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«XXL-Reisegruppe»: Am Montag sind 4000 chinesische Gäste nach Luzern gereist.
«XXL-Reisegruppe»: Am Montag sind 4000 chinesische Gäste nach Luzern gereist.Bild: KEYSTONE

«Overtourism? Bei uns doch nicht!» Schweizer Tourismus-Verband bezieht Stellung

Seit vergangener Woche reisen 12 000 Chinesinnen und Chinesen durch die Schweiz. Jetzt mischt sich der Schweizer Tourismus-Verband in die Debatte ein.
16.05.2019, 05:41
Sven Altermatt / ch media

Manche sprechen abschätzig von einer «Chinesen-Welle», andere von einer «XXL-Reisegruppe». Noch nie empfing die Schweiz so viele ausländische Touristen auf einmal: Seit vergangener Woche reisen 12'000 Chinesinnen und Chinesen durchs Land.

Sie sind Angestellte eines Kosmetikkonzerns und werden, allein schon aus logistischen Gründen, gestaffelt herumgeführt. Die grösste Gruppe mit 4000 Personen traf am Montag mit 100 Cars in Luzern ein. Am Seebecken und in der Altstadt wimmelte es nur so von chinesischen Touristen.

Eine solch grosse Reisegruppe bleibe die absolute Ausnahme, betonen die Luzerner Touristiker. Trotzdem heizen die chinesischen Gäste eine Debatte an, die besonders in Luzern hitzig geführt wird. Sie dreht sich um die Fragen: Gibt es zu viele Gäste in der Stadt? Und wie viel Tourismus verträgt das Land? Overtourism heisst das Schlagwort dazu. Es steht für verstopfte Gassen, lange Warteschlangen und überfüllte Strände. Mancherorts werden Touristen für Einheimische zu einem Störfaktor, der ihren Alltag zunehmend belastet.

Herausforderung: Einheimische besser einbinden
Wie können die Interessen von Einheimischen und Touristen in Einklang gebracht werden? Eine Herausforderung für die Reisebranche. Der Tourismus müsse sich aktiv um das Wohl der lokalen Bevölkerung kümmern, betont der Schweizer Tourismus-Verband in seinem Overtourism-Papier. Wichtig seien «partizipative Prozesse». In Luzern etwa setzt sich eine eigens eingesetzte Arbeitsgruppe der städtischen Behörden und der Tourismusorganisationen mit der Frage auseinander, wie das Verständnis zwischen Bevölkerung und Gästen gefördert werden kann. Interlaken hat derweil eine Kampagne zur «Stärkung des Tourismusbewusstseins» lanciert. (sva)

Der Zufall will es, dass sich diese Woche auch der Schweizer Tourismus-Verband erstmals offiziell in die Debatte einmischt. Die Organisation legt ein mit Spannung erwartetes Positionspapier vor, unter dem Titel «Overtourism und seine Begleiterscheinungen». Gleich im ersten Abschnitt macht der Verband in fett gedruckten Buchstaben klar: «Man kann in der Schweiz nicht von Overtourism sprechen.»

In einigen Destinationen jedoch habe sich «die wachsende Masse von Touristen so stark konzentriert, dass die einheimische Bevölkerung Probleme bekundet». Neben Luzern werden im Verbandspapier auch Interlaken und Bern sowie das Jungfraujoch und die Rigi genannt. Das Phänomen ist laut dem Verband nicht neu, überhaupt trete es «nur sehr punktuell auf». Mit dem Aufkommen des Begriffs «Overtourism» werde vermehrt emotional argumentiert und auch das mediale Interesse sei gestiegen.

Riesenreisegruppe in Luzern

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Luzern erlebt chinesische Invasion
quelle: keystone / urs flueeler
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Punktueller Dichtestress

Nur heisse Luft also? So einfach wollen es sich die obersten Touristiker der Schweiz dann doch nicht machen. Nach der einleitenden Klarstellung folgen im Positionspapier differenziertere Töne. Der Massentourismus könne negative Begleiterscheinungen aufweisen, heisst es. «Während viele Destinationen gerne mehr Gäste hätten, erhöht sich der Dichtestress an einigen wenigen Hotspots zu bestimmten Zeiten.»

Wo die Schwelle zu Overtourism beginnt, lässt sich kaum an einer objektiven Grenze festmachen. «Wird die Kapazität der Destination durch die touristische Nachfrage überschritten, ist von Overtourism die Rede», erklärte der Tourismusfachmann Fabian Weber von der Hochschule Luzern jüngst dieser Zeitung. Limitierend wirken könnten ebenso die Infrastruktur oder die Akzeptanz der Einheimischen.

Strikt gegen Einschränkungen

Der Tourismus-Verband ist sich bewusst, wie schnell ein Unbehagen in offene Feindseligkeit umschlagen kann. In Badeorten am Mittelmeer etwa sprayen Aktivisten immer mal wieder Parolen wie «Tourist go home» an die Mauern.

Damit die Reiserei hierzulande «angesichts des erwartenden Wachstums in den kommenden Jahren» nicht plötzlich als Bedrohung empfunden wird, schweben dem Verband vorbeugende Massnahmen vor. Ziel müsse es sein, gesund und nachhaltig zu wachsen. Negative Konsequenzen für Einheimische wolle man verhindern.

Debattiert wird, wie die Touristenströme so gelenkt werden können, dass sie nicht als unangenehm empfunden werden. Der Verband befürwortet grundsätzlich eine Steuerung. Wenn nötig, sollen Reisende räumlich und zeitlich besser verteilt werden. Weniger Umsätze will allerdings keiner hinnehmen, und weniger Menschen sind aufgrund dessen auch nicht unterwegs. Die Rede ist etwas sperrig von «Massnahmen, die das Aufkommen bei Bedarf umlenken und breit verteilen, ohne die unternehmerische Freiheit wesentlich zu beschneiden».

Der Verband will die Touristenströme mit gezieltem Marketing und neuen Angeboten lenken. So sollen etwa Vereinbarungen mit Car-Unternehmen geschlossen werden, um Gruppenreisen zu regulieren. Ebenso denken die Touristiker an «geschickte Raumplanungsmassnahmen», um Tagestouristen besser zu verteilen.

Zudem müssten Daten wie Gästebuchungen endlich einheitlich erhoben werden. «So kann abgeschätzt werden, wie hoch die Auslastung zu welchem Zeitpunkt ist», schreibt der Verband. Er plädiert für eine bessere Koordination zwischen den wichtigsten Akteuren der Branche – strikte Regulierungen aber dürften wirklich bloss als letzte Massnahme eingeführt werden.

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Mai 2019 – 4000 chinesische Touristen klappern Luzern ab

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