Zwischenfall an Nato-Grenze: Maskierte Männer auf lettischem Boden
An der lettischen Grenze hat es einen Zwischenfall gegeben, der an die Vorbereitungen zur russischen Eroberung der Krim erinnert. Mehrere schwarz gekleidete und bewaffnete Männer überschritten von Belarus kommend die Grenze, wie der lettische Innenminister Jānis Dombrava berichtet.
Als Putin 2014 beschloss, sich die Krim einzuverleiben, tauchten zunächst Soldaten ohne Hoheitsabzeichen in grünen Uniformen auf. Der Kremlherrscher nannte sie «lokale Selbstverteidigungskräfte», die Medien sprachen von «grünen Männchen». Später musste er einräumen, dass es sich tatsächlich um russische Soldaten gehandelt hat.
Der Vorfall an der Grenze zwischen Lettland und Belarus geht über das übliche Schmuggeln von Migranten hinaus. Dieses Mal gab es eine militärische Konfrontation. Wie das russische Investigativmagazin «istories» berichtet, hätten die Unbekannten zunächst versucht, etwa 20 Migranten über die Grenze zu bringen. Sie seien aber von lettischen Soldaten mit Waffengewalt zurückgedrängt worden. Doch Stunden später seien sie zurückgekommen.
Maskierte Männer hätten einen Verteilerkasten beschädigt und einige Überwachungskameras gestohlen. Dann seien sie über die Grenze nach Belarus zurückgekehrt.
«Die jüngsten Ereignisse bestätigen, dass gezielte Provokationen und hybride Bedrohungen an der lettisch-weissrussischen Grenze anhalten werden, wobei illegale Migration als Mittel eingesetzt wird, um Druck auf die Aussengrenze Lettlands sowie auf die Europäische Union und die Nato auszuüben», erklärten die lettischen Streitkräfte in einer Stellungnahme.
«Schwarzrussen» bekennen sich zu Aktion
Belarus ist einer der wichtigsten Verbündeten Russlands. Das Land hat russischen Streitkräften die Stationierung von Truppen und Gerät im Angriffskrieg gegen die Ukraine erlaubt. Immer wieder werden von dort Angriffe auf die Ukraine durchgeführt.
Hinter der Aktion an der Grenze steckt nach eigenen Angaben die bislang unbekannte Gruppe «Black Russes» (Schwarzrussen). In sozialen Medien tauchte am 12. Oktober ein Video auf, in dem sich die Gruppe zu der Aktion bekennt.
«Wir bekennen uns offiziell zu dem Vorfall an der lettisch-weissrussischen Grenze in der Gemeinde Kaplava im Bezirk Krāslava. Wir bestätigen, dass in der Nacht vom 5. auf den 6. Oktober eine Gruppe von drei Aktivisten der 'Black Rus‘ die Grenze überquerte und mit lettischen Militärangehörigen zusammenstiess. Anschliessend kehrten sie in der Nähe des Dorfes Matuliški nach Lettland zurück, stahlen Überwachungskameras, beschädigten Ausrüstung und blieben unentdeckt», hiess es in dem Video, das auf Telegram verbreitet wurde.
Der Sprecher wird als «Neman» bezeichnet. Die Gruppe kündigte an, weitere Sabotageakte gegen Nachbarstaaten von Belarus durchführen zu wollen. Es sei ein Test für Lettland gewesen, den das Land nicht bestanden habe. «Die EU und die Nato sind Kolosse auf tönernen Füssen, die nach unserem ersten Schlag zusammenbrechen werden», hiess es in der Stellungnahme der Gruppe.
Gruppe von Geheimdienst gesteuert?
Der Direktor des Nato-Zentrums für strategische Kommunikation, Janis Sarts, sagte zu «istories», dass die Gruppe wahrscheinlich von russischen oder belarussischen Geheimdiensten gesteuert sei. Der belarussische Präsident sagte, er müsste von solchen Aktionen Kenntnis haben, wenn sie von seinem Land aus durchgeführt werden. Diese seien nicht mit ihm besprochen worden, deshalb können sie nicht durchgeführt worden sein. Er beschuldigte Lettland einer Fakenachricht.
Recherchen von «istories» legen nahe, dass die Gruppe erst vor Kurzem gegründet wurde. Der Telegramkanal sei am 24. September aktiviert worden und hat 1'200 Abonnenten. Laut «istories» sind die meisten Inhalte mit KI generierte pro-russische Propaganda gegen die EU und die baltischen Staaten. In einem Manifest wird erklärt, dass die Vereinigung von Russland, Belarus und der Ukraine Ziel der Gruppe sei.
Auch die Webseite der Gruppe wurde offenbar hastig online gebracht, sie besteht nur aus zwei Seiten. Sie ist in Russland registriert, auf eine unbekannte Privatperson. Der Quellcode der Seite gibt Hinweise auf die Nutzung von KI. Allerdings tauchen auch Anweisungen an die KI in ukrainischer Sprache auf.
Unklar ist, ob es sich um ukrainische Entwickler handelt oder ob damit der Verdacht auf die Ukraine gelenkt werden soll. Solche Massnahmen sind üblich bei hybriden Angriffen: Der Angreifer versucht von sich selbst abzulenken und auf andere zu verweisen. So wie Putin 2014 eine Widerstandsbewegung auf der Krim erfand, hinter der seine eigenen Soldaten standen. (t-online.de/wan)

