Westschweiz gegen Zürich: SVP-Machtkampf um Parmelins Erbe spitzt sich zu
Fast jede Bundesratswahl wird begleitet von einer Erzählung, neudeutsch: einem Narrativ. Und fast immer geht es dabei um Minderheiten, die in der Landesregierung augenscheinlich fehlen: das Tessin (Cassis), die Peripherie (Baume-Schneider), die Städte (Jans), die Zentralschweiz (Pfister). Der Bundesrat ist ein Koordinatennetz aus unterschiedlichsten Repräsentationen. Und genau darum wird in der SVP gerade heftig gerungen.
Gleich zwei Minoritäten verkörpert Céline Amaudruz, die bislang einzige offizielle Bewerberin für die Nachfolge von Wirtschaftsminister Guy Parmelin. Dass sie die erste SVP-Frau im Bundesrat sein könnte, stellt sie aber zurzeit wenig in den Vordergrund. Viel stärker betonte sie an ihrer Pressekonferenz von vergangener Woche ihre Sprachregion. Ihren Entscheid verkündete Amaudruz den Medien denn auch bewusst in Genf.
Sollte sie nicht auf das offizielle SVP-Ticket kommen, müsste sie diesen Entscheid zwar akzeptieren, verkündete sie der versammelten Presse. Für die Romandie wäre ein Ausschluss aus ihrer Sicht jedoch ein schlechtes Signal – vor allem so kurz vor den eidgenössischen Wahlen. Sekundieren liess sich Amaudruz dabei vom Genfer SVP-Präsidenten Lionel Dugerdil, der eine Reaktion aus der Westschweiz ankündigte, sollte es die Romande nicht aufs Bundesratsticket schaffen.
Erhitzte Gemüter in Bulle
Seither unternimmt Amaudruz viel, um die Reihen der französischsprachigen SVP zu schliessen – und sie scheint dabei zu reüssieren. Am Samstag nahm sich gegenüber RTS Yvan Pahud aus dem Rennen, der von Medien immer wieder als Bundesratskandidat ins Spiel gebracht worden war.
Er tat es auf bemerkenswerte Weise: «Mit der Kandidaturerklärung von Céline Amaudruz am Donnerstag haben wir eine Kandidatin für die Westschweiz», sagte er. Die Romandie müsse «geschlossen mit nur einer Kandidatur antreten, wenn wir eine Chance haben wollen, den Westschweizer Sitz zu retten.» Er freue sich sehr über ihre Kandidatur. An der Delegiertenversammlung in Bulle brach ausserdem SVP-Urgestein Jean-François Rime gegenüber «La Liberté» eine Lanze für seine einstige Fraktionskollegin.
Das Blatt nahm die SVP-Zusammenkunft zum Anlass, um der SVP den Puls zu fühlen – und stellte erhöhte Nervosität unter der frankophonen Gemeinschaft fest. Es sei «eine regelrechte Operation» im Gange, um Céline Amaudruz vom Bundesratsticket fernzuhalten, zitierte die Zeitung ein nicht weiter umschriebenes Nationalratsmitglied. Ausgerechnet ein Jahr vor den Wahlen droht der SVP damit ein Streit unter den Sprachregionen.
Köppels Frontalangriff gegen Amaudruz
Gemeint ist damit unter anderem der ehemalige SVP-Nationalrat und «Weltwoche»-Chefredaktor Roger Köppel. Noch bevor Amaudruz sich aus der Deckung gewagt hatte, diskreditierte Köppel die Genferin in einem Video als «absolutes Leichtgewicht». Die SVP täte gut daran, sie nicht für die Bundesratswahlen aufzustellen.
Damit brach Köppel einen Streit vom Zaun. Aber auch andere – Deutschschweizer – SVP-Vertreterinnen und -Vertreter gehen hart ins Gericht mit der Genfer Nationalrätin. Sie politisiere mitunter abseits der Parteilinie, zeige auch nach zehn Jahren im Parlament wenig Eigeninitiative und spreche überdies zu wenig gut Deutsch, lautet der Katalog an Vorwürfen gegen die 47-Jährige.
Und wieder andere erinnern an die Bundesratswahl von 2015. Damals setzte sich überraschend der in der Deutschschweiz eher unbekannte Winzer Guy Parmelin durch – notabene gegen Thomas Aeschi, den Medien zum Kronprinzen der Parteileitung erkoren hatten. Diese Kränkung spiele noch heute eine Rolle, tönt es unter der Bundeshauskuppel.
Allerdings: Noch tut sich der Zürcher Wirtschaftsflügel der SVP schwer damit, eigene Papabile zu präsentieren. Magdalena Martullo-Blocher winkte früh ab, mehrere prominente Namen wie die Zürcher Gesundheitsdirektorin Nathalie Rickli oder SVP-Vizepräsident Thomas Matter haben sich noch nicht zu einer Kandidatur durchringen können. Fürchten sie die Konkurrenz aus der Westschweiz?
Graber und Kolly wollen überlegen
Mit Sicherheit würde der Weg für eine Deutschschweizer Kandidatur leichter, wenn sich die Welschschweiz spalten liesse. Verschiedene Medien berichteten deshalb über angeregte Gesprächsrunden am Rande der Delegiertenversammlung von Bulle: mit Michael Graber beispielsweise, dem Oberwalliser Nationalrat, oder dem Freiburger Nicolas Kolly.
Nur: Würde die «Groupe Latin» der SVP Graber als einen der Ihrigen ansehen, nur weil er aus einem welschen Kanton stammt? Wie etwa die ehemalige Mitte-Bundesrätin Viola Amherd kommt Graber aus Brig – und zumindest Amherd galt in Bundesbern nie als Romande.
Nicolas Kolly wiederum will es sich ernsthaft überlegen, bringt aber das Manko mit, in seiner ersten Legislatur zu stehen. Gegenüber «Le Temps» sagte Kolly: «Wenn ich seit Beginn über eine Kandidatur nachdenke, dann aus Pflichtbewusstsein, keinesfalls aus persönlichem Ehrgeiz. Wenn ich nicht antrete, wäre das überhaupt keine Enttäuschung.» Echte Begeisterung klingt anders.
Noch bis nächsten Freitag haben Interessierte die Gelegenheit, ihren Hut in den Ring zu werfen. Dann endet die Nominationsfrist der SVP. Bis dahin versucht Amaudruz, aus einer persönlichen Kandidatur einen Vertretungsanspruch zu machen. Je geschlossener die Romandie hinter ihr steht, desto schwieriger wird es für die SVP, sie vom Ticket fernzuhalten – ohne gleichzeitig eine neue Erzählung zu schaffen: jene von der übergangenen Westschweiz. (schweizheute.ch)
