Missbraucht ihn Trump als «Sündenbock»? Selenskyjs Antwort lässt tief blicken
Neuer Tag, neuer Schlagabtausch zwischen Donald Trump und dem ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenskyj. In einem Interview mit dem erzkonservativen TV-Sender «Newsmax» sagte der US-Präsident, es sei «schwieriger mit Selenskyj zu verhandeln als mit Putin». Er bezeichnete den Ukrainer als Hindernis für den Frieden und sagte, einen Frieden werde es nur ohne Selenskyj geben.
In Brüssel, wo Selenskyj am Treffen der 27 EU-Staats- und Regierungschefs teilnahm, erklärte dieser seine Sicht der Dinge – und weshalb es womöglich tatsächlich schwieriger sei, mit ihm zu verhandeln, als mit dem russischen Machthaber. Putin erkenne die Ukraine nicht an und wolle sein Land «auslöschen». Er sei weder an einem Waffenstillstand, noch einem Einfrieren des Konfliktes, geschweige denn am Frieden interessiert. «Allein gestern schickten die Russen 1000 Drohnen in die Ukraine.» «Natürlich» sei es unter diesen Umständen schwieriger, mit ihm zu verhandeln als mit Putin, so Selenskyj.
Krieg kostet im nächsten Jahr 155 Milliarden
Auf die Frage eines Reporters, ob er als «Sündenbock» dafür hinhalten müsse, dass die Benzinpreise in den USA stiegen und Trumps Umfragewerte im Keller seien, reagierte Selenskyj mit einem vielsagenden, mehrere Sekunden andauernden Schweigen. «Das ist meine Antwort», fügte er hinzu, begleitet von einem müden Lächeln.
Neben den aktuellen Entwicklungen besprach Selenskyj mit den EU-Regierungschefs auch den Finanzierungsbedarf der Ukraine für das kommende Jahr. Die Kriegskosten bezifferte er für 2027 auf 155 Milliarden Euro. Um sie decken zu können, benötige er mindestens 70 Milliarden Euro zusätzlich zu den schon von der EU budgetierten 45 Milliarden. «Das ist eine realistische Schätzung», so Selenskyj.
Dass die Ukraine deutlich mehr Geld als vorgesehen braucht, bestreitet bei der EU niemand. Wie viel es am Schluss wirklich sein wird – und vor allem woher es kommen soll –, steht aber noch keineswegs fest.
The war will cost 155 billion euros next year. And we need at least 70 billion euros more from you – for defense, for weapons, and for our resilience. This is a realistic amount. And I ask you to find this support. It will help us hold Russia back. There are some very simple facts. We stop most Russian assaults on the front line thanks to drones. We cut Russian supply lines with these technologies. And our drones are helping to weaken Russia’s economy. Right now, we could produce two or three times more drones – depending on the type. But we simply don’t have enough money for that. It’s true. Just imagine if we could put two or three times more pressure on Russia than we do today. From an address to the participants of the European Council meeting. (4/5)
— Volodymyr Zelenskyy / Володимир Зеленський (@ZelenskyyUa) October 16, 2026
CNN: Ukraine hat keine Patriots mehr
Der gestiegene Geldbedarf stammt daher, dass der Krieg immer teurer wird, je länger er dauert. Das ist auch bei den Russen so. Zudem ändern sich die Bedingungen auf dem Schlachtfeld. Die Ukraine benötigt aktuell weniger Artilleriegeschosse oder günstige Minidrohnen, sondern teure Flugabwehrmunition und Hightech für den Bau eigener Langstreckenwaffen.
Ein Kostenpunkt sind die Patriot-Luftabwehrraketen, die je nach Variante mehrere Millionen Euro pro Stück kosten. Sie sind im Preis nochmals gestiegen, weil sie seit dem US-israelischen Krieg gegen Iran weltweit Mangelware sind.
Laut dem US-Sender «CNN» soll die Ukraine seit dem russischen Grossangriff in der Nacht auf Mittwoch ausgeschossen sein und keine Patriot-Raketen mehr besitzen. Selenskyj wollte das am Dienstag nicht bestätigen und sagte bloss, dass man alles daran setze, neue Munition zu erhalten. Im August sagte er, dass die Ukraine mindestens 300 Patriots benötige, um durch den Winter zu kommen.
Laut Medienberichten soll vor allem noch Griechenland beträchtliche Vorräte haben, die zudem ihre maximale Lagerdauer bald erreicht hätten. Bislang lehnte es Athen aber mit Verweis auf das angespannte Verhältnis zum Nachbarn Türkei ab, grössere Mengen der Ukraine zu überlassen. (schweizheute.ch)
