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Vergessen unmöglich

Ein Jahr nach der Bluttat von Menznau brauchen die Betroffenen immer noch Hilfe

Aussenansicht der Firma Kronospan in Menznau: Ein langjähriger Mitarbeiter begann vor einem Jahr die blutige Tat.  Bild: KEYSTONE

Bald jährt sich der Tag, an dem ein Mitarbeiter Holzverarbeitungsfirma Kronospan in Menznau LU vier seiner Kollegen tötete und sieben schwer verletzte. Den 27. Februar 2013 können die überlebenden Betroffenen heute nicht vergessen. 



Der langjährige Mitarbeiter der Firma Kronospan hatte an jenem Mittwoch frei. Trotzdem betrat der 42-jährige Maschinist um 8.41 Uhr das Firmengelände - mit einer Pistole, einem Revolver und Reservemunition in der Tasche. Ohne Ankündigung eröffnete der dreifache Familienvater im Gang zur Kantine das Feuer auf seine Arbeitskollegen.

Insgesamt drückte er mindestens 18 mal ab. In der Nichtraucherkantine suchten über ein Dutzend Personen hinter Tischen Deckung. Einer der Angestellten attackierte den Täter mit einem Stuhl. Im Handgemenge fielen beide zu Boden. Der Täter blieb regungslos liegen. Er starb an einer Schussverletzung im Kopf.

Das passierte am 27. Februar 2013 in Menznau:

Der Chef der Luzerner Kriminalpolizei Daniel Bussmann erläutert den Ablauf des Amoklaufs.  Video: YouTube/bolzurich

Bis heute in psycholgischer Behandlung

Die traurige Bilanz der Bluttat im Luzerner Hinterland: Drei Personen waren auf der Stelle tot. Sieben wurden zum Teil schwer verletzt. Ein viertes Opfer starb einen Tag danach im Spital, ein fünftes Opfer über ein Monat später. Einer der Verletzten, ein 63-jähriger Mann, befindet sich noch immer in der Rehabilitation.

Auch ein Jahr nach der Tragödie macht die Bluttat Betroffenen schwer zu schaffen. Eine Handvoll der 420 Mitarbeiter seien noch immer in psychologischer Behandlung, sagte Kronospan-CEO Mauro Capozzo auf Anfrage der Nachrichtenagentur sda.

Firma schuf Fonds mit 200'000 Franken

Viele Betroffene hätten zur Bewältigung professionelle Hilfe in Anspruch genommen. Andere würden nicht mehr über die Ereignisse sprechen wollen. Die Tragödie habe jedoch die Mitarbeiter zusammengeschweisst. Für Härtefälle schuf die Firma einen Fonds mit rund 200'000 Franken.

Mitarbeitern und Angehörigen der Opfer ständen schwere Tage bevor, sagte Capozzo weiter. Anlässlich des Jahrestags würden die schmerzlichen Erinnerungen an die Schreckenstat wieder hervorgerufen.

Bilder vom verhängnisvollen Mittwoch vor einem Jahr. 

Gedenkstätte und Glockengeläut zum Jahrestag

Am Jahrestag der Tragödie, am 27. Februar 2014, soll oberhalb des Firmenareals in Menznau eine öffentlich zugängliche Gedenkstätte eingeweiht werden. Sie liegt an einem bestehenden Weiher, umfasst Sitzbänke, eine Skulptur aus Holz und Stein sowie eine Inschrift. Vorgesehen ist ein Anlass im engsten Kreis für Mitarbeiter, Betroffene, Helfer und Behördenmitglieder.

Um 10 Uhr sollen in jenen Gemeinden, in denen Todesopfer oder Verletzte zu beklagen waren, die Kirchenglocken läuten. Dazu riefen die Luzerner Landeskirchen in einer Mitteilung am Dienstag die Gemeinden Buttisholz, Emmenbrücke, Grosswangen, Menzberg, Menznau, Schüpfheim und Willisau auf.

Niemand wollte mehr die Kantine betreten

Zudem will die Firma in den kommenden Wochen das Baugesuch für eine neue Kantine, Büroräume und einen Ausstellungsraum einreichen, wie Kronospan-CEO Mauro Capozzo sagte. Im Sommer sollen die Bauarbeiten beginnen.

Den Kantinentrakt, in der sich die Tragödie abspielte, liess die Firmenleitung rund eine Woche nach der Bluttat abreissen. Den Raum hätten die Mitarbeiter nach der Tat nicht mehr betreten wollen.

Motiv immer noch ungeklärt

Auf die brennendste Frage, nämlich jene zum Motiv des Täters, haben die Behörden auch ein Jahr nach der Bluttat keine klare Antwort. Ein Abschiedsbrief des Todesschützen wurde nicht gefunden.

Der Täter litt möglicherweise an einer psychischen Störung. Nach Aussagen von Befragten habe der Täter Selbstgespräche geführt und sei durch plötzliches Lachen aufgefallen, sagte die zuständige Staansanwältin Nicole Belliger während der Untersuchung.

Zudem habe der Schütze unmittelbar vor der Tat auf dem Firmengelände mit seinem Mobiltelefon ein Bild einer Auto-Werbung auf sein Facebook-Profil hochgeladen. Die Staatsanwaltschaft forderte bei der Luzerner Psychiatrie ein forensisch-psychiatrisches Gutachten zum verstorbenen Täter an. Dieses soll eine mögliche Erklärung zum Motiv liefern.

Ermittlungen zum Todeshergang eingestellt

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der Todesschütze sich am Ende selbst richtete, oder dass es beim Handgemenge zu einem Unfall kam, bei dem sich ein Schuss aus der Waffe löste. Hinweise, dass eine andere Person geschossen hat, gibt es laut Behörden keine. Die Ermittlungen hierzu wurden eingestellt.

Beim Täter handelt es sich um einen 42-jährigen Schweizer. Der gebürtige Kosovare reiste 1991 als Flüchtling in die Schweiz und beantragte Asyl. 2001 erhielt er dank der erleichterten Einbürgerung vom Bundesamt für Migration den Schweizer Pass.

Familie des Todesschützen verliess Willisau

Der Mann lebte mit seiner Frau und drei Kindern in Willisau LU. Der Maschinist arbeitete während 17 Jahren bei Kronospan. Gemäss Angaben der Firmenleitung war er ein ruhiger Mitarbeiter.

Ein unbeschriebenes Blatt war er dennoch nicht. 1998 hatte ihn das Kriminalgericht Luzern unter anderem wegen Raubes zu einer bedingten Gefängnisstrafe von zwölf Monaten mit einer Probezeit von zwei Jahren verurteilt. Er hatte mit einem Kollegen eine Frau umgestossen und deren Tasche gestohlen.

Der Täter wurde vier Tage nach den tödlichen Schüssen am Wohnort seiner Eltern auf dem Dorffriedhof von Nec im Südwesten des Kosovo nahe der Grenze zu Serbien beigesetzt. Seine Familie zog nach der Tat aus Willisau weg. (rar/sda) 

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