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In this Friday, Jan. 24, 2020, photo, Phillip Agnew knocks on doors for Democratic presidential candidate, Sen. Bernie Sanders, I-Vt., before the Iowa caucus, in Iowa City, Iowa. (Joseph Cress/Iowa City Press-Citizen via AP)

Klinkenputzen für Bernie Sanders: Wahlkampfhelfer Philip Agnew unterwegs in Iowa City. Bild: AP

watson zu Gast bei den Demokraten – Teil 2: So ticken Sanders und Klobuchar

Der watson-Korrespondent hat sämtliche wichtigen Kandidaten der Demokraten besucht und beurteilt nun ihre Auftritte. Teil 2 seiner Reportage umfasst die Veranstaltungen von Bernie Sanders und Amy Klobuchar.

johann aeschlimann



Iowa liegt im Mittleren Westen. Hier hat Hillary Clinton vor vier Jahren die Wahl verloren. Ein Drittel der 99 counties stimmte 2012 für Barack Obama und schwenkte 2016 zu Donald Trump. Trump ist hier kein Thema. Er ist bei den Republikanern gesetzt und herrscht wie ein lateinamerikanischer Caudillo. Keiner traut sich, offen gegen ihn aufzutreten (die Ausnahme ist der ehemalige Massachusetts-Gouverneur Bill Weld, aber der hat es zwischenzeitlich auch bei der Sekte der Libertären probiert).

Interessant sind die Demokraten. Hier spielt sich ein zunehmend verbissenes Seilziehen zwischen «Linken» und «Gemässigten» ab. Linke fordern Umverteilung, die Korrektur der Steuererleichterungen für die oberste Schicht der Besitzenden und Gutverdienenden und massive Sozialprogramme nach europäischer Art: Krankenkasse für alle, billigere Universitäten, Minimallöhne, von denen sich leben lässt. Gemässigten geht das zu weit. Sie bieten kleinere Schritte in dieselbe Richtung an und pochen auf electability, will heissen: Die Unwählbarkeit der Gegner. Linke setzen auf die Massenmobilisierung einer Wählerschaft, welche den Ausverkauf ihrer Interessen in Washington satt hat – ganz ähnlich wie der Trumpismus. Gemässigte setzen darauf, die Gemässigten auf der anderen Seite zu Kompromissen zu bewegen.

Iowa Demokraten

An diesen Orten in Iowa hat watson-Mitarbeiter Johann Aeschlimann die Auftritte der Kandidierenden verfolgt. grafik: watson/reto fehr

Die Auswahl der Wahlkampf-Auftritte wird von der Geographie und vom Kalender begrenzt, wegen des in Washington laufenden Impeachment-Verfahrens kommen nur Wochenenden in Betracht. Auf der Strecke in unserer Reportage bleibt der Tech-Unternehmer Andrew Yang. Er propagiert das bedingungslose Grundeinkommen, über das die Schweiz vor kurzem abgestimmt hat.

Unberücksichtigt bleibt auch der Milliardär Tom Steyer, der sich voll und ganz auf den Kampf gegen den Klimawandel konzentriert. Ein interessanter Mann. Steyer und seine Ehefrau haben vor zehn Jahren den giving pledge abgelegt, ein Gelöbnis, zu Lebzeiten die Hälfte des Vermögens für gemeinnützige Zwecke einzusetzen. Steyer könnte eine Überraschung abgeben, er gibt ein Heidengeld für Werbung aus. Aber seine gute Sache gehört eher nach Davos. Nicht auszudenken, wenn ein Steyer dem World Economic Forum den pledge vorhielte und Geld fürs Klima einfordern würde. Der Batzen, der zusammen käme, wäre mit Bestimmtheit mehr wert als die blechernen Bekenntnisse des Davos Man in der Alpenwelt.

Sonntag, 26. Januar

Democratic presidential candidate former Sen. Bernie Sanders, I-Vt., smiles as he is welcomed to the podium by Rep. Alexandria Ocasio-Cortez, D-N.Y., left, at a campaign stop at La Poste, Sunday, Jan. 26, 2020, in Perry, Iowa. (AP Photo/Andrew Harnik)
Bernie Sanders Alexandria Ocasio-Cortez

Bernie Sanders mit Alexandria Ocasio-Cortez am letzten Sonntag in Perry. Bild: AP

Der Ort: La Poste, eine getäfelte Halle, 50 Kilometer von der Hauptstadt Des Moines entfernt. Perry: 7000 Einwohner. Wirtschaft: Tyson Foods Schweineverarbeiter. Mittleres Haushaltseinkommen 47'330 Dollar. Mittlerer Hauspreis 102'000 Dollar. Wahl 2016: Trump 57,7 Prozent, demokratische Vorwahl Clinton 54,2 Prozent. Wahl 2012: Obama 52,2 Prozent. Lokalgrösse: Footballspieler Dan Grimm (Super-Bowl-Gewinner 1987 mit den Washington Redskins).

