Wissen
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Raubbau in Südamerika: Goldminen sind das neue Kokain

Das Risiko für Strafen ist gering, der Ertrag hoch. In Südamerika schürfen Banden im grossen Stil illegal Gold. Dafür wird Regenwald gerodet, giftiges Quecksilber fliesst in die Flüsse – ein Ende ist nicht in Sicht.



Ein Artikel von

Spiegel Online

Früher, da sei das aus der Luft gesehen wie ein grosser Brokkoliteppich gewesen, erzählt Priester Ulrich Kollwitz. «Heute haben sich die Löcher im grünen Teppich des Regenwalds ungefähr verdreifacht.» Im Hintergrund rattern die Maschinen einer illegalen Goldmine. Kollwitz kam Ende 1975 aus Siegburg als Missionar nach Kolumbien – seither verfolgt er die Veränderungen jenseits aller gefeierten UN-Klimabeschlüsse auf dem Papier.

Der illegale Goldabbau hier, in der kolumbianischen Pazifikregion im Departament Chocó, ist denkbar simpel. Grossflächig werden Bäume gefällt, die Erde Dutzende Meter tief mit Baggern ausgeweidet, bis man auf goldführende Schichten stösst. Das Gestein wird dann in Maschinen sortiert – und überschaubare Mengen Gold herausgeholt.

Flowers adorn a tomb at an illegal gold mining camp in Ananea, in Peru's Puno region, Thursday, Nov. 12, 2015, during a police operation to destroy the camp's mining equipment. The extraction of gold contaminates the area with tons of mercury, a toxin that drains into water sources that can reach lake Titicaca, the largest body of freshwater in South America. (AP Photo/Rodrigo Abd)

Blumen an einem Grab an einer illegalen Goldmine in Ananea in Peru im November 2015.
Bild: Rodrigo Abd/AP/KEYSTONE

Auch in Brasilien nimmt der illegale Holzeinschlag zu, dort wächst der Flächenbedarf für Sojabohnen , da die Menschheit mehr Fleisch isst und daher der Tierfutterbedarf steigt. In Peru und Kolumbien ersetzt der illegale Goldabbau immer öfter den Koka-Anbau zur Kokaingewinnung.

Zwar ist der Goldpreis in den letzten Monaten gesunken, aber mit knapp 1100 Dollar je Feinunze immer noch auf hohem Niveau. Noch zu selten gibt es aus der Bevölkerung Kritik am Raubbau. Einige Gemeinden, die Kollwitz besucht, unterstützen den Goldabbau eher, als dass sie ihn bekämpfen, berichtet er. Die Industrie schafft Arbeitsplätze und sichert Einkommen.

«80 Prozent der Minen sind illegal»

«Wir werden hier gerne als Feinde des Fortschritts gesehen», resümiert Kollwitz. Es gibt kaum staatliche Präsenz, rechtsfreier Raum. Bei der Auswaschung des Goldes gelangt oft hochgiftiges Quecksilber in die Flüsse. Es bilden sich zudem in den Förderlöchern grosse stehende Gewässer, was die Malariaausbreitung nach Angaben der Bewohner stark erhöht hat. Der oberste Finanzaufseher des Landes, Edgardo Maya Villazón, betont: «80 Prozent der Minen sind illegal.»

FILE - In this Nov. 12, 2014 file photo, a column of policemen move into a gold mining camp as part of an operation to eradicate illegal mining in the area known as La Pampa, in Peru's Madre de Dios region. Less than a month before Peru played host to global climate talks, the government sent police into southeastern jungles to dismantle illegal gold-mining mining camps. Fifty-thousand hectares of rainforest have been obliterated in the past six years in the wasteland known as La Pampa. (AP Photo/Rodrigo Abd)

Zerstörte Landschaft: Illegale Goldmine in der Region Madre de Dios in Peru.
Bild: Rodrigo Abd/AP/KEYSTONE

Ein Junge vor einer illegalen Goldmine in der Region Madre de Dios in Peru.
Bild: STRINGER/REUTERS

Für Gruppen wie die linke Farc-Guerilla ist das Goldgeschäft heute weniger riskant als die Produktion von Kokain. Maya Villazón schätzt den Umsatz der illegalen Minen in Kolumbien auf 2.5 Milliarden US-Dollar (umgerechnet 2.48 Milliarden Franken) im Jahr.

Rund 170 Quadratkilometer des Primärregenwaldes sollen allein 2014 in Kolumbien den Minen zum Opfer gefallen sein – mehr als die Hälfte der Fläche von Bremen. Und das, obwohl laut Regierung seit 2010 rund 8200 Personen festgenommen worden sind.

