Wie die Plünderungen in Frankreich auf Social Media instrumentalisiert werden
Weit weg sind die französischen Schülerproteste und ihre Anliegen. In den Hintergrund gedrängt wurden sie von Krawallanten, Brandstiftern und Plünderern, welche die Überforderung der französischen Behörden gnadenlos ausnutzten.
Letztere Gruppe verwüstete in Paris, Marseille und anderen französischen Grossstädten komplette Shoppingmeilen. Mindestens 3000 Läden wurden während der letzten Tage beschädigt, diverse davon ausgeräumt. Neben Filialen von Luxusmarken, Elektronikhändlern und Sportartikelanbietern traf es auch die Grossisten schwer. Carrefour meldet 50 demolierte Geschäfte, 20 davon wurden geplündert. Erste grobe Schätzungen beziffern die Schäden auf mehrere hundert Millionen Euro.
Ein Teil des Diebesguts wird nun auf Onlineplattformen zum Verkauf angeboten. Neben dem Handel mit der gestohlenen Ware floriert im Internet aktuell ein weiteres Geschäft: die Desinformation. In den sogenannten sozialen Medien wimmelt es nur so von falsch beschrifteten Videos. Ein Beispiel ist das Video einer jungen Frau, welche Plünderer davon abhalten will, einen Laden auszurauben.
Verzweifelt stellt sie sich in den Eingang und schreit sich die Seele aus dem Leib. Sie ist den Tränen nahe. Die johlende Menge drängt sich an ihr vorbei, ein maskierter Mann führt sie gewaltsam zur Seite. «Sie werden sich sonst noch verletzen», murmelt er in seinen Schal.
Das Video macht auf Reddit, Instagram, X und TikTok die Runde. Es wird unter anderem beschrieben mit: «Bitte nehmt nichts mit!» Herzzerreissender Moment Frau fleht Randalierer an, ihren Laden zu verschonen [SIC].
Juristisch ist es unbedeutend, wem der Laden gehört. Plünderung ist Plünderung. Wer sich bediente, handelte kriminell. Die Tat darf nicht relativiert werden.
Auf der Gefühlsebene sieht es anders aus. Hier spielen die Besitzverhältnisse sehr wohl eine Rolle. Dass es sich bei dem Laden um eine von knapp 1000 Franprix Filialen des Mutterhauses Groupe Casino handelt, schürt weniger Mitgefühl – und weniger Wut – als eine hilflose junge Ladenbesitzerin, die von herzlosen Barbaren ausgeraubt wird. Hier wird bewusst Öl ins Feuer gegossen, bewusst mit Emotionen gespielt. Es ist die einzige relevante Währung für die Algorithmen von Instagram und Co.
Szenenwechsel.
Ein langhaariger Mann mit Brille und Trainingsanzug steht vor einem Anime- und Videospiele-Laden in Nizza. Randalierer wollen ins Geschäft eindringen, dabei schrecken sie nicht davor zurück, den Mann von hinten anzuspringen und niederzutreten. Der Mann rappelt sich auf und versperrt den Eingang, obwohl er mit Gegenständen beworfen wird. Ein Foto, das ihn neben Son Goku im Eingang zeigt, geht viral. Der Mann wird innert Stunden zum Meme.
Pierre Collin wird als Shopbesitzer gekennzeichnet
Auch er wird auf Social Media als Ladenbesitzer dargestellt. Unseriöse Medien nehmen die Bezeichnung ungeprüft auf, Die Vater-Story drückt besser auf die Tränendrüse.
Filialleiter von Nizza: «Ich kann die Jugendlichen verstehen, nicht aber die Randalierer»
Tatsächlich handelt es sich beim Laden um eine Filiale des Games- und Spielkarten-Grossisten Micromania-Zing. Der langhaarige Mann mit Namen Pierre Collin gab seither diverse Interviews. Ihm gehört die Filiale nicht, er ist der Manager. Pierre traf im Laden ein, als bereits eingebrochen worden war. Nach eigenen Angaben beobachtete er die Plünderungen eine Weile lang konsterniert, bis sein Geduldsfaden riss und er dem Treiben ein Ende setzte. Sein Handeln bezeichnete er als «nicht sehr intelligent». Für die Demonstranten, nicht aber für die Plünderer, zeigt er Verständnis.
Micromania-Zing würdigte in einem offiziellen Statement den Mut und die Gelassenheit einiger ihrer Mitarbeiter. Nicht offiziell ist indes eine bereits angelaufene Spendenaktion für Pierre Collin. Der Filialleiter gibt an, nichts davon zu wissen. Mit Sicherheit eine Abzocke ist der bereits entstandene Meme-Coin.
Die Anliegen der Schüler für bessere Infrastruktur, mehr Chancengleichheit, kleinere Klassen und mehr Lehrpersonen geraten derweil immer mehr unter die Walze der Wut auf die unpolitischen Plünderer. Angesichts der Präsidentschaftswahlen im April 2027 spielt das den Rechtspopulisten in die Karten. In den Umfragen deutlich in Führung liegt aktuell die rechtsextreme Kandidatin Marine Le Pen. Sie spricht sich zwar ebenfalls für einen radikalen Kurswechsel im Bildungswesen aus. Ihre Vorstellung deckt sich allerdings nicht mit den Forderungen der Schüler.
