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Christian Wohlwend und der HC Davos: Das könnte funktionieren.
Christian Wohlwend und der HC Davos: Das könnte funktionieren.
Bild: KEYSTONE
Eismeister Zaugg

Wohlwend und der HCD – Risiken und Nebenwirkungen sprechen für den neuen Trainer

Junioren-Trainer an die Macht! Eigentlich spricht alles gegen die neuen Trainer Christian Wohlwend (Davos) und Patrick Emond (Servette). Gerade deshalb kann es funktionieren – zumindest in Davos.
18.04.2019, 12:5718.04.2019, 13:49

Wunschtrainer? Nein, das sind weder Christian Wohlwend (42) noch Patrick Emond (54). Wenn wir ganz ehrlich sind, dann haben wir es hier mit eher Vernunfts-Ehen zu tun.

Die Alpabfahrt von den Gipfeln des Ruhmes ist in vollem Gange. Ein grosser Name an der Bande passt nicht zu dieser neuen Strategie der sportlichen Demut und finanziellen Vernunft. Nichts ist in dieser Situation so glaubwürdig wie ein einheimischer Trainer. Christian Wohlwend ist Bündner wie Arno Del Curto, er hat Temperament wie Arno Del Curto.

Mit Waltteri Immonen hat er einen erfahrenen Assistenten, der ihm den taktischen Haushalt macht. Der kauzige Finne kann allerdings keine Wunder vollbringen. Letzte Saison konnte er André Rötheli in Kloten den Job nicht retten. Aber sein neuer Cheftrainer in Davos ist ja schon eine Nummer grösser. Um es ein wenig polemisch zu sagen: Kloten hat eigentlich die ganze letzte Saison ohne Cheftrainer überstanden.

Wohlwend im MySports-Interview:

«Davos ist ein Ort, der mich seit Kindestagen magisch anzieht.»

Vielleicht entwickelt sich die Liebe ja

In Davos sind die knapp gewordenen finanziellen Mittel richtigerweise in die Mannschaft investiert worden. Damit sie zusammenbleibt. Ein Neuaufbau und die Ausbildung von jungen Spielern funktionieren nur, wenn erfahrene Leitwölfe das Rückgrat des Teams bilden. Die National League ist nach wie vor keine Ausbildungsliga. Enzo Corvi, die Gebrüder Wieser und Andres Ambühl konnten nicht einfach mit freundlichen Worten zum Bleiben überredet werden.

Dino Wieser und Andres Ambühl sollen die Jungen führen.
Dino Wieser und Andres Ambühl sollen die Jungen führen.
Bild: KEYSTONE

Arno Del Curto verdankte damals im Sommer 1996 seinen Job auch wirtschaftlichen Zwängen. Der HCD hatte ganz einfach zu wenig Geld, um eine Weiterverpflichtung von Mats Waltin zu finanzieren. Der Schwede hatte ein Angebot von Lugano. Und nun spielt Christian Wohlwend in die Karten, dass er als Schweizer, der seine Steuern selbst bezahlt, weniger als halb so viel kostet wie ein Ausländer. Wobei: Es hat auch schon teure Schweizer in Davos gegeben. Christian Wohlwend verdient ziemlich genau ein Drittel von Arno Del Curtos letztem Salär. Damit ich nicht etwa falsch verstanden werde: Arno war jeden Rappen seines Gehalts wert.

Wir haben es in Davos also mit einer Zweckverbindung und nicht mit einer Liebesheirat zu tun. Natürlich ist die Anstellung eines Trainers ohne jede Erfahrung mit einer Profi-Mannschaft auf diesem Niveau ein grosses Risiko. Aber die Trainerwahl ist immer ein Risiko. Und Vorschusslorbeeren und stürmisches Feiern sind noch lange keine Erfolgsgarantie. Trainer-Liebesehen sind in den letzten Jahren gleich mehrmals krachend gescheitert: Hans Wallsson und Serge Aubin haben Zürich so wenig glücklich gemacht wie Arno Del Curto. Marc French, bei Gottéron mit Lob und Preis überhäuft, hat soeben nicht einmal die Playoffs erreicht.

Wohlwend hat als Coach schon viel gesehen.
Wohlwend hat als Coach schon viel gesehen.
Bild: KEYSTONE

Davos hat zum ersten Mal seit dem Wiederaufstieg die Ausmarchung um den Titel verpasst und musste auch noch erstmals in diesem Jahrhundert die Schmach der Playouts über sich ergehen lassen. Wenn es je einen günstigen Zeitpunkt für ein Trainer-Experiment gegeben hat – dann jetzt. Christian Wohlwend hat nichts zu verlieren, aber alles zu gewinnen.

Entscheidend ist der Rückhalt durch den Sportchef und den Präsidenten. Es darf kein Löschblatt zwischen Gaudenz Domenig, Raeto Raffainer und Christian Wohlwend passen. Wenn die drei so zusammenhalten wie Filippo Lombardi, Paolo Duca und Luca Cereda in Ambri, dann kann der neue HCD-Trainer auch beim Spengler Cup noch im Amt sein. Risiken und Nebenwirkungen sprechen für Christian Wohlwend.

Fehlende Mission in Genf

Juniorentrainer sind en vogue. Soeben hat ja auch Servette einen Nachwuchstrainer zum Chef befördert. Den Kanadier Patrick Emond (54). Wie in Davos folgt auch in Genf ein «Nobody» auf eine ruhmreiche Ära mit einem charismatischen Erfolgstrainer.