Aufruf zum «Krieg gegen die Minen»

Angesichts verheerender Umweltverschmutzung und des Raubbaus an der Natur ruft Präsident Juan Manuel Santos zum «Krieg gegen die Minen». Die Schattenwirtschaft des illegalen Goldabbaus ersetze den Drogenhandel als «eine der Hauptaktivitäten der organisierten Kriminalität und als Quelle zur Finanzierung des Terrorismus».

Colombia’s President Juan Manuel Santos speaks to the nation following the latest, historic step in the peace talks with FARC rebels in Havana, Cuba at the presidential palace in Bogota,  December 15, 2015. REUTERS/Cesar Carrion/Colombian Presidency/Handout via Reuters ATTENTION EDITORS - THIS PICTURE WAS PROVIDED BY A THIRD PARTY. REUTERS IS UNABLE TO INDEPENDENTLY VERIFY THE AUTHENTICITY, CONTENT, LOCATION OR DATE OF THIS IMAGE. FOR EDITORIAL USE ONLY. NOT FOR SALE FOR MARKETING OR ADVERTISING CAMPAIGNS. THIS PICTURE IS DISTRIBUTED EXACTLY AS RECEIVED BY REUTERS, AS A SERVICE TO CLIENTS.

Will Krieg: Juan Manuel Santos.
Bild: HANDOUT/REUTERS

Das Militär ist mit mehr Personal im Einsatz, Minenbetreiber müssen bis zu 30 Jahre Haft fürchten. Zudem sind sechs neue Nationalparks geplant, die einer stärkeren Kontrolle unterliegen. Der Präsident setzt parallel darauf, dass er bis Ende März mit der noch über rund 8000 Kämpfer verfügenden Farc einen Friedensvertrag abschliessen kann.

«Die Farc ist regelmässig hier und sorgt für Ordnung», berichtet ein Bewohner des Ortes Playa Bonita, der sich am für seine Stromschnellen berüchtigten Rio Andagueda befindet. Der Fluss hat durch das Ausbaggern im Zuge der Goldförderung teilweise einen ganz neuen Verlauf bekommen. «Wir haben hier ständig Erdrutsche, und das Wasser ist verschmutzt», klagt eine Bewohnerin.

Ein anderer hat wenig übrig für die Kritik am Goldrausch, er ist mit einer Spitzhacke auf dem Weg zu einer Mine. «Wir dürfen nehmen, was die nicht brauchen.» So kaufen sich die Betreiber, die oft auch aus der Region kommen, die Zustimmung der Gemeinden, in ihrem Land das Gold zu fördern. Sie überlassen einen Teil den Anwohnern, die mit einfachem Werkzeug ein bisschen Gold abzweigen, an guten Tagen machen sie über hundert Dollar.

Georg Ismar/jme/dpa

Abonniere unseren Newsletter

Abonniere unseren Newsletter

3
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
3Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Humbolt 22.12.2015 07:09
    Highlight Highlight Kolumbien hat ja unzählige "Revolutionen" oder was ähnliches hinter sich und ist immer noch nicht viel weiter gekommen.
    Für eine Revolution müssen deren Anführer bereit sein zu sterben. Dafür sind nur die wenigsten bereit.
    1 0 Melden
  • Humbolt 21.12.2015 22:20
    Highlight Highlight Solange Menschen in schlimmster Armut leben müssen, werden sie empfänglich sein für jede Möglichkeit diese Armut ein wenig zu bessern. Und so lange werden andere Menschen sie für ihre Machenschaften ausnützen. Ob es Mafiabosse sind oder korrupte Regierungsmitglieder.
    Wer eine Lösung dafür findet, verdient wohl den Friedensnobelpreis, sowie den für Wirtschaft.
    16 0 Melden
    • youdreamdu 22.12.2015 00:09
      Highlight Highlight one solution: revolution!
      7 3 Melden

Warum niemand Dschingis Khans Beerdigung überleben durfte

So lautete die Devise des Eroberers, der während des heraufdämmernden 13. Jahrhunderts die mongolischen Stämme vereinte, um mit ihnen die halbe Welt zu erobern. Diese Welt war rau wie die staubigen, unendlich scheinenden Steppen, über deren borstige Gräser er preschte. Hier galt das Gesetz des Stärkeren, und Dschingis Khan war stark. 

Er musste es mit neun Jahren schon werden, nach dem Tod seines Vaters, einem Klanchef des Mongghol-Stammes, den man vergiftet hatte. Seines Erbes beraubt, …

Artikel lesen
Link to Article