Leben
Populärkultur

«365 Days»: Warum der «50 Shades»-Abklatsch hochproblematisch ist

Bild
Bild: Netflix

Netflix-Erotik-Hype «365 Days»: Warum der «50 Shades»-Abklatsch hochproblematisch ist

11.06.2020, 20:1611.06.2020, 20:16
Alina Bähr / watson.de

In einen knappen Bademantel gehüllt liegt die junge Frau gefesselt auf dem Himmelbett. Der mysteriöse, bauchmuskelbepackte Schönling beugt sich über sie. Es folgt eine von Stöhnen untermalte Liebesszene, immer wieder blitzt blanke Haut auf.

Was anmutet wie die Fortsetzung der «50 Shades of Grey»-Trilogie, ist der neuste Netflix-Hype: der polnische Erotik-Streifen «365 Dni» – in der internationalen Version «365 Days». Die Story des Streaming-Erfolgs, der aktuell der am häufigsten abgerufene Inhalt auf der Plattform in der Schweiz ist, ist schnell erzählt: Ein (absurd gutaussehender) Mafia-Boss kidnappt eine polnische Touristin in ihrem Sizilien-Urlaub. Nicht etwa, um Lösegeld zu erpressen, nein. Die junge Karriere-Frau soll sich bitteschön in ihn verlieben und das am besten innerhalb von einem Jahr. Statt Rosen und Romantik zieht Mafiosi Massimo aber Fessel-Sex vor, um seine Laura für sich zu überzeugen. Was Man(n) eben so tut.

365 Tage
Bei der Schweizer Bevölkerung kommt der Film an. (Screenshot vom 11. Juni, 15:45 Uhr).Bild: Netflix

Klingt wie die Verfilmung eines weiteren Schmuddel-Romans mit Hausfrauen-Erotik? Korrekt. «365 Dni» basiert auf der gleichnamigen polnischen Trilogie von Blanka Lipinska aus dem Jahr 2018, die von Literaturkritikern zerrissen, bei den Lesern aber heissbegehrt war.

Verstörende Prämisse beim Netflix-Hit

Doch wer sich den Netflix-Hype angesehen hat, dürfte am Ende mit teils gemischten Gefühlen zurückgelassen werden. Denn der «50 Shades»-Abklatsch ist hochproblematisch. Nun ist an scharfen Sex-Szenen rein gar nichts auszusetzen. Und im Gegenteil zu den hölzernen Dialogen spürt man während der Bett-Sequenzen gar die Chemie zwischen den Hauptdarstellern. Doch die Art und Weise, wie der Protagonist seine Gespielin von sich überzeugen will, hat mit dem reinen Spiel von Dominanz und Unterwerfung, wie es in der Hollywood-Version zu sehen war, wenig zu tun.

Besonders diese Yacht-Szene aus «365 Days» wurde bei den Netflix-Fans diskutiert.
Besonders diese Yacht-Szene aus «365 Days» wurde bei den Netflix-Fans diskutiert.Bild: Netflix

Denn Massimo zwingt seine Laura, sich durch die Gefangenschaft an ihn zu binden. Auch wenn der später stattfindende Sex im Film als einvernehmlich dargestellt wird, nutzt der Protagonist die Hilflosigkeit und aussichtslose Lage seines Entführungsopfers aus. Eine verstörende Grundprämisse, die gerade für Frauen in Zeiten der MeToo-Debatte, für Opfer von physischer, psychischer und sexualisierter Gewalt ein Schlag ins Gesicht ist.

Viele Netflix-Fans bemängeln die Romantisierung des sogenannten Stockholm-Syndroms, bei dem ein Entführungsopfer Gefühle für seinen Kidnapper entwickelt.

«365 Days»-Zuschauer kritisieren Netflix-Film

«Die Sex-Szenen waren toll», schreibt so eine Zuschauerin auf Twitter. «Aber die Story an sich romantisiert Kidnapping und eine erzwungene Beziehung. Du siehst quasi einer Frau dabei zu, wie sie ein Stockholm-Syndrom entwickelt.»

Eine andere schreibt: «Ich hasse diesen Film. Er glorifiziert Kidnapping, Vergewaltigung und das Stockholm-Syndrom. Egal, wie gut er auch aussieht: Ich bin nicht der Meinung, dass so etwas abgefeiert werden sollte.»

Vielleicht macht (tragischerweise) gerade das Spiel mit dem Verbotenen den Streifen so reizvoll. In Polen spielte der Film seit seiner Veröffentlichung im Februar rund 9 Millionen Euro ein. Und die Fortsetzung könnte angesichts des Erfolgs bei Netflix schon in den Startlöchern stehen: Denn wie bei «50 Shades of Grey» gibt es ja auch bei «365 Dni» noch zwei weitere Romanvorlagen, die auf die Verfilmung warten.

Was läuft im Juni bei den Streaming-Diensten?

(watson.de/ab)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Nimm mich hart: 50 Nerds Of Grey
1 / 21
Nimm mich hart: 50 Nerds Of Grey
Ein Nerd schreibt «50 Shades Of Grey» neu und begeistert über 200'000 Twitter-Follower. Wäre der Held aus der erotischen Roman-Trilogie von E.L. James ein Nerd, dann wären wohl die folgenden Dialoge wie auf 50 «Nerds Of Grey» gefallen.
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Laufender Baum wird festgenommen
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
Diese Mission soll ein kosmisches Rätsel lösen
Phobos und Deimos sind wenig erforscht. Eine Sonde soll jetzt die Geheimnisse der beiden Marsmonde lüften und etwas schaffen, das noch keiner Raumfahrtmission gelungen ist.
Wie sind die Marsmonde Phobos und Deimos entstanden? Und was verraten sie über die Geschichte des Roten Planeten? Eine japanische Raumsonde soll Antworten auf diese Fragen liefern. Am 19. Oktober 2026 soll die Mission Martian Moons Exploration (MMX) mit deutscher Technik an Bord starten.
Zur Story