hatten, konnten mit Federstrichen von heute auf morgen geändert – und erneut verworfen werden. Der geneigte Leser stellt fest: Punkto Verständnis für historische Entwicklungen hatte es auf französischer Seite noch Luft nach oben. 

«Der Helvetischen Republik neue Cantons und Districts Eintheilung im Augstmonat 1798».

«Der Helvetischen Republik neue Cantons und Districts Eintheilung im Augstmonat 1798». Karte: Schweizerische Nationalbibliothek

Allerdings zog Frankreich die neuen Grenzen mit klaren politischen Absichten. Der ehemals mächtige, widerborstige Stadtstaat Bern wurde zurechtgestutzt zu einem «Canton» mittlerer Grösse. In der Zentralschweiz, wo es ebenfalls Widerstand gab, wurden Uri, Schwyz, Zug, Ob- und Nidwalden im Gegenzug zum Kanton Waldstätte vereint. Hier «Teile und herrsche», dort «Vermenge und herrsche». 

«Mehr Anhänglichkeit gegenüber den Pfaffen als gegenüber der neuen Verfassung»

Was sollten Landsgemeinden in einem Zentralstaat? Zur Abschaffung dieser alten politischen Einrichtung in Nidwalden kam die antiklerikale religionsfeindliche Ausrichtung der Helvetik. Das veranlasste die Geistlichkeit, den Widerstand anzufachen. Sollten die Nidwaldner «die heilige Religion durch einen langsamen Tod vernichten lassen?» 

Auf französischer Seite wurde mit einem gewissen Neid konstatiert, die Sprache der «Patrioten», der einheimischen Anhänger der Helvetik in Nidwalden, sei dem Volk vertraut, zudem schafften manche Einrichtungen und Zeichen der alten Ordnung Identität. Agenten und Beamte hingegen würden als Spitzel und Spione betrachtet, dauernd angefeindet, viele seien ihrer Posten überdrüssig, hätten ihren Dienst quittiert oder seien gar geflohen. 

Die Situation eskalierte. Die «Patrioten» hatten das Heft an sich gerissen, Frankreich verlangte den Eid auf die Verfassung. Nidwalden schlug zwei Ultimaten aus. Damit waren die Würfel gefallen. General Schauenburg bot eilends Truppen auf, verfügte schliesslich über 10‘000 Mann, der Kriegsrat Nidwaldens über knapp 1‘600. Der Hauptstoss der Franzosen erfolgte von Kerns her über den Allweg. Die Nidwaldner vermochten den Angriff zwar einige Stunden aufzuhalten, aber die vernichtende Niederlage war eine Frage der Zeit.

Die Helvetische Trikolore, im (verblichenen) roten Mittelstreifen die Parolen «Freiheit» und «Gleichheit» sowie die Szene mit Tell und seinem Sohn. Dieses zur Versöhnung bestimmte Geschenk des damaligen Regierungskommissärs Heinrich Zschokke (1771–1848) gehört heute zu den bedeutendsten Sachquellen des Nidwaldner Museums in Stans. Das Atom-Fass auf der rechten Seite deutet an, dass der Widerstand in Stans Tradition hat. 1815, 1848, 1959 lassen grüssen.

Die Helvetische Trikolore, im (verblichenen) roten Mittelstreifen die Parolen «Freiheit» und «Gleichheit» sowie die Szene mit Tell und seinem Sohn. Dieses zur Versöhnung bestimmte Geschenk des damaligen Regierungskommissärs Heinrich Zschokke (1771–1848) gehört heute zu den bedeutendsten Sachquellen des Nidwaldner Museums in Stans. Das Atom-Fass auf der rechten Seite deutet an, dass der Widerstand in Stans Tradition hat. 1815, 1848, 1959 lassen grüssen. Bild: Otto Schmid, Neuenkirch

Eine Katastrophe ohnegleichen: Das anschliessende Massaker forderte 400 Menschenleben, darunter 102 Frauen und 25 Kinder. Danach Brandschatzungen, Verwüstungen, Plünderungen – und Demütigungen: Die Franzosen liessen die Linden um den Landsgemeindeplatz abholzen, den Freiheitsbaum wieder aufrichten und die Nidwaldner einen Monat später den Eid doch noch leisten. – Hatte sich der Widerstand gelohnt? Es gibt einfachere Fragen. 

Wessen Freiheit?

