Sport
Manchester United

Wie Fussball selbst Kindheit zu Geld macht

UEFA Youth League - Manchester United, ManU U21, U 21 v Sabah U21 MANCHESTER, ENGLAND, SEPTEMBER 10: JJ Gabriel of Manchester United on the ball during The UEFA Youth League match between Manchester U ...
JJ Gabriel sorgt im internationalen Fussball für Aufsehen.Bild: IMAGO / Crystal Pix

Talent als Versprechen: Warum ein 16-Jähriger Millionen wert sein kann

Mit acht wurde JJ Gabriel zur Internet-Sensation, mit 14 zum Nike-Werbeträger, mit 16 zur begehrten Handelsware. Sein Fall zeigt, wie der Fussball selbst Kindheit zu Geld macht.
14.10.2026, 08:5014.10.2026, 08:52
Simon Häring
Simon Häring

Nicht alles von Wert hat auch einen Preis. Manches ist wertvoll und doch unbezahlbar. Die Unbeschwertheit der Kindheit etwa. Das Privileg, etwas zum ersten Mal zu sehen und zu erleben. Vielleicht gehört dazu auch, einfach zu spielen. Ohne zu wissen, wohin das einmal führen könnte.

Bei JJ Gabriel ist das anders. Anfang Oktober ist der Fussballer 16 Jahre alt geworden. Seit 2022 spielt er für Manchester United. Doch weil seinem Umfeld dort offenbar die Perspektive fehlt (es fordert eine Mindestanzahl Einsätze), bahnt sich ein Wechsel an. Die Liste der Interessenten ist illuster: Real Madrid, Barcelona, Paris Saint-Germain und Bayern München.

Ein irischer Pass als Türöffner

Gabriels Geburtstag ist ein Ereignis. Es geht um Millionen, um Verträge und Ausbildungsentschädigungen, um Sponsoren und Staatsangehörigkeiten. Denn nur weil Gabriel einen irischen Pass besitzt, könnte sich für ihn nun eine Tür ins Ausland öffnen. Die FIFA müsste dem allerdings zustimmen.

Gabriel ist im Norden Londons aufgewachsen und war acht Jahre alt, als Videos von ihm im Internet auftauchten. Darin dribbelte er Gegenspieler aus, jonglierte mit dem Ball, machte Dinge, die für einen Achtjährigen aussergewöhnlich waren. Millionen schauten zu. Bald hatte er einen Namen, der sich ausgezeichnet vermarkten liess: «Kid Messi».

Beim ersten Auftritt trug er noch ein Barcelona-Trikot, später Kleider mit der Aufschrift «JJ10». Aus einem Kind mit Talent wurde eine Marke, lange bevor sich sagen liess, ob daraus je ein aussergewöhnlicher Profi werden würde. Mit elf wechselte Gabriel in den Nachwuchs von Manchester United. Mit 14 unterschrieb er einen langfristigen Vertrag mit Nike, der als einer der lukrativsten beschrieben wurde, die der Konzern je mit einem Spieler dieses Alters abgeschlossen habe. Zahlen liegen keine vor.

Längst haben wir uns daran gewöhnt, dass Fussballer einen Marktwert haben. Ihnen wird ein Preisschild umgehängt, als wären sie ein Joghurt. Dabei ist Talent nur ein Versprechen auf die Zukunft. Der Fussball handelt mit der Hoffnung, dass sich dieses Versprechen eines Tages erfüllt.

UEFA Youth League - Manchester United, ManU U21, U 21 v Sabah U21 MANCHESTER, ENGLAND, SEPTEMBER 10: JJ Gabriel of Manchester United on the ball during The UEFA Youth League match between Manchester U ...
Wo geht die Karriere des 16-Jährigen weiter?Bild: IMAGO / Crystal Pix

Der unerfüllte Traum des Vaters

Dabei drängt sich eine Frage auf: Wer oder was ist die treibende Kraft im Leben von JJ Gabriel? Ist es tatsächlich der Traum eines 16-Jährigen – oder auch der unerfüllte Traum seines von Ehrgeiz getriebenen Vaters?

John O’Cearuill, Sohn eines Vaters aus Trinidad und Tobago und einer irischen Mutter, wollte selbst Profifussballer werden. Er stand bei Arsenal unter Vertrag und bestritt zwei Länderspiele für Irland, konnte sich auf höchstem Niveau aber nicht etablieren. Mit 23 Jahren wurde er Vater. Sein Sohn: Joseph Junior Andreou O’Cearuill – heute bekannt als JJ Gabriel.

Als Ire ist Gabriel im Besitz eines EU-Passes und kann deshalb bereits mit 16 Jahren zu einem Klub innerhalb der Europäischen Union wechseln – eine Möglichkeit, die englischen Talenten seit dem Brexit verwehrt ist.