Aber Risiken und Nebenwirkungen sprechen eher gegen Servettes neuen Cheftrainer Patrick Emond. Wie Christian Wohlwend hat auch er keine Erfahrung mit Profiteams auf diesem Niveau. Aber das ist nicht das Problem.

In Davos bilden Präsident, Sportchef und Trainer eine Schicksalsgemeinschaft. Alle drei haben die gleiche Herkunft und sind nun auf einer Mission. Make Davos great again!

In Genf ist das Trainerexperiment letztlich das Produkt eines Machtkampfes. Also der Politik und nicht der sportlichen Notwendigkeit. Präsident Laurent Strawson, Sportchef Chris McSorley und der neue Trainer Patrick Emond sind in einer brüchigen Allianz miteinander verbunden. Sie haben sich nicht zu einer Mission zusammengetan. Es ist eine reine Zweckgemeinschaft. Misstrauen dürfte die stärkste emotionale Bindung sein.

«Jesus» Chris McSorley wird in Genf als Volksheld verehrt.
«Jesus» Chris McSorley wird in Genf als Volksheld verehrt.
Bild: KEYSTONE

Präsident Laurent Strawson ist kein Freund von Chris McSorley. Aber er kann den charismatischen Kanadier nicht einfach feuern. Erstens würde die Auflösung des noch bis 2024 laufenden Vertrages mehr als drei Millionen kosten und zweitens kann es sich Servette nicht leisten, den populären «Jesus Chris» vor die Türe zu setzen – schon gar nicht nach der dramatischen Viertelfinalserie gegen den SCB. Also wird der Trainer zum Sportdirektor wegbefördert.

Der abgesetzte Trainer würde wahrscheinlich lieber heute als morgen gehen. Kein Schelm, wer vermutet, dass sein Ego zutiefst verletzt ist. Aber seinen Rentenvertrag mag er nicht aufs Spiel setzen und es gefällt ihm ja sonst gut in Genf. Also frisst er Kreide und fabuliert mit Engelszungen, dass der Job als Sportchef schon immer sein Traum war.

Das Tuch ist zerschnitten

Mit der Beförderung des Juniorentrainers zum neuen Chef kann Servettes Präsident zudem vorerst politisch punkten. Chris McSorley hat in Genf, fast unbeachtet von den Deutschschweizern, auch die beste Nachwuchsorganisation in der Romandie aufgebaut. Es macht Sinn, auf Neuaufbau und Ausbildung zu setzen.

Und hat Chris McSorley nicht bereits vorletzte Saison als Sportchef «funktioniert»? Immerhin hat Craig Woodcroft die Playoffs mit der Mannschaft erreicht.

Servette-Boss Laurent Strawson ist kein Freund von Chris McSorley.
Servette-Boss Laurent Strawson ist kein Freund von Chris McSorley.
Bild: KEYSTONE

Das ist richtig. Nur war die Situation eine andere. Chris McSorley wusste damals, dass ein Besitzerwechsel bevorsteht, und er konnte darauf zählen, dass ihn die neuen Eigentümer aus dem Sportchef-Büro befreien und wieder an die Bande stellen werden.

Aber inzwischen ist das Tuch mit den neuen Besitzern zerschnitten. Die wirtschaftlichen Verhältnisse sind wieder stabil, mit einem erneuten Eigentümerwechsel ist nicht mehr zu rechnen und Chris McSorley hat in Genf keine Chance auf ein Comeback als Trainer.

Risiken und Nebenwirkungen sprechen gegen Patrick Emond. Es ist wohl nicht die Frage, ob, sondern nur wann es zum Eklat kommen wird.

Neue Trainer-Generation für neue Spieler-Generation

Der Trend zu Trainern ohne grosse Namen, aber mit viel Erfahrung mit jungen Spielern ist nicht zu übersehen. Wir stehen tatsächlich vor einer Zeitenwende. Eine neue Spielergeneration wächst heran. Die Zeiten ändern sich und wir uns in ihnen – das wussten schon die alten Römer. Die heranwachsenden Stars sind mindestens so leidenschaftlich bei der Sache und so leistungsorientiert und ehrgeizig wie ihre Vorgänger. Aber sie sind in einem anderen sozialen Umfeld gross geworden. Polemisch in einem Satz gesagt: Reto von Arx und Co. hörten noch eine halbe Stunde aufmerksam zu, wenn der Chef etwas erklärte. Die «Generation Smartphone» hat noch eine Aufmerksamkeits-Spanne von fünf Minuten. Wir brauchen also Trainer, die mit diesen neuen Zeiten vertraut sind.

Lars Leuenberger ist Meistertrainer, kriegte aber trotzdem keinen Job mehr an der Bande.
Lars Leuenberger ist Meistertrainer, kriegte aber trotzdem keinen Job mehr an der Bande.
Bild: KEYSTONE

In Zug, Ambri, Genf, Davos, Biel und in Lugano stehen nun Trainer der neuen Generation an der Bande. Auch Nationaltrainer Patrick Fischer gehört dazu. Meister ist erst einer dieser neuen Generation geworden: Lars Leuenberger (heute strategischer SCB-Sportchef) im Frühjahr 2016 mit dem SC Bern. Aber weitere werden folgen.

Da bleibt eine bange Frage: Gibt jemand Arno Del Curto eine neue Chance? Oder wird ausgerechnet der Trainer, der vor mehr als 20 Jahren eine Zeitenwende eingeleitet hat und der Avantgardist seines Berufsstandes war, ein «Opfer» der Modernisierung?

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Die Karriere von Arno Del Curto

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quelle: keystone / arno balzarini
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