Eine der kleineren Erzählungen Gottfried Kellers trägt den Titel «Verschiedene Freiheitskämpfer». Auf der einen Seite der Chasseur Peter Dümanet von Paris. «Er hielt sich allen Ernstes für einen Vorkämpfer der einen und wahren Völkerfreiheit.» Auf der anderen Seite Aloisi Allweger (Allweg!), der schon als «junger wilder Bursche beim Aufzug eines Älplerfestes im Tale das sogenannte Wildmannli gespielt» hatte. Jahre danach war er «ein hoher [langer] Geselle, der sich durchaus nicht bücken wollte». Dümanet oder Allweger? Aloisi verteidigt die Freiheit Nidwaldens und zahlt mit seinem Leben. Um wessen Freiheit ging es 1798? 

1798 – Der erste Anlauf

In mehreren Wochenserien präsentiert der Historiker Kurt Messmer den Weg der Schweiz vom Feudalismus in die Demokratie.

Das historische Thema dieser Woche: Der Umbruch von 1798 – politisch, gesellschaftlich, wirtschaftlich.

• Montag:
Zwei Vorzeichen für dasselbe Jahrhundert
Politisch erstarrte das Ancien Régime im 18. Jahrhundert. Wirtschaftlich und gesellschaftlich dagegen entwickelte sich unser Land dynamisch. Eine hoch interessante Konstellation im Vorfeld von 1798.

• Dienstag:
«Dieses ist keine gewöhnliche Revolution»
1789 verkündete die Ständeversammlung in Frankreich die «Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte». Im Stäfner Handel wurde erstmals das politische System auch in der Schweiz in Frage gestellt.

• Mittwoch:
1798 – wo bleibt die Eidgenossenschaft?
Basel feiert. In Luzern dankt das Patriziat ab. Bern leistet Widerstand. Die Nidwaldner stürzen sich in einen Verzweiflungskampf. Aus dem losen Staatenverband der Eidgenossenschaft wird ein extremer Zentralstaat.

• Donnerstag:
Von Freiheitsbäumen und ihren Schatten
Spötter befanden, die Freiheitsbäume hätten keine Wurzeln, und dem Freiheitshut fehle der Kopf. So einfach sollte man es sich mit Freiheitsbäumen nicht machen. Anspruch und Wirklichkeit klafften allerdings auseinander.

• Freitag
Demokratie? Episode? Bruch? Erster Anlauf?
Die Helvetik hat miserable Karten: a) von aussen aufoktroyiert, b) zeitlich eine Episode, c) quer zum Bisherigen, d) auch repariert von aussen. Dennoch gehört sie zum Wichtigsten, das der Schweiz je widerfuhr.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Frances Ryder 16.09.2018 21:31
    Highlight Highlight Gewisse Innerschweizer Kantone (wenn ich mich recht erinnere auch NW) haben übrigens bis heute der Bundesverfassung nie zugestimmt und sind technisch gesehen gar nicht Teil der Schweiz.😅
    • Knety 17.09.2018 00:55
      Highlight Highlight Es wurde einfach beschissen bis zum geht nicht mehr. So hat man zum Beispiel nur die Nein Stimmen gezählt und dann mit der Gesamtbevölkerung des jeweiligen Kantons gerechnet. Je nach Kanton war so eine Neinmehrheit gar nicht möglich.
    • swisskiss 17.09.2018 01:02
      Highlight Highlight Frances Ryder: Faktisch falsch. Die Volksabstimmung zur Annahme der Bundesverfassung, wurde durch den Souverän mit Standes- und Volksmehrheit angenommen und gilt selbstverständlich in allen durch Verfassung und Gesetz definierten Gebieten der Schweiz.

      De jure wie de facto ist die Zugehörigkeit zur Schweiz nicht durch Verfassung begründet, sondern durch das Völkerrecht, das die Souveränität der Schweiz 1815 beim Wiener Kongress durch Anerkennung der Landesgrenze festlegte.
    • flyme 17.09.2018 11:52
      Highlight Highlight @swisskiss: stimmt nur zur Hälfte. Die Zugehörigkeit zur Schweiz ist völkerrechtlich 1815 festgelegt. Die Annahme der Verfassung von1848 hätte jedoch korrekterweise nach dem alten Recht einstimmig durch alle Kantone erfolgen müssen, nicht nach Ständemehr. Die zustimmenden Kantone hätten sich eigentlich abspalten müssen, um die Verfassung in Kraft zu setzen, oder die andren Kantone ausschliessen. Je nach sichtweise.

      Ein Volksmehr gab es auch nicht, da wie korrekt erwähnt in einigen Kantonen die Regierung alleine zustimmte oder Nichtstimmende als ja gezählt wurden.
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