In Langnau steckt am meisten FC Thun
Leicester City gewinnt 2016 als 1:5000-Aussenseiter die englische Meisterschaft. Der FC Thun ist in der vergangenen Saison der überraschendste Meister unserer Geschichte geworden.
Eigentlich müsste auch im nationalen Hockey ein FC Thun möglich sein. Die Unterschiede beim Personalaufwand sind in unserer höchsten Hockey-Liga viel geringer als im Fussball. Die Budgetdifferenz zwischen Thun und den wirtschaftlichen Titanen Basel und YB ist wesentlich grösser als zwischen Ajoie und den ZSC Lions, Lausanne, Servette, Gottéron oder Davos. Für Ajoie ist ein Meistertitel trotzdem völlig unmöglich. Als Erfolg gilt bereits, wenn es gelingt, die Qualifikation nicht auf dem letzten Platz zu beenden.
Seit Einführung der Playoffs (1986) hat es im Eishockey trotz der geringeren finanziellen Differenz zwischen Titanen und Hinterbänklern keinen auch nur annähernd mit dem FC Thun vergleichbaren Meister gegeben. Was unter anderem daran liegt, dass die Titel-Entscheidung im Playoff-Modus in einer über mehrere Spiele laufenden Serie gegen den gleichen Gegner fällt. Selbst drei sensationelle Niederlagen können noch korrigiert werden.
Könnte sich das unter Umständen diese Saison ändern? Mit Langnau (3.), Ambri (4.) und Ajoie (5.) finden wir gleich drei Teams auf den direkt für die Playoffs qualifizierten Rängen (Top 6). Drei Teams, die vielerorts eher auf den letzten drei Plätzen erwartet worden sind.
Einen Meister wie Thun wird es nicht geben. Aber gibt es wenigstens in der Qualifikation einen FC Thun? Haben Langnau, Ambri oder Ajoie das Potenzial zur direkten Playoff-Qualifikation? Was ungefähr Thuns Meistertitel im Fussball entsprechen würde. So ausgeglichen wie im Herbst 2026 war die Liga noch nie. Die «Thun-Frage» macht also Sinn.
Die sieben Faktoren
Sieben Faktoren sind erforderlich: Erstens eine über mehrere Jahre eingefuchste spielerische und taktische DNA. Zweitens geht es nur, wenn alle sechs Ausländerpositionen erstklassig besetzt sind. Drittens sollten mehrere Spieler dazu in der Lage sein, in einer Partie die Differenz zu machen. Viertens ist ein gutes «Secondary Scoring» durch Schweizer Stürmer erforderlich. Fünftens darf es kein Torhüter-Problem geben. Sechstens muss der Kabinenfriede gewahrt werden. Siebtens gilt alles, was der Trainer sagt, als Gospel (Evangelium). Seine Autorität ist nicht verhandelbar.
Die Lakers waren 2022/23 der letzte Aussenseiter, der alle diese Voraussetzungen mehr oder weniger erfüllte und mit Liga-Topskorer Roman Cervenka sogar den besten Stürmer der Liga in seinen Reihen hatte. Die Lakers erreichten in der Qualifikation Rang 3. Aber in der ersten Playoffrunde war gegen Zug Lichterlöschen. Und wie sieht es jetzt aus?
Langnau im Vergleich mit Ambri und Ajoie
Erstens. Die spielerische und taktische DNA ist bei den SCL Tigers am besten eingespielt. Cheftrainer Thierry Paterlini, Assistent Steve Hirschi und Sportchef Pascal Müller sind seit 2022 gemeinsam auf einer Mission und haben den Durchhänger am Ende der letzten Saison (10 von 11 Partien verloren, Playoffs verspielt) aufgearbeitet. In Ajoie ist Ville Peltonen bereits der vierte Cheftrainer seit 2022. Bei Ambri sind im gleichen Zeitraum der Präsident, der Sportchef, der Trainer und alle Assistenten ausgewechselt worden. So gefestigt wie Langnau sind Ambri und Ajoie nicht.
Zweitens und Drittens. Ajoie und Langnau können auf allen sechs Ausländerpositionen erstklassiges Personal einsetzen und haben mehr Spieler als Ambri, die dazu in der Lage sind, die Differenz zu machen. Ambri hat nur vier erstklassige Ausländer. Langnau hat erstmals sieben erstklassige Ausländer, die den Konkurrenzkampf um die sechs Positionen akzeptieren.
Viertens. Langnau hat das bessere «Secondary Scoring» durch Schweizer Stürmer als Ajoie und Ambri und ist über vier Linien ausgeglichener.
Fünftens. Langnau, Ambri und Ajoie haben im Herbst 2026 kein Torhüterproblem und zwei ligafähige Goalies.
Sechstens. Das Konfliktpotenzial in der Kabine ist in Langnau und in der Ajoie kleiner als in Ambri.
Siebtens. Die Worte des Trainers sind in Langnau Gospel und vorerst auch noch in Ambri und in der Ajoie.
In den Tigers steckt am meisten FC Thun
Zusammenfassend lässt sich sagen: Den FC Thun gibt es im Eishockey auch in der Qualifikation nicht. Aber in den SCL Tigers steckt am meisten FC Thun.
P.S. Hat der Chronist wieder einmal die Lakers vergessen? Nein. Aber hier geht es um die drei vermeintlich Kleinen, die jetzt auf den direkt für die Playoffs berechtigten ersten sechs Rängen klassiert sind.
Für alle, die den Kick suchen
Auch in dieser Saison können die Schweizer Eishockeyfans ausgewählte Spiele im Free-TV mitverfolgen.
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