Polizei unerwünscht: Linke Kollektive wollen Sexualdelikte selbst aufarbeiten
Wie die «NZZ am Sonntag» berichtet, soll ein Bewohner eines Berner Wagenplatzes im Sommer 2025 einen sexuellen Übergriff begangen haben. Statt die Polizei einzuschalten, bildeten mehrere Personen eine Bezugsgruppe. Der Mann durfte auf dem Platz bleiben und sollte in einem internen Prozess sein Verhalten reflektieren und Verantwortung übernehmen.
Das Ziel: weitere Gewalt verhindern.
Doch rund ein halbes Jahr später soll derselbe Mann erneut eine Frau vergewaltigt haben.
Die Vorwürfe wurden nicht unabhängig überprüft. Eine Strafanzeige wurde offenbar nicht eingereicht. Mehrere Personen aus der Berner Szene bestätigten gegenüber der «NZZ am Sonntag» jedoch, dass es den beschriebenen Aufarbeitungsprozess gegeben habe.
Das Kollektiv räumt inzwischen selbst ein, dass der Ansatz gescheitert ist. In einem später veröffentlichten Bericht ist von «Naivität und Selbstüberschätzung» die Rede. Der Prozess habe «weitere sexualisierte Gewalt» nicht verhindern können.
Der Mann wurde daraufhin ausgeschlossen und später im Internet mit seinem Rufnamen öffentlich gemacht.
Kein Einzelfall
Laut «NZZ am Sonntag» gab es davor einen ähnlichen Fall in der Innerschweiz. Auch dort wurde einem Bewohner eines Wagenplatzes eine versuchte Vergewaltigung vorgeworfen. Eine interne Gruppe begleitete ihn über längere Zeit.
Später kam sie zum Schluss, die Aufarbeitungsgruppe sei «als Therapieersatz ausgenutzt» worden. Die Perspektive der betroffenen Person sei zu wenig berücksichtigt worden. Auch dieser Mann wurde anschliessend öffentlich mit Namen und Foto genannt. Die damaligen Vorwürfe konnten ebenfalls nicht unabhängig überprüft werden.
Ein weiterer Fall sorgte Anfang Jahr in Zürich für Kritik: Gegen ein Mitglied eines Sanitätskollektivs wurden Vorwürfe sexueller Übergriffe erhoben. Trotz eines laufenden internen Prozesses war die beschuldigte Person im Juni beim feministischen Streik in Winterthur im Einsatz. Das Kollektiv bezeichnete dies später selbst als «schwerwiegenden Fehler».
Starke Skepsis
Die Skepsis gegenüber Polizei und Justiz ist in Teilen der linksalternativen Szene gross. Und sie hat laut Strafrechtlerin Nora Scheidegger durchaus nachvollziehbare Gründe, wie sie gegenüber der «NZZ am Sonntag» angibt: Strafverfahren können für Betroffene sexueller Gewalt belastend sein, zudem wird ein grosser Teil der Übergriffe gar nicht angezeigt.
Doch genau hier liegt das Problem der internen Verfahren: Wer schützt potenzielle weitere Opfer, wenn ein mutmasslicher Täter im Kollektiv bleiben darf?
Der Berner Fall liefert darauf zumindest eine ernüchternde Antwort. Der beschuldigte Mann soll Bern inzwischen verlassen haben. Das Kollektiv fordert nun sein Umfeld in seiner Heimatstadt auf, «Verantwortung zu übernehmen».
Ob die Schweizer Behörden wegen der öffentlich gewordenen Vorwürfe ermitteln, ist unklar. Die Berner Staatsanwaltschaft wollte gegenüber der «NZZ am Sonntag» nicht sagen, ob sie vom Fall Kenntnis hat. (lyn)
