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Stecken Russland und Wikileaks unter einer Decke? Zwei Tweets sorgen für viel Wirbel

Stecken Russland und Wikileaks unter einer Decke? Zwei Tweets sorgen für viel Wirbel

26.10.2016, 14:5127.10.2016, 03:02

Eine Geschichte als Erster herauszubringen, ist eines der höchsten Gefühle im Medienbetrieb. Der «Primeur» (englisch «Scoop») birgt aber auch beträchtliches Frustrationspotential – nämlich wenn einem die Konkurrenz im letzten Moment doch noch zuvorkommt.

Auf den ersten Blick scheint dies der Enthüllungsplattform Wikileaks passiert zu sein, als sie am Wochenende Teil 15 der gehackten E-Mails von Hillary Clintons Wahlkampfchef John Podesta veröffentlichte.

Der entsprechende Tweet wurde am 22. Oktober 14.50 Uhr MEZ abgesetzt. Doch RT America, die US-Redaktion des russischen Auslandsenders RT, kam Wikileaks um 30 Minuten zuvor. Der entsprechende Tweet datiert vom 22. Oktober 14.20 Uhr MEZ. 

Wie kann das sein, fragen sich nun viele auf Twitter. Darunter auch der ehemalige schwedische Premierminister Carl Bildt:

«Wirklich beeindruckend, dass russische Staatsmedien über neue Wikileaks-Enthüllungen berichten, bevor Wikileaks diese enthüllt. Kontakte sind wichtig.»
Carl Bildt

Wikileaks Task Force, ein frisch gegründeter Twitter-Account, der laut eigener Beschreibung «Unwahrheiten über Wikileaks korrigiert», hat eine einfache Erklärung für den Zeitunterschied:

«Twitter-Zeitpunkt ≠ Veröffentlichungszeitpunkt. Wir twittern nicht immer sofort, wenn wir etwas veröffentlichen. Alle können unsere Website durchsuchen. Ist das so schwierig zu verstehen?»

Und auch vom offiziellen Wikileaks-Twitter-Konto gibt es eine gleichlautende Reaktion auf den Post eines Journalisten des US-Staatssenders Radio Free Liberty:

Auch RT äussert sich ähnlich:

«Es war einfach so, dass RT-Journalisten die Wikileaks-Website überwachten und am schnellsten reagiert haben, um die Geschichte als erste herauszubringen, als die E-Mails veröffentlicht wurden.»
quelle: rt.com

In zwei Punkten bleiben Zweifel an dieser Darstellung bestehen (Anfragen von watson an Wikileaks und RT mit Bitte um Klärung blieben bislang unbeantwortet):

1. Die von Wikileaks verlinkte Seite weist ein Publikationsdatum für die gehackten E-Mails aus – aber keinen Zeitpunkt. Die Darstellung, die Daten seien dort «viel früher als der erste Tweet sichtbar» gewesen, kann nicht überprüft werden. Wikileaks könnte die Kontroverse umgehend beenden, wenn es den genauen Publikationszeitpunkt nennen und einen Beleg dafür liefern würde. Beides wäre problemlos machbar. 

Bild
screenshot via wikileaks.org

2. Dass Wikileaks Zeit zwischen seinem Upload und dem ersten Tweet verstreichen lässt, ist theoretisch möglich, macht aber aus Sicht einer Medienorganisation wenig Sinn (siehe Einleitung Primeur).

Die Anschuldigungen, Wikileaks sei zu einem Propaganda-Instrument Russlands verkommen, haben das Ansehen der Enthüllungsplattform stark beschädigt. Die Organisation verteidigt sich mit dem korrekten Hinweis, dass Kritik an Clinton nicht automatisch Unterstützung für Trump bedeute. 

Und dass Wikileaks nicht selber hacke, sondern aus anonymen Quellen Dokumente entgegennehme, diese verifiziere und dann publiziere:

Diese objektiv korrekte Argumentation übersieht, dass die russische Regierung, die laut US-Geheimdiensten mit hoher Wahrscheinlichkeit hinter dem E-Mail-Hack steckt, nicht irgendeine «anonyme Quelle» ist.

Wer Wikileaks verdächtigt, implizit oder explizit eine russische Agenda zu befördern, wird sich durch die Twitter-Geschichte bestätigt fühlen. Vor allem wenn Julian Assange und Co. am selben Tag in einem anderen Tweet gegen Clinton schiessen und Putin verteidigen. Und dabei noch billigen Antisemitismus bemühen.

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