Bernard «Bernie» Sanders: 78 Jahre. Geboren in einer jüdischen Familie in Brooklyn/New York. Als Student Organisator in der Bürgerrechtsbewegung, 1968 Umzug in den Bundesstaat Vermont aufs Land. Filmemacher, Zimmermann, politischer Organisator. Demokratischer Sozialist. 1981 als Unabhängiger zum Bürgermeister der Hauptstadt Burlington gewählt. 1990 als Unabhängiger in den US-Kongress, 2007 in den US-Senat gewählt. 2015 Protest gegen Präsident Obamas Verlängerung der Bush-Steuererleichterungen, 2016 Kandidatur für die US-Präsidentschaft und Gründung einer Bewegung für eine «politische Revolution».

«Er wurde nicht erst ein Progressiver, als es cool war. Er setzte eine Karriere aufs Spiel.»

Alexandria Ocasio-Cortez

In Perry läuft es anders. Vor dem Einlass bildet sich eine lange Schlange, es gibt eine Sicherheitskontrolle, keine Getränke, keine Schusswaffen, kein Essen, die Taschen geleert, das Publikum paarweise abgeklopft, von zwei Frauen. Draussen werden Ansteckknöpfe verkauft: «Feel the Bern», «Dogs against Trump», auch Feministisches. «Pussy Power», «No uterus, no opinion».

Der Saal ist gerammelt voll, eng gestuhlt, auf jedem Sitz ein Bernie-Plakat. Wohl an die 400 Leute, bunt gemischt, alte Männer mit langen Haaren, viele Junge, viele Tattoos, farbiges Haar. Im Gegensatz zum Sleepy Joe-Publikum in Fort Dodge und allen anderen Veranstaltungen geht es hier laut zu und her, man scherzt, unterhält sich. Die Atmosphäre ist geladen. Der county organizer teilt mit, dass die Sanders-Kampagne in Iowa an 100'000 Türen geklopft und sechs Millionen Telefonanrufe gemacht habe. Die Bewegung rollt.

Auftritt Michael Moore, der Filmemacher. Moore sieht aus wie ein Jäger ohne Tarnanzug, braune Feldjacke, Schlabberhose, die Kappe der Detroit Tigers auf dem wirren Haar, ein listiges Lächeln auf den Lippen. Er hält eine Sonntagmorgenpredigt: Die Letzten werden die Ersten sein. Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein Reicher in den Himmel. Handle gegenüber den Niedrigsten so, wie Du es gegen Dich selbst tun würdest. «Das ist Sozialismus», sagt Moore, «christlich-jüdisch-buddhistisch-moslemische Ethik. In Europa nennen sie es Sozialdemokratie.» Sanders sei seit fünf Jahrzehnten bei der Sache. Civil Rights in den 60er Jahren. Frauenrechte in den 70ern. 1972 schon für gay rights. Der Klimawandel, als noch niemand davon sprach. «Er hat sich nie verändert.»

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Michael Moore hält eine Sonntagmorgenpredigt. Bild: AP

Auftritt Alexandria Ocasio-Cortez, die junge Abgeordnete aus New York, ein neuer Stern am demokratischen Firmament. «Zurück zur Normalität gibt es nicht», sagt sie, «es gibt nur vorwärts – hin zu den wirtschaftlichen und sozialen Menschenrechten.» Hier ist nicht Kampagne wie gewohnt, sondern «Bewegung», kein Kampf für ein Eigeninteresse, sondern Einstehen für die Interessen von anderen. Wie Sanders. «Er wurde nicht erst ein Progressiver, als es cool war. Er setzte eine Karriere aufs Spiel.»

