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Interview

Philosoph Pascal Bruckner über Proteste in Frankreich: «Le Pen gewinnt»

Manifestations et émeutes en France le 17 octobre: interview de Pascal Bruckner.
Pascal Bruckner, dass die Bewohnerinnen und Bewohner in Paris ihre Sicherheit selbst in die Hand nehmen.Image: montage watson avec AFP
Interview

«Marine Le Pen hat am Samstagabend haushoch gewonnen»

Der französische Philosoph und Schriftsteller Pascal Bruckner (77) lebt im berühmten Pariser Viertel Marais, das am Samstagabend von Plünderern heimgesucht wurde. Im Gespräch mit watson schildert er seine Sicht auf die Ereignisse.
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19.10.2026, 19:5219.10.2026, 19:52
Antoine Menusier

Wie sehen Sie die Ausschreitungen, die am Samstagabend auch Ihr Quartier in Paris getroffen haben?
Pascal Bruckner: Die Banlieues schwappen nach Paris über. Die Ausschreitungen, die früher auf die Vororte beschränkt waren, finden nun auch im Stadtzentrum statt. Das verschärft die Bedrohungslage leider zusätzlich. Mit Politik hat diese Plünderei nichts zu tun. Es geht einzig darum, sich zu bedienen und sozusagen auf Einkaufstour zu gehen.

Macht das Ihnen sorgen?

«Natürlich. Frankreich steht kurz vor einem Bürgerkrieg, weil die Polizei nicht einmal in der Lage ist, diese Ausschreitungen einzudämmen.»

Am Samstagabend war in meinem Quartier im Haut-Marais, zwischen dem Hôtel de Ville und der Place de la République, kein einziger Polizist zu sehen. Anwohner riefen mehrmals die Polizei, doch es kam niemand. Die Plünderer hatten freie Hand. Es herrschte Chaos.

Haben Sie selbst die Polizei gerufen?
Nein, ich hatte persönlich keinen Grund dazu, anders als die Ladenbesitzer und Cafébetreiber. Das Café du Progrès etwa, das im Quartier sehr bekannt ist, wurde angegriffen. (Anm. d. Red.: Ein Mitarbeiter des Cafés bestätigt gegenüber watson, dass die Schaufensterscheiben eingeschlagen wurden. Wegen eines Metallgitters konnten die Randalierer jedoch nicht ins Innere eindringen.) Wir sind ein Land, in dem es keinen Staat und keine Autorität mehr gibt. Ich habe Macron am Sonntagabend gesehen. Er wirkte völlig blass. Wenn es an Autorität fehlt, nutzen das alle Kräfte aus, die darauf aus sind, die Gesellschaft auseinanderzureissen.

Haben Sie mit den Ladenbesitzern in Ihrem Quartier gesprochen?
Ja, bei uns im Quartier kennt man sich und spricht miteinander. Die Leute sind entsetzt.

«Die Gefahr besteht darin, dass die Leute zu den Waffen greifen.»

Wenn die Polizei die Franzosen nicht mehr schützen kann, werden sie sich eben selbst schützen.

Haben die Plünderungen durch diese Jugendlichen, die sich einfach bedienen, wie Sie sagen, etwas mit dem politischen Klima zu tun – etwa mit den Parolen von La France insoumise?
Die Rhetorik der extremen Linken im Allgemeinen und die Aussagen von La France insoumise im Besonderen ermutigen sie zu solchen Taten. Die Partei ruft zu zivilem Ungehorsam und zum Aufstand der Bürger auf. Jean-Luc Mélenchons Partei will in Frankreich Chaos stiften. Das könnte sich allerdings gegen sie selbst wenden.

Wieso?
Diese Plünderer sind nicht alle linksradikal. Es gibt verschiedene Gruppen unter ihnen. Einige wollen schlicht Geschäfte machen und vom Kapitalismus profitieren.​

Ihr Quartier ist ein schickes Touristenviertel. Bisher gab die eher links wählende, urbane Mittelschicht den Ton an, doch man fürchtete sich schon länger vor Plünderungen. Wird sich diese Mittelschicht nun nach rechts wenden?

«Marine Le Pen hat am Samstagabend haushoch gewonnen. Ich sehe nicht, wie sie im kommenden Frühling nicht gewählt werden sollte.»

Sie kommen ursprünglich von der linken Seite des politischen Spektrums. Könnten Sie sich dennoch vorstellen, Marine Le Pen zu wählen?
Nein, auf keinen Fall. Wie viele Französinnen und Franzosen werde ich versuchen zu verhindern, dass Mélenchon in die Stichwahl gegen Marine Le Pen kommt. Dann hätte sie tatsächlich beste Chancen auf einen Sieg. Deshalb wird es entscheidend sein, im ersten Wahlgang taktisch zu wählen. Für wen, wird sich noch zeigen.

Im Sommer kam es in Paris rund um den Canal Saint-Martin, unweit der Place de la République und Ihres Wohnorts, ebenfalls zu Ausschreitungen. Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen diesen Vorfällen und den heutigen, weitaus schwereren Ausschreitungen?
Ich habe die Vorfälle diesen Sommer nicht genau verfolgt. Aber ja, es gibt einen Zusammenhang: In beiden Fällen wird Freiheit als Willkür über Freiheit als Verantwortung gestellt.

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Proteste in Frankreich
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quelle: keystone / guillaume horcajuelo
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