Wirtschaft
Schweiz

Der Lohnherbst birgt viel Potenzial für Enttäuschungen

Der Lohnherbst birgt viel Potenzial für Enttäuschungen

Aktuelle Umfragen weisen auf eine grosse Diskrepanz zwischen den Erwartungen der Unternehmen und der Gewerkschaften hin. Arbeitnehmende könnten zudem ein wichtiges Pfand in den Verhandlungen verlieren.
14.09.2022, 08:3914.09.2022, 08:39
Daniel Zulauf / ch media

«Realistische Löhne – wenn nicht jetzt, wann dann?»: Pierre-Yves Maillard, Präsident des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB) zeigte sich wie üblich kampfbereit, als der Dachverband der Arbeitnehmerorganisationen vor zehn Tagen quasi offiziell die im Herbst bei sehr vielen Unternehmen anstehende Lohnrunde einläutete.

Mit der Forderung nach generellen Lohnerhöhungen von vier Prozent bis fünf Prozent geht der SGB so weit wie schon lange nicht mehr. Die Forderung liegt deutlich über der geschätzten Teuerungsrate, welche die Nationalbank im Juni mit durchschnittlich 2.8 Prozent für das gesamte laufende Jahr beziehungsweise mit 1.9 Prozent für das kommende Jahr beziffert hatte.

Ein Bauarbeiter bringt ein Notausgangsschild an einem Wohncontainer an, waehrend einem Point de Presse der Stadt Bern zur Eroeffnung des Containerdorf fuer Ukraine-Fluechtlinge, am Mittwoch, 6. Juli 2 ...
Ein Bauarbeiter in Bern. Wie viel mehr Lohn gibt es für ihn? Bild: keystone

Die Diskrepanz ist dieses Jahr hoch

Der Ausgleich der Inflation ist das wichtigste, aber nicht das einzige Argument in der diesjährigen Rechnung der Gewerkschaften. Sie verlangen zusätzliche Entschädigungen für die Mehrleistungen, welche die Arbeitnehmenden Jahr für Jahr in ihren Betrieben erbringen. Ökonomen sprechen von der Arbeitsproduktivität, die in den vergangenen Jahren nur eine ungenügende Abgeltung gegeben habe.

Die Rechnung der Unternehmen fällt naturgemäss tiefer aus. Doch heuer ist die Diskrepanz besonders gross. Bei den Industriefirmen liegen im Durchschnitt gerade mal knapp zwei Prozent drin, hat die Credit Suisse im Juli im Rahmen ihrer der monatlichen Befragung von Einkaufsmanagern ermittelt.

Industriefirmen kalkulieren mit weniger als zwei Prozent

16 Prozent der befragten Firmen rechnen mit einer Nullrunde und nur etwa ein Fünftel der Firmen gehen von Lohnerhöhungen in Höhe von mehr als zwei Prozent aus. Bei den Dienstleistungsfirmen liegt der erwartete durchschnittliche Lohnanstieg bei 2.5 Prozent. Aber auch hier wird in 30 Prozent der Fälle mit weniger als zwei Prozent oder gar null Prozent gerechnet.

Die Befragungsergebnisse der Credit Suisse decken sich mit den Resultaten einer ebenfalls im Juli durchgeführten Lohnerhebung der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich, die zu erwartende Bruttolohnsteigerungen im laufenden Jahr von durchschnittlich etwas mehr als zwei Prozent ergab.

Verhandlungszeitpunkt ist schlecht

Konkret verhandelt werden die Lohnabschlüsse aber zwischen den Sozialpartnern in den Betrieben selbst. Und gegen zwei Drittel aller Firmen führen diese Verhandlungen im Herbst durch. Der Zeitpunkt ist für die Arbeitnehmenden nicht ideal.

Das Wirtschaftswachstum schwächt sich ab. Die Credit Suisse rechnet zwar nicht mit einer Rezession in der Schweiz, aber nur noch mit einem Miniwachstum von einem Prozent im kommenden Jahr. Die Nachfrage nach Arbeitskräften werde sich abschwächen und die aktuellen Personalengpässe entschärfen, prognostizieren die Ökonomen der Bank.

Lieber einen sicheren Arbeitsplatz

So könnte den Arbeitnehmenden ein wirkungsvoller Hebel in den Verhandlungen abhanden kommen. Zahlreiche Studien belegen zudem, dass die Arbeitnehmenden in der Schweiz ihre Verhandlungsmacht gegenüber den Arbeitgebern kaum einmal voll ausschöpfen. Die Präferenz liegt im Zweifelsfall bei der Sicherung des Arbeitsplatzes.

Die Arbeitgeber könnte im diesjährigen Lohnherbst einmal mehr an diese freiwillige Zurückhaltung der Arbeitnehmenden appellieren. Aktuelle Konjunkturumfragen deuten daraufhin, dass sich die Ertragslage in vielen wichtigen Wirtschaftssektoren gerade wieder am Abschwächen ist.

Alles in allem rechnet die Credit Suisse mit durchschnittlichen Lohnerhöhungen von 2.3 Prozent. Das mag im Zehnjahresvergleich immer noch ein Rekordwert sein, aber die Gewerkschaften müssten ein solches Ergebnis ganz klar als enttäuschend und ungenügend werten.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Das könnte dich auch noch interessieren:
So gut geht es den Schweizer Bergbahnen – eine Region und Höhenlage schwingt obenaus
Nach der starken Sommersaison zahlt sich auch der goldene Herbst für die Schweizer Bergbahnen aus. Die Ersteintritte legen deutlich zu. Insbesondere das Berner Oberland und Anlagen auf typischen Wandergebieten zwischen 1000 und 2000 Metern sind sehr gefragt.
Die Schweizer Bergbahnen blicken auf eine erfolgreiche Sommersaison. Von Mai bis Ende September stiegen die Ersteintritte schweizweit gegenüber dem Vorjahr um zehn Prozent. Gegenüber dem Durchschnitt der letzten fünf Jahre beträgt das Plus 28 Prozent.
Zur Story