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Rechte Hetze: Die Afghanen kommen!

Nationalrat Roger Koeppel, SVP-ZH, spricht am Delegiertenversammlung die Schweizerische Volkspartei der Schweiz (SVP Schweiz), am Samstag, 24. Oktober 2020, in Bern. Mit Blick auf die steigenden Coron ...
Will keine Flüchtlinge aus Afghanistan aufnehmen: Roger Köppel.Bild: keystone
Analyse

Die Afghanen kommen!

Das Flüchtlingsdrama wird instrumentalisiert. Nicht die Frauen in Afghanistan sind in Gefahr, sondern das christliche Abendland.
19.08.2021, 13:4819.08.2021, 16:59

Es war wohl unvermeidbar. Während sich am Flughafen noch immer chaotische Szenen abspielen, während Kinder, Frauen und Männer verzweifelt versuchen, ihr Leben zu retten, hat «Weltwoche»-Chef Roger Köppel bereits das wahre Problem erkannt:

«Ein neuerliches Asylchaos mit Schwerintegrierbaren bahnt sich an. Warum lässt man nicht zuerst die Nato-Staaten die Konsequenzen ihrer verpfuschten Einmischungs- und Kolonialpolitik tragen? Die Schweiz kann sich daran beteiligen, afghanischen Kriegsvertriebenen in der Nähe ihrer Heimat Schutz zu bieten. Leider werden sich viele Politiker die Chance nicht entgehen lassen, ihr gutes Herz zu inszenieren mit Wohltaten, die andere bezahlen müssen.»

Köppels Fusssoldaten liefern derweil Flankenschutz. Eine gewisse Anabel Schunke berichtet von Ehrenmorden von Afghanen in Bayern, und dass diese jungen Männer weder Empathie noch Reue zeigen würden. Der einst stramm links orientierte Urs Gehriger beweist einmal mehr, dass Konvertiten sich zu den schlimmsten Demagogen entwickeln.

Mangels verfügbarer Statistiken in der Schweiz muss Gehriger auf Österreich ausweichen. Er schildert einen scheusslichen Mord, den zwei junge Afghanen an einem 13-jährigen Mädchen begangen haben, und folgert: «Seit mehreren Jahren zählen die Afghanen nicht nur zu den grössten Gruppen von Asylbewerbern in Europa. Afghanische Migranten figurieren auch auf der Kriminalstatistik weit oben.»

Köppel und Gehriger äffen nach, was ihnen Tucker Carlson vormacht. Der Fox-News-Moderator ist der neue Star der amerikanischen Rechten. Er schreckt vor gar nichts zurück. Ohne den Hauch eines Beweises warnt er, dass bald Millionen von Flüchtlingen die USA stürmen und die naiven Amerikaner verdrängen würden. «Wenn die Geschichte uns etwas lehrt, und sie lehrt uns immer etwas, dann werden wir erleben, dass viele Flüchtlinge in unser Land umziehen werden», so Carlson. «Über die Jahre werden wir erleben, dass es sich dabei um Millionen von Menschen handeln wird. Zuerst waren wir die Angreifer, nun werden wir angegriffen.»

So hetzt Tucker Carlson.Video: YouTube/NowThis News

Als warnendes Beispiel führt Carlson die Kongressabgeordnete Ilhan Omar an. Sie kam als Flüchtlingskind aus Somalia nach Amerika. Inzwischen repräsentiert sie den Bundesstaat Minnesota in Washington und gehört zu der sogenannten «Squad», einer kleinen Gruppe von progressiven Politikerinnen. In den Augen von Carlson ist sie deswegen eine undankbare Verräterin, welche die Werte der USA mit Füssen tritt.

Die Basis der rechten Hetze bildet die Theorie des «grossen Austauschs». Sie stammt vom französischen Schriftsteller und Philosophen Renaud Camus (keine Verwandtschaft mit Albert Camus, dem angesehenen Verfasser des Romans «L’étranger»). Gemäss dieser Theorie – wenn man sie überhaupt als Theorie bezeichnen kann – soll das christliche Abendland von Immigranten aus der Dritten Welt überschwemmt und so allmählich islamisiert werden.

Die ursprünglich auf Europa gemünzte These wendet Carlson nun auch auf die USA an. Mehr noch, er bezichtigt die Demokraten, mit dem Einschleusen von Flüchtlingen ihre Macht zementieren zu wollen. Diese würden absichtlich in «rote», von den Republikanern dominierte Bundesstaaten verfrachtet, um so den Demokraten endlich zu einer Mehrheit zu verhelfen.

Carlsons absurde These – kein Flüchtling erhält automatisch das amerikanische Stimmrecht – fällt auf fruchtbaren Boden. Die jüngste Volkszählung hat aufgezeigt, dass die Geburtsrate in den USA sich der europäischen angenähert hat. Inzwischen beträgt sie 1,73 Kinder pro Frau, zur Aufrechterhaltung der Bevölkerung ist eine Rate von 2,1 notwendig. Besonders markant ist dabei der Geburtenrückgang bei den weissen Frauen.

Congresswoman Ilhan Omar, D-Minn., speaks Tuesday, April 20, 2021, in Brooklyn Center, Minn., during a news conference at the site of the fatal shooting of Daunte Wright by a police officer during a t ...
Sie gilt als abschreckendes Beispiel für die Rechten: die Abgeordnete Ilhan Omar.Bild: keystone

Laura Ingraham, die Fox-News-Moderatorin, die punkto Demagogie locker mit Carlson mithalten kann, erklärt daher ihren Zuschauern, dass sie zu keinerlei Mitgefühl mit den afghanischen Flüchtlingen verpflichtet seien. «Ist es wirklich unsere Verantwortung, tausende von potenziell ungeprüften Flüchtlingen aus Afghanistan in unser Land zu lassen?», so Ingraham. «Den ganzen Tag hören wir Phrasen wie: ‹Wir haben es ihnen versprochen.› Nur, wer hat etwas versprochen? Ihr etwa?»

Asylchaos und grosser Austausch werden uns erhalten bleiben, ja es ist zu befürchten, dass der Ton bald noch schriller und dreckiger werden wird. Die Köppels, Gehrigers und Carlsons dieser Welt werden möglicherweise bald neues Futter für ihre Verschwörungstheorien erhalten, denn der Triumph der Taliban wird auch den Dschihadisten Auftrieb verleihen. Rechte Demagogen und fundamentalistische Glaubenskrieger, dieser Mix wird toxisch sein.

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