International
Adolf Hitler

AfD-Verbotsverfahren: Diese Argumente gab es bei Anhörung in Thüringen

Hape Kerkeling, 2026, während einer politischen Anhörung.
Hape Kerkeling während der Anhörung im Parlament in Thüringen.Bild: imago-images.de

Die AfD verbieten? Hape Kerkeling sagt: «Ich spüre, dass diese Demokratie in Gefahr ist»

Die deutsche Rechts-aussen-Partei polarisiert, doch ist sie auch verfassungsfeindlich? Experten diskutierten am Mittwoch ein AfD‑Verbotsverfahren. Der Comedian und Autor Hape Kerkeling hat eine klare Meinung.
01.10.2026, 08:4001.10.2026, 08:44
Christoph Cöln / t-online
Ein Artikel von
t-online

Es gilt als das schärfste Schwert der wehrhaften Demokratie: Sollte ein Parteiverbotsverfahren gegen die AfD angestossen werden oder nicht? Erstmals erörterten Juristen, Experten und Prominente diese Frage in einem deutschen Parlament bei einer öffentlichen Anhörung – ausgerechnet in Thüringen, wo der AfD-Landesverband mit seinem Chef Björn Höcke als besonders radikal gilt.

Zu Wort kam mit Hape Kerkeling auch ein Entertainer: Er spreche nicht als Experte für Verfassungsrecht, sondern als Nachfahre eines Opfers des Nationalsozialismus, betonte er.

Anlass für die Anhörung war ein Antrag der Linke-Fraktion. Sie will erreichen, dass sich die Landesregierung für ein Verbotsverfahren auf Bundesebene einsetzt.

Nach AfD-Wahlerfolgen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin nahm die Debatte um ein Verbotsverfahren zuletzt wieder Fahrt auf. Welche Chancen hätte ein Verfahren? Was, wenn es scheitert?

Die wichtigsten Argumente der Anhörung:

Kerkeling: AfD verletzt Würde des Menschen

«Ich spüre, dass diese Demokratie in Gefahr ist», begründete Hape Kerkeling seinen Auftritt im Landtag. Und er hatte eine Botschaft: «Wer die verbrecherische Vergangenheit dieses Landes verharmlost und umdichtet, verwirkt jede politische Daseinsberechtigung in unserer Demokratie», sagte Kerkeling. «Allein ihre beschönigende Haltung gegenüber der NS-Diktatur macht sie in meinen Augen verfassungswidrig.» Das Versprechen des Staates laute: «Wir dulden keinen Faschismus in Deutschland.»

Kerkeling beschränkte sich bei seinem Auftritt auf den Umgang der AfD mit der deutschen Geschichte. «Angst, Lügen und Hass waren die Zutaten der nationalsozialistischen Ideologie – und sie sind es heute für die Marschrichtung dieser rechtsextremen Partei», sagte der Komiker, Autor und Schauspieler.

Wer die Verbrechen von 1933 bis 1945 relativiere, verharmlose oder bagatellisiere, verlasse den Boden des Grundgesetzes. «Wer Menschen gezielt verängstigt – mit Behinderung, anderem Glauben, anderer Hautfarbe, queer oder transgender», verletzte ihre vom Grundgesetz geschützte Würde.

Der Entertainer appellierte an die Politik, ein AfD-Verbotsverfahren anzustossen. Gerade aus Thüringen sollte so ein Signal kommen. Die Verteidigung des Grundgesetzes sei keine Frage von links oder rechts, von Regierung oder Opposition, sagte Kerkeling zu den Abgeordneten.

AfD party leaders Alice Weidel and Tino Chrupalla talk during a press conference of the "Alternative for Germany" (AfD) in Berlin, Germany, after yesterday's two state elections in Berl ...
Das AfD-Co-Präsidium, bestehend aus Tino Chrupalla und Alice Weidel (rechts). Bild: keystone

Maassen will erst Linke verbieten lassen

Ex-Bundesverfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maassen sagte, dass die AfD in bestimmten Politikfeldern eine Kurskorrektur im Sinne einer Wende fordert, dürfe nicht zu einem Verbotsverfahren führen. «Aber ich habe die Befürchtung, dass ein Verbotsverfahren missbraucht werden kann, um diese grundlegende Kurskorrektur zu verhindern und auch, um einen missliebigen Konkurrenten aus dem politischen Spielfeld zu verdrängen», sagte Maassen.

Bei der Frage nach einem Verbotsverfahren geht es nach Ansicht von Maassen darum, ob die AfD eine zweite Agenda verfolge. Wenn man das Programm der AfD betrachte, so Maassen, müsse man davon ausgehen, dass sie sich für die freiheitlich-demokratische Grundordnung einsetze. «Aus meiner Perspektive liegen die Voraussetzungen für ein Parteiverbotsverfahren nicht vor.» Zudem forderte er, zunächst über ein Verbot der Linken zu diskutieren.