260801 Andrey Santos of Manchester United, ManU during the friendly football match between Manchester United and Atletico Madrid on August 1, 2026 in Stockholm. Photo: Caisa Rasmussen / BILDBYRAN / CO ...
Anfang August spielte Gabriel (links) in der ersten Mannschaft gegen Atletico Madrid.Bild: www.imago-images.de

Offiziell begründet die Familie die Umbenennung mit ihrem Glauben. Doch es gibt noch eine andere Erklärung: Der Name Gabriel lässt sich leichter vermarkten als O’Cearuill. Mehrere britische Medien berichten, dass genau dieses Kalkül beim Namenswechsel eine Rolle gespielt habe.

Das alles sind Faktoren, die aus JJ Gabriel eine Handelsware machen, bei der sich die perverse Logik des Fussballs manifestiert. Er hat schon vor Jahrzehnten Kinder in Akademien ausgebildet. Der Appenzeller Davide Chiumiento wechselte als 16‑Jähriger zu Juventus Turin. Johan Djourou ging im gleichen Alter zu Arsenal London. Auch die aktuellen Schweizer Nationalspieler Johan Manzambi (Freiburg) und Winsley Boteli (Mönchengladbach) unterschrieben ihre ersten Profiverträge im Ausland.

Digitalisierung als Brandbeschleuniger

Die Digitalisierung wirkt dabei wie ein Brandbeschleuniger. Ein spektakuläres Dribbling eines Achtjährigen bleibt nicht mehr auf einem Trainingsplatz. Es landet auf YouTube, Instagram und TikTok. Es wird millionenfach angesehen, geteilt und bewertet. Aufmerksamkeit kann gemessen werden. Und was sich messen lässt, lässt sich auch vermarkten.

Früher wurde ein guter Fussballer irgendwann zur Marke. Heute entsteht die Marke mitunter, bevor es den erfolgreichen Sportler überhaupt gibt. Xavi Simons hatte mit 14 mehr als eine Million Instagram-Follower und einen Nike-Vertrag – Jahre vor seinem ersten Profispiel. Heute spielt der 23-Jährige für Tottenham und die niederländische Nationalmannschaft.

13-year-old footballer Xavi Simons from Barcelona already has 188 000 followers on Instagram. Lennart Johansson Trophy, Sweden 2017-05-26 c ERICSSON MARCUS / Aftonbladet / IBL Bildbyra * * * EXPRESSEN ...
Xavi Simons als Captain im Barcelona-Trikot.Bild: www.imago-images.de

JJ Gabriel zeigt diese Entwicklung in ihrer extremsten Form. Seine Zukunft ist zu einem Versprechen geworden, an dem viele teilhaben wollen. Genau darin liegt die ökonomische Logik eines Wunderkindes: Niemand kauft, was es heute ist. Investiert wird in das, was es morgen sein könnte.

Die FIFA versucht, dem Geschäft Grenzen zu setzen. Internationale Transfers Minderjähriger sind nur unter strengen Bedingungen erlaubt. Im März veröffentlichte der Weltverband einen Leitfaden für Eltern junger Talente. Die Botschaft: Nicht Marktwert und Karriere sollen im Zentrum stehen, sondern das Wohlergehen und die langfristige Entwicklung.

Der Fussball versucht also, Kinder vor einem Markt zu schützen, dessen wirtschaftliche Logik gleichzeitig verlangt, sie immer früher zu entdecken.

Niemand weiss, was aus JJ Gabriel wird. Vielleicht fasst er im Profifussball nie Fuss, vielleicht schon. Vielleicht gehört er tatsächlich zu den wenigen, die zu Weltstars werden. Trotzdem wird längst mit seiner Zukunft gehandelt. Vereine, Ausrüster und Berater setzen Millionen auf ein Versprechen, das sich vielleicht nie erfüllt. Im Fussball muss ein 16-Jähriger noch nichts erreicht haben, um Millionen wert zu sein. (schweizheute.ch)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Fanutensilien zum Finanzskandal von Manchester City
1 / 9
Fanutensilien zum Finanzskandal von Manchester City
quelle: keystone / jon super
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Friedrich Merz wird nach Fauxpas ausgelacht
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
Spielmanipulation: Serbischer Tennisspieler wird für 24 Jahre gesperrt
Der 29 Jahre alte Stefan Milicevic wollte eigentlich noch einige Jahre Tennis spielen. Doch daraus wird nichts.
Die Internationale Agentur für Integrität im Tennis (ITIA) hat den Serben Stefan Milicevic mit einer 24-jährigen Sperre belegt. Die Sanktionen traten am 9. Oktober in Kraft – und sie gehen weit über ein blosses Startverbot hinaus. Er soll Teil eines «korrupten Netzwerks» gewesen sein, eigene Matches manipuliert und andere Spieler zum Betrug angestiftet haben.
Zur Story