Sexismus wie 1993: Was Céline Amaudruz mit Christiane Brunner verbindet
Es ist eine ungeschriebene Regel bei Bundesratswahlen: Wer seinen Kopf zuerst rausstreckt, erhält besonders viel aufs Dach. Tatsächlich bläst der Genfer SVP-Nationalrätin Céline Amaudruz ein harter Wind entgegen. Am Donnerstag hat sie ihre Kandidatur für die Nachfolge von Bundesrat Guy Parmelin bekannt gegeben. Die Schlagzeilen sind wenig schmeichelhaft. «Genferin, Bankerin, Bundesrätin?», fragte die «NZZ am Sonntag». Die «SonntagsZeitung» rechnete vor, dass Amaudruz mit ihren Nebenämtern 380'000 Franken verdient. Und der «SonntagsBlick» erinnerte an ihre Promillefahrt.
Natürlich ist es richtig, die Kandidatinnen und Kandidaten für den Bundesrat genau unter die Lupe zu nehmen. Sie ist zwar seit 15 Jahren im Nationalrat, sitzt in zwei sehr gewichtigen Kommissionen (Wirtschaft- und Gesundheitskommission) und ist seit zehn Jahren Vizepräsidentin der SVP Schweiz. Dennoch fällt es schwer, Amaudruz mit einem gewichtigen politischen Geschäft in Verbindung zu bringen.
Diese Zeitung wiederum schrieb, dass Céline Amaudruz tatsächlich dafür ist, die Individualbesteuerung auf Kantonsebene einzuführen, auf Bundesebene Ehepaare aber weiterhin gemeinsam zu besteuern. Zwei Steuersysteme in einem Land – sie dürfte mit dieser unpraktikablen Meinung alleine dastehen. Wie entscheidungsfreudig ist Amaudruz, wenn sie sich bei einer solchen Frage nicht für ein System aussprechen kann?
Und trotzdem wird man den Verdacht nicht los, dass im Hintergrund grad kräftig gegen Amaudruz Stimmung gemacht wird. Vermutet wird, dass der Zürcher Flügel lieber selbst im Bundesrat vertreten wäre. Nur nicht eine Romande.
Was dabei vor allem auffällt, sind die Argumente. Langjährige Beobachterinnen und Beobachter fühlen sich gar an die Kampagne gegen die damalige SP-Kandidatin Christiane Brunner erinnert.
Das war 1993, das Ende ist bekannt: Brunner wurde nicht gewählt, dafür Francis Matthey, der unter dem Druck seiner Partei die Wahl ablehnte. Danach wurde Ruth Dreifuss Bundesrätin.
Auch Brunner hatte ihre Kandidatur früh bekannt gegeben. Es blieb reichlich Zeit, um sie zu diskreditieren. Zu reden gab vor allem Privates: ihr Kleiderstil (sie trage weder Stöckelschuhe noch Kostüme), ihre Lebensform – und schliesslich angebliche Nacktfotos, die nie auftauchten.
Bei Amaudruz mögen die Vorwürfe subtiler sein, doch auch bei ihr wird stark auf die Frau gespielt. Während Brunner zu wenig elegant war, ist es Amaudruz zu viel. «Weltwoche»-Herausgeber und Alt-Nationalrat Roger Köppel giftete gegen seine ehemalige Fraktionskollegin: Sie sei viel zu sehr auf ihre Aussenwirkung und ihre «physische Erscheinung» bedacht. Das ist Sexismus pur. Ist die Schweiz 33 Jahre nach der Schlammschlacht um Christiane Brunner keinen Deut weiter?
Bei einem Mann würde wohl als Führungsstärke gelten, dass er bei der SVP Genf aufgeräumt und die Partei zu Wahlerfolgen geführt hat. Amaudruz hingegen wird ein diktatorischer Führungsstil vorgeworfen. Das passt allerdings so gar nicht zu Köppels Erzählung, wonach Amaudruz formbar und ein «Leichtgewicht» sei. Würde sie auf das Ticket kommen, wäre das, so Köppel, ein monumentaler «Casting-Fehler».
Nicht jede Kritik an Amaudruz ist sexistisch. Sie ist vor zehn Jahren mit fast zwei Promille Auto gefahren. Ein gravierender Fehler, den sie bereut. Selbstverständlich gehört eine solche Verfehlung bei einer Bundesratskandidatur auf den Tisch – unabhängig vom Geschlecht.
Und dann ist Amaudruz auch noch reich. Sie stammt aus einer wohlhabenden Familie und verdient mit ihren Nebenämtern sehr viel Geld. Auch das darf man thematisieren. Transparenz über Interessenbindungen und Einkommen gehört zur Prüfung einer Bundesratskandidatin.
Nur: Wohlhabende Politiker sind in der SVP keine Seltenheit. Man denke an Thomas Matter oder Christoph Blocher. Bei ihnen gilt wirtschaftlicher Erfolg aber als Leistungsausweis denn als Makel. Bei Amaudruz wirkt der Reichtum indes suspekt.
Céline Amaudruz muss sich harte Fragen gefallen lassen. Zu ihrem politischen Leistungsausweis. Zu ihren Interessenbindungen. Zu ihrer Promillefahrt. Und auch zu politischen Positionen, die schwer nachvollziehbar sind.
Aber nicht dazu, ob sie zu viel Wert auf ihr Äusseres legt. Und bei einer Mutter zweier kleiner Kinder sollten nicht plötzlich Fragen auftauchen, die man einem Vater nicht stellen würde.
33 Jahre nach der Schlammschlacht um Christiane Brunner sollte die Schweiz weiter sein. Eine Frau sollte nicht mehr zu viel oder zu wenig von irgendetwas sein müssen, um als bundesratsfähig zu gelten. (schweizheute.ch)