Das stimmt. Sanders, der Berufspolitiker, war immer marginalisiert. Der einzige Unabhängige im Kongress, der erste Sozialist seit den 20er Jahren. Gegen die brutale Verbrechensbekämpfung der Clinton-Administration, gegen den Irak-Krieg von Bush, gegen die Steuerkompromisse von Obama. Ein Sanders braucht keine Glaubwürdigkeit zu betonen. Jetzt ist er auf einmal nicht mehr isoliert, seine Kampagne ist die breiteste in Iowa. Sanders macht oben Angst und unten Hoffnung.

«Entweder haben wir Demokratie oder die Autokratie eines Präsidenten, der glaubt, er stehe über dem Gesetz.»

Bernie Sanders

Dann tritt Sanders vor. And with that, good morning. Ein kurzer Hinweis auf die Fahrplanänderungen wegen des Impeachment in Washington, und los geht es. «Wir haben eine Agenda, die auf die Bedürfnisse der arbeitenden Menschen ausgerichtet ist», sagt Sanders. «Meine Administration wird offen auf der Seite der arbeitenden Klasse stehen, gegen Wall Street, die Versicherungskonzerne, Pharmaindustrie, Ölindustrie, gegen den militärisch-industriellen Komplex, die private Gefängnisindustrie und die ein Prozent, die ihren fairen Anteil an den Steuern nicht bezahlen.» Der Reihe nach geht es weiter: Wer 40 Stunden arbeitet, soll nicht in Armut leben müssen. Frauen sollen sich nicht mit 79 Cents pro Dollar Männerverdienst begnügen. Die staatliche Universität soll gratis sein. «Das ist nicht radikal, sondern so war es zu meiner Jugendzeit», sagt Sanders. «New Deal», ruft ein Sitznachbar dazwischen.

«Wenn wir vor elf Jahren die Gauner an der Wall Street retten konnten und uns Trumps Steuererleichterungen für die Milliardäre leisten können, dann können wir auch die Schulden der Studenten streichen.» Eine «bescheidene Besteuerung der Börsenspekulation» tue es. Dann kommt das Gesundheitswesen. 87 Millionen Amerikaner sind unterversichert. Eine halbe Million wird jedes Jahr durch medizinische Kosten in den Bankrott getrieben, «und dafür zahlen wir doppelt soviel wie Kanada». Deshalb eine Ausdehnung der staatlichen Rentenversicherung. Medicare for all.

Dann das Klima. Die Vereinten Nationen warnen vor hunderten Millionen Klimaflüchtlingen, das bedeutet Spannungen und Kriegsgefahr. Sanders ist der einzige Kandidat, der den Begriff «Vereinte Nationen» in den Mund nimmt. Es brauche den grossen Sprung, den green new deal, den er im Senat eingebracht hat, und noch mehr, über die Grenzen hinaus. «Als Präsident werde ich alles Menschenmögliche tun, um die Welt zur Überzeugung zu bringen, dass wir alle gemeinsam in diesem Schlamassel stecken.»

Bernie Sanders in Perry (Iowa)

Sanders lacht nie, nicht einmal, wenn er ein Witzlein macht. Bild: Johann Aeschlimann

Bernard Sanders sieht so alt aus wie seine 78 Jahre. Aus dem offenen blauen Hemd ragt ein faltiger Altmännerhals. Der Strickpulli und der blaue Blazer mit den Golfknöpfen sind dezidiert altmodisch, 60er Jahre vielleicht. Sanders kommt daher wie ein pensionierter Lehrer. Aber er strömt Kraft aus, eine rohe Kraft, nicht verbissen, aber hart. Ein Mann, mit dem man nicht scherzt. Sanders lacht nie, nicht einmal, wenn er ein Witzlein macht. Von Trump spricht er nicht viel. Es ist klar, dass er weg muss. «Entweder haben wir Demokratie oder die Autokratie eines Präsidenten, der glaubt, er stehe über dem Gesetz.»

Fragen gibt es nicht. Auch keine Selfie-Schlange. Bernie hat gesprochen, draussen wartet der Bernie-Bus.

