Wie ein hochkarätiger Russe den SCB in Versuchung bringt
Ein Stilwechsel braucht Zeit. Nach und nach befreit sich der SCB nach fast zehn Jahren Schablonenhockey aus seinen taktischen Fesseln. Aber von spektakulärem offensivem Rock'n'Roll sind die Berner nach wie vor weit entfernt. Offensiv sind sie nur die Nummer 10 der Liga. Mit 3,0 Toren pro Partie wird zu wenig Kurzweil geboten, um die grösste Arena des Landes zu füllen. Auch im Derby gegen Biel blieben mehr als 500 Sitze leer. Die SCL Tigers, die auch zwei ausländische Verteidiger einsetzen, kommen auf 3,7 Treffer pro Partie.
Kurzum: Das Problem beim SCB ist die nach wie vor ungenügend besetzte Mittelachse. Rodrigo Abols gewöhnt sich zwar nach und nach an unsere Tempoliga und hat seine Produktion aufgenommen, liegt aber mit fünf Punkten aus acht Spielen noch unter dem Soll. Benjamin Baumgartner – mit einer Schweizer Lizenz – hat schon wieder drei Partien wegen Blessuren verpasst. Miro Aaltonen, nominell der erste Center, ist das Sorgenkind Nummer 1. Der Finne vermag die hohen Erwartungen nicht zu erfüllen (erst ein Tor). Keine Frage: Eine Doppelniederlage gegen die SCL Tigers am Samstag und dann am Dienstag würde in der ausländischen Stürmerfrage Hektik auslösen.
Die Lösung: Ein charismatischer erster ausländischer Mittelstürmer. Die Klagen der Sportchefs, so einer sei zurzeit auf den internationalen Transferwühltischen nicht zu finden, entsprechen nicht ganz der Wahrheit. Es gibt ihn sehr wohl. Aber das Dossier ist hochheikel und wird nur mit spitzen Fingern angerührt. Servettes Marc Gautschi signalisiert nur halbherzig Interesse. Nun beschäftigen sich in Bern Obersportchef Pascal Signer und Untersportchef Martin Plüss mit dem Fall.
Es geht um Ivan Morozov (26). Die Statistiken und die Referenzen sind bemerkenswert. Hier ein paar Auszüge aus den umfangreichen Scouting-Reports:
Er verfügt über eine hervorragende Lauftechnik und einen flüssigen Stil, mit dem er schnell Kraft entwickeln kann. Dadurch besitzt er auf den ersten zwei Schritten eine überdurchschnittliche Beschleunigung auf engem Raum sowie eine gute Endgeschwindigkeit auf gerader Strecke.
In der Offensive verfügt Morozow über mehrere herausragende Fähigkeiten, die ihn überall auf dem Eis gefährlich machen. Morozow hat keine offensichtlichen Schwächen.»
Aus der grossen NHL-Karriere ist trotzdem nichts geworden. Auf den kleinen nordamerikanischen Eisfeldern hat er sich nicht zurechtgefunden und ist nach einem mässigen Jahr im Farmteam von Las Vegas nach Moskau zurückgekehrt. Vorletzte Saison hat er die KHL mit 50 Punkten aus 64 Qualifikationspartien und 12 Punkten aus 12 Playoffpartien gerockt. Im NHL-Draft von 2018 ist er als Nummer 61 gezogen worden – und Philipp Kurashev als Nummer 120. Auch er einer, der einen Job sucht.
Keine Frage: Der perfekte Center für unsere Lauf- und Tempoliga. Wo ist also das Problem? Neben dem Eis. Ivan Morozov ist Ende August 2025 in einer Dopingprobe hängen geblieben: Kokain. Spartak Moskau suspendierte ihn zunächst, die russische Anti-Doping-Agentur verhängte schliesslich eine Sperre von einem Monat. Seither ist er bei Spartak nicht mehr glücklich geworden. Diese Saison wird er nicht mehr eingesetzt und nun sucht sein Agent für ihn einen Job im Westen. Wie der Agent weiter erklärt, sei Spartak nicht bereit, seinen Stürmer innerhalb der KHL zu transferieren. Da bleibt also fast nur noch die National League: In Nordamerika ist Ivan Morozov bereits gescheitert und aus politischen Gründen ist ein Engagement in Schweden oder Finnland ausgeschlossen.
Nun ist Kokain beim SCB kein Problem: Die Berner haben mit Miro Aaltonen bereits einen finnischen Stürmer unter Vertrag, der ebenfalls wegen Kokainspuren in der Dopingprobe eine Sperre von einem Monat hinter sich hat und bei seinem alten Klub (Kloten) ebenfalls nicht mehr erwünscht war. So gesehen gäbe es eigentlich keine Berührungsängste mit Ivan Morozov. Kokain ist beim SCB im wahrsten Sinne des Wortes bloss Schnee von gestern.
Aber kann es sich der SCB politisch leisten, einen Russen – und sei es auch nur für ein paar Probetrainings – zu engagieren? Das ist die alles entscheidende Frage. Geschäftsführer Jürg Fuhrer sagt dazu: «Grundsätzlich geht es bei uns um den Sport. Aber dieser Fall hat eine politische Dimension und wird im Falle eines Falles vom Verwaltungsrat beurteilt.»
Das letzte Wort haben also nicht der Ober- und Untersportchef. Jürg Fuhrer führt die Sportabteilung an der kurzen Leine. Das ist gut so. Der Sport ist beim SCB zu wichtig, um ihn einfach dem Ober- und Untersportchef überlassen zu können.
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