Eingriff in demokratischen Wettbewerb

Die AfD schickte einen ihrer Anwälte in die Anhörung: Der Jurist und AfD-Rechtsanwalt Christian Conrad warnte vor einem Parteiverbotsverfahren, wenn Unsicherheiten bestehen. «Die Einleitung eines Verbotsverfahrens gegen eine Partei, die nicht verfassungswidrig ist, ist selbst verfassungsfeindlich», sagte er.

Vor Beginn der Anhörung trat Conrad bei einer AfD-Pressekonferenz auf. Conrad wies darauf hin, dass der Antrag für die Regierung rechtlich nicht bindend ist. «Das heisst, das ist allenfalls ein politischer Auftrag», sagte er. Am Ende gehe es nicht um ein Prüfverfahren, sondern um ein Parteiverbotsverfahren, betonte er. Man ziehe in den Kampf.

Rassistisches Weltbild

Der Jurist Hendrik Cremer vom Deutschen Institut für Menschenrechte warf der AfD ein rassistisches und nationalvölkisches Weltbild vor. «Die AfD zielt auf die Beseitigung der demokratischen Grundordnung ab», sagte er. Ein Parteiverbotsverfahren habe hohe Hürden, so Cremer. «Im Fall der AfD sehe ich sie als erfüllt an.»

Kathrin Groh von der Universität der Bundeswehr sagte, die AfD schüre Angst und Vergeltungswünsche in der Gesellschaft. Zur Frage, ob sich ein Verbotsantrag gegen die Bundespartei oder gegen einzelne Landesverbände richten sollte, sagte sie, dass ein isolierter Antrag gegen einen Landesverband wohl schneller zu einem Ergebnis führen könnte.

Gefährdung der Bundesrepublik

Kyrill-Alexander Schwarz, Professor für öffentliches Recht an der Universität Würzburg, vertrat die Ansicht, dass für ein AfD-Verbotsverfahren ein wichtiges Kriterium erfüllt sei – die Gefährdung des Bestandes der Bundesrepublik.

Er begründete das mit Forderungen der AfD nach einem Austritt aus der EU und zumindest von Teilen der Partei nach einem Austritt aus der Nato. Zudem pflege die AfD eine Nähe zu diktatorischen Systemen wie dem in Russland. Gegen ein Verbotsverfahren sprechen nach Einschätzung von Schwarz weder die Grösse der AfD oder die mögliche Dauer des Verfahrens vor dem Bundesverfassungsgericht.

So könnte es weitergehen

Bundestag, Bundesrat oder Bundesregierung können einen Antrag auf ein Parteiverbot beim Bundesverfassungsgericht stellen – das Gericht entscheidet dann über ein Verbot.

Thüringens Innenminister Georg Maier gehörte nicht zu den Anzuhörenden, äusserte sich aber am Rande des Landtags: «Im Bundesrat sortieren sich gerade Mehrheiten in Richtung eines möglichen Antrags auf ein AfD-Verbotsverfahren», sagte der SPD-Politiker.

Er erwartet, dass die von Nordrhein-Westfalens CDU-Ministerpräsident Hendrik Wüst vorgeschlagene Bund-Länder-Arbeitsgruppe zur Prüfung des verfassungsrechtlichen Umgangs mit der AfD noch in diesem Jahr zustande kommt. Damit sei ein erster Schritt gegangen. «So weit waren wir noch nie.» Maier zählt seit Langem zu den lautesten Befürwortern eines AfD-Verbotsverfahrens.

Quellen

(dsc/t-online)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Warum die AfD als rechtsextrem und gefährlich gilt
1 / 15
Warum die AfD als rechtsextrem und gefährlich gilt

Die AfD (Alternative für Deutschland) verfolgt demokratiefeindliche Ziele. Dies ist vom deutschen Verfassungsschutz, von Menschenrechtsinstituten und Gerichten durch umfangreiche Materialauswertungen belegt. Ein Überblick ...

quelle: keystone / hannibal hanschke
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Merz: «Remigration ist ethnische Säuberung»
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
Ex-«South Park»-Autor stellt mutmassliche Cornell-Vergewaltiger an den Internet-Pranger
Toby Morton hat schon Trump ins Visier genommen, nun stellt der Ex-«South Park»-Autor die sieben mutmasslichen Cornell-Vergewaltiger bloss. Braucht es diese Online-Wut für Gerechtigkeit?
«Jetzt kommt der Teil, den sie nicht ignorieren können», schreibt Toby Morton auf Instagram. Der Ex-«South Park»-Autor hat die Website «TheCornell7.org» gegründet. Das Ziel: die sieben mutmasslichen Vergewaltiger der Cornell Universität anprangern.
Zur Story