Sonntag, 26. Januar

Democratic presidential candidate Sen. Amy Klobuchar, D-Minn., arrives at a campaign stop at Jethro's BBQ Steak n' Chop, Sunday, Jan. 26, 2020, in Ames, Iowa. (AP Photo/Andrew Harnik)
Amy Klobuchar

Amy Klobuchar in Jethro’s Barbeque in Ames. Bild: AP

Der Ort: Jethro’s Barbeque, Grossrestaurant 50 Kilometer nördlich von Des Moines. Ames: 60'000 Einwohner. Hauptwirtschaftszweig: die University of Iowa, mit weltberühmten Agrar- und Ingenieurabteilungen. Mittleres Haushaltseinkommen 52'000 Dollar. Mittlerer Hauspreis 227'000 Dollar. Wahl 2016: Clinton 51,3 Prozent, demokratische Vorwahl Sanders 60 Prozent. Lokale Berühmtheit: Dan Shechtman, Chemienobelpreisträger 2011.

Amy Klobuchar: 59 Jahre. Tochter eines Sportjournalisten und einer Lehrerin (die Grosseltern mütterlicherseits waren Einwanderer aus der Schweiz). Juristin. 1998 zur Staatsanwältin gewählt, seit 2006 als erste Frau US-Senatorin des Bundesstaats Minnesota. Verheiratet, eine Tochter. Klobuchar liegt in den Umfragen hinter dem führenden Quartett zurück.

«Wenn ich mit gemässigten Republikanern spreche, stimmen sie mir zu: Amerika hat ein grösseres Herz als der Kerl im Weissen Haus.»

Amy Klobuchar

Im Gang zum hinteren Saal von Jethro’s Barbeque hängen zwei Plaketten, eine heisst «Hall of Shame» mit Verlierern, die andere «Hall of Fame». Sie verzeichnet die Wettfresser, welche die «Adam Emmenecker Challenge» geschafft haben. So heisst die Aufgabe, innert 15 Minuten ein fünfpfündiges «Sandwich» aus Schweinefleisch, Speck, Käse, Huhn, Hamburger und frittierten Kartoffeln herunterzuschlingen. Rekordhalterin ist Molly Schuyler aus Bellevue/Nebraska. Sie schaffte es in 7 Minuten 53. Im Herren-WC hängen die Zeitungsberichte, auch das Rezept.

Im hinteren Teil von Jethro’s wird nichts serviert, aber der Andrang ist so gross, dass das Publikum bis in die Küche ausweichen muss. Mindestens 500 Personen sind erschienen, um Senatorin Amy Klobuchar anzuhören. Eingeführt wird sie von einem abtrünnigen Republikaner und dem schwarzen Bürgermeister von Iowa City. Er weist darauf hin, dass sie als «Senatorin mit der grössten Wirkung» erkoren wurde. Klobuchar hat in ihren 14 Amtsjahren über 100 Gesetzesvorschläge durch den Senat gebracht, mit Unterstützung aus beiden Parteien.

Hier kommt sie, der Wand entlang, Kameras rundum. Rote Bluse, schwarzer Hosenanzug. Etwas gedrungen, ein rundes, offenes Gesicht. Frau Klobuchar wirkt jünger als ihre bald 60 Jahre. Ehemalige Angestellte, etliche anonym, haben ihr via einen Zeitungsbericht vorgeworfen, sie sei eine herrschsüchtige, dünnhäutige und unfaire Chefin, die auch mal schnappt und beisst. Der Mainstream reagiert feministisch: Beim Mann gehe so etwas durch. In Jethro’s Barbeque wirkt Amy Klobuchar mütterlich und warm.

Democratic presidential candidate Sen. Amy Klobuchar, D-Minn., speaks at a campaign stop at Jethro's BBQ Steak n' Chop, Sunday, Jan. 26, 2020, in Ames, Iowa. (AP Photo/Andrew Harnik)
Amy Klobuchar

Klobuchar ist die einzige, die über das Impeachment spricht. Bild: AP

Sie beginnt mit dem Impeachment-Prozess in Washington, spricht von der Pflicht, die Anklage ernst zu nehmen und über den parteipolitischen Schatten zu springen wie der Republikaner John McCain, als er gegen die Abschaffung von Obamacare stimmte. Klobuchar ist die einzige, die über das Impeachment spricht, in fünf Wahlveranstaltungen hat das niemanden interessiert. Die endlosen Liveschaltungen an Fernsehen und Radio erreichen immer weniger Publikum, viele Leute reagieren fatalistisch: Was man Trump vorwirft, macht doch jeder Politiker. Das Impeachment ist politisches Pro Wrestling, eine Show mit abgekartetem Ergebnis.

