KI-Revolution als Fluch oder Segen? Umfrage zeigt Schweizer Haltung
Der Clip ist bereits einige Jahre alt, doch das Gefühl, das er vermittelt, ist für viele Leute noch immer alltäglich. In einem kurzen Film aus den 90er-Jahren, der noch vor Social Media online grosses Echo fand, flippt ein genervter Büroangestellter wegen seines Computers aus und zerlegt diesen vor lauter Frust in Einzelteile. Auch wenn sich die Mehrheit der Computernutzerinnen und -nutzer wohl besser im Griff hat, sorgen technische Schwierigkeiten bei vielen Menschen für hohen Blutdruck.
Der Schweizer Computerzubehörhersteller Logitech wollte es genau wissen, nicht zuletzt angesichts der aktuellen Debatte um die sich rasant entwickelnde Künstliche Intelligenz (KI). In einer repräsentativen Studie, durchgeführt vom Marktforscher Burson, wurden 9400 Personen in neun Ländern nach ihrer Einstellung gegenüber Technologie gefragt. Die Schweiz war ebenfalls Teil der Studie, so wie die USA, Grossbritannien, Deutschland, Frankreich, Australien, Indien, China und Brasilien.
«Angesichts des rasanten technologischen Wandels ist es verständlich, dass viele Menschen das Gefühl haben, von diesen Veränderungen überrollt zu werden, anstatt dass sie sie selbst mitgestalten», sagt Logitech-Chefin Hanneke Faber.
Die Studie zeige, dass Technologie das Potenzial von Menschen entweder einschränken oder freisetzen könne, sagt die Niederländerin, die seit knapp drei Jahren der Firma mit Sitz in Lausanne und im Silicon Valley vorsteht. Im Zeitalter der KI sei Kontrolle der entscheidende Faktor: «Wenn wir Menschen die Technologie von heute kontrollieren, bestimmen wir auch über das Morgen.»
Gefühl der Hilflosigkeit
Doch genau da herrscht laut der Studie eine grosse Diskrepanz. Nur 30 Prozent der Befragten glauben, die Kontrolle zu haben. 70 Prozent fühlen sich dem Computer und seinem Zubehör mehr oder weniger ausgeliefert. Dies erhöhe das Risiko, dass man sich hilflos, ausgelaugt oder abgehängt fühlt. Hochgerechnet betreffe dies 4,2 Milliarden Menschen auf der Welt, heisst es in der Studie.
Eine Ausnahme sind die Gamer: 81 Prozent sagen, dass die Zeit, die sie mit Videospielen verbringen, ihr Selbstvertrauen in der realen Welt stärkt und nervöse Anspannungen lindert.
Was hilft also, um ein höheres Kontrollgefühl zu haben? Laut der Umfrage fühlen sich 2 von 3 Personen sicherer, wenn sie ein physisches Gerät bedienen können. 42 Prozent sagen gar, dass sie heute noch stärker auf physische Geräte setzen als noch vor fünf Jahren. Haptik statt Digitalisierung also.
Die Resultate zeigen derweil auf, dass die Tech-Einstellungen je nach Region unterschiedlich sind. Im Schnitt sagen 61 Prozent, dass Technologie ihnen hilft, ihr eigenes Potenzial auszuschöpfen, sei es bei der Kommunikation oder der Kreativität. In China (80 Prozent) und Brasilien (78 Prozent) sind die Leute diesbezüglich überdurchschnittlich positiv eingestellt.
Negativer sieht es in Europa aus: Nur 56 Prozent der Deutschen und sogar nur 45 Prozent der Franzosen sehen in der Technologie ein Werkzeug zur Selbstoptimierung. In der Schweiz sind es 63 Prozent.
Französischer Pessimismus
Laut Logitech präsentiert sich dabei ein generelles Muster: Je reifer ein Markt, desto pessimistischer ist die Stimmung. So sind 84 Prozent der Befragten in Indien und Brasilien der Ansicht, dass Technologie eher neue Chancen als zusätzlichen Druck schafft. «Mais non», lautet hingegen die Devise in der Grande Nation: Frankreich weist mit 60 Prozent den geringsten Tech-Optimismus auf. In Grossbritannien, Australien und den USA sind es höchstens 72 Prozent. Die Ausnahme ist die Schweiz mit einer hohen Zuversichtsquote von 82 Prozent.
Doch wenn es nicht um neue Computer und Zubehörgeräte, sondern konkret um Künstliche Intelligenz geht, sieht es plötzlich anders aus. Der Optimismus scheint weltweit verflogen.
Gerade mal 22 Prozent der weltweit befragten Menschen geben an, dass sie sich über die Expansion der Künstlichen Intelligenz freuen, da sie ihnen helfen könnte. In der Schweiz ist es nur 1 Prozentpunkt mehr. Heisst im Umkehrschluss: Von KI-Euphorie kann bei drei von vier Personen hierzulande keine Rede sein. Sie stehen der KI zurückhaltend gegenüber.
KI als Job-Killer
Der grösste KI-Optimismus herrscht in Indien (41 Prozent), China (32 Prozent) und Brasilien (35 Prozent). Dies, obwohl dort viele Menschen mit tiefem Einkommen in den kommenden Jahren durch KI-gesteuerte Roboter ihre Stelle verlieren könnten. So müssen Angestellte in Indien beispielsweise ihre manuellen Arbeiten filmen, um die KI damit zu trainieren («Schweiz heute» berichtete).
Am pessimistischsten ist man derweil in Frankreich, Deutschland, Australien, Grossbritannien und in den USA mit Werten zwischen 12 und 16 Prozent. Die jüngst geäusserte Warnung führender KI-Unternehmer, wonach sie ihre eigene Technologie nicht unter Kontrolle haben und das Ende der Entwicklung nicht abschätzen können, dürfte die Gemüter nicht beruhigen.

