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Notorischer Spucker: Mittelfeldspieler Franck Ribéry.Bild: AFP
Lamas auf dem Spielfeld

Sie möchten wissen, warum Fussballer so oft auf den Rasen spucken? Nein, körperliche Gründe sind es nicht

14.06.2014, 18:1325.06.2014, 15:35
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Sie tun es so oft, dass man es schon gar nicht mehr wahrnimmt: Sobald ein Fussballspieler den Rasen betritt, hat er ihn auch schon benetzt. Es fliegt öfter Spucke übers Spielfeld, als Flankenbälle geschlagen werden. Das ostentative Spucken gehört zum Fussball wie Eckball und Elfmeter. Nur sieht man es öfter. 

Kein Wunder fragt sich der zivilisierte Teil des Publikums, warum in Gottes Namen die Kicker ihre Speicheldrüsen nicht im Griff haben. Wobei es genau genommen gar nicht um die Produktion geht, sondern um die Art der Entsorgung. 

Eine naheliegende, wissenschaftlich klingende Erklärung geht davon aus, dass Fussballer aufgrund der starken körperlichen Anstrengung zur Mundatmung übergehen, was die Oberfläche der Schleimhäute austrocknet und den Speichel im Mund zähflüssig macht. Diese eklige Substanz, so die Theorie, spuckt der Spieler lieber aus als sie herunterzuschlucken. 

Damenfussball kommt ohne Spucke aus

Leider kann es mit diesem Erklärungsansatz nicht weit her sein, wie übrigens mit allen Theorien auf physiologischer Basis. Gleich mehrere Gründe entkräften die Schleimhaut-These: Zum einen beginnen die Fussballer schon mit dem Spucken, kaum haben sie das Rasengeviert betreten. Von Anstrengung und Austrocknung kann dann noch keine Rede sein. 

Die vielleicht berüchtigtste Spuck-Szene der Fussball-Geschichte: Der niederländische Spieler Frank Rijkaard bespuckt an der WM 1990 den deutschen Stürmer Rudi Völler. Absichtliche Attacken wie diese sind aber selten; normalerweise wird auf den Rasen gespuckt und nicht auf Rivalen.Bild: EPA DPA

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Zum andern scheinen Frauen seltsamerweise nicht von diesem Phänomen betroffen zu sein; jedenfalls niemals im selben Ausmass: Damenfussball kommt weitgehend ohne Spucke aus. Und bevor jetzt geschlechtsspezifische Mutmassungen angestellt werden: Auch andere männliche Sportler, die Schwerstarbeit leisten, haben es nicht nötig, dies mit Spucken unter Beweis zu stellen. Und in der Halle spuckt selbst ein Franck Ribéry nicht, der seinen Speichel auf dem Rasen sonst überall und immer verteilt. 

Das feuchte Gebaren muss mithin einen anderen Grund haben. Wer Google danach befragt, stösst unweigerlich auf Dr. Heinz-Georg Rupp, Psychotherapeut und früherer Mentaltrainer von Bayer Uerdingen. Der Sportpsychologe hat schon verschiedentlich zum Thema Auskunft gegeben, so Welt.de 2008 anlässlich der Europameisterschaften in der Schweiz und Österreich

«Das Rohr ist frei»

Für Rupp ist das Spucken «eine zwar orale, aber nonverbale Meinungsäusserung», die in den meisten Fällen auf ein negatives Erlebnis folgt. Mit der punktuellen Befeuchtung des Rasens zeigt der Spieler zum Beispiel dem Schiedsrichter, was er von einer Verwarnung hält. Zugleich diene ihm das Ritual dazu, die peinliche Situation zu überspielen

«Nach jedem Fehlversuch brauchen Fussballer einen Ersatzorgasmus und ejakulieren ihre Spucke auf den Rasen. Achtet mal darauf: Nach einem Torschuss spuckt der Torschütze nicht!!!»
User «Fi. Fa, ballaballa»

Besonders häufig werde nach eigenen Fehlleistungen oder Missgeschicken gespuckt, so Rupp. Fast alle Spieler quittieren eine verpasste Torchance damit, dass sie auf den Boden spucken. Der Vorgang soll eine Blockade lösen und gleichzeitig den Zuschauern signalisieren: «Das Rohr ist frei, jetzt läuft es wie geschmiert.» 

Hier klingt eine sexuelle Komponente an, die auch von Laien bemerkt wird. So erklärt ein User mit dem Nickname «Fi. Fa, ballaballa» das Phänomen der spuckenden Fussballer in der Rubrik «Leser fragen, Leser antworten» auf Stern.de wie folgt: «Fussballspieler wollen Tore schiessen und gewinnen, das finden sie ‹geil›. Der grösste Teil eines Spieles besteht jedoch aus Fehlversuchen. Nach jedem Fehlversuch brauchen sie einen Ersatzorgasmus und ejakulieren ihre Spucke auf den Rasen. Achtet mal darauf: Nach einem Torschuss spuckt der Torschütze nicht!!!»

An der EM 2004 in Portugal kam es gleich zweimal zu einem Spuck-Skandal: Zuerst benahm sich der italienische Stürmer Francesco Totti daneben, danach der Schweizer Stürmer Alex Frei, der den englischen Spieler Steven Gerrard anspuckte. Bild: SFDRS

Nord-Süd-Gefälle des Spuckens

Fussballer aller Länder sind sich darin gleich, dass sie spucken. Sie unterscheiden sich indes darin, wie oft und wie sie spucken. Zumindest behaupten dies Verhaltensforscher der Universität Gijon, die dem wenig appetitlichen Thema eine Studie gewidmet haben. Alter und sozialer Hintergrund spielten beim Spucken keine Rolle, wohl aber die geographische Herkunft: Es bestehe hier ein Nord-Süd-Gefälle – je weiter südlich der Geburtsort eines Spielers, desto stärker die Spuck-Neigung.

«Die Kinder ahmen das Verhalten ihren Idole nach.»
Dr. Heinz-Georg Rupp

Die Forscher gehen laut Welt.de sogar so weit, dass sie anhand des Spuckverhaltens auf die Nationalität schliessen wollen. Sportpsychologe Rupp beobachtete für Welt.de die EM 2008 unter diesem Gesichtspunkt, konnte aber kaum Unterschiede feststellen. Allerdings fiel ihm auf, dass Schweizer und Österreicher sich eher zurückhielten  – was er mit ihrer Rolle als Gastgeber erklärte, die ihre Spucklust unterbewusst gezügelt habe. 

Die meisten Fussballer halten sich leider nicht im Geringsten zurück – im Gegenteil, laut Rupp nimmt die Spuckneigung sogar zu. Es handle sich um eine unschöne Tradition, die von Fussballer-Generation zu Fussballer-Generation weitergegeben werde: «Die Kinder ahmen das Verhalten ihren Idole nach.»

Was immer man auch von der routinierten Mundhöhlenentwässerung hält, medizinisch sinnvoll ist sie jedenfalls nicht. Der Kampf auf dem Rasen ist schweisstreibend und der Spieler verliert viel Flüssigkeit. Speichel sollte deshalb im Körper bleiben und nicht auch noch ausgespuckt werden.

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