Für Klobuchar ist das Impeachment jedoch ein gutes Einfallstor, um den «gemässigten» Republikanern ins Gewissen zu reden. Hier sieht sie ihre Chance. Sie erinnert daran, dass der gegenwärtige Börsenwohlstand nicht von allen geteilt wird. An mangelnde Kinderbetreuuung für arbeitende Elternpaare, an Trumps schädliche Handelskriege, das Elend mit der Krankenkasse. «Wenn ich mit gemässigten Republikanern spreche, stimmen sie mir zu: Amerika hat ein grösseres Herz als der Kerl im Weissen Haus.»

«Es gibt 137 Dinge, die ein Präsident tun kann, ohne den Kongress um Erlaubnis zu fragen – ich tue sie alle in den ersten 100 Tagen.»

Amy Klobuchar

Dazu hat Klobuchar eine Geschichte. Vom Farmer in Minnesota, einem Trump-Wähler, der ihr eröffnete, der Präsident sei für ihn erledigt, seit er vor der Gedenkmauer für die gefallenen CIA-Agenten mit der erfundenen Grösse seines Publikums bei der Amtseinsetzung geprahlt habe. Die Wahl sei ein «Anstands-Check», sagt Klobuchar. «Trump machte Versprechungen, die er nicht hielt.» Zum Beispiel gegenüber den Farmern, die unter seinen Handelskriegen leiden. Und sein Geplärre, wenn es um die Dinge gehe, welche die untere Hälfte Amerikas plagen, das teure Insulin, die hohen College-Kosten. «Amerikaner plärren nicht. Sie handeln.»

Amy Klobuchar kommt rüber als eine, die handeln will. Sie hat Pläne für alles, die meisten mit einem Gesetzesvorschlag. Für das Gesundheitswesen nicht medicare for all, aber eine «Non-Profit-Staatsoption». Gegen den Klimawandel nicht gerade den green new deal, aber Einbezug der Farmer: «Wer könnte es besser als der Mittlere Westen?» Gegen die hohen College-Kosten nicht in erster Linie Staatsgeld, aber bessere Refinanzierungsbedingungen: «Was Millionäre mit ihren Yachten machen können, soll auch für Studenten gelten.» Für das Mittelschulwesen Vorschläge zur Förderung des Handwerklichen: «Wir werden keinen Mangel an Betriebswirtschaftlern haben, aber einen Mangel an Spenglern.» Amy Klobuchar sagt: «Es gibt 137 Dinge, die ein Präsident tun kann, ohne den Kongress um Erlaubnis zu fragen – ich tue sie alle in den ersten 100 Tagen.»

«Aber das Wichtigste ist, wir müssen gewinnen.» Da ist das Argument – die Wählbarkeit. Klobuchar hat dort gewonnen, wo Hillary Clinton vor vier Jahren verloren hat, im Mittleren Westen. «In Minnesota habe ich 44 Distrikte von den Republikanern zu den Demokraten geholt. Ich habe dort gewonnen, wo die Stahlarbeiter sind.» Ihr Vorbild ist der progressive Minnesota-Senator Paul Wellstone. Er war einer der wenigen Gegner der Kriege im Mittleren Osten, peitschte ein Gesetz zur Begrenzung privater Wahlkampffinanzen durch den Kongress und wurde im nüchternen Minnesota dennoch gewählt. So will auch Amy Klobuchar werden: «Ich bin jemand, der Menschen mitreisst.»

Mit anderen Worten: return to sanity – zurück zur Vernunft. Das hat Amy Klobuchar die Unterstützung der «New York Times» eingetragen, zusammen mit Elizabeth Warren. Die weiblichen, jüngeren Alternativen zu Sanders und Biden, aber das alte Dilemma. Obwohl nur im Mittelfeld, signalisiert Amy Klobuchar Hoffnung. «Die Umfragen steigen, zur rechten Zeit.»

Fazit Teil 2

Buttons im Vorwahlkampf in Iowa

Button-Verkauf am Rande des Sanders-Auftritts in Perry. Bild: Johann Aeschlimann

In den Umfragen ist Bernard Sanders landesweit im Aufschwung. Der Besuch der Veranstaltung in Perry bestätigt, was mittlerweile auch in den Nachrichten steht: Die Sanders-Bewegung entfaltet eine gewaltige politische Kraft, und sie erweist sich als beständig. Wenn die Partei diesen Weg einschlägt, ist Sanders der Kandidat. Er ist der Repräsentant dieser neuen Linken, keine Frage. Niemand unter den Mitbewerbern ist so authentisch, auf niemanden ist so viel Verlass wie auf den Greis aus Vermont. Er hat ein Leben lang gegen die Wirtschafts- und Finanzinteressen gekämpft, und es scheint undenkbar, dass er dem Druck der Börsenlobbyisten und der Grosskonzerne nachgibt, wie ein Obama es getan hat. Undenkbar? Die Liste der linken Enttäuschungen ist lang, gerade auch bei den europäischen Sozialdemokraten, die Sanders oft als Beispiel herbeizieht.

Amy Klobuchar? Nach dem Besuch in Jethro’s Barbeque ist unverständlich, warum sie in den Umfragen nicht vorankommt. Klobuchar hat alles, was eine klassische US-Demokratin ausmacht: Sie spricht vernünftig, ist sattelfest, hat machbare Pläne, einen soliden track record im Senat, zeigt Herz für die unteren 50 Prozent, findet sogar ein freundliches Wort für die Gewerkschaften, signalisiert Verständnis für Minderheiten. Und sie ist noch nicht im Pensionsalter. Und sie ist eine Frau. Und sie kommt aus dem Mittleren Westen. Wenn Klobuchar in Iowa eine Überraschung schafft – also besser abschneidet als ihre zehn Umfrageprozente –, bleibt sie auf der Rechnung.

Aber vielleicht nicht für lange. Nach der Massenwahl des Super Tuesday am 3. März folgt die grosse Triage: Wem der finanzielle Schnauf ausgeht, steigt aus. Und Milliardär Mike Bloomberg steigt ein. Mitte März wird die grosse Rechnung aufgemacht.

Teil 1 verpasst? Hier geht es zu den Auftritten von Elizabeth Warren, Pete Buttigieg und Joe Biden:

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    Alle Leser-Kommentare
  • En chliine Schuss Anarchie 03.02.2020 00:28
    Highlight Highlight Es gibt einen guten Grund, weshalb Amy Klobuchar nicht vom Fleck kommt. Ihre Positionen sind einfach nicht überzeugend. Aus meiner Sicht ist sie genau wie alle anderen demokratischen Präsidenten seit Jahren. Während der Wahl schöne Angebote an die Arbeiterklasse und den Mittelstand und wenn sie gewählt sind, vertreten sie nur die Interessen der Geldgeber. Wie soll man einer Klobuchar glauben, wenn sie sich grösstenteils über Grossspenden finanziert? Die Amerikaner haben einfach genug davon, immer wieder betrogen zu werden.
  • Fischefan 02.02.2020 13:43
    Highlight Highlight Top Artikel👍🏼
  • Tom Garret 02.02.2020 03:21
    Highlight Highlight Schade kein Besuch bei der #YangGang... Aber das ist ja auch in Amerika das Problem, die Medien meiden ihn. Obwohl er meiner Meinung nach der Stärkste Kandidat wäre. Verfolge ihn nun schon über ein Jahr und er ist unglaublich erfrischend unter all den alten Kandidaten...
    • npe 02.02.2020 10:15
      Highlight Highlight Meine Worte!

      Ich habe Watson bereits im ersten Artikel darauf hingewiesen. Ohne Yang interessieren mich diese Artikel schlichtweg nicht.

      #YangGang
    • Do not lie to mE 02.02.2020 16:43
      Highlight Highlight @npe: Kultureller Rassismus leider ist nicht andres zu erklären. Hätte Yang einen anderen Nachnamen würde es die Medien nicht wagen den Kandidat wegzulassen.

      Yang Gang we don’t need them to shock the world tomorrow.
    • Tonkatsu 02.02.2020 23:24
      Highlight Highlight @Do not lie to mE: Ähm, die Amis haben zweimal einen Afroamerikaner namens Barack 'Hussein' Obama zum Präsidenten gewählt. Das Problem ist eher, dass Yang nicht Teil des Establishments ist.
    Weitere Antworten anzeigen
  • Cpt. Jeppesen 01.02.2020 23:08
    Highlight Highlight Starker Bericht, eine schöne Momentaufnahme, Danke!
  • Varanasi 01.02.2020 22:59
    Highlight Highlight Vielen Dank für diesen interessanten Einblick!
  • Läggerli 01.02.2020 22:56
    Highlight Highlight Geschätztes Vermögen von Michael Moore: Etwa 50 Millionen. Jänu, grössere Nadelöhre, kleinere Kamele?

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