Flugchaos in Europa nach neuen Bombendrohungen – Militär im Einsatz
Am Donnerstagmorgen gingen anonyme Drohungen gegen mehrere Passagierflugzeuge in Europa ein. Unter anderem versetzten Bombendrohungen gegen Flüge rund um Dublin, Rom, Mailand, Warschau, Brüssel und Helsinki die Sicherheitskräfte in Alarmbereitschaft. Aber auch in osteuropäischen Ländern wurde mit Anschlägen gedroht.
Anmerkung der Redaktion: Diese Meldung wird laufend mit neuen Erkenntnissen aktualisiert.
Was wissen wir?
Die meisten Abflugorte der betroffenen Passagiermaschinen liegen in Westeuropa und Nordeuropa und die Zielflughäfen in Ost- und Südeuropa. Die Flugrouten durchkreuzen nahezu den ganzen kontinentaleuropäischen Luftraum.
Dies zwang Flugsicherungsbehörden, Streitkräfte und Polizeieinheiten aus diversen Ländern gleichzeitig zur länderübergreifenden Koordination. Aus Tätersicht wurde das operationelle Chaos im europäischen Luftverkehr maximiert.
Keine der Drohungen bewahrheitete sich.
Von Kampfjets eskortiert
In Frankreich stiegen nach Angaben der Luftwaffe am Donnerstagmorgen Kampfjets auf, um eines der Flugzeuge abzufangen. Ein Airbus A320 auf dem Weg von Dublin nach Rom wurde auf den französischen Militärflugplatz Évreux in der Normandie umgeleitet. Die französische Regierung verfolge die Lage in Echtzeit, hiess es.
Auch in unserem südlichen Nachbarland Italien gab es am Donnerstagmorgen Hinweise auf einen Anschlag gegen einen Finnair-Flieger aus Helsinki. Diese Maschine wurde gegen 9.30 Uhr von Kampfjets der italienischen Luftwaffe eskortiert und landete am Flughafen Rom-Fiumicino. Dort leiteten Sprengstoffexperten der italienischen Polizei die vorgesehenen Sicherheitskontrollen ein. Diese dauerten an, wie die Nachrichtenagentur Ansa meldete.
Eine Maschine, die am Morgen am Flughafen Mailand-Malpensa gestartet war, wurde nach Angaben von Ansa wegen einer während des Fluges eingegangenen Bombendrohung nach Wien umgeleitet und landete dort. Zuvor sei in Polen eine E-Mail mit einer Bombendrohung eingegangen. In Wien wurde jedoch keine Gefährdung festgestellt. Das Flugzeug sei mittlerweile unterwegs nach Warschau, hiess es. Der Sprecher sprach von einer «abstrakten» Drohung und verwies auf ähnliche Vorfälle in der jüngsten Vergangenheit.
Die spanische Fluggesellschaft Iberia bestätigte am Nachmittag, dass zwei ihrer Flugzeuge zu den drei Maschinen gehörten, die von einem Fehlalarm am Flughafen Madrid betroffen waren. Gemäss «Guardian» waren es die Flüge Mailand – Madrid und Rom – Madrid.
Keine Gefahr in Kopenhagen
In Dänemark wurden die Polizei und der Kampfmittelräumdienst der Streitkräfte zum Flughafen Kopenhagen gerufen, um eine verdächtige Situation zu untersuchen.
Laut Berichten gab es Drohungen gegen zwei Flüge. Bei der Durchsuchung der Flugzeuge sei aber nichts Verdächtiges gefunden worden, teilte die dänische Polizei mit: «Nach unserer Einschätzung besteht beziehungsweise bestand keine Gefahr für Passagiere oder andere Personen, die sich am Flughafen aufhalten.» Um welche Flüge es sich handelte, wollte ein Sprecher demnach nicht sagen.
Tschechien und Polen ebenfalls betroffen
Mehrere Bombendrohungen haben auch den Flugverkehr in Prag beeinträchtigt. Man habe Warnungen über improvisierte Sprengsätze an Bord von vier Flugzeugen erhalten, teilte die tschechische Polizei bei X mit. Nach der Landung auf dem internationalen Vaclav-Havel-Flughafen würden die Maschinen von Spezialisten durchsucht. Gleichwohl stufe man die Relevanz der Drohungen als niedrig ein.
Auch für einen Flug der polnischen Fluggesellschaft LOT von Warschau nach Brüssel ging eine Bombendrohung ein. Die Maschine konnte jedoch ohne Probleme auf dem Flughafen der belgischen Hauptstadt landen, wie die Zeitung «Het Nieuwsblad» unter Berufung auf die Sprecherin des Flughafens Brüssel berichtet. Nach ersten Ermittlungen der Polizei seien für diesen Flug keine weiteren Massnahmen erforderlich gewesen, sagte eine Sprecherin.
