«Wer neben Aeschi aufs Ticket kommt, ist schon fast gewählt»
Herr Hermann, lange gab es wenig Interessenten für den freiwerdenden Bundesratssitz von Guy Parmelin. Doch kurz vor der Deadline haben sich noch etliche potenzielle SVP-Kandidaten gemeldet. Wie erklären Sie sich das?
Die Absage der Spitzenleute der Partei scheint eine späte Welle ausgelöst zu haben. Ausser Aeschi stammen viele der Last-Minute-Kandidaturen aus der zweiten Reihe der SVP. Diese sahen offenbar durch die vielen Absagen von den Parteigrössen ihre Chancen steigen.
Was überrascht Sie an den möglichen Kandidaten am meisten?
Bemerkenswert ist, dass sich mit Pierre Alain Schnegg, Jean-Pierre Gallati und Franz Ruppen drei kantonale Exekutivmitglieder zur Verfügung stellen. Bis vor kurzem galt, dass Regierungsräte ohne Verankerung in Bundesbern chancenlos sind bei Bundesratswahlen. Die Wahl von Martin Pfister hat bei kantonalen Exekutiv-Mitglieder Hoffnungen geweckt hat.
Die SVP Oberwallis hat am Freitagmorgen gleich zwei Kandidaten nominiert. Wie aussergewöhnlich ist eine Doppelnomination einer Kantonalpartei?
Das kommt gelegentlich vor. So hatte etwa die SVP Bern damals Albert Rösti und Werner Salzmann portiert. Wenn zwei wollen, ist es für Kantonalparteien am einfachsten, beide zu nominieren. So muss der Vorstand keinen der beiden absägen und vermeidet Konflikte. Man überlässt es damit der nationalen Partei, auszuwählen.
Céline Amaudruz hat sich als erste ins Rennen gebracht und offensiv mit dem Anspruch der Romandie auf einen Bundesratssitz geworben. Senken die vielen Kandidaturen ihre Chancen auf einen Ticketplatz?
Céline Amaudruz ist eine unabhängige und eigenständige Persönlichkeit, die nicht immer ganz ins SVP-Schema passt. Es ist kein Geheimnis, dass sie darum viele Gegner in der eigenen Fraktion hat. Nun hat die Fraktion viele Alternativen. Mit Pierre Alain Schnegg und Marco Chiesa stehen zwei andere mögliche Kandidaten aus der lateinischen Schweiz zur Verfügung. Damit sind die Chancen von Amaudruz nochmals gesunken, aufs Ticket zu kommen. Zusätzlich erschwerend ist für sie der geringe Anteil der Romands in der SVP-Fraktion im Parlament, die bei der Nomination entscheiden.
Thomas Aeschi, Marco Chiesa und Pierre-Alain Schnegg sind Vertreter von Kantonen, die im Bundesrat schon repräsentiert sind. Wie stark wiegt dieses Handicap?
Die Herkunft hat als Kriterium enorm an Gewicht verloren. Bei der vergangenen Bundesratswahl etwa war die Herkunft von Markus Ritter sein geringstes Handicap, obwohl er wie Bundesrätin Karin Keller-Sutter aus dem Kanton St.Gallen kommt. Für kaum denkbar hielt ich bis vor kurzem, dass es zwei Bundesräte aus dem gleichen Kanton und der gleichen Partei gibt. Doch selbst das scheint mir nicht mehr unplausibel. Pierre Alain Schnegg teilt mit Bundesrat Albert Rösti zwar die Partei und den Kanton, lebt aber im französischsprachigen Kantonsteil und stammt damit aus einer anderen Sprachregion. Das macht ihn attraktiv für eine Wahl.
Ist Pierre Alain Schnegg Geheimfavorit für einen Platz auf dem Bundesratsticket?
Er wäre der logische Kandidat für jene, die Amaudruz verhindern, aber die Romandie nicht verprellen wollen. Während in der SVP die Gender-Frage kaum eine Rolle spielt und man sich nicht von einem Backlash der Frauen fürchtet, scheint mir die Sprachenfrage eher ein Faktor zu sein. Für die Wahlen im kommenden Jahr ist die SVP auf die Stimmen aus der Westschweiz angewiesen. Wenn Schnegg einmal auf dem Ticket ist, sind seine Wahlchancen gut.
Und welche Rolle spielt Thomas Aeschi? Er hat sich nach der Nomination durch die SVP Zug eine Kandidatur noch offen gelassen, obwohl seine Wahlchancen als schlecht eingeschätzt werden.
Thomas Aeschi ist bei der Wahl von Guy Parmelin klar gescheitert. Er polarisiert stark. Aeschi weiss, dass er in der Bundesversammlung nicht mehrheitsfähig ist. Daher geht es bei ihm sicher auch um taktische Überlegungen. Wahrscheinlich als Teil eines Plans, um Céline Amaudruz zu verhindern. Wenn Aeschi trotz der inzwischen langen Liste an möglichen Kandidaten im Rennen bleibt, könnte er zu einer faktischen Einerkandidatur der SVP beitragen. Denn, wer neben Aeschi auf das Ticket kommt, ist schon fast gewählt.
Die SVP will ein Ticket mit mindestens zwei Namen präsentieren. Welche Kombinationen halten Sie für wahrscheinlich?
Die Kandidatur von Schnegg macht es für Ruppen und Gallati schwierig, aufs Ticket zu kommen. Beide sind ähnlich erfahren aber halt keine Romands. Insbesondere Gallati hat sich dazu vermehrt mit seiner Partei angelegt. Kaum Chancen haben meines Erachtens Wyssmann und Graber. Sie sind eher Leichtgewichte in der Fraktion und haben nicht unbedingt das Persönlichkeitsprofil eines Bundesrats. Marco Chiesa ist schon lange im Parlament und hat intakte Chancen. Es wäre nicht völlig unplausibel, wenn er zusammen mit Schnegg auf dem Ticket steht. Ich weiss aber zugleich, dass sie sich in der Fraktion noch ganz andere Überlegungen machen, die ich von aussen nicht einschätzen kann.
