Oh heilige Einfalt – wie Hockeyfans Werbung für Red Bull machen…
Die Verlängerung heisst diese Saison «Red Bull-Overtime». Fünf Minuten zusätzliches Eishockey. Fünf Minuten Nervenkitzel. Und neuerdings fünf Minuten mit einem kommerziellen Etikett, das bei gewissen Hockeyfans offenbar zuverlässig den Blutdruck in die Höhe treibt.
Ausgerechnet jene, die sich gegen die Kommerzialisierung ihres Lieblingssports stemmen, machen nun Werbung für den Energydrink-Hersteller. Man muss es gesehen haben, um es zu glauben. Und man muss es verstanden haben, um darüber herzhaft lachen zu können.
Vor dem Langnauer Hockeytempel haben sich zwei freundliche junge Männer auf dem Anmarschweg der Fans postiert. Sie verteilen Flugblätter an die herbeiströmenden Matchbesucherinnen und Besucher. Kein Programmheft, keine Mannschaftsaufstellung, keine Informationen zum Berner Derby Langnau gegen Bern. Nein, es ist ein Manifest. Ein Manifest gegen die Kommerzialisierung des Eishockeys. Ein Manifest gegen die Bezeichnung «Red Bull-Overtime» für jene fünfminütige Verlängerung, in der nach einem Unentschieden in der Qualifikation der Sieger ermittelt werden soll.
Man stelle sich vor: Da gehen Menschen freiwillig an einen Ort, an dem Eintrittskarten verkauft, Banden vermietet, Trikots mit Firmenlogos bedruckt und Werbebotschaften über Lautsprecher verbreitet werden. Sie konsumieren ein professionell organisiertes Sportereignis, das ohne Sponsoren, Fernsehverträge und kommerzielle Einnahmen in dieser Form nicht existieren könnte. Und dann bekommen sie ein Flugblatt gegen die Kommerzialisierung in die Hand gedrückt. Willkommen im modernen Hockey. Die Ironie fährt Schlittschuh und niemand pfeift sie aus dem Offside zurück.
Red Bull hat keinen Klub der National League übernommen. Red Bull ist auch nicht Liga-Hauptsponsor. Das Unternehmen hat sich bloss die Namensrechte an einer Verlängerung gesichert. Fünf Minuten, in denen ohnehin alle auf die Eisfläche schauen und niemand ernsthaft darüber nachdenkt, wie diese fünf Minuten eigentlich heissen. Ein überschaubarer Eingriff in die Hockeyromantik, der offenbar ausreicht, um die Verteidiger der reinen Hockey-Romantik zu mobilisieren.
Wir könnten die Protestaktion deshalb durchaus als Operettenaufstand bezeichnen. Viel Empörung, ein paar Transparente, kräftige Parolen – und am Ende bleibt die Welt unseres Hockeys genau so kommerziell, wie sie vorher war.
Aber lassen wir die Romantik. Sie ist im Sport ohnehin eine eigentümliche Angelegenheit. Man möchte Weltklassehockey, professionelle Strukturen, gute Ausländer, moderne Stadien und möglichst attraktive Mannschaften. Bezahlen sollen das alles selbstverständlich andere. Und wenn ein Unternehmen Geld in den Sport steckt, dann bitte diskret, ohne Namensrechte, ohne sichtbares Logo und möglichst ohne den Verdacht, es könnte sich dabei um Werbung handeln. Der Sponsor darf zahlen. Nur soll er bitte nicht darüber reden. Eine bemerkenswerte Form wirtschaftlicher Nächstenliebe.
Doch der eigentliche Witz dieser Geschichte liegt ganz woanders. Hand aufs Herz: Wie viele gewöhnliche Matchbesucher wissen überhaupt, dass die Verlängerung in dieser Saison «Red Bull-Overtime» heisst? Zehn Prozent? Fünf? Vielleicht noch weniger. Wer sich nicht gerade intensiv mit den kommerziellen Vereinbarungen der Liga beschäftigt, dürfte die Bezeichnung kaum bewusst wahrgenommen haben. Die meisten wollen Eishockey sehen, Tore bejubeln und sich über Schiedsrichter ärgern. Sie kommen nicht ins Stadion, um sich die Namen sämtlicher Sponsoren einzuprägen.
Red Bull müsste also eine beträchtliche Werbesumme investieren, um den Namen «seiner» Verlängerung im Bewusstsein des Publikums zu verankern. Plakate, Spots, Kampagnen, Wiederholungen. Werbung kostet viel Geld. Und Aufmerksamkeit ist im heutigen Sportgeschäft eine begehrte Währung.
Doch wozu der Aufwand, wenn die Fans diese Arbeit gratis erledigen?
Im Berner Derby solidarisieren sich die Fangruppierungen der beiden Klubs, um gegen Red Bull zu protestieren, um Red Bull zu schmähen. Spruchbänder werden sowohl im Tiger- als auch im SCB-Fansektor entrollt, Sprechchöre gemeinsam angestimmt, und durch die Halle hallt es kurz, aber sehr gut hörbar «Scheiss Red Bull». Die Absicht ist klar: Wir wollen dem Unternehmen zeigen, dass es im Hockey nichts verloren hat. Wir wollen Widerstand leisten, ein Zeichen setzen, die eigene Unabhängigkeit demonstrieren.
Nur hat die Sache einen kleinen Schönheitsfehler. Wer mit Spruchbändern gegen eine Marke protestiert, macht sie zunächst einmal sichtbar. Wer ihren Namen skandiert, sorgt dafür, dass ihn auch jene hören, die ihn bisher nicht kannten. So wird einem Sponsor jene Aufmerksamkeit geliefert, für die er sonst viel Geld ausgeben müsste.
Der neutrale Matchbesucher sitzt da, schaut auf die Tribüne und fragt sich: Red Bull? Warum eigentlich Red Bull? Was hat denn dieser Energydrink mit der Verlängerung zu tun? Ach so! Die haben die Namensrechte gekauft. Interessant. Jetzt weiss ich es auch.
Mission erfüllt. Nur anders, als von den Initianten beabsichtigt. Ausgerechnet jene, die den Werbeauftritt verhindern möchten, verbreiten die Botschaft. Ausgerechnet jene, die sich über die Kommerzialisierung empören, helfen einem Konzern dabei, seine Marke in den Köpfen des Publikums zu verankern. Und ausgerechnet jene, die sich für besonders widerständig halten, übernehmen die Rolle unbezahlter Werbebotschafter.
Das ist nicht bloss ein wenig widersprüchlich. Das ist eine Werbeaktion von bemerkenswerter Effizienz. Die Initianten sollten Red Bull eigentlich eine Rechnung für die geleistete Öffentlichkeitsarbeit schicken.
Natürlich dürfen Fans protestieren. Sie dürfen Sponsoren ablehnen, sich gegen Entwicklungen im Sport wehren und ihre Meinung mit aller Deutlichkeit kundtun. Das gehört zur Fankultur.
Doch wer den Kommerz bekämpfen will, sollte sich wenigstens überlegen, ob seine Aktion dem Gegner nicht gerade den grössten Gefallen tut. Widerstand ohne Wirkung ist schon schwierig genug. Widerstand mit Werbewirkung ist eine ganz eigene Disziplin.
Vielleicht wäre es klüger gewesen, den Namen einfach zu ignorieren. Keine Spruchbänder, keine Sprechchöre, keine Flugblätter. Das wäre für einen Sponsor womöglich unangenehmer gewesen als jede lautstarke Beschimpfung. Aber dafür braucht es eine gewisse Gelassenheit. Nein, der Chronist sagt nicht, dafür wäre auch ein Minimum von Intelligenz von Vorteil. Das wäre unanständig.
Ach, du heilige Einfalt! Red Bull kauft sich fünf Minuten Eishockey. Die Fans schenken dem Unternehmen zusätzliche Aufmerksamkeit. Und am Ende weiss dank der Fans, die dagegen protestieren, jeder, worüber vorher kaum jemand gesprochen hat.
Vielleicht greifen die Initianten dieser wunderlichen Aktion bereits am nächsten Morgen zu einer Dose jener Marke, deren Namen sie am Vorabend so hingebungsvoll geschmäht haben. Man soll schliesslich auch im Widerstand bei Kräften bleiben.
Für alle, die den Kick suchen
Auch in dieser Saison können die Schweizer Eishockeyfans ausgewählte Spiele im Free-TV mitverfolgen.
Das ganze Programm von 3+ Adrenalin findest du hier.