Auch Flüge nach Bulgarien und Rumänien bedroht
Drei Maschinen der irischen Billig-Fluggesellschaft Ryanair bekamen auf dem Weg nach Bulgarien Bombendrohungen, berichtete die bulgarische Nachrichtenagentur BTA unter Berufung auf das Verkehrsministerium in Sofia.
Eine Maschine aus London sei auf den Flughafen Plowdiw umgeleitet worden. Die zwei weiteren Flugzeuge – aus Kopenhagen und Madrid – landeten planmässig in der bulgarischen Hauptstadt Sofia.
Einen ähnlichen Fall gab es im Nachbarland Rumänien: Eine Maschine der ungarischen Billig-Flugesellschaft Wizz Air erhielt auf dem Flug von Mailand nach Bukarest eine Bombendrohung. Die Maschine landete aber sicher und planmässig in Rumäniens Hauptstadt, berichtete die rumänische Nachrichtenagentur Mediafax. Der Inlandsgeheimdienst SRI untersuche das Flugzeug, hiess es.
Wurde an Bord der Maschinen Sprengstoff gefunden?
Nein.
Alle bisherigen Überprüfungen der Passagiere, Gepäckstücke und Flugzeuge durch Anti-Terror-Einheiten und Sprengstoffexperten ergaben nichts. In allen Fällen handelte es sich demnach um Fehlalarme. Die Drohungen selbst wurden nach Behördenangaben mehrheitlich per E-Mail verschickt.
Wie viele Leute sind von der Störung des Luftverkehrs betroffen?
Zur Zahl der betroffenen Passagiere und weiteren Massnahmen lagen zunächst keine Informationen vor.
Die europäische Flugsicherheitsbehörde Eurocontrol teilte mit, sie beobachte die Lage und arbeite eng mit Fluggesellschaften, Flughäfen, Flugsicherungsorganisationen und weiteren Einrichtungen in Europa zusammen, um mögliche Beeinträchtigungen des Luftverkehrs zu begrenzen.
Wer steckt dahinter?
Das ist nicht bekannt.
Ein britischer Regierungssprecher hatte im Zusammenhang mit mehreren am Dienstag betroffenen Flügen aus Grossbritannien von «böswilligen vorgetäuschten Drohungen» gesprochen. Die Londoner Polizei bestätigte, dass ihre Luftfahrteinheit die Situation beobachte. Der «Guardian» zitierte zu den Vorfällen früher in der Woche Ermittlerkreise in Grossbritannien, wonach es keine unmittelbaren Hinweise auf einen staatlichen Akteur gebe.
Ein Experte sagte der Zeitung, es komme täglich zu falschen Drohungen gegen Passagierflüge. Dass Flüge umgeleitet wurden, lege aber nahe, dass die Drohungen glaubhaft und spezifisch gewesen seien.
Ob sich die Störaktionen pauschal gegen die europäische Luftfahrtinfrastruktur richten, ist nicht bekannt.
Wegwerf-Agenten am Werk?
Sicherheitsbehörden in Europa warnen seit Längerem vor zunehmenden «hybriden Störaktionen» und Sabotageakten. In anderen aufgedeckten Fällen von Sabotage wie bei Brandanschlägen in Leipzig hat Russland laut Ermittlungsbehörden sogenannte «Wegwerf-Agenten» eingesetzt.
Dabei handelt es sich um Kleinkriminelle ohne klassische nachrichtendienstliche Ausbildung, die oft über den Messenger-Dienst Telegram oder Social-Media-Plattformen rekrutiert werden. Sie stiften gegen Bezahlung in Form von Kryptowährung Chaos oder führen konkrete Aufträge aus.
Wegen der Vorgehensweise spekulieren Sicherheitsfachleute und Medien, dass auch die aktuelle Welle von Bombendrohungen gegen Fluggesellschaften Teil von Russlands hybrider Kriegsführung sein könnte. Das Ziel wäre dabei, kritische Infrastruktur wie den Luftverkehr massiv zu stören und Verunsicherung in der Bevölkerung zu schüren.
Der Kreml hat bislang jegliche Beteiligung an entsprechenden Attacken von Wegwerf-Agenten bestritten.
Hängen alle Drohungen zusammen?
Da die Drohungen fast zeitgleich und europaweit gegen verschiedene Airlines und Flughäfen verschickt wurden, prüfen die Behörden entsprechende Verbindungen. Gesicherte Ergebnisse dazu wurden bislang nicht kommuniziert.
Der überwiegende Teil der bedrohten Fluggesellschaften ist in NATO-Staaten beheimatet. Hinzu kommen Ryanair und Austrian Airlines: Demnach sind auch die militärisch neutralen EU-Mitglieder Irland und Österreich betroffen.
Bereits am Dienstag hatten mehrere Bombenalarme den zivilen europäischen Flugverkehr beeinträchtigt.
Der Flughafen Warschau-Modlin wurde nach einer Drohung gegen einen LOT-Flug aus London vorübergehend geschlossen. Am Warschauer Chopin-Flughafen durchsuchten Einsatzkräfte zudem eine SAS-Maschine aus Kopenhagen.
Nach Angaben polnischer Behörden handelte es sich dabei um eine koordinierte Serie falscher Bombendrohungen. Betroffen waren unter anderem Flüge von Ryanair und Wizz Air sowie ein Kreuzfahrtschiff in Griechenland. Bei sämtlichen Kontrollen wurde kein Sprengstoff gefunden.
Ob die Vorfälle vom Donnerstag mit dieser Serie zusammenhängen, ist bislang nicht bestätigt worden.
Wie reagieren Airlines auf solche Drohungen?
Die britische Piloten-Vereinigung hat eine Stellungnahme zu gemeldeten Bombendrohungen gegen kommerzielle Flüge in ganz Europa veröffentlicht. In der Mitteilung wird das Standard-Vorgehen bei solchen Fällen erklärt:
Wird die Bedrohung als nicht glaubwürdig eingestuft, werden die Besatzungsmitglieder an Bord des Flugzeugs nicht darüber informiert.
Wird eine Bedrohung jedoch als glaubwürdig eingestuft (rot oder gelb), wird die Flugbesatzung unverzüglich informiert und führt die firmeninternen Verfahren für eine glaubwürdige Bombendrohung durch.»
Sobald die Flugbesatzung über eine glaubwürdige Bombendrohung informiert worden sei, übernehme der Flugkapitän das Kommando und treffe alle Entscheidungen, die für die Sicherheit seines Flugzeugs erforderlich seien. Dafür greife er auf entsprechende Checklisten zurück.
Befindet sich ein Flugzeug noch auf dem Rollfeld, bedeute dies in der Regel eine Evakuierung. Wenn die Maschine bereits in der Luft sei, habe «die schnellstmögliche und sicherste Landung Priorität», wie der «Guardian» berichtet.
Wie häufig gab es das in der Vergangenheit?
Eine vergleichbare Häufung solcher Bombendrohungen gegen unterschiedliche Fluggesellschaften in Europa an einem einzigen Tag ist nicht bekannt.
Im europäischen Luftverkehr gibt es immer wieder vereinzelte Drohungen. Im Oktober 2026 musste ein Austrian-Airlines-Flug von Tel Aviv nach Wien nach Sofia ausweichen. Bei der Durchsuchung wurde keine Gefahr festgestellt.
Im Januar 2026 löste ein Passagier auf einem Turkish-Airlines-Flug nach Barcelona mit dem Namen seines WLAN-Hotspots, der eine Bombendrohung enthielt, einen Alarm aus. Sprengsätze wurden nicht gefunden.
Im Herbst 2023 erfassten die Behörden in Deutschland mehr als 250 Bombendrohungen, unter anderem gegen den Hamburger Flughafen. Die Drohungen richteten sich flächendeckend auch gegen Schulen, Rathäuser, Gerichte sowie Medienhäuser. Im Zuge der Ermittlungen stiess die Polizei unter anderem auf eine jugendliche Online-Gruppe, die sich über Messenger-Dienste ausgetauscht hatte, um koordinierte Falschmeldungen und Störaktionen abzusetzen.
Im Oktober 2023 wurden in Frankreich wiederholt Regionalflughäfen temporär evakuiert, allein am 19. Oktober elf.
Im März 2020 gab es in Russland an einem Tag Bombendrohungen gegen sieben Passagierflüge. Alle Maschinen landeten planmässig, Sprengsätze wurden nicht gefunden.
Quellen
- Mit Material der Nachrichtenagenturen SDA/DPA und des watson-Medienpartners T-Online
- theguardian.com: Multiple planes diverted as bomb threats to commercial flights reported across Europe
- bfmtv.com: Un avion de ligne Dublin-Rome dérouté vers Évreux après une alerte à la bombe
- t-online.de: Flugchaos in Europa: Militär im Einsatz
- hln.be: Opnieuw bommeldingen op twee vluchten: vlucht naar Brussel veilig geland
- ansa.it: Allarme bomba su aereo Wizz Air decollato da Malpensa e dirottato a Vienna
- open.online: Allarmi bomba sui voli da Helsinki e Dublino per Roma
- dr.dk: To fly i Københavns Lufthavn undersøgt af politi og bomberyddere
- orf.at: Grosser Polizeieinsatz auf Flughafen läuft
- belganewsagency.eu: Flight from Warsaw lands safely at Brussels airport after suspicious report
(dsc)
