Zürich
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Plakat zu

Abstimmungsplakat in Zürich. Bild: KEYSTONE

Zürcher Ausnüchterungs- und Betreuungsstelle

Das «Hotel Suff» ist nicht nur bei Jungen beliebt – ein älterer «Stammgast» wurde schon 23 Mal eingeliefert



«Koma-Trinken subventionieren?», fragen SVP, FDP und CVP der Stadt Zürich vom Wahlplakat (siehe oben). «NEIN zur Subventionierung von Kampftrinkern», antworten sie in der Abstimmungszeitung. Komatrinken, Kampftrinken – derlei Begrifflichkeit könnte den Stimmbürgern suggerieren, die Zürcher Ausnüchterungs- und Betreuungsstelle (ZAB), im Volksmund «Hotel Suff» gennant, würde vor allem von jungen Zuvieltrinkern belegt.

Die Realität sieht anders aus, wie aktuelle Zahlen der Stadtpolizei Zürich belegen: Im Zeitraum vom 1. Januar 2013 bis zum 30. April 2014 gab es total 1256 Übernachtungen in der ZAB. 669 Personen, oder 53 Prozent der Fälle, waren bis 34 Jahre alt. Umkehrschluss: Fast die Hälfte aller Gäste im Hotel Suff ist über 34 Jahre alt.

Bei diesen älteren Personen dürfte es sich weniger um Kampftrinker als um Menschen mit einem ernsthaften Alkohol- und/oder Drogenproblem handeln. Dass sie zudem überproportional in jenen 15 Prozent vertreten sind, die mehr als einmal in der ZAB übernachtet haben, will die Stadtpolizei nicht bestätigen. Sie erwähnt aber den Fall einer älteren Frau, die in 16 Monaten ganze 23 Mal eingewiesen worden ist.

Wer unterscheidet Komatrinker von Alkoholsüchtigen?

Kann dies Sinn und Zweck der Ausnüchterungszelle sein? «Soweit darf es nicht kommen, in solchen Fällen müsste die ZAB eingreifen», sagt David Garcia, Mitglied der Alternativen Liste und Leiter des psychiatrischen Notfalldiensts am Universitätsspital Zürich, gegenüber watson. Seine Partei ist Teil des Links-Bündnisses gegen die definitive Einführung der ZAB. Er kritisiert, dass das medizinische Personal vor Ort, das von der privaten Organisation JDMT Medical Services gestellt wird, mit komplexen Suchtfällen, wie der erwähnten Frau, überfordert ist.

«Bei jemandem ein Suchtproblem zu diagnostizieren und dann die entsprechenden Massnahmen einzuleiten, ist nicht banal», so Garcia. Dafür brauche es Spezialisten und ein Labor. Eine private und unterfinanzierte Einrichtung könne dies nicht leisten. «Es gibt die Städtischen Gesundheitsdienste, es gibt das Uni-Spital – aber die können zu diesen finanziellen Bedingungen nicht arbeiten.»

Marco Cortesi, Sprecher der Stadtpolizei, relativiert: «Es ist nicht so, dass diese Frau immer vom selben Polizisten eingewiesen und vom selben Arzt betreut wird, insofern ist sie in der ZAB auch keine Altbekannte.» Die Kritik am medizinischen Personal lässt er nicht gelten: «Das sind angehende Ärzte kurz vor dem Abschluss ihres Studiums.»

Besagte Frau wurde laut Cortesi an die Sozialbehörde verwiesen. Was dort aus ihr geworden ist, weiss er nicht. «Sie können jemanden nicht zwingen, aufs Trinken zu verzichten.» Klingt so, als wäre man bei der Polizei nicht überrascht, wenn sie demnächst wieder in der ZAB auftauchen würde.

Zur Vorlage

Am 30. November können Stadtzürcher Stimmbürger über die definitive Einrichtung der Zürcher Ausnüchterungs- und Betreuungsstelle (ZAB) befinden, wo Personen unter starkem Alkohol- oder Drogeneinfluss eingewiesen werden, die sich selbst oder andere gefährden. Bürgerliche Parteien lehnen die Vorlage ab, weil sie den Kostenanteil der Verursacher für zu klein halten (je nach Dauer des Aufenthalts zwischen 450 und 600 Franken). Linke Kreise, wie die Alternative Liste, halten das Projekt für unterfinanziert und das medizinische Personal vor Ort für unzulänglich. Den grundsätzlichen Nutzten der ZAB bestreitet indes niemand.

Weitere demografische Angaben zur ZAB-Population:

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