Gewalt und Selbstjustiz in Gaza: Amnesty wirft Hamas aussergerichtliche Hinrichtungen vor
In den vergangenen Monaten haben der Hamas nahestehende Kräfte im besetzten Gazastreifen zahlreiche Personen wegen mutmasslicher Kollaboration mit Israel hingerichtet. Das geht aus einem am Freitag veröffentlichten Bericht von Amnesty International hervor. Die Nichtregierungsorganisation dokumentiert darin rechtswidrige Tötungen, Folter und willkürliche Festnahmen.
Laut einem Uno-Bericht vom Juni 2026 gab es zwischen August 2024 und Januar 2026 im Gazastreifen 249 Fälle schwerer Gewalt, bei denen mindestens 108 Menschen getötet wurden. In mindestens 60 Fällen waren Hamas-nahe Kräfte involviert.
Amnesty untersuchte unter anderem die öffentliche Exekution von acht Angehörigen der Dughmush-Familie im Oktober 2025. Diesen Männern sei ein faires Verfahren zugesichert worden, bevor sie wenige Stunden später mit verbundenen Augen erschossen wurden. Im Juli 2026 hätten die Al-Qassam-Brigaden, der bewaffnete Arm der Hamas, einen Mann ohne Gerichtsverfahren hingerichtet. Er soll den Aufenthaltsort hochrangiger Kommandeure an Israel verraten haben. Seine persönlichen Daten seien danach online verbreitet worden, was zusätzlich seine Familie in Gefahr brachte. Auch der 57-jährige Hisham al-Saftawi sei im Oktober 2025 bei einem gewaltsamen Festnahmeversuch getötet worden.
Bislang wurde niemand für die Tötungen belangt. Amnesty fordert die Hamas in ihrem Schreiben dazu auf, alle Hinrichtungen sofort zu stoppen und unabhängige Untersuchungen zuzulassen.
Kein Vorwand für rechtswidrige Tötungen
Erika Guevara-Rosas, Menschenrechtsanwältin bei Amnesty International, fügt am Samstag in einem X-Post an, dass die palästinensische Zivilbevölkerung fast drei Jahre nach Beginn des andauernden Völkermords durch Israel im Gazastreifen unvorstellbares Leid habe erdulden müssen. Dennoch dürfe die Wiederherstellung von Recht und Ordnung niemals als Vorwand für rechtswidrige Tötungen, Vergeltungsmassnahmen oder Kollektivstrafen dienen. «Die Hamas muss aussergerichtliche Hinrichtungen beenden und den Opfern und ihren Familien Gerechtigkeit widerfahren lassen», so die Menschenrechtsanwältin.
Laut dem Bericht hat Israel seit dem 7. Oktober 2023, als die Hamas bei einem Überraschungsangriff 1195 Israelis – darunter 815 Zivilisten – tötete, Bedingungen geschaffen, die zum Zusammenbruch von Recht und Ordnung führten. Israelische Streitkräfte hätten Justizstrukturen der Hamas angegriffen und lokale Milizen bewaffnet, die ihrerseits Völkerrechtsverstösse und Exekutionen begingen. Amnesty fordert Israel auf, den Völkermord und die Besatzung zu beenden, Hilfslieferungen zuzulassen und die sichere Rückkehr von Vertriebenen zu garantieren